Kulturbeutel 40/18

Urs Rihs am Montag, den 1. Oktober 2018 um 5:56 Uhr

Der Bongoboi empfiehlt:
Ich besass mal einen schönen Revox Verstärker, von meinem Onkel – hat’s verblasen als «The Maggot» von den Melvins auf dem Plattenteller lag …
Drum geh ich am Sonntag in den Dachstock und verlang Vergeltung!
(Scheiss auf Legendenstatus und so – dem Alarmismus, um im Musikgeschäft Shows anzupreisen – aber das sind scheiss Legenden!)

Fischer empfiehlt:
Gleich zwei Film-Tourneen kommen diese Woche zu Besuch in die Cinematte. Heute startet das Cinema Italiano mit fünf aktuellen Filmen von südlich den Alpen. Und am Freitag dann schaut das Fantoche vorbei, mit einem Best-Of des diesjährigen Festivals.

Schwab empfiehlt:
Das, wo der Bongoboi Urs auch sagt. Und darüberhinaus: Galerie Duflon-Racz, Vernissage des «Fujicolor Crystal Archive». Ein wunderschöner Name, nicht? Fotografische Arbeiten der Berner Künstlerin Anouk Tschanz, Weisswein, Freitag.

250 Lastwagen und stolz drauf.

Urs Rihs am Freitag, den 28. September 2018 um 12:23 Uhr

Es riecht nach Herbst im Wankdorfquartier und der ganzen Siedlung.
In den Werkhöfen des Tiefbauamtes werden die Zündkerzen der Laubbläser mit Messingdrahtbürsten gereinigt. Die Besen gebunden, die Strassensauger poliert.
Bis Ende Saison gibt das etwa einen riesigen Haufen Blätter – 250 Lastwagen voll.

Erst halten die Bäume aber den Schnauf an. Saugen ihrem Laub den Stoff ab.
Das Blattgrün weicht, kommt das Rot, dann der Fall.
«Es geht um Leben und Tod» steht in der GEO, ein Laubbaum würde den Winter mit Blättern nicht überstehen, zu schwer wöge die Last der Krone.

Es riecht nach Modder, nach Muff, erdig, weil das Laub verfault.
Nach Reifearomen und animalischen Noten – Herbst.
Die Atmo filtert uns das flach einfallende Licht der Heliumkugel warm und die Farben ballern Kontrast – Herbst. Die Stadt erscheint im Aufputz.

Und die Tiefbauämtler rücken an – zu ihrem Pièce de Résistance:
Den Asphalt vom schmierigen Braun freihalten.
Damit du dich mit dem Velo nicht hinlegst, nachts.

In Parkanlagen die Blätter mit Rechen zu Hügel harken.
Damit deine Kids sich darin suhlen können und auf schlafende Igel treten, oder Hundsdreck.

Und die Tiefbauämtler schwitzen bei ihrer Arbeit und fluchen dabei und rauchen zum Schaffen.
Und du regst dich auf dabei – weil das so viel kostet gell und weil das so bünzlig ist und sinnlos mit dem Benzinlaubbläser. Und du raunst dabei und staunst:

«Wieviel Blätter das wohl sind pro Jahr? Wieviel die wohl wiegen

Das liesse sich doch hochrechnen, denn bei den 21 000 städtisch verbrieften Bäumen auf öffentlichem Grund – schreibt das Baumkompetenzzentrum – und den durchschnittlich 20 Kilo Laub pro Stamm – sagt die GEO – sind das 420 000 Kilogramm Laub am Boden.

Und bei einem geschätzten Gewicht von ca. 1,6 Gramm pro Blatt – was einem dünnen A4 Druckpapier entspricht – sind das um die 260 000 000 stadtbernische Blättchen.

Ich frag den Tiefbauämtler, wie es ihm ergeht beim Wischen und ob er sich in der Winkelriedstrasse – mit ihrer Ahornallee – nicht wie Sisyphos unten am Berg vorkomme?

«Den musst du dir», belehrte er mich, «als glücklichen Menschen vorstellen.»
«Der Typ ist vom Fach!» denk ich und halte den Rand.

