Schule-Spezial: «Unserem Land in unseren Schulzimmern dienen»

Im fünften Beitrag der Expertenwoche «Schule-Spezial» fordert der oberste Schweizer Lehrer Beat W. Zemp, endlich aktiv gegen den Lehrermangel vorzugehen. Er nimmt Politik und Eltern in die Pflicht, die sich gemeinsam bemühen sollten, den Lehrerberuf aufzuwerten.

MAMABLOG-Hilary-Swank

Diese so sympathische Frau Lehrerin, der das Wort Burnout so fremd ist wie Berufsverdrossenheit, unterrichtet leider nicht in einem hiesigen Schulzimmer. Sie entstammt vielmehr einem Produkt der Filmfabrik Hollywood (Hilary Swank in «Freedom Writers», 2007)

Lange, zu lange, hat es gedauert, bis die Politik die Warnungen der Lehrerverbände endlich ernst genommen hat und etwas gegen den Lehrermangel tun will. Dabei sind die Ursachen für den heutigen Lehrermangel seit längerem bekannt. Waren 1998 erst 20 Prozent der Schweizer Lehrerschaft älter als 50 Jahre, so sind es heute bereits 35 Prozent. Bis 2020 werden gegen 30’000 Lehrpersonen pensioniert. Das Bundesamt für Statistik rechnet zudem ab 2014 mit einem weiteren Anstieg der Schülerzahlen auf der Primarschulstufe. Zwar gab es Lehrermangel und Lehrerüberfluss je nach Konjunkturlage schon immer. Aber diesmal haben wir es wegen der kommenden Pensionierungswelle nicht mit einem konjunkturellen sondern mit einem strukturellen Lehrermangel zu tun.

Einfach auf den Markt zu hoffen, der das Problem von Angebot und Nachfrage schon irgendwie lösen wird, wäre nicht nur naiv, sondern fahrlässig. Die Bundesverfassung garantiert in Artikel 62 allen Eltern, dass ihre Kinder einen ausreichenden Schulunterricht erhalten. Gefordert sind daher in erster Linie die Kantone, die für die allgemeinbildenden Schulen zuständig sind.

Für einmal sind sich Lehrerverbände, Bildungspolitiker, Schulleitungen und Elternorganisationen einig: Die Attraktivität des Lehrerberufs muss erhöht werden. Wo aber soll man ansetzen? Eine Salärvergleichsstudie hat gezeigt, dass vor allem die Einstiegslöhne bei den Lehrerberufen nicht mehr konkurrenzfähig sind gegenüber den Löhnen entsprechender Berufe in der Privatwirtschaft. Verbessert werden muss aber auch die Zusammenarbeit mit den Eltern und den schulischen Spezialdiensten, um schwierigen Kindern und Jugendlichen zu helfen, ihren Bildungsweg zu finden. Das geht nur mit genügend Zeit. Daher müssen die viel zu hohen Pflichtpensen reduziert werden, die sich seit 150 Jahren nicht verändert haben. Schliesslich muss auch der Kernauftrag der Schule neu definiert werden. Die Schule kann nicht immer mehr Nacherziehungsaufgaben und gesellschaftliche «Reparaturaufträge» übernehmen.

In seiner ersten bildungspolitischen Grundsatzrede hat US-Präsident Obama seine Landsleute eindringlich dazu aufgerufen, Lehrer zu werden: «Ich appelliere heute an eine neue Generation von Amerikanern, unserem Land in unseren Schulzimmern zu dienen. Wenn Sie einen Unterschied machen möchten im Leben unserer Nation, wenn Sie das Beste aus Ihrer Hingabe und Ihren Talenten machen möchten, wenn Sie sich einen Namen machen möchten mit einem Vermächtnis, das von Dauer ist, dann werden Sie Lehrer. Amerika braucht Sie!» Diesen Appell wünsche ich mir auch von Schweizer Politikern und von Eltern. Doch eine Univox-Umfrage der Universität Genf zeigt ein völlig anderes Bild: Immer mehr Eltern raten nämlich vor allem ihren Söhnen davon ab, den Lehrerberuf zu erlernen, wenn diese vor der Berufswahl stehen. Neun von zehn Befragten glauben zudem, dass der Lehrerberuf in den letzten Jahren schwieriger geworden sei. Es braucht daher auch bei Eltern und bei der Politik ein Umdenken und vor allem mehr Wertschätzung gegenüber dem Lehrerberuf. Nur so werden wir auch in Zukunft wieder genügend gute Lehrpersonen bekommen.

MAMABLOG-BEAT-ZEMPBeat W. Zemp ist Präsident des Dachverbandes der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH)

Die Sommerferien sind vorbei, auf den Trottoirs tragen ABC-Schützen stolz ihre neuen Theks in die Schule, die Grossen wechseln in die Oberstufe, einige fahren zum ersten Mal mit dem Zug ans Gymi. Jeder hat eigene Erinnerungen an die Schulzeit, gute und schlechte. Die Volksschule geht uns alle an. Nicht zuletzt, weil sie derzeit reformiert und umgebaut wird. Der Mamablog begleitet deshalb den Schulstart mit einer Expertenwoche zur Volksschule. Das Schule-Spezial lässt Lehrer, Künstler, Politikerinnen, Psychologen und Wissenschaftler zu Wort kommen.

Zum Abschluss der Expertenserie wird die Zürcher Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Regine Aeppli Fragen und Diskussionspunkte von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, in einem Blogbeitrag beantworten. Fragen und Anliegen können Sie während der ganzen Woche direkt in einem Kommentar zum jeweiligen Tagesthema mit dem Vermerk @Aeppli formulieren. Die Redaktion wird die Fragen sichten, auswählen und der Regierungsrätin vorlegen.