Haben alle Eltern ein Lieblingskind?

Mamablog

Unter ungleich behandelten Geschwistern kann es zu ausgeprägter Rivalität und Machtkämpfen kommen: Darsteller-Crew der Comedyserie «Malcolm mittendrin».

Kann man zwei Kinder gleich fest lieben? Wird sich die Liebe fürs Erstgeborene von einem Tag auf den anderen verringern, weil man einen Teil der Gefühle fürs Zweite abzapfen muss? Oder kommt vielmehr das neue Geschwisterchen von Anfang an zu kurz, weil das Herz bereits vom grösseren Kind besetzt ist? Seit ich zum zweiten Mal schwanger geworden bin, geistern mir diese Fragen regelmässig durch den Kopf. Anfangs dachte ich noch, ich sei alleine mit meinen Bedenken, bis ich einige Mehrfach-Mütter auf das Thema ansprach und von jeder von ihnen zu hören bekam, dass sie sich mit exakt denselben Sorgen herumgetrieben hätte während der zweiten Schwangerschaft. Natürlich stets gefolgt von einem: «Aber keine Angst, man liebt das zweite Kind ganz genau so fest, von der ersten Sekunde an.»

Alles gelogen, behauptet Autor Jeffrey Kruger. Er widmet sich in seinem neuen Buch «The Sibling Effect: What The Bonds Among Brothers And Sisters Reveal About Us» unter anderem der Frage, ob Eltern ein Lieblingskind haben, und hat darüber Anfang Oktober auch eine Titelgeschichte fürs «Time Magazine» geschrieben. Sein Fazit: Jeder Vater, jede Mutter liebt ein Kind mehr als die anderen. «Oder wie ich gerne zu sagen pflege: 99 Prozent aller Eltern haben ein Lieblingskind – und die restlichen 1 Prozent lügen, dass sich die Balken biegen», so Kruger.

Belegen will Kruger seine These mit Studien einerseits und der Biologie andererseits. Eltern könnten aufgrund ihrer Gene gar nicht anders, als ein Kind zu bevorzugen. Sehr oft sei das älteste das Lieblingskind. «Dies aus dem einfachen Grund, weil man in dieses Kind besonders viel Energie, Geld, Ressourcen und Kalorien investiert hat», sagt Kruger. Bei der Geburt des zweiten sei das erste technisch gesprochen bereits ein «ausgereifteres Produkt» und werde deshalb favorisiert.

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Sehr oft wird das älteste Kind bevorzugt: Joe Kennedy Jr. (links) war laut Jeffrey Kruger ganz klar Papas Liebling. John F. wurde erst nach dem Tod der grossen Bruders zur Nummer eins.

Das Jüngste allerdings hat laut Kruger durchaus auch das Potenzial, zu Mamas und Papas Liebling zu werden. Im Gegensatz zu Tieren, die stets den stärkeren, überlebensfähigeren Nachwuchs bevorzugen, können wir Menschen schliesslich auch Mitleid empfinden. «Gerade Mütter widmen dem kleinsten, schwächsten Kind oft am meisten Aufmerksamkeit, weil es diese am stärksten braucht», so Kruger.

Dass viele Eltern ein Kind – meist das älteste – bevorzugen, belegt auch die vom Autor zitierte Studie, welche Katherine Conger an der University of California, Davis, 2005 durchgeführt hat. (Wir sprechen hier allerdings nur von 70 Prozent der untersuchten Väter und 65 Prozent der untersuchten Mütter – mit seinen 100 Prozent hat Kruger also etwas sehr hoch gegriffen.) Conger besuchte für ihre Untersuchung fast 400 Familien dreimal während drei Jahren, stellte ihnen Fragen und nahm sie auf Video auf. Dabei wurde evident, dass die Mehrzahl der Eltern immer wieder für dasselbe Kind Partei ergreifen und das eine stärker und häufiger loben als das andere. Die Unterschiede mögen subtil sein, doch sie sind vorhanden – und laut Kruger und anderen Experten merken die Kinder ganz genau, ob sie sich in der Favoritenrolle befinden oder eben nicht.

Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen. So kann es laut Kruger unter ungleich behandelten Geschwistern zu ausgeprägter Rivalität und Machtkämpfen kommen. Das weniger beachtete Kind werde tendenziell asozialer und leide an einem schwächeren Selbstbewusstsein. Doch auch das Lieblingskind profitiert nicht nur: Wird es älter und verlässt den Schoss der Familie, kann ihm die plötzlich fehlende Aufmerksamkeit enorm zu schaffen machen.

Fassen wir zusammen: Laut Kruger kann man sich also nicht dagegen wehren, ein Kind mehr zu lieben als das andere. Und mit diesem Verhalten schadet man nicht nur der Entwicklung des benachteiligten, sondern auch der des bevorzugten Kindes. Ziemlich trübe Aussichten. Doch Kruger hat eine Lösung parat: Es gelte erst einmal, sich selber nichts mehr vorzumachen und sich einzugestehen, dass man das eine Kind lieber habe. Und dann solle man sich daran machen, die positiven Eigenschaften des anderen Kindes  zu entdecken und es dafür ganz bewusst zu loben. «Man darf Kinder nämlich durchaus unterschiedlich behandeln, wichtig ist bloss, dabei stets fair zu bleiben

Vielleicht liegt die eigentliche Wahrheit nicht in Krugers Theorie, sondern vielmehr in genau diesem letzten Tipp versteckt? Wenn ich den eingangs erwähnten Müttern zusehe, wie sie mit ihren teilweise grundverschiedenen Kindern umgehen, ihnen zuhöre, wie sie von beiden schwärmen und sich mal über das eine, mal über das andere Kind grässlich aufregen, dann spüre ich keine Differenz in der Intensität ihrer Mutterliebe. Aber mir fallen die verschiedenen Aspekte auf, die hervorgehoben werden: Der Sohn wird für seine ruhige Art geliebt und gelobt, die Tochter für ihre Aufgewecktheit. Ist es also nicht eher so, dass man seine Kinder einfach unterschiedlich liebt? Und zwar nicht unterschiedlich stark, sondern auf unterschiedliche Weise, eben gerade für ihre unterschiedlichen Schwächen und Stärken?

Wie sieht es in Ihrem Herzen aus? Lieben Sie Ihre Kinder alle gleich fest? Oder haben Sie eine Lieblingstochter, einen Lieblingssohn? Und wenn ja, wie gehen Sie damit um?