Zum Abschuss dann er nochmals:
«250 Lastwagen voll Laub putzen wir Strassenfeger jeden Herbst weg.
Wegputzen alles, das ist eine Herkulesaufgabe, wenn du schon bei den Griechen bist –
wir putzen es einfach weg

und sind einfach nur stolz drauf.»

“Selbst festgefahrenes Laub auf Asphalt lässt sich mit sehr starken Laubbläsern entfernen”, sagt M* vom Tiefbauamt.

Bitte sing mir ein Volkslied

Mirko Schwab am Donnerstag, den 27. September 2018 um 16:29 Uhr

Aufwachen im 21. Jahrundert. Waaghausgasse 4. 6 Tabletten. 2 Rossstärken.

Das Zimmerfenster ist immer offen, auch bei Nacht. Sonst hätte ich Angst vor dem Versticken. Am Morgen bricht die Sonne rein, die gelbe Fratze, heisskalt im Frühherbst. Der Giftschweiss sinkt ins Leintuch ab. Von draussen Alphorngebläs. Bravo, Musik! Ich schleife mich 32 Treppenstufen runter in die Küche, Bialetti eindrehen und den Tabak. Auf dem Küchentisch liegt die Wochenzeitung mit Musikbeilage. Lil Peep selig grinst vom Recycling-Papier.

«Pop grotesk» steht drunter. Versuche, die Kontemporärmusik zu verstehen. Haiyti, XXXTentacion, Lil Peep, Lil Xan, Lil Skies, Yung Lean und Trippie Redd – Hyperemotionalität und Sinnesleere, Hyperkapitalismus, Politik zwischen den Zeilen, vielleicht, Generation X.2 auf Autotune und Benzos. Aufwachen im 21. Jahrundert. Oder wegdösen.

Sechs Tabletten Xanax mit Fentanyl liessen den kleinen Peep für immer schlafen.

Frau Bialetti faucht mich an. Manchmal fauche ich zurück. Gsssssshhhhchchch! Selber Gsssssshhhhchchch! Ich male einen Kaffeefleck auf die schöne WOZ-Beilage, die von Arztneimitteln handelt, lesen Sie die WOZ-Beilage. Was ist mit der Popmusik nur los fragt man sich, durchaus genüsslich. You know something’s happening but you don’t know what it is.

Tobias Jundt sagt: Punk ist tot. Reggae ist tot. Jazz ist tot. Hiphop ist tot. Funk ist tot. Schlager ist tot. Klassik auch tot – merkt aber keiner. Und möchte sein Lied zurück, sein existenzielles. Bitte sing mir ein Volkslied.

Es gibt viel zu tun für die Musikjournaille im semiotischen Wald des 21. Jahrhunderts. Dann kommen mir die drei Studentenbuben wieder in den Sinn, drei Milchgesichter aus Bern und Biellle / Bien. Wie sie im Döschwo-Cabriolet durch den Zeitgeist fahren, «sprachlicher Gurkensalat» wie bei Hayiti, Capri Soleil als Lebensgefühl. Die Dekonstruktion des Sommerhits, schon manche haben sich daran versucht. Zweitausendundjetzt klingt das so:

Am Ende ist alles Illusion, ein Trick, ein Code. Aber gestorben wird weiterhin in echt. Was ist zwischen Liebesleid und Leere, Narrativ und Dadaismus?

Greenscreen, Purpledrank, Mountain Dew, Capri Sonne, San Pellegrino, Sophie Hunger und die Ballade vom dünnen Mann, die Ballade vom müden Mann, vom lebensmüden, das Lied vom Tod. Young gun, yung gone.

XXXTentacion ist auch tot. Haiyti spielt am 19. Oktober im ISC. Chic ist eine ziemlich fiktive Boyband von David Bregenzer, Samuel Rauber und Jonas Weber. Die WOZ gibts für 6 Franken inkl. MwSt. am Kiosk.

