Kulturbeutel 37/18

Mirko Schwab am Montag, den 10. September 2018 um 5:55 Uhr

Schwab empfiehlt:
Der bessere Schlagzeuger von KSB, Jazzocato Clemens Kuratle, er kann auch Pop. Am Mittwoch mit Guy Mandon im beloved Ross. Bittersweet Synth-phonies, funky Kopfstimme und Falsetto, hintersinnige Texte im Dialekt der neuen Empfindsamkeit und keine Berührungsängste mit den grossen – eben – Popmomenten. Das wird schön.

JJ empfiehlt:
Es gibt ja diese seltsame Bern-Toggenburg-Connection, weiss der Teufel wie die entstanden ist und wann. Jedenfalls ist neuerdings nach Toni Brunner auch Tillmann Ostendarp aka Dj Real Madrid in Bern eingezogen, aber nicht Bundeshaus, sondern mehr so Subkultur. Der drittberühmteste Toggenburger plant nun bereits seinen ersten Coup zur Auflockerung und Öffnung der Berner Kulturszene, kommenden Donnerstag findet die erste Ausgabe von Tillmanns Abendschau im Werkhof 102 statt. Es gibt unter anderem soziokulturell erklärten Feminismus von Poetry Slamerin Lisa Christ, Science Facts von Max Kämmerling und eingeladen zum Deeptalk mit Tillmann sind ganz kosmopolitische Gäste aus Zürich, Innerschweiz, Toggenburg. Hausband der Schau: Die fave Hochzeitsband Frutti di Mare ft Goran Koç. #bethereorbegrüsig

Fischer empfiehlt:
Ein hueren Puff wieder mal in der Reitschule, right? Eine Wiederaufnahme eigentlich, die Show hatten wir doch schon: Ariane von Graffenrieds Genderpuff, dem Jugendclub Schlachthaus auf den Leib geschrieben, kommt zurück. Letzte Chance, dreimal im Tojo, von Donnerstag bis Samstag.

#BernNotBrooklyn

Mirko Schwab am Sonntag, den 9. September 2018 um 17:13 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn. Aber auch in der Sandsteinstadt ist burn-out, Weltschmerz, Sonntagsdepression, ist Hoffnung und 1 Schultzerucken. Ein quasi Gastbeitrag unserer Autorin Jessica Jurassica aus dem Abseits (ihr …!)

wenn nichts mehr hilft hilft dann nur noch lyrik [palmen-emoji]

faschismus oportunismus kapitalismus polizeigewalt herrschaft unterdrückung bern chemnitz charlottesville internet / täglich / tränengas gummischrot hitlergrüsse nazitattoos machtdemonstrationen gewalt drunterkommentare / messerstiche, angedrohte ausgeführte / (sprach)bilder eingebrannt auf der netz haut / gerötet entzündet / sprache der gewalt sprache des krieges kämpferische sprache revolutionäre sprache / männer* und frauen* sprache / spreche ich 1 männliche sprache oder ist sprache eh universell geschlechtslos / spreche ich 1 sprache der gewalt / verstehst du mich / wer bin ich ohne sprache wer / bist du

sexism fascism escapeism / violence silence patience / deafness numbness faceless / labien libido lybien / hardcore normcore glencore / fuckboy sextoy tolstoy / fascism sexism violence / fear power death / deaf death / numerous deaths / verstehst du mich / wer bin ich ohne sprache wer / bist du / VERSTEHST DU MICH

echo

hallo echo

echo

echo

e c h o

twitter dot com

twi t t e r   d  o  t    c   o   m

LOL

[palmen-emoji]

MFB-Lieblingsscherben: Sommer

Mirko Schwab am Samstag, den 8. September 2018 um 15:30 Uhr

Schwab porträtiert im Auftrag der Musikförderung MFB die liebsten Neuerscheinungen straight outta Bern. Die Kategorie «Hype» ehrt das Langjährige, Brillante, Ausgefeilte und Vielgehörte, das den Berner Pop über die Kantonsgrenzen hinausträgt und im Feuilleton Wellen schlägt. Die Kategorie «Hope» gräbt in den Tiefen des Untergrunds und verstärkt, worüber noch geflüstert wird – Erstlinge, Fundstücke, Demos.

