Schule-Spezial: Das verflixte 6. Schuljahr

Der sechste Beitrag der Expertenwoche «Schule-Spezial» stammt aus der Feder von Andrea Schafroth. Die Autorin des Erziehungsratgebers «Cool down» wendet sich gegen die Selektionshysterie beim Übertritt in die Gymnasialstufe.

SCHWEIZ MISS SCHWEIZ 2008

Das Gymnasium als Mass aller Dinge: Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Yverdon im Jahr 2008, unter ihnen die damals gerade zur Miss Schweiz gewählte Whitney Toyloy – sie machte ihre Matura infolge des freudigen Ereignisses ein Jahr später. (Bild: Keystone)

Nach den Sommerferien dreht sich jeweils alles um den ersten Schultag der Erstklässler – fünf Jahre danach hat der Ernst des Schullebens die Eltern eingeholt – und mit ihnen deren Kinder. Dann nämlich steht in der sechsten Klasse der erste Entscheid über die weitere schulische Laufbahn des Kindes an, es geht um die harte Währung Selektion: Reicht es in die Sekundarschule, in Stufe A oder B oder, wo es eins gibt, aufs Frühgymnasium? Geld, Einfluss, Einsatz: Alle möglichen Hebel werden nun in Bewegung gesetzt, um das Optimum, sprich die höchst mögliche Stufe, für das Kind herauszuholen.

Die Cleveren beginnen schon in der fünften Klasse, schliesslich zählt dann das Zeugnis oft bereits für die Einstufungsempfehlung oder die Erfahrungsnote, mit der das Kind dereinst an die Gymiprüfung muss. Dank gut getimtem Nachhilfeunterricht vermag manch ein hoch geschossener Leon, eine weiblich gewordene Laura seinen oder ihren Mathischnitt im zweiten Semester der fünften Klasse wundersam um eine ganze Note zu steigern. Ein anderer Trick: Vor dem Übertrittsjahr wechselt das Kind kurzerhand an eine Privatschule, an der Empfehlungen leichter zu bekommen sein sollen. Jene Eltern, die über weniger Raffinesse und Geld verfügen, behelfen sich mit Reklamieren und Feilschen – um ungerechte Noten, schlechte Unterrichtsmethoden und falsche Einschätzungen. Kein Wunder unterrichten junge Primarlehrer oft um einiges lieber an der Unterstufe als sich die Eltern der Fünft- und Sechstklässler anzutun.

Es ist aber auch kein Wunder, dass der Smalltalk unter Eltern im sechsten Schuljahr definitiv von den Pausenplatzquerelen auf Prüfungsvorbereitungskurse oder die Orthographie-Defizite der eigenen Kinder schwenkt. Denn sogar die überzeugtesten Kindheitsnostalgiker und unbekümmerten Seelen unter den Eltern können sich der Selektionshysterie kaum entziehen. Von allen Seiten werden sie mit der Frage bombardiert, was sie in diesem entscheidenden Jahr im Interesse ihres Kindes zu unternehmen gedenken, und mit freudig mitleidiger Miene werden sie gewarnt vor dem verflixten sechsten Stressschuljahr. Ausserdem hängen in Zürichs Trams bereits vor Beginn dieses Schuljahres Werbeplakate der Vorbereitungskurse für die «Gymiprüfung 2011» (die ersten von ihnen sind am ersten Schultag bereits ausgebucht). Es handelt sich dabei ja auch nicht um irgendwelche Kürslein, sondern um «drei aufbauende Kursteile», die sich «schulbegleitend» oder in den Ferien über ein halbes Jahr erstrecken und die insgesamt mit Frühbucherrabatt 1270 (statt 1550) Franken kosten.

Vergleichsweise spät folgen die offiziellen Informationsabende zum Übertritt von Schulbehörden und Klassenlehrerin. Und in Zürichs Buchhandlungen werden an zentraler Lage stapelweise Ratgeber und Übungsbücher für die Prüfungsvorbereitungen platziert. «Ich will ans Gymi» heisst der absolute Bestseller eines pensionierten Lehrers, der ganz genau weiss, welche neuen Hürden die Kantonsschulen aushecken angesichts der immer besser gewappneten Eltern und Kinder – und der darum drohenden höheren Erfolgsquote an der Prüfung.

Noch nie fürchteten Eltern mehr, die schulischen Weichen ihrer Kinder könnten falsch gestellt werden. Obwohl gleichzeitig die Möglichkeiten, diese Weichen auch später und andersrum richtig zu stellen nie zuvor so vielfältig waren: Berufsmatur, Passerelle, Fachhochschulen, Weiterbildungs- und Umschulungsangebote… Doch bedenklich am Theater ums sechste Schuljahr ist nicht nur, dass es eigentlich nicht nötig wäre, sondern auch, wie seine Auswirkungen die soziale Schere dokumentieren: In Zürich schaffen in einem Quartier mit hohem Ausländeranteil 1 bis 3 Schüler pro Klasse die Gymiprüfungen, in anderen Quartier mit vorwiegend bildungsnahen Eltern sind es 20 (von 25). Ob diesen 20 mit ihrem Erfolg auch wirklich wohl wird, scheint eine naiv-nostalgische Frage zu sein, die zum ersten Schultag, aber nicht zum sechsten Schuljahr passt. Ebenso wenig steht zur Debatte, wie es bei alledem um die Chancen der 20 Nichtgymnasiasten mit «bildungsfernen» Eltern aus der anderen Klasse steht.

MAMABLOG-SCHAFTROTH-150-01Andrea Schafroth ist Journalistin und Co-Geschäftsführerin eines Büros für Journalismus und Design. Sie lebt in Zürich, ist Mutter von drei Kindern im Alter von 3, 7 und 14 Jahren. Vor kurzem ist ihr Buch «Cool down – Wider den Erziehungswahn» erschienen, das sie mit dem Psychoanalytiker Peter Schneider geschrieben hat.

Die Sommerferien sind vorbei, auf den Trottoirs tragen ABC-Schützen stolz ihre neuen Theks in die Schule, die Grossen wechseln in die Oberstufe, einige fahren zum ersten Mal mit dem Zug ans Gymi. Jeder hat eigene Erinnerungen an die Schulzeit, gute und schlechte. Die Volksschule geht uns alle an. Nicht zuletzt, weil sie derzeit reformiert und umgebaut wird. Der Mamablog begleitet deshalb den Schulstart mit einer Expertenwoche zur Volksschule. Das Schule-Spezial lässt Lehrer, Künstler, Politikerinnen, Psychologen und Wissenschaftler zu Wort kommen.

Zum Abschluss der Expertenserie wird die Zürcher Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Regine Aeppli Fragen und Diskussionspunkte von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, in einem Blogbeitrag beantworten. Fragen und Anliegen können Sie während der ganzen Woche direkt in einem Kommentar zum jeweiligen Tagesthema mit dem Vermerk @Aeppli formulieren. Die Redaktion wird die Fragen sichten, auswählen und der Regierungsrätin vorlegen.