Berner Initiativen: videokunst.ch

Roland Fischer am Mittwoch, den 26. September 2018 um 15:08 Uhr

Videokunst hat ein Luxusproblem. Wo das eigene Werk ausstellen? Auf youtube, auf vimeo, auf irgend sonst einem obskuren Videoportal? Öffentlichkeit ist also kein Problem, Sichtbarkeit allerdings schon. Von Wertschätzung ganz zu schweigen.

Gut gibt es Plattformen wie videokunst.ch – eine Initiative der Berner Kunst-Tausendsassas Carola Ertle und Günther Ketterer -, die dem (Schweizer) Videokunstschaffen eine Heimat geben. Und einen Aufmerksamkeitsrahmen, wie er im digitalen Dorf nirgends wirklich zu finden ist. Man kann die ausgewählten Werke auf der Webseite (das heisst im eigenen Browswerfenster) anschauen, oder man kann sie im Showroom im Progr betrachten, das macht dann noch viel mehr Freude.

videokunst.ch hat auch noch ein Schaufenster im Bienzgut – und seit neuestem auch eines in Zürich, im Houdini-Kino. Zu sehen ist auf allen Screens derzeit eine wunderbare Arbeit von BiglerWeibel: «Im Nebensinn von Dagmar und Doris». Ein ebenso ungereimtes wie visuell sinnreiches Neben- und MIteinander von Dagmar/Doris/Jasmin/Nicole.

Kulturbeutel 39/18

Mirko Schwab am Montag, den 24. September 2018 um 5:51 Uhr

Das Ursi empfiehlt:
Töffli ankicken
(Benzinhäneli auf, dreimal pumpen am Vergaser, Choke drücken, Dekompressionshebel ziehen, Pedale durchtreten, Gas!)
und ab vom Schuss, nach Steffisburg.
Dort eröffnet am Samstag ein Kunsthaus, wie es die Spatzen von den Dächern pfeifen, mit Vernissage –
lit!
Und im Kopf lief «The Suburbs» von Arcade Fire.

Der Kuratle empfiehlt:
Wer sich der desillusionierten Stimmung nach einem erneut mutlosen Abstimmungssonntag hingeben will, dem empfiehlt sich die Sonderausstellung zum Thema Weltuntergang im Naturhistorischen Museum.
In der Abeggstiftung in Riggisberg gibt‘s passend dazu noch einige ägyptische Vogelmumien zu bestaunen.
Zum Abschluss der Woche liefert der Singe in Biel dann doch noch die nötige Portion Power und den Blick nach vorne. Und zwar mit einem Triple-Gig der Herren Koch, Schütz und Studer, allerdings nicht mehr im Trio sondern Solo oder mit illustren Gästen, jeder für sich.

Jessica Maria Juana empfiehlt:
Weil ich ja auch zugezogen bin und immer Freude an sexy Boys auf Bühnen habe: Zugezogen Maskulin macht 1 Schweiz-Tour und spielt am Donnerstag im ISC. Wer keine Lust hat auf testosterongeladenen Rap mit linksalternativen Parolen-Hooks, bleibe zuhause und schaue den frisch geernteten Mariohuaner-Pflanzen beim Trocknen zu, rauche 1 Haze-Joint und höre die smoothere Version des deutschen HipHop mit revolutionären Ambitionen.

Fischer empfiehlt:
Nicht nur ein Kunsthaus geht neu auf, auch eine Galerie in der Lorraine. Und da pfeifen die Spatzen, dass Bern einen solchen Kunstraum (bzw. ein solches Terrain) noch nicht gesehen hat – wer’s selber sehen will: Eröffnung ist Freitag und Samstag. Auch irgendwo von oben herab pfeift’s noch ganz anders: Im Schlachthaus kommmt es nächstes Wochenende zu einer Götterdämmerung der jetztmusikalischen Art, verantwortet u.a. von Norient.

#Bernnottoronto

Roland Fischer am Sonntag, den 23. September 2018 um 16:15 Uhr

Jetzt grad im Kunstmuseum: An vier Tischen wird Schach gespielt, rundherum Lautsprecher. Es fiept und rauscht und klopft und blubbert. Mal leise, dann dringlicher.