Hype:
Baze – «Gott»

Der Meister der Schwerblütigkeit ist zurück. Weg war er nie. Zu tief die Furchen, die sein letztes Werk «Bruchstück» ins Sandsteingemäuer geschrissen und es zu einem Schlüsselwerk der Popgeschichte dieser kleinen Stadt gemacht haben. Nun bietet auch der neue Silberling reichlich Anlass zum Verdacht, dass wir es mit einem Künstler in der besten Phase seines Schaffens zu tun haben dürften. In dunklen Schwänken erzählt uns Baze von Nebel, Rost und Staub – und zwischen den bald futuristischen, bald postapokalyptischen Beats, zwischen den grossen Fragen und den kleinen Versäumnissen, bei all der schlechten Laune über gutgemeinte Ratschläge und bei all der vergeudeten Zeit – es keimt sowas wie Hoffnung auf.

Hype:
Aeiou – «You Won’t EP»

Willkommen in der Diskothek des Oli Kuster. Der stille Schaffer mit der Vorliebe für körnig synthetisierte Tastensounds und einem Talent zur gleichermassen verführerischen wie cleveren Popschreibe, er lädt zum Tanz again. An seiner Seite: Die in Basel beheimatete Liechtensteiner Sängerin Karin Ospelt. Sie schenkt dem wandelbaren Unterfangen Aeiou ihre wohltemperierte Stimme und ein unwiderstehliches Melodiegespür. Und also sind wir den Hits des im Mai erschienenen Extended Plays unlängst erlegen.

Hype:
Migo & Buzz – «Partys im Blauliecht 3»

Wer vereint Untergrund und Hitparade denn sonst so unkompromittierbar und kredibil? Die dritte Episode aus der Serie «Partys im Blauliecht» liefert womöglich auch die Blaupause des Erfolgs um die beiden brothers in krime Migo und Buzz: Letzterer glänzt mit von den Verlockungen des Zeitgeists unbeeindruckten, bittersüssen Backbeat-Riddims, schnörkellos und stilsicher. Und darüber: die offenherzig politisch engagierten und doch immer wieder angenehm schulterzuckenden Zeilen Migos – mal Vorplatzpoet, mal Vorstadtprolet, dazwischen viel Grauschattiertes. Und darüberhinaus: Fein platzierte Featurings von Geistesgenossen wie Tommy V. Chefmetaphoriker und schliesslich Bruderküsse unter Chaoten, Theo Äro, Iroas – Platz 4 in der Hitparade, who gives a fuck. Es ist gar nicht so schwer, real zu sein.

Hope:
Dean Wake – «The Mountaineer»

Tief unter dem frivolen Treiben der Aarbergergasse verschanzt sich eine Band im Proberaum. Vier Seelenbrüder im Luftschutzbunker. Und so klassisch das Narrativ der vom Tageslicht verschonten, in schlechter Luft gegärten Gitarrenmusik, so gültig ist diese Version davon: «The Mountaineer» kündigt den auf Mitte September terminierten Zweitling an. Und es sieht nach Aufbruch aus, gut gereift verhelfen Dean Wake dem kanonisch todgesagten Independent-Rock vielleicht zu einer Renaissance. Erlesene Gitarrensounds, findiges Songwriting, gehörig Drive unterm Arsch und eine elegische Baritonstimme liefern Argumente. Doch überhaupt gilt am Schluss nur das Lied – diese erste Single, sie ist ein gutes.

Die MFB hat sich das Fördern junger Berner Popkultur auf die Fahne geschrieben. Die interessantesten Neuentdeckungen finden Sie in der Spotify-Playlist «Sounds Like Bern».

Oder warum der Smiley uns gehört.

Urs Rihs am Freitag, den 7. September 2018 um 12:32 Uhr

Samstagnacht, im Hagel von Gummischrot und beissenden Wolken von Capsaicin, da lag er plötzlich am Boden, zwischen den Scherben, mit Kugelschreiber gezeichnet auf das gelbe Wuchtgeschoss.
Dieser Smiley galt uns – aber gehören tut er das sowieso.

Eine rote Linie überschritten – würde good ol’ Paul Rechsteini wohl sagen. Popkulturelle Appropriation bei der Polizei!
Dieses simple Lächeln, ein Symbol der Attitüde, der COOLNESS, als Waffe der Exekutive missbraucht. Das sagt vieles aus – auch wenn Aussagen grundsätzlich verweigert gehören – über den state of mind einzelner Einsatzkräfte.

