Schule-Spezial: Umarmen statt Rammeln

Der dritte Beitrag der Expertenwoche «Schule-Spezial» stammt aus der Feder von Allan Guggenbühl. Der Psychotherapeut und Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich findet es skandalös, dass Jungs an der Volksschule keine Jungs sein dürfen.

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Typisch bübisches Verhalten ist in der Schule verpönt. Provozieren, prahlen, krasse Geschichten erzählen, das alles wird selten goutiert - Brüderpaar. (Bild: thejasandersfamily.blogspot.com)

«Heute hatten wir Schule!», teilt ein Knabe seiner Mutter freudig mit. Die Mutter ist erstaunt und fragt zurück: «Aber du gehst doch über ein Jahr in die Schule?» «Ja! aber bis jetzt haben wir noch nicht richtig Schule gemacht, mit Aufstrecken, richtig-falsch und so!»

Wir alle haben eine Vorstellung, wie Schule sein sollte. Diese wird durch unsere eigene Schulzeit, schöne Erlebnisse, wie mühsame Erfahrungen geprägt. Wir litten unter unsensiblen Lehrern, mühsamen Klassenkameraden, wurden ausgeschlossen oder verbrachten eine glückliche, problemlose Zeit. Auch Kinder haben Vorstellungen darüber, wie es in der Schule sein sollte. Sie erzählen es sich untereinander, vernehmen Geschichten von älteren Kindern oder lauschen den Erzählungen der Eltern. Solche Bilder beeinflussen unsere Haltung der Schule gegenüber.

Wie die Volksschule jedoch  sein sollte, ist schwieriger zu beantworten. An sich ist Schule eine grossartige Einrichtung: Sie ist nämlich die einzige Institution, die alle durchlaufen müssen, unabhängig von der sozialen Klasse, vom Geschlecht, den Interessen und der Persönlichkeit und dem kulturellen Hintergrund. In der Volksschule wird man also mit Menschen konfrontiert, mit denen man im Leben sonst nie etwas zu tun hat, die einem fremd und komisch erscheinen. Man sitzt mit ihnen im gleichen Klassenzimmer und muss irgendetwas lernen. Dies hat zur Folge, dass man als Schüler grossen internen Spannungen und Konflikten ausgesetzt ist. Für die Lehrpersonen ist es nicht einfach, aus diesen heterogenen Gruppen eine Einheit zu machen. Die Lehrpersonen müssen sich mit den Kindern auseinandersetzen, eine Beziehung aufbauen und Stoff vermitteln.

Heute steht die Volksschule noch unter zusätzlichem Druck: Reformen, die mit dem Stichwort Qualitätssicherung durchgesetzt werden und bei denen die Pisa-Resultate als Begründung herhalten müssen, erschweren die Arbeit vieler Lehrpersonen. Man will die Fachlehrpersonen einführen. Die Schüler und Schülerinnen haben dann nicht ein oder zwei Lehrpersonen, sondern werden schon ab der ersten Klassen von drei, vier und später noch mehr Lehrpersonen unterrichtet. Dazu kommen noch spezielle Förderlehrer und Spezialunterricht. Die Idee ist, dass sich die Fachkompetenz der Lehrperson erhöht. Die Folge: Die Schüler müssen mit verschiedenen Erwachsenen eine Beziehung aufnehmen, psychologisch etwas Unmögliches. Vor allem für zurückgezogene oder sozial herausgeforderte Kinder ist dies eine Katastrophe. Sie haben niemanden, der sich wirklich mit ihnen auseinandersetzt, sie kennen lernt, Konflikte austrägt. Es kommt zu einer Verantwortungsdiffusion.

Andere Reformen betreffend den Unterrichtsstil: Man setzt auf soziale Kompetenzen und eigenständiges Lernen und degradiert den Lehrer zum Coach. Wieder: Für viele Kinder kein Problem! Doch einige Kinder, und darunter vor allem Knaben, haben damit grosse Mühe. Sie bräuchten einen klaren Bezugsrahmen, eindeutige Verhältnisse. Zudem: Bei den sogenannten sozialen Kompetenzen, die heute entscheidend für eine erfolgreiche Schulkarriere sind, handelt es sich um Verhaltensweisen, die vor allem den Mädchen entgegenkommen: Beziehungssprache, Gefühle in Worte ausdrücken, sich umarmen statt zu rammeln, ruhig sitzen und hinhören statt dreinreden und verhandeln wollen. Das bübische Verhalten ist verpönt: witzeln, provozieren, prahlen oder krasse Geschichten erzählen wird selten goutiert. Oft verlangt man von den Jungs sogar, dass sie selbstständig merken, was sie tun sollten; eigene Lernziele formulieren, ein Portfolio führen. Dies funktioniert bei den meisten Knaben nicht: Sie wollen, dass man ihnen befiehlt, was sie zu tun bzw. zu lernen haben. Sie integrieren sich in der Schule über Widerstand. Die Folge dieser Pädagogik: Knaben haben objektiv grosse Probleme in der Schule, schreiben schlechtere Noten, leiden unter mehr Schulausschlüssen und im Gegensatz zu den Mädchen häufiger unter Schulverleider. Und: Obwohl sie es von der Intelligenz her könnten, haben sie schlechtere Chancen ins Gymnasium zu kommen, wie eine schubladisierte Untersuchung des Kantons Zürich zeigt.

Es ist ein Skandal, dass diese Missstände nicht behoben werden und man nicht an einer knabengerechteren Schule arbeitet. Knaben können auch Freude am Lernen entwickeln und gerne zur Schule gehen. Keines der Geschlechter darf in der Volksschule benachteiligt werden.


MAMABLOG-ALLAN-GUGGENBUEHLAllan Guggenbühl, Psychologe FSP, dipl. analyt. Psychotherapeut SGAP, ist Leiter des Instituts  für Konfliktmanagement und Mythodrama (IKM), Leiter der Abteilung für Gruppenpsychotherapie für Kinder und Jugendliche an der Erziehungsberatung der Stadt Bern sowie Dozent an der Pädagogischen Hochschule des Kantons Zürich. Guggenbühl ist Autor von «Kleine Machos in der Krise».

Die Sommerferien sind vorbei, auf den Trottoirs tragen ABC-Schützen stolz ihre neuen Theks in die Schule, die Grossen wechseln in die Oberstufe, einige fahren zum ersten Mal mit dem Zug ans Gymi. Jeder hat eigene Erinnerungen an die Schulzeit, gute und schlechte. Die Volksschule geht uns alle an. Nicht zuletzt, weil sie derzeit reformiert und umgebaut wird. Der Mamablog begleitet deshalb den Schulstart mit einer Expertenwoche zur Volksschule. Das Schule-Spezial lässt Lehrer, Künstler, Politikerinnen, Psychologen und Wissenschaftler zu Wort kommen.

Zum Abschluss der Expertenserie wird die Zürcher Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Regine Aeppli Fragen und Diskussionspunkte von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, in einem Blogbeitrag beantworten. Fragen und Anliegen können Sie während der ganzen Woche direkt in einem Kommentar zum jeweiligen Tagesthema mit dem Vermerk @Aeppli formulieren. Die Redaktion wird die Fragen sichten, auswählen und der Regierungsrätin vorlegen.