Das seltsame und zauberhafte Spektakel passiert im Rahmen der République Géniale und ist eine Neuinszenierung einer Performance von John Cage und Marcel Duchamp, die sich 1968 in Toronto auf eine Partie Schach verabredet hatten. Das Schachbrett präpariert, dazu Live-Elektronik je nach Verlauf der Partie. Geniekult auf gute Art.

Dancing Ausserholligen

Mirko Schwab am Freitag, den 21. September 2018 um 13:40 Uhr

Eigentlich saudoof, so Rollschuhdisko. Eigentlich ein Fall für die Mottenkiste der Achtzigerjahre.

Aber «who gives a fuck» sagt mein Freund Y. immer dann, wenn man sich selbst oder seine Prinzipien nicht allzu ernst nehmen sollte. Er hat recht. Ich hab Prosecco. Die S-Bahn fährt am Europaplatz ein, wo Nebel aufsteigt bis hoch zum Betonbauch der Autobahnbrücke. Bunte Lichter haben sie montiert, Glitzer Glitzer allenthalben, die besten schlimmsten Lieder stehen in der Luft. Lieder einer Zeit, der wir uns nostalgisch erinnern, ohne sie erlebt zu haben. Dancing with tears in my eyes.

Es ist Rollschuhdisko. Und Rollstuhl-. Die «Heitere Fahne» ist mal wieder fremdgegangen, unverkennbar oszillierend zwischen Inklusivität und Sexyness hat sich die verrückte Idealistenschar breitgemacht am Verkehrsknoten, für einen unbeschwerten Tanz auf Rollen. Es ist schön, passiert sowas. Zumal hier, wo das amerikanisierte Bern und das eidgenössische, das Schrebergärtli-Bern und das verlotterte aufeinandertreffen wie sonst nirgendwo, wo die Zwischentöne viel Platz haben im urbanen Kessel zwischen Verkehrsarchitektur, Arbeiterhäusern und Gentrifikation.

Und es ist nicht selbstverständlich. Kollektive wie die «Heitere» prägen damit nicht nur die wichtige Debatte um Kultur in der Öffentlichkeit und überholte Bewilligungspraktiken, um Lärm, Luft und Demokratie, eine Debatte, die gerade erst richtig – voilà – ins Rollen kommt. Gerade die Idealistenkiste aus Wabern leistet mit ihrer eleganten und unprätentiösen Art der sozialen Festerei auch einen wichtigen Beitrag zum Selbstverständnis meiner lieben Sandsteinstadt. Eine derart vielfarbige und gemeinschaftliche Atmosphäre, getragen von Leuten mit und ohne Behinderung oder Haarausfall oder wasimmer, who gives a fuck – dieser seltsame Gegenentwurf zum klassischen Szenenauflauf, zur «quiche urbaine», er wäre im sich selbst stets bis zur Verspannung bewussten Zureich etwa kaum daheim.

Nichts ist peinlich hier zwischen den Brückenpfeilern. Im Diskonebel mischt sich Freiheit unter. Immer dann, wenn man sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

Ein Bier muss sein.

Clemens Kuratle am Donnerstag, den 20. September 2018 um 23:36 Uhr

Innereien eines Kollektensäulis.

Die Hitze steht zwar noch, aber die Clubsaison ist am Anlaufen. Damit beginnen auch wieder die Barkonzerte mit Eintritt frei, wo man ganz elegant nach zwei Gin-Tonics und einem netten Konzert das Münz noch in der Topfkollekte entsorgen kann.. Oder eben nicht.

Die Vorstellung, dass die Kollekte ein Zustupf zu der, vom Veranstalter bezahlten Gage ist, ähnlich wie das Trinkgeld für den Kellner, ist ein landläufiger Irrtum. In der Regel gehen Musiker nach solchen Gigs mit nichts, ausser der Kollekte (und dem Naturallohn in Bauch und Blutbahn) nach Hause. Wenn in den Hüten nur Kleingeld entsorgt wird und keine Mamis im Publikