Eltern ohne Rechte

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Eine Familie, zwei Mütter – aber nur eine zählt vor dem Gesetz: Die Bevölkerung sagt Ja zur Stiefkindadoption gleichgeschlechtlicher Paare, das Gesetz verbietet sie.

Am 5. Mai werden die Schweizer Regenbogenfamilien gespannt nach Lausanne schauen. Dann findet am Bundesgericht die erste öffentliche Verhandlung zur Stiefkindadoption eines lesbischen Paares statt. Maria von Känel Scheibling, Vize-Präsidentin des Dachverbands Regenbogenfamilien, wird «die Stiefkindadoption unserer gemeinsamen Tochter beantragen», wie sie sagt. «Dass die Anhörung öffentlich stattfindet, ist bereits positiv zu werten. Der Grund dafür ist hoffentlich, dass sich die Bundesrichter uneinig sind.» Dass also durchaus die Chance auf ein positives Urteil besteht.

Das Bundesgerichtsurteil wird wegweisend sein für die weitere Diskussion zum Thema (Stiefkind-)Adoption in homosexuellen Partnerschaften. Denn bislang ist es gleichgeschlechtlichen Paaren zwar erlaubt, ihre Partnerschaft eintragen zu lassen. Das Kind des Partners zu adoptieren bleibt ihnen jedoch ebenso verwehrt wie die gemeinschaftliche Adoption oder die (eigentlich vorhandenen) Möglichkeiten der Fortpflanzungsmedizin. So steht es im Partnerschaftsgesetz geschrieben, das das Schweizer Volk 2005 angenommen hat.

Trotzdem leben verschiedenen Schätzungen zufolge in der Schweiz zwischen 6000 und 30’000 Kinder in sogenannten Regenbogenfamilien – Familien also, in denen mindestens ein Elternteil lesbisch, schwul, bisexuell oder transgender ist. Meist stammen die Kinder aus vorangegangenen heterosexuellen Beziehungen, doch es gibt auch einige, die in eine lesbische oder schwule Beziehung hineingeboren oder -adoptiert wurden. Die Zwillinge Gal und Amitai etwa, die das Migros-Magazin kürzlich mit ihren beiden Müttern Smadar Klopshtok und Nadine Buchs vorstellte. Klopshtok und Buchs haben mehrere Reisen nach Israel unternommen, weil dort die anonyme Samenspende und künstliche Befruchtung auch homosexuellen Paaren erlaubt ist. Auch das schwule Paar Claudio und Manlio hat sich im Ausland Hilfe geholt: Die beiden sind dank einer Leihmutteragentur in den USA Väter von Zwillingen geworden.

Doch auch wenn sie selber sich alle als Mütter beziehungsweise Väter bezeichnen: Offiziell ist in beiden Familien jeweils nur der leibliche Elternteil als solcher anerkannt. Die gelebte Familienkonstellation lässt sich rechtlich nicht absichern. Würde dem leiblichen Elternteil etwas zustossen, müsste die Vormundschaftsbehörde eingeschaltet werden. Im schlimmsten Fall könnte es passieren, dass dem überlebenden Partner die Kinder weggenommen würden, weil er aus rechtlicher Sicht keine familiäre Beziehung zum Nachwuchs hat.

Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind gegenüber Hetero-Ehepaaren also klar benachteiligt. Das wollen verschiedene Politiker ändern. Derzeit sind zwei Motionen im Nationalrat hängig: Katharina Prelicz-Huber (GP) fordert die Aufhebung des Adoptionsverbots für eingetragene Partnerschaften, Mario Fehr (SP) will gleichgeschlechtlichen Partnerschaften das Recht auf Stiefkind-Adoption zugestehen. Der Bundesrat empfahl letzten Herbst beide Motionen zur Ablehnung, die Behandlung im Parlament steht noch aus. Doch auch wenn die Motionen angenommen würden, rechnen die Politiker selber nicht vor 2016 mit einer Gesetzesänderung.

Dabei steht die Schweizer Bevölkerung den genannten Anliegen offen gegenüber, wie eine repräsentative Umfrage letztes Jahr ergeben hat: Zwei Drittel der Befragten befürwortet die Stiefkindadoption in eingetragenen Partnerschaften. Und eine knappe Mehrheit (53 Prozent) spricht sich sogar für die gemeinsame Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare aus. Es sei nötig, einen gesetzlichen Rahmen für diese Familien zu schaffen, sind sich die meisten Schweizer einig – den Eltern, vor allem aber den Kindern zuliebe.

Mit dem Kindswohl argumentiert auch die Gegnerseite. Es sei nicht richtig, dem Kind Vater oder Mutter vorzuenthalten, auf Kinder lesbischer Mütter könnte so womöglich der Männerhass ihrer Mütter abfärben. Ausserdem würden Kinder aus Regenbogenfamilien in der Schule gehänselt und in eine Minderheiten-Rolle gedrängt. Ja sie liefen sogar Gefahr, selber homosexuell zu werden, so die grosse Sorge gewisser homophober Kreise.

Befürchtungen, die bereits durch diverse Untersuchungen entkräftigt worden sind. «Studien aus Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Grossbritannien und den USA kommen alle zum selben Ergebnis: Kinder homosexueller Eltern unterscheiden sich weder in der Persönlichkeitsentwicklung, noch in emotionaler oder sozialer Kompetenz von solchen aus traditionellen Familienkonstellationen», sagt Eveline Y. Nay, die aktuell eine vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Studie zum Thema erarbeitet. Regenbogenkinder neigen auch nicht etwa vermehrt zu Depressionen, sondern verfügen tendenziell eher über ein höheres Selbstwertgefühl. Und sie sind auch nicht öfters lesbisch oder schwul als Kinder von Hetero-Paaren.

Laut einer deutschen Studie werden tatsächlich 46 Prozent aller Regenbogenkinder aufgrund ihrer Familienkonstellation irgendwann einmal gehänselt, beschimpft oder andersweitig diskriminiert. Auch kommt es vor, dass die Kinder in bestimmten Situationen ihren familiären Hintergrund vor den Klassenkameraden verheimlichen. Die Studie zeigt jedoch auch, dass viele Eltern ihre Kinder auf verschiedene Arten zu stärken versuchen, damit sie für eventuelle Diskriminierungsversuche gewappnet sind und adäquat reagieren können. Deshalb wirken sich solche Erfahrungen laut Psychologen nicht unbedingt negativ aus, sondern die Kinder können dadurch «sowohl eine höhere Durchsetzungsfähigkeit als auch ein höheres Selbstwertgefühl entwickeln». Das Fazit der gesammelten Studien: «Nicht die sexuelle Orientierung der Eltern ist entscheidend für das Wohlergehen und die Entwicklung der Kinder, sondern die Beziehungsqualität und das Klima in der Familie», so Nay.

Man mag einwenden, dass gewisse Paare von Natur aus nun mal keine Kinder bekommen können und sich damit abfinden sollen. Doch solange es Heteropaaren erlaubt ist, mit allen Mitteln ihr Elternglück zu finden, wieso gesteht man homosexuellen Paaren dieses Recht dann nicht auch zu? Und was ist mit den Kindern, die schon heute in Regenbogenfamilien leben? Sie haben ein Recht auf zwei gesetzlich anerkannte Elternteile, auf die Sicherheit, beim Tod der einen Mutter die andere nicht auch noch zu verlieren. Denn auch wenn beide Elternteile dasselbe Geschlecht haben, die Kinder lieben sie deshalb nicht weniger  – und werden auch nicht weniger geliebt.