Original police-bern material.

Aber erst ein kurzer Blick über die Schulter: Smiley, der oder das – ursprünglich entworfen in den 60ern von einem gewissen Werbegrafiker namens Harvey Ball aus den godfuckin’ U.S. of A. – wurde nach seiner Geburt schnell zu einer Insigne der Gegenkultur. Ende der Achtziger gar zum Gallions-Icon der Acid House Bewegung aus Chicago. Das war pure underground. Dann kam der second sommer of love auf der Insel, der Rave und der Rest ist Geschichte.

Auch im Comic avancierte der gelbe Kreis mit dem nasenlosen Lächeln zum Zeichen der Alternativen, der Kaputten, Zyniker und Antihelden. Am prominentesten vielleicht als «The Button» im Superhero-Noir WATCHMEN ebenfalls aus den 80ies. Oder, knapp zehn Jahre später, im schwerstgesellschaftskritischen SciFi-Gonzo-Epos TRANSMETROPOLITAN als dreiäugige Variante und als Reminiszenz – der Smiley wurde weiterverwendet als Bezeichnendes, als Signifikant: Für das Dagegen.
You dig?

Und natürlich durfte das Proto-Emoji auch im Graffiti nicht fehlen. Unzählige Adaptionen und Varianten gab es davon, wahrscheinlich am konsequentesten und radikalsten wurde es in unseren Breitengraden von «OZ» aka «Oli» in Hamburg gesprüht und umgesetzt. Bis er 2014 von dieser verfluchten S-Bahn in den Tod gerissen wurde – R.I.P. Brother.

Was es zu beweisen galt – der Smiley untermauert Attitüde, wie eingangs festgemacht, und diese speist sich echterweise aus dem Unangepassten. Aus Homo- und Bürgerrechts-Struggles bei der Housemusik, als Ablehnung gegen den Mainstream im Comic und als Ausdruck des eigenen fehl am Platz Seins im Graffiti.
Die Liste wäre – vom Smiley losgekoppelt – um unzählige Beispiele zu erweitern. Wichtig ist, füttert sich Attitüde nicht aus «echtem» Leiden, untergräbt sie sich selbst, wird hohl und brüchig.

Wenn nun einzelne Köpfe im Polizeikorps es für nötig halten, ihre Geschosse mit Botschaften zu bekritzeln, bevor sie es auf Kopfhöhe verpulvern, dann kommt dabei erster Dinge ein archaischer Drang zum Zug, welcher über Jahrtausende bereits verbrieft ist.
Schon die Römer versahen ihre Schleudergeschosse mit Nachrichten an ihre Feinde und dass in zeitgenössischen Kriegen Bomben mit Schriftzügen versehen werden ist bekannt. Zum Nachdenken – aber nicht weiter tragischer als ohnehin schon.

Dass bei der Kantonspolizei aber offensichtlich mit popkultureller Symbolik der in die Schranken zu weisenden Gruppe kokettiert wird, lässt auf noch andere Defizite schliessen.
Wohlstandverwahrlost?
Das sind wir in unserem westlich-neoliberalen Diskurs alle, das greift auch bei der Exekutive als Begründung ihrer Verfehlungen nicht weit genug.
Vielmehr scheint hier tatsächlich die eigene Attitüde auf sandigem Grund zu stehen.
(Obwohl das Leiden vorhanden wäre.)
Vielleicht weil man merkt, dass sich das subjektive Sicherheitsgefühl im städtischen Kontext mehr und mehr von der «präventiven Präsenz» der Polizei zu lösen scheint? Oder weil die Uniform so schrecklich spannt und der Helm drückt?

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur: Cool sein dürft ihre noch lange nicht – dafür müssen erst die Waffen weg.
Und der Smiley, das Lachen –
das gehört uns.

The acid one.

“The Button” – WATCHMEN

TRANSMETROPOLITAN

“OZ”

 

 

 

Triff mich, wo ich leide

Mirko Schwab am Donnerstag, den 6. September 2018 um 12:01 Uhr

Das Schwob-Haus hat sein Innerstes nach aussen gekehrt. Impressionen einer Art Kunstausstellung.

