Das industrielle Erbe in unseren Köpfen

Eine Carte Blanche von Mamablog-Leser Marcel Zufferey, Fachblogger mit Schwergewicht Arbeitsmarkt, Geschlechter- und Gesellschaftsfragen.

Der Working Class Hero wird zunehmend weiblich - angekommen ist das in den Köpfen allerdings noch kaum.

Der Working Class Hero wird zunehmend weiblich – angekommen ist das in den Köpfen allerdings noch kaum.

«Nichts in der menschlichen Geschichte bereitete die Menschheit oder die Erde wirklich auf das vor, was nach 1800 geschah.» Dies schreibt der bekannte US-amerikanische Entwicklungsökonom Jeffrey D. Sachs im Rückblick auf die Industrialisierung. Mit dem Einsetzen der industriellen Revolution wurde der Mensch jäh aus seiner bis dahin vergleichsweise langsam verlaufenen Entwicklung gerissen und beschritt kurz nach der Erfindung der Dampfmaschine den steinigen Weg in die Moderne. Der ungarische Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftstheoretiker Karl Polany (1886-1964) spricht in diesem Zusammenhang vom grössten Transformationsprozess, dem die Menschheit je ausgesetzt war. Doch mit den gewaltigen Fortschritten auf dem Gebiet der Informationsverarbeitung sowie den Kommunikations- und Fertigungstechnologien hat mittlerweile ein ganz anderes und neues Zeitalter begonnen, das unser Leben voraussichtlich ähnlich stark verändern wird, wie seinerzeit die industrielle Revolution. Genauso wie sich die Maschine verwandelt, wird sich auch unsere Gesellschaft verändern.

«In der Wirtschaft ersetzen Dienstleistungen immer mehr die Güterproduktion als Quelle des Wohlstandes. Der typische Arbeitnehmer in der Informationsgesellschaft arbeitet nicht in einer Stahlfabrik oder einem Automobilwerk, sondern in einer Bank, einer Softwareschmiede, einem Restaurant, in einer Universität oder bei einer Sozialbehörde», schreibt der amerikanische Politologe Francis Fukuyama in seinem 2000 erstmals auf Deutsch erschienen Buch «Der grosse Aufbruch». «Im Laufe der letzten fünfzig Jahre haben die Vereinigten Staaten und andere ökonomisch hochentwickelte Länder schrittweise den Übergang in die sogenannte Informationsgesellschaft oder ins postindustrielle Zeitalter vollzogen.» Diesem tiefgreifenden Strukturwandel sind in den letzten Jahrzehnten in Europa Millionen von Arbeitsplätzen zum Opfer gefallen, viele davon in klassischen Männerdomänen. Alleine in der Schweiz sind in den vergangenen dreissig Jahren über 60 Prozent aller Industriearbeitsplätze verloren gegangen.

Ein kennzeichnendes Merkmal des Dienstleistungszeitalters ist der Wandel in der Arbeitswelt: Der Working Class Hero wird zunehmend weiblich. Das bedeutet nicht, dass der männliche dabei verschwindet, wie häufig postuliert – und mitunter auch fieberhaft herbei phantasiert wird. Seine Rolle wird sich allerdings nur schon deshalb verändern, weil die postindustrielle Gesellschaft den Frauen insgesamt mehr Möglichkeiten eröffnet, als das gesamte, männlich geprägte Industriezeitalter. Damit gestalten sich zwangsläufig auch die vielschichtigen Beziehungen zwischen Männern und Frauen neu – mit weitreichenden Konsequenzen. Das im Verlaufe der Industrialisierung gewachsene Modell der bürgerlichen Kleinfamilie, bestehend aus einem Ernährer, einer Hausfrau und Kindern, löst sich zusehends auf und macht anderen, wenn auch nicht unbedingt neuen Formen des Zusammenlebens Platz: Familie ist dort, wo Kinder sind, lässt sich zusammenfassend sagen. Doch diese Entwicklungen wären ohne das sozialstaatliche Sicherungsnetz bislang kaum denkbar gewesen. Dass der moderne Wohlfahrtsstaat letztendlich auch ein Produkt der Industrialisierung ist – genauso wie die 42-Stunden Woche, das Lechz und Rinks in der Politik (Ernst Jandl) oder die scharf gezogene Trennlinie zwischen Erwerbs- und Familienarbeit in unseren Haushalten, wird dabei gerne vergessen. Es gibt keinen Bereich in unserem Leben, den die industrielle Epoche verschont hat. Sogar Gott soll auf dem Altar des mechanischen Fortschritts gestorben sein…

«Die wichtigsten Elemente der Sozialstruktur, die sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts entfalteten, sind auch heute noch von grundlegender Bedeutung», schreibt der renommierte deutsche Soziologe Rainer Geissler. Doch aus dem tayloristischen Fliessband ist mittlerweile längst ein weltumspannendes Datenflussnetz geworden. Trotzdem denken und handeln wir immer noch im Rahmen weitgehend industriell geprägter, sozialer Strukturen. «Die Welt des 21. Jahrhunderts kann nicht mit den Instrumenten des 20. Jahrhunderts organisiert werden», hat der französische Ministerpäsident Nicolas Sarkozy einmal gesagt. Also sollten wir auch langsam damit beginnen, die Weichen für die Zukunft zu stellen und uns vom industriellen Erbe in unseren Köpfen verabschieden!

Wir danken Marcel Zufferey für diesen Beitrag..