Postkarte aus Jesolo

Anna Papst am Donnerstag, den 10. Mai 2018 um 1:29 Uhr

Stell dir vor, es ist Massentourismus, und keiner geht hin

Lido di Jesolo, das heisst von 1. Juni bis 1. September: Hier liegt man Tuch an Tuch. Bikinischönheiten sonnen sich neben Seniorenplauzen, tätowierte Bodybuilder bauen mit ihren gepiercten Kleinkindern  Sandburgen, Grosis spielen mit halbwüchsigen Schnauzträgern Softball.

Mitte Mai ist trotz herannahendem Feiertag und angekündigtem Stau Richtung Süden kein Schwein am Strand. Hunderte von aufgestellten Sonnenschirmen bleiben unbenützt, in der einen bereits geöffneten Gelateria steht niemand Schlange, die einzigen Spuren im Sand sind die eigenen. Jesolos Hauptsaisonhauptsprache ist Deutsch in allen Schattierungen: Hier wird Platt geredet, gesächselt, berlinert oder schaffhausert, dass einem die Ohren klingeln. Zur Zeit ist es ruhig; wenn man doch einmal einen anderen Menschen vernimmt, parliert er in weichem Italienisch.

Weil kaum Touristen da sind, hat nichts geöffnet: Der Spielsalon so wenig wie die Ortsdisko oder der Vergnügungspark. Nach 21 Uhr fährt kein ÖV mehr. Das Wasser im Swimmingpool wurde abgelassen. Ein öffentliches Wi-Fi ist für die digitale Ablenkung vorgesehen, seine Leistung bricht jedoch nach 30 Sekunden Betrieb zusammen. Der Aushang des Internetcafés lautet: Geschlossen bis 2. Juni. Aus der massentouristischen Traumdestination ist ein Ort geworden, an dem Alternativreisende auf der Suche nach Entschleunigung fündig werden können.

Ich suche mir eine der schier unzähligen freien Liegen aus und lese den ersten Satz meiner 800-Seiten-Lektüre. Unterbrochen werde ich in den kommenden acht Stunden garantiert durch nichts und niemanden. Es lebe die Nebensaison!

 

Jessica Jurassica #11

Mirko Schwab am Dienstag, den 8. Mai 2018 um 11:16 Uhr

party fun im club / wenn du keinen bh trägst heisst das du willst vögeln / wenn du dich einladen lässt heisst das du willst vögeln / und wenn nicht heisst das dass du später dann vlt doch noch vögeln willst / es ist dieses eine nightlife game / sex und alkohol und gewalt und tensions / betrunken geküsst / betrunken geprügelt / donnerstag freitag samstag und in den sonntag hinein / nur noch einen letzten drink / eine letzte zigarette / immer und immer wieder / leere bier flaschen / döner kebab falafel im brot / müll in den gassen / erbrochenes und urin / rnb und trap und party tunes und strobo licht / bis niemand mehr sich spürt / zur orientierung nur noch die rauschgifte im system und die schallwellen im raum / weil gewebe über die netzhaut gewachsen ist / und über das trommelfell

Jessica Jurassica ist unsere bissige Gastautorin, die in unregelmässigen Abständen aus dem bernischen Prekariat berichtet. Zur Erinnerung: Boy Schwab hat hier ausführlich introduced.

Kulturbeutel 19/18

Milena Krstic am Montag, den 7. Mai 2018 um 5:50 Uhr

Die Krstic empfiehlt:
Blinkende Bäume, strauchelnde Beats und nebenan zieht die Aare vorbei: Die Dampfzentrale bietet am Donnerstag Die lange Nacht der elektronischen Musik, an der sich ds Düremache lohnen wird. Am Samstag tauft Steff la Cheffe ihre «Härz Schritt Macherin» im Dachstock. Da ich Spotify-Premium-Abonnentin bin, hab ich schon hereingehört. Mein Lieblingstrack so far ist der Opener: «Demontiere dFassade» singt sie in «Himbeergschtrüpp». Da will ich dabei sein.

Der Urs empfiehlt:
Auf Rasen liegen, im Halbschatten von Bäumchen, dazu Oliven essen und Geschichten wälzen. Auf Holzstegen sich sonnen, im Halbschlaf und entfernten Melodien lauschen. Am Samstag öffnen sich die Türen zu unserem Sonnentempel – dem Lorrainebedli.