Aldir Polymeris, Nicolle Bussien: «Soulseeker» (Bild: Aldir Polymeris)

«Please call me back / I miss you so much -»

Ich liege auf einer alten Matratze und stehle mich in fremde Leben. Eine Hörmuschel ist mein Schlüsselloch. Voyeur bin ich o. écouteur. Nummerierte Auschnitte fremder Realitäten sind zu hören, konserviert als Audiodateien, Voice Memos, beiläufig aufgenommen oder mit einem ganz bestimmten Ziel – die Geschichten bleiben unbekannt, die Intimität ist anonym.

Aldir Polymeris, Künstler aus diesem unbequemen Dutzend Künstler_innen, die im Schwob-Haus Einblick gewähren in ihr Schaffen. Er führt mich herum an diesem kalten ersten Septembersamstag, der auf die Laune drückt. Und also beste Voraussetzungen bietet fürs Alleinsein mit der Kunst. Wir beginnen im Erdgeschoss und diesem kleinen Zimmer mit der Matratze, das er früher bewohnt hat, das jetzt sein Atelier geworden und heute Kunstwerk ist. In Zusammenarbeit mit Nicolle Bussien, Atelier zweite Etage rechts, ist die Arbeit «Soulseeker» entstanden und hier beheimatet. Ein Softwarefehler eines File-Sharing-Anbieters habe tausende von anonymen Sprachnachrichten ins Netz gespült, erzählt er mir. «Soulseek» heisst das Programm, Peer-To-Peer, seit rund zwanzig Jahren werden so virtuelle Güter ausgetauscht im Graubereich der Legalität. Die beiden Kunstschaffenden haben sich des Fundus von Schnipseln angenommen und nach Kategorien der Intimität geforscht, anhand derer sie die Audiodateien – Konzertmitschnitte, Selbstgespräche, Liebesbekundungen – auf fünf Hörmuscheln verteilt haben.

Ich liege auf einer alten Matratze, es könnte meine sein oder irgendeine. Ich höre diese Stimme und es könnte deine seine oder igendeine. Anonymous intimacy.

Innerhalb weniger Tage sei die ursprünglich geplante kleine Führung für einen Verein der Kunstförderung zu einer regelrechten Ausstellung gewachsen, meint Aldir – zumindest fast. Er verweist auf die speziellen Voraussetzungen dieser «Schwob-Schau»; darauf, dass die Kunstschaffenden dort an die Oberfläche treten, wo sie sich gerade befänden. Im räumlichen Sinn in ihren Atelierstuben, an ihren Schreibtischen, an Leinwänden, an Bildschirmen, die sich im Schwobhaus über drei Etagen und einen grosszügigen Keller erstrecken. Und im zeitlichen Sinn, mit Arbeiten mitten im Prozess, mit Skizzen und mit Auslegeordnungen.

Triff mich wo ich hadere u. leide.
Triff mich rastlos in meiner Bleibe.

Es nachtet ein am Falkenhöheweg. Ausser mir und Aldir ist kaum mehr jemand da, die Weissweinflaschen sind bald leer und die Akkus der Geräte. Die Loops der vielen gezeigten Videoarbeiten erlöschen hie und da. Im Halblicht höre ich einer Klanginstallation von Emile van Helleputte zu, erstes Geschoss rechts. Es spielt ein Orchester aus Schwämmen. Angetrieben von kleinen Propellern und einer Schaltzentrale kriechen die Quader rhythmisch über den Parkettboden.

Ich steige in den Keller herab. Im geräumigen Atelier des Malers Janick Sommer wird der Prozess sichtbar; leere Leinwände, fotografische Vorlagen, New York City, ein verstörend sinnliches Bild einer Frau, die in der Spätsommersonne auf einem Balkon sitzt und dem Einsturz eines Zwillings des World Trade Centers zusieht, Narben des 21. Jahrhunderts, ein Liebespaar, darunter feinfühlige Strukturen, milde Farben, ein Fleck. Wieder hinauf. Christoph Schneeberger: Dragqueens machen sich für einen Auftritt zurecht, Identität, Intimität. Dahinter grossformatige Gemälde, laut, grotesk, fantastisch. Weiter hinauf und zuoberst, im ehemaligen Malsaal von Susanne Schwob selig: Dokumentarfilm im Standbild, angebracht über dem Schnittpult der Filmemacherin Tamara Milosevic. Reflexionen über politischen und religiösen Extremismus.

Frau Schwob hat hier oben Landschaften gemalt und Stilleben. The times they are a changin’.

Christoph Schneeberger. (Bild: Aldir Polymeris)

Die Community im Schwob-Haus, sie beschert dieser kleinen leisen Stadt Akzente. Folgen Sie der Einladung. It’s generous intimacy.

Im Schwob-Haus wird gearbeitet. Immer am Achten aber lädt die Ateliergemeinschaft zu Veranstaltungen rund um die zeitgenössische Kunst, Literatur und andere Dringlichkeiten. Diesen Samstag ausnahmsweise in der Sattelkammer mit Amélie Bodenmanns Ausstellung «F.L.U.S.S.». Es gibt Apéro.

Loveletter to a festival: Musikfestival Bern

Clemens Kuratle am Mittwoch, den 5. September 2018 um 2:34 Uhr

Kriegt vom Musikfestival nichts mit, macht ihre Sache aber trotzdem ganz gut. Möwe in Howth/IRL.

Bereits doppelt gebeutelt von Fischer und Kuratle, folgt hier eine detailliertere Liebesbekundung ans Musikfestival Bern.

Hört ihr Leute, die ihr sonst nicht hingeht um “Neue Musik” zu hören:
Tut es doch!

“Unzeitig” ist’s eh, dieses Festival. Der Zeitpunkt zum Hingehen kann gar nie der Richtige sein, ist beziehungsweise immer der Falsche (oder umgekehrt?) und die Inder spielen unterschiedliche Tonleitern, je nach Tageszeit. Für den Mittag gibt’s leider kaum Leitern, aber wer will da schon Musik hören?
Und so passt’s perfekt, dass das Ensemble Paul Klee genau dann Musik unter dem Titel «Aus der Zeit gefallen» präsentiert. (täglich um 12:15 im Ono)

Zeitlebens aus Zeit und Raum gefallen, ist auch der vor knapp 50 Jahren durch den Freitod aus dem Leben geschiedene “Composer in Residence” Bernd Alois Zimmermann, dessen kompromisslose Musik in verschiedensten Räumen Berns erklingen wird. Zum Beispiel in der Grossen Halle der Reitschule, am Donnerstag um 20:45.

Also gebt euch den Klängen hin! Wenn ihr was im Vornherein als intellektuell aburteilt, habt ihr selber schon zu viel darüber nachgedacht. Contemplatio, oder?! Und der Autor schweigt auch bald..

Kuratle empfiehlt:
– Die Lektüre des Programmhefts – Weil es sich lohnt.
– Die Installation von Strotter Inst. in der Zytglogge, zu Unzeiten wie 11:11, 13:13 etc..
– Die Uraufführung des Stücks «Home (Münstergasse 37)» von Jonas Kocher.
– Die Nachtgezeiten im Berner Münster. Kirchenkonzert ohne rückenfeindliche Bänke!
– Die Letüre des Programmhefts – Wegen des restlichen Programms.

Kuratle schätzt am Musikfestival, dass das Kuratorium, trotz des übervollen Programms, um ein stimmiges Ganzes bemüht ist. Mit der Tatsache, dass diese Fülle kaum kurz und knapp zusammengefasst werden kann, tut er sich jedoch schwer. Das Musikfestival startet heute mit einem Eröffnungsfest in der Dampfzentrale und endet Sonntags um 18:30 im Progrhof mit dem «Poème Symphonique» für 100 Metronome von György Ligeti.

Kulturbeutel 36/18

Mirko Schwab am Montag, den 3. September 2018 um 5:55 Uhr

Schwab empfiehlt:
Die besten Fachidioten rund um den Skiclub Toggenburg sind wieder in der Stadt. Hart einszweidreivier abnerden am Modularsystem – and there’s some good vibin’ improvised music at the end! Profis halt. Namentlich Tilmann & DeAdi sowie Olan Galactica, Rückendeckung sichern vorab Kreuzer & Brequenzer. Knallkopf Tobias Bollo besorgt das Bild. Selbstverständlich im Punto, vorderer Orient 3006, Samstagnacht ab 22:30.

JJ empfiehlt:
Freitagabend
verabschieden sich Rössli und Souli nach zwei Monaten Sommerbeiz mit spicey lateinamerikascher Tanzmusik vom Vorplatz der Reitschule. Die Boys* und Girls* vom Kollektiv haben sich den Arsch aufgerissen für niederschwelligen Gastrobetrieb mit Pizzas aus dem selbstgemauerten Holzofen auf einem friedlich belebten Vorplatz.

Geht hin, aus Solidarität für die übernommene Verantwortung in der schwierigsten und schönsten berner Problemzone und geht hin, weil es wie immer: nice sein wird. Geht hin, damit kein Platz bleibt für Gummischrot, Tränengas, Polizeigewalt.

Fischer empfiehlt:
Das Musikfestival Bern ist plötzlich zu einer intensiven Halbwoche zusammengeschrumpft. Zog es sich früher über gut und gern zwei Wochen, ist nun nach dem Eröffnungsfest am Mittwoch auch fast schon wider vorbei, am Sonntag. Dazwischen gibt’s aber jede Menge neue und alte und unzeitige Musik, und passend zum Thema auch oft zur wunderbarsten Unzeit, zum Beispiel um 5:59 und um 23:59 Uhr.

Die Ursi empfiehlt:
Parteilich sein, mit den Schwächsten, den Armen. Nicht karitativ, sondern auf Augenhöhe und mit Respekt. Das macht die Kirchliche Gassenarbeit Bern seit nunmehr 30 Jahren und ist mittlerweile in der Praxis vorzeigechristlichanarchistisch – es gilt alle Hüte der Stadt zu ziehen.
Und zum Jubiläum geht’s auf Kulturtour. Auftakt ist am Freitag bei der Warmbachbaugrube mit der Fotoausstellung «Ausgrenzung». Geht dort einen heben.

Der Kuratle empfiehlt:
Das Musikfestival, Mit Fokus Berner Münster, dort ist Kurator Daniel Glaus am wirken. Mit der Orgel wie auch kompositorisch am Puls der (Un)zeit. Nicht hip, dafür zeitlos!
Und: best-elle tauft am Freitag ihre Platte in der Cafete.  Die junge Frau hat was zu sagen! Mitnehmen: Skibrille und Gasmaske, falls die Staatsgewalt wieder am Üben ist und ein offenes Herz.

#BernNotBrooklyn

Roland Fischer am Sonntag, den 2. September 2018 um 10:27 Uhr

Bern ist zwar nicht Chemnitz/Charlottesville/Ankara, aber hey, auch in der Hauptstadt ist Krise. Beispielsweise in und um die Reitschule, an so einem ganz normalen Samstagabend.

Drinnen, nach drei Stunden Krisenbeschwörung: ein knallrotes Gummiboot lehnt an der Wand, eben standen da noch vier Sänger im Frack drin und sangen ein letztes, trauriges Lied. Draussen nimmt sich die Polizei derweil von der Schütz was sie will. Freiraum und Tränensalven. Räuber und Poly. Sehnsucht nach dem Knall.

Und drinnen Karaoke mit Livemusik. Leave ’em burning and then you’re gone.

Von Studeyeah nach fern

Urs Rihs am Samstag, den 1. September 2018 um 9:53 Uhr

Ein kleiner Exkurs gewagt mit einer Band –
und vom Balkon aus,
vom Vorgarten, vom Schiff aus?
Mindestens in der Phantasie – in die weite Welt hinaus.

Abflug ist vom Lorrainepärkli oder genauer war, denn am letzten Samstagnachmittag an der Quartierchilbi passiert.
Auf der Bühne stehen vier wohlverlumpte Spitzbuben aus dem Seeland und spielen Synth-Reggae, singen Mundart, erzählen Geschichten, lachen und rauchen Hase dabei. Studeyeah,
öffnen das hermeneutische Fenster, einige Zeichen lassen sich deuten.

«Fründlechkeit kennt keni Gränze, im Migros Restaurant ds Gränche

Schertenlaib & Jegerlehner als Vorboten – Reggae aus dem Emmental – haben’s mit dem «Sämi» vorgemacht. Das Heimatliche lässt sich bestens löchern. Dazu genügt tatsächlich auch schon etwas Off-Beat, dabei das lokale Idiom beibehalten, und schon reicht der Horizont von der Stammbeiz bis an den Strand, vom Bären bis nach Kingston. Mundart-Exotica?

«Zum Heue het mi Vater ä Chappe a, är stosst siner Dreadlocks unger d Wulle.»

