Mythos Sexsucht

MAMABLOG-SEXSUCHT

David Duchovny ist bekennender Sexsüchtiger: Der Schauspieler als Hank Moody in der Serie «Californication».

Der Mamablog startet einen Themenschwerpunkt zur Sexualität. Heute lesen Sie in dem Artikel von Michèle Binswanger, wie der Terminus Sexsucht zu einer Art Modediagnose geworden ist – und was dies über unser Verhältnis zur Lust aussagt. Am Dienstag wird Jeanette Kuster alle Fragen zur Sexualaufklärung beantworten, die Sie immer schon wissen wollten, aber nie zu stellen wagten.

Bis vor kurzem wussten wir gar nicht, dass dieses Leiden existiert. Doch seit zahlreiche Sportler, Politiker und andere Prominente sich in den vergangenen Jahren mit heruntergelassenen Hosen erwischen liessen und und beschämt ihre Sexsucht eingestanden, ist man auch in den hiesigen Breitengraden hellhörig geworden. Besagte Prominente machen auch gleich vor, wie man mit dem Leiden umgeht: Man lässt sich umgehend in die Entzugsklinik seines Vertrauens einliefern, um sich dort von der Sucht heilen zu lassen.

Die Prominenz fungierte in Lifestylefragen schon immer als Avantgarde und mit der propagierten Sexsucht lieferte sie uns Normalsterblichen wieder einmal einen Begriff, an dem man sich gemütlich zusammenkuscheln und sich an der Schadenfreude über die Leiden der Mehrbesseren die Hände wärmen kann. Doch nur kurz, denn bereits beginnen Experten zu warnen, dass die Sache weiter verbreitet ist, als vermutet: «Sexsucht nimmt zu!» titelt etwa das Migrosmagazin, 3-6 Prozent der Bevölkerung soll darunter leiden und «es werden immer mehr». Auch Sexologe Werner Huwiler vom Mannebüro in Zürich warnt gegenüber «20 Minuten»: «Die Zahl der Mitglieder unserer Gruppe für sexsüchtige Männer hat sich innerhalb des letzten Jahres verdoppelt». Da scheint es folgerichtig, dass Sexsucht bald als eigene Krankheit anerkannt und demnächst ins «Diagnostische und statistische Handbuch psychischer Störungen» der American Psychiatric Association (APA) aufgenommen werden wird.

Aber wie kommt es eigentlich, dass die Menscheit zwei Millionen Jahre existieren konnte, ohne dieses schwere Leiden zu entdecken? Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie zentral die Sexualität im Leben des Menschen schon immer war. Hat es vielleicht damit zu tun, dass uns dank modernen technischen Aufnahme- und Distributionsmöglichkeiten überhaupt erst vor Augen geführt wird, dass der Mensch sich punkto Sex selten so verhält, wie das moralische Empfinden es gern hätte? Der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei der Diagnose Sexsucht um die Pathologisierung eines Verhaltens handelt, das bis vor kurzem noch als Charakterschwäche durchging. Und das hat Folgen: Psychologen spezialisieren sich, es werden Programme und Sprechstunden angeboten, Selbsthilfegruppen werden formiert, vielleicht werden unheilbare Sexsüchtige bald auch eine IV beziehen dürfen.

Vom Dampfschiff aus gesehen handelt es sich hier um einen klassischen moralistischen Fehlschluss, was bedeutet, dass von einem Soll- auf einen Sein-Zustand gedeutet wird. Im Falle der Sexsucht heisst das, dass das moralisch wünschenswerte Verhalten, nämlich sexuelle Treue zum normalen und gesunden Verhalten gedeutet wird und alles, was davon abweicht, als pathologisch verstanden wird. Wenn notorische Fremdgeher wie Golfmillionär Tiger Woods, sich nachdem er erwischt wurde umgehend in eine Suchtklinik einliefern lässt, entspricht das einem öffentlichen Bussritual – ähnlich wie die koksende Kate Moss, die beim koksen erwischt wird und gleich ihre Rehab bucht, um danach geläutert wieder bei den Werbekunden anklopfen zu dürfen. Die Katholiken hatten die Beichte, in unserer säkularen Gesellschaft erlangen wir Absolution durch die Medizin.

Auch in Fachkreisen stösst die Modediagnose auf Skepsis. In seinem Buch «America’s War on Sex» kritisiert der US-Therapeut Marty Klein die Diagnose als moralischen Feldzug gegen den ganz normalen Sextrieb, der das wünschenswerte als normal hinstellt und alles, was abweicht als krankhaft. Dabei seien «gieriges Verlangen nach sexuellem Genuss und dunkle Phantasien Teil einer normalen Sexualität.» Für ihn ist klar, dass hinter der Trenddiagnose Sexsucht Moralapostel stehen, die «aus einem Verhalten, das sich in aller Regel völlig im Rahmen einer normalen Sexualität bewegt, eine Krankheit machen.»

Die Schwierigkeit beginnt schon bei der Definition eines kritischen Quantums. Wie viel Sex ist zu viel Sex? «Selbst unter Therapeuten, die sich auf die Behandlung sexueller Probleme spezialisiert haben, gibt es kaum Übereinstimmung, wie man eine Sexsucht diagnostizieren könnte», sagte etwa Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gegenüber dem «Spiegel». Weil sich hier kaum eine allgemeingültige Norm feststellen lässt, verlegt man sich aufs subjektive Empfinden der Betroffenen. Wer sich so viel mit Sex beschäftigt, dass er für anderes kaum noch Zeit findet, wer als Reaktion auf Angstzustände, Missstimmung und Langeweile mit sexuellen Bedürfnissen reagiert und wer unter seinem übersteigerten sexuellen Trieb leidet, gilt als sexsüchtig. Doch wenn empfundener Leidensdruck als diagnostisches Kriterium gelten kann, müssten auch ganz viele andere Verhaltensweisen als pathologisch gelten. Zum Beispiel Mütter, die nur noch an ihre Kinder denken. Doch weil dieses Verhalten gesellschaftlich erwünscht ist, laufen wir nicht Gefahr, dass sich bald haufenweise Mütter wegen ihre Babysucht in Entzugskliniken einliefern lassen.