Fischer empfiehlt:
Ab Freitag pilgert man wieder nach Solothurn, wenn man Bücher mit allem Drum und Dran mag. Und vorher am Donnerstag noch rasch eine gute Portion Elektronisches, in der Dampfere; und zuerst reichts noch in die Cabane B, wo Florian Bürki in einer 4-Kanal-Installation analoge und digitale Elektronik vermischt. 

Frau Feuz empfiehlt:
eine ordentliche Ladung Konzerte und Bingo:  Am Dienstag sind die Doommetaller Spotlights im Rössli zu Gast am Donnerstag gibts im ISC bei Born from Pain eine ordentliche Ladung Hardocre auf die Ohren, am Freitag tauft Reverend Beat-Man & the New Wave das neue Album in der Heiteren Fahne und am Sonntag sind dann wiederum im ISC die Postrocker von Caspian zu Gast. Bingo? Am Freitag im Kairo.

Schwab empfiehlt:
Ach, bongoboi Urs, unverbesserlicher Schöngeist – c‘est pour toi. Obacht! Eigenwerbung für meine Herzensbuben. Disclaimer: Fuck you. Der krautsy Impro-Wahnsinn Caesarean Moons begeht Plattentaufe. Davor homeboi Howald im Föhn seiner drei Verstärker. Musikalisches Verspultsein also für die wachen Geister der Sandsteinstadt. Ein Freitagabend im Puntokeller.

#BernNotBrooklyn

Urs Rihs am Sonntag, den 6. Mai 2018 um 13:21 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los

Beispielsweise in der Zar, der Bar deines Vertrauens im Mattenhof.

Dort lief gestern die Zeit während fünf Stangen laut.
Sitzend zwischen drei angegraut-brutalgutaussehenden Vätern.
Ihre Spunde schlecken Becher der Gelateria.
Sie rauchen Zigaretten.

Einer fehlt.

Und die Welt stand sich während fünf Kurzen näher.
Diskutierend mitten drei schweraufgeschlossenen Geistern.
Ihre Ideen recken bis in den Himmel.
Sie rauchen selbstgedrehte Zigaretten.

Einer fehlt.

Er hätte in die Runde gehört.
Er hätte sich in der Runde gefallen.
Er ist zu früh aus der Runde gefallen.

Eine hebt –
ihr Glas und sagt:
«Noch einen Letzten und ein Hoch auf einen der –!»

Epitaph: “Zum Wohl ihr Übriggebliebenen – hütet mir mein Pflaster!”

Sympathische New-Wave-Ikone

Gisela Feuz am Freitag, den 4. Mai 2018 um 14:07 Uhr

Wenn Sie auch schon mal an einer Gotik-Party die Wand angetanzt haben, dann kennen Sie Anne Clark, denn ihr Songs Our Darkness und Sleeper in Metropolis gehören zum Standard-Repertoire jedes anständigen Nachtschatten-DJs. Anne Clark ist aber viel mehr als einfach nur eine Frau, die in den 80er-Jahren einen New-Wave-Hit landete. Die heute 57-jährige Engländern, die sich Rilke und anderen deutschen Poeten verbunden fühlt, kann getrost als Pionierin der Spoken-Word-Kunst bezeichent werden. Filmemacher Claus Withopf hat der Grand Dame des Synthie-New-Waves nun einen Dokumentarfilm gewidmet: «I’ll Walk Out Into Tomorrow» ist ein fesselndes Porträt über einen beeindruckenden Menschen geworden.

Eigentlich habe sie doch immer nur Bücher und Gedichte schreiben wollen, beschreibt Anne Clark ihre Jugend im grimmen Londoner Stadtteil Croydon. In der Working Class-Umgebung sei sie damit aber auf wenig Begeisterung und Verständnis gestossen. Als dann Mitte der 70er-Jahre die Sex Pistols auf der Tapete erschienen und die ganze Punk-Bewegung losgegangen sei, habe sich das für sie wie eine Befreiung angefühlt, erzählt Clark. Der Do-It-Yourself-Charakter der Bewegung sei ihr entgegengekommen, ihr, die schon früh mit ihrem Kassettenrecorder Geräusche aufzeichnete und mit analogen Synthesizern zu experimentieren begann. Ab 1982 gab Clark im Jahresrhythmus Alben heraus, wobei sich das vierte davon, «Pressure Points», sieben Wochen in den Charts hielt. Offenbar hatte die junge Engländerin mit ihrer Mischung aus rhythmisch gesprochenen Weltschmerz-Texten gekoppelt mit elektronischer Musik den Nerv der Zeit getroffen.

Als 16-jährige Punkrockerin hätte sie nicht gedacht, dass sie einmal halbklassische Konzerte in einer Kirche spielen würde, sagt Clark in «I’ll walk out into tomorrow». Mit viel vergnüglichem Archivmaterial aus den 80ern und Interviewmitschnitten zeichnet Claus Withopf in seinem Dokumentarfilm den Weg der Anne Clark nach, wobei es ihm gelingt, die grosse Sensibilität und Reflektiertheit dieser Künstlerin fühlbar zu machen. Ihre atmosphärischen Sprachgebilde haben bis heute nicht an Eindringlichkeit verloren und auch wenn sich Anne Clark in ihren Texten als zeit-, gesellschafts- und konsumkritischer Geist erweist, so ist sie dabei doch niemals bitter, sondern steht ein für Gefühl, Vielfalt und Toleranz. «I’m so intolerant when it comes to intolerance», sagt sie. Man muss sie einfach mögen, diese Anne Clark.

«I’ll Walk Out Into Tomorrow» lief am Montag zum letzen Mal in der Cinématte. Es wird nicht gemault. Schauen Sie halt selber mal ins Filmprogramm der Cinématte rein, odr.

MFB-Lieblingsscherben: April

Mirko Schwab am Donnerstag, den 3. Mai 2018 um 16:32 Uhr

Schwab porträtiert im Auftrag der Musikförderung MFB  die liebsten Neuerscheinungen straight outta Bern. Die Kategorie «Hype» ehrt das Langjährige, Brillante, Ausgefeilte und Vielgehörte, das den Berner Pop über die Kantonsgrenzen hinausträgt und im Feuilleton Wellen schlägt. Die Kategorie «Hope» gräbt in den Tiefen des Untergrunds und verstärkt, worüber noch geflüstert wird – Erstlinge, Fundstücke, Demos.

Hype:
Chris Karell – «Love & Acceptance»

Eigentlich schon im März erschienen, ist uns das Album des englischsprachigen Künstlers Chris Karell – bis heute – unterm Radar durchgeschlittert. Und das, obwohl sich der Yungspund auf seinem Promobild wie Kendrick L. vor eine rote Ziegelmauer stellt, auch musikalisch wenig provinzielle Bescheidenheit durchblicken lässt und an der m4music-Demotape-Klinik bereits dick abgeräumt hat … Shame on us. «Love & Acceptance» ist ein überwältigend stilsicheres, weltgewandtes und auf amerikanisch Zeitgeist produziertes Werk geworden, mit Rhythmus und Blues und Auto und Tune – es wird ihm Liebe bringen und Akzeptanz.

Hope:
Juno Boys – «Ma Im Chopf»

Ebenfalls ein März-Nachtrag, ebenfalls irgendwie Rap – und doch ganz anders. Die Juno Boys liefern mit «Ma Im Chopf» einen kleinen Untergrundhit ab, der, unzimperlich auf depressiv getextet und im Lobotomie-Flow getaktet, die Atzendisko zurückbringt, dass man sich die mitgrölende Schar an der Piratenbar sofort vorstellen kann. Eine hübsch-verfängliche Hook gibts obendrein und die Gewissheit, dass Bern mal wieder eine solid asoziale Rap-Band am Start hat. Ein ganzes Album komme bald – wir sind gespannt.

Die MFB hat sich das Fördern junger Berner Popkultur auf die Fahne geschrieben. Die interessantesten Neuentdeckungen finden Sie in der Spotify-Playlist «Sounds Like Bern».

Handlung Nebensache im REX

Urs Rihs am Mittwoch, den 2. Mai 2018 um 13:37 Uhr

Da läuft «A Beautiful Day» oder «You Where Never Really Here» (warum auch immer der Streifen zwei Namen trägt?) von der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay. Klassischer Neo Noire, hat einen Haufen Vorschusslorbeeren aus dem Feuilleton geerntet und dafür gibt’s wortwörtlich schlagende Argumente.

Aber die Handlung – Birnen verhämmern & Kinder retten –  ist es nicht und deswegen nicht weiter schlimm. Hatte Taxi Driver eine Handlung oder Mad Max? – Trotzdem kult.

Es sind die Bilder und Einstellungen ikonographischer Stärke, welche A Beautiful Day seine Vehemenz verleihen, seinen Ausdruck.

Stärkste Antagonistenpaare duellieren sich während 90 bannenden Minuten. Barocke Szenerien – stellvertretend für Machtdekadenz und morbideste, postdemokratische Moral – versus schlichtesten Konsequenzialismus – als Metapher theoriebefreiter Handlungsethik.
Wer Gerechtigkeit will, muss machen, nicht labern.
Das passiert bei A Beautiful Day in klassischster Antiheldenmanier – oldschool – und die steht Hauptdarsteller Joaquim Phoenix (Her, Two Lovers, u. v. a.) wie ein massgeschneiderter Anzug italienischer Handfertigung. Obwohl er hier vornehmlich in ausgebeulten Cargos und abgewetzten Hoodies durch den Plot driftet. Einen Ablauf den er dabei gleichzeitig gewaltschwängert und mit rührender Zärtlichkeit zu durchweben vermag. Selten so existenzialistisch reduziert gesehen – ein starkes Stück Film.

(Läuft heute um 14:15 Uhr, morgen um 20:45 Uhr, freitag “”, samstag “”, sonntag “” – im REX)

Auch bezüglich Arbeitsutensilien herrscht bei “A Beautiful Day” Reduktionismus – oder ist das Ganze doch etwa mehr als die Summe seiner Gewaltszenen?

 

«Wohnsippenhaft»

Urs Rihs am Dienstag, den 1. Mai 2018 um 13:13 Uhr

Für wenig Batzen in unserer Stadt zu leben, grenzt an eine multidisziplinäre Kunstform. Verkompliziert wird die Aufgabe durch eine kaum zu bereinigende Altlast unserer Gesellschaftsform – der guten alten Diskriminierung von Minderheiten.

Anlass zu diesem Hieb gegen die besitzende und verwaltende Klasse des städtisch vorherrschenden Kryptowohnfaschismus, ist eine Mail, die ich von zwei Freunden weitergeleitet erhalten hab.

Seit langem auf Wohnungssuche die beiden.  Nach etlichen – meist unbegründeten – Absagen, hatten sie die Nase langsam gestrichen voll. Verständlicherweise.
Also hakten sie nach, fragten nach einem Grund. Erhielten sie die letzte Absage doch für eine Wohnung, welche direkt von einem bekannten Paar hätte übernommen werden können. Und das trotz fristgerechtem, vollständigem und auch sonst vorbildlichem Bewerbungsdossier.

Vermieter müssen ihre Entscheide nicht begründen, vom Legalistischen her, das ist ein Privileg unter vielen, welches ihnen zukommt.

Sogar eine Wohnungskündigung muss seitens Besitzer nicht begründet werden. Der Mietpartei kommt lediglich das Recht zu, eine Begründung zu verlangen. Was das bedeutet?
Fragen darf man – Antworten muss darauf niemand. Na dann ist ja gut …

Zurück zum Fall meiner Freunde aber, die haben nämlich tatsächlich Antwort erhalten, und zwar folgende:

Der Beweis einer ehrlich-üblen Sache.

Cool, danke der Ansage. «Immerhin ehrlich!» könnte man monieren.
Wenn der Idiot sich durch Ehrlichkeit als solcher offenbart, bleibt aber vor allem mal etwas – dass es sich um einen Idioten handelt.
Und die anerkannte Rassistin auf dem Podium ist keinen Deut besser als der verkappte Xenophobe hinter seiner Hecke. Capisch?

Realität – Menschen aus dem Jugo kennen die Leier mit ihrer Namensendung am Telefon. Menschen mit einem Hautfarbton, welcher auch nur minimal von Geisterweiss abweicht, kennen das Spiel bei der Wohnungsbesichtigung. Und offenbar müssen eben auch Menschen, deren Beruf und Umfeld nicht in erzreaktionäre Vorstellungen von Sittlichkeit aus dem vorletzten Jahrhundert passt, auf dem lokalen Wohnungsmarkt mit Diskriminierung rechnen.

Aber lassen wir die Empörungsschreie verhallen. Es stellen sich schliesslich Fragen. An erster Stelle vielleicht: Was dürfen Vermieter von Mietinteressentinnen an Daten sammeln und erfragen? Diesen Beitrag weiterlesen »

Kulturbeutel 18/18

Gisela Feuz am Montag, den 30. April 2018 um 6:24 Uhr

Frau Feuz empfiehlt:
heute Abend den letzten Comedy-Club im Bonsoir mit dabei: Lisa Catena, Gabriel Vetter, Jane Mumford, Pony M., Zukkihund und Herr Richiger. Am Mittwoch gibts mit Christian Kjellvander und Twin Bandit eine Doppelpack Anti-Folk im Murifeld Kultur Atelier und am Samstag feiert der wunderbare Nerd-Verlag Edition Taberna Kritika 10-jähriges Bestehen, mit dabei: Christian de Simoni, Dominik Riedo, Elisabeth Wandeler-Deck, Franz Dodel uva.

Die Krstic empfiehlt:
Pamela Méndez’
Plattentaufe natürlich. Am Mittwoch im Progr. Im Vorprogramm spielt die auch tolle Melissa Kassab. 

Schwab empfiehlt:
Frau Méndez eben, die sich den karrieristischen Logiken des Musikbusiness versperrt hat, ihre Existenz als Musikerin und Mensch immer auch politisch denkt und die Dinge selber macht aus Prinzip. Wäre die Musik auf der neuen Platte nun nicht so anmutig … was wär ein solcher Handstand wert? Aber Frau Méndez eben, sie klingt – und am Bestechendsten klingt sie inmitten ihrer feinen Band. War mein Plan, Krstic! Jetzt musste ich halt schnell ausholen.

Alternativ oder ergänzend geben Sie sich bitte Hanspeter Nsames Heldentor in Dauerschleife und trinken Prosecco und machen viel Liebe.

Der Urs empfiehlt:
Möglichkeiten um selbstbestimmt alternative Wohnformen zu leben, sind auch in unserer Rot-Grünen Stadt Mangelware. Zu wenige Liegenschaften in genossenschaftlicher Hand, kaum Wagenplätze, Gentrifizierung der Quartiere und wer also nur wenig Geld hat, ist per se gelackmeiert.
Das Kino der Reitschule nimmt sich dem Thema an und präsentiert den Filmzyklus «LEBST DU NOCH ODER WOHNST DU SCHON».
Starten tut das am Freitag mit dem Streifen Die Strategie der Schnecke vom kolumbianischen Regisseur Sergio Cabrera. Und wer dazu nach passender Lektüre sucht, gönne sich das Standardwerk Das  Recht auf Sadt von Henri Lefebvre. Ein Klassiker der zur Moderne.

Fischer empfiehlt:
Im Käfigturm (ausgerechnet!) wird in einer Ausstellung und einer Veranstaltungsreihe darüber nachgedacht, was Öffentlichkeit im digitalen Raum bedeutet. Mittwoch ist Vernissage, Donnerstag gibt’s eine Diskussion zur Frage, ob im Internet alles allen gehört. Wozu wir hier ja auch was zu sagen haben, also stellen wir auch gleich das halbe Podium.

Jessica Jurassica #10

Mirko Schwab am Samstag, den 28. April 2018 um 14:44 Uhr

es ist wieder dieser eine frühling in der town / auf dem balkon growen bereits die pflanzen und draussen in der garten kolonie am stadtrand spriesst das erste gemüse / bald werden auch da wieder die sonntage zu boden grilliert und beiläufig invasive neophyten verbrannt / die vögel sind aus dem süden zurück und das vögeln aus der winterlichen introvertiertheit / nur die trolle bleiben in ihren dunkeln keller löchern und betreiben das anonyme game von hetze und hatespeech / aber auch im www wo die sonne nie scheint kippt die absurdität des hasses immer mal wieder richtung belustigung / wenn ein hund der zwei menschen tot gebissen hat von einigen rechtsextremen freaks zum freiheitskämpfer ernannt wird / wenn bayrische politiker mit kruzifix posieren / wenn kanye west auf twitter mal wieder irgendwo zwischen kalender sprüchen und liebes bekenntnissen für trump driftet / wenn die tanzperformance der christen auf dem bundesplatz als sehr gay geoutet wird / dann kann man getrost mal ein wenig in die timeline rein grinsen / das phone ausschalten / die shades montieren / die füsse in die aare dippen / und sich an der sonne und den vögeln erfreuen

Jessica Jurassica ist unsere bissige Gastautorin, die in unregelmässigen Abständen aus dem bernischen Prekariat berichtet. Zur Erinnerung: Boy Schwab hat hier ausführlich introduced.