Exotica, das ist in der Musik Ausdruck einer Sehnsucht, vom kleinen «Andern», aber unter Beibehaltung eines eigen Genuinen, echt Hiesigen. Dem Dialekt beispielsweise. Triebgefedert von der Lust und Neugierde auf das Fremde.
Schliesslich schlummert in jedem und jeder – mindestens unterbewusst – die Ahnung der eigenen Unvollständigkeit.

In Garagen hängen Poster von Thailand, im Atelier ein Schwarzweissfoto von Patagonien, im Coiffeur Salon die Postkarte aus Ascona.

Alle wir brauchen das Fremde, um nicht gottjämmerlich vor die Hunde zu gehen.
Wer das verneint, verdrängt, vergisst, vergiftet sich nach und nach mit dem schlimmsten Sozial-Toxin: Der Ignoranz.
Das Antidot das Phantasma, das Spiel, der Nonsens – die Kunst.

«No man, I want no island man, i wott uf ds Feschtland, do you understand?
If you like the alps, go there for your holidays, dunge am Louenesee.»

Studeyeah, die Anti-Boygroup aus der rausten Hippiesiedlung der Schweiz, aus Biel aka BNC, betoniert mit ihrem Sound eine Startbahn, um Ideen fliegen zu lassen. Und weil das nicht an der Hochschule für irgendwelche Künste seinen Anfang nahm, sondern auf dem Basketballplatz, dem Migros Restaurant und zwischendurch auch vor dem Altersheim zum Stehen kommt, hat es das Potential alle zu erreichen.

«Chunsch ines Heim s geit nümm Daheim was isch das für nes truurigs Game?»

Quer durchs gesellschaftliche Spektrum. Studeyeah reicht sanfte Hände, über perfekt gestutzte Gartenhecken, über Wagenburgen, über Stammtische und überhaupt. Alle schmunzeln zusammen – von Stdeyeah nach fern – aber ironisch ist das nicht, sondern immer auch scharf, mitunter kritisch und vor allem,
vor allem versöhnlich.


Die rauchende Schildkröte, Insigne der Verweigerung, gibt’s von Studeyeah auch auf T-shirt …

Ave Verum

Mirko Schwab am Mittwoch, den 29. August 2018 um 5:55 Uhr

Erzählungen aus dem jüngsten Internetz: «Why white men should shut up» meint ein weisser Mann. Männer seien Trash, meinen die Frauen. Der Trash lande in den Meeren, finden alle. #MenArePlastic. Das führe zu Übergriffen auf die Meerjungfrauen. Ja, aber wegen frauenfeindlichen Ausländern. Weil dennen würden ja schon im Bubenalter 72 Meerjungfrauen versprochen und da müsse man sich nicht wundern, müsse man sich nicht. Bedenklich, bedenklich, fürwahr bedenklich, wie das alles zusammenhänge, alles wahre Zusammenhänge von Chemtrails bis Chemnitz im geistigen Trailerpark peripherer Männerchöre.

Männerchöre, unheilige. Sie singen im Spalt der Kommentare, sie singen auf den Strassen von Charlottesville, Virginia und in eben: Chemnitz, Freistaat Sachsen. It is a man’s world in ihren letzen Zügen und die braune Scheisse ist back again im Herzen von Europa, draussen vor der Tür.

Esto nobis praegustatum in mortis examine!
Sei uns Vorgeschmack in der Prüfung des Todes!

Derweil, draussen vor der Tür: Ein Männerchor. Das Vokalquartett aus Minsk hat sich unter den Lauben formiert, vierstimmig und selig. Weit weg ist die übliche Strassenmusik, das Einerlei der Einfallslosigkeit. Und viel weiter noch: die lauten, verängstigten Männer aus dem Internetz, der blinde Hass in wutwülstigen Gesichtern. Draussen vor meiner Tür ist die Männlichkeit eine Viertelstunde lang schön und verletzlich, stolz und unaufdringlich. Und so sehr der Männerchor wohl aus der Mode geraten ist dieser Tage, so sehr trinke ich den nächsten Schnaps auf ihn, auf das weißruthenische Vokalquartett, das ganz zufällig ein Fenster der Anmut gestiftet hat gegen das kakophone Geläut out there. Eine Detox-Viertelstunde lang.