Schule-Spezial: Künste für alle Klassen

Der vierte Beitrag der Expertenwoche «Schule-Spezial» stammt aus der Feder von André Grieder. Der Leiter des Sektors schule&kultur der Bildungsdirektion des Kantons Zürich findet, dass die heutigen Lehrerinnen und Lehrer in einem schwierigen Umfeld immer wieder Herausragendes leisten – darunter auch die Vermittlung von Kultur.

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Wie sagte schon wieder Cocteau? «Die Poesie ist unentbehrlich, doch ich weiss nicht genau wofür…» (Im Bild: Video-Still aus Roman Signers Arbeit «Projektionen»)

Der weltweit gefragte Künstler Roman Signer zeigt im Zürcher Helmhaus seine Videos und Primarschülerinnen und Primarschüler kommen. Sie staunen über die vergänglichen Skulpturen des schalkhaften Appenzellers. Ein Schüler findet, das sei doch keine Kunst. Kunst sei, was bei ihm zu Hause an der Wand hänge: schön gemalte Gemälde.

Wer ist bloss auf die Idee gekommen, Neunjährige in Signers Ausstellung zu bringen? Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich.

Kinder sollen nicht nur Stöckli rechnen, Selbstlaute von Mitlauten unterscheiden und die Schweizer Alpenpässe auswendig lernen. Sie sollen an der ganzen Welt teilnehmen und die Welt erschliesst sich ihnen herausfordernd, wenn sie Künsten begegnen. Vor allem, wenn diese nicht ihren Vorstellungen entsprechen. Denn bildend ist vor allem der Kontakt mit Werken jenseits des Alltäglichen und Vorhersehbaren.

Der Deutsche Bundestag zog 2007 nach vier Jahren gründlichen Forschens in einem 512-seitigen Bericht das Fazit, dass die Künste angesichts ihrer positiven Wirkung in der Bildung viel stärker vertreten sein müssten. Die Unesco Schweiz hat im Juni 2010 ein Manifest veröffentlicht «für einen quantitativen und qualitativen Sprung in der kulturellen und künstlerischen Bildung im Schweizer Bildungssystems». In Zürich gibt es den Sektor schule&kultur der Bildungsdirektion. Er stellt für Kindergärten bis Berufsschulen ein vielfältiges Kulturangebot zusammen, das europaweit einzigartig ist und dem Unesco-Manifest vorauseilt.

Die Klassen müssen nicht ins Helmhaus zu Signers Videos, aber sie können. Sie können auch in die Tonhalle, ins Schauspiel- oder ins Opernhaus. Sie können mit dem Musiker Doppel-U Schillers Gedichte rappen, in der City Graffitis nachspüren oder Künstlerinnen in ihren Ateliers besuchen. Klar, Begegnungen mit den Künsten sind kein Allerheilmittel, schon gar nicht für Pisa-relevante Bildungsmängel. Oder mit Jean Cocteau gesprochen: «Die Poesie ist unentbehrlich, doch ich weiss nicht genau wofür…» Die Künste dürfen denn auch nicht im Unterricht verschwinden und instrumentalisiert werden für das Erreichen von Lernzielen. Sie sollen  ein Ferment des Unerwarteten und Rätselhaften bleiben, dürfen für die Schülerinnen und Schüler eine andere, mitunter unbequeme Erfahrung sein. Zum Beispiel in Form einer Zeitskulptur Roman Signers. Künste dürfen aber auch Spass machen wie das Filmmusical «The Commitments», der Barde Linard Bardill, Mozarts «Zauberflöte» und andere Angebote der Bildungsdirektion.

Das Bild der Schule ist in den Medien gegenwärtig negativ: Chancenungleichheit, Pisa, Mobbing. Doch das Schulfeld funktioniert. Viele Lehrerinnen und Lehrer leisten in einer sich ständig wandelnden, multikulturellen Gesellschaft Herausragendes. Und dass die Bildungsdirektion des Kantons Zürich den Schulen seit Jahren Künste vermittelt und damit dem Bildungsgesetz genügt, darf auch einmal positiv vermerkt werden. Was hiermit geschehen ist.

MAMABLOG-ANDRE-GRIEDERAndré Grieder leitet den Sektor schule&kultur der Bildungsdirektion des Kantons Zürich (www.schuleundkultur.zh.ch)

Die Sommerferien sind vorbei, auf den Trottoirs tragen ABC-Schützen stolz ihre neuen Theks in die Schule, die Grossen wechseln in die Oberstufe, einige fahren zum ersten Mal mit dem Zug ans Gymi. Jeder hat eigene Erinnerungen an die Schulzeit, gute und schlechte. Die Volksschule geht uns alle an. Nicht zuletzt, weil sie derzeit reformiert und umgebaut wird. Der Mamablog begleitet deshalb den Schulstart mit einer Expertenwoche zur Volksschule. Das Schule-Spezial lässt Lehrer, Künstler, Politikerinnen, Psychologen und Wissenschaftler zu Wort kommen.

Zum Abschluss der Expertenserie wird die Zürcher Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Regine Aeppli Fragen und Diskussionspunkte von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, in einem Blogbeitrag beantworten. Fragen und Anliegen können Sie während der ganzen Woche direkt in einem Kommentar zum jeweiligen Tagesthema mit dem Vermerk @Aeppli formulieren. Die Redaktion wird die Fragen sichten, auswählen und der Regierungsrätin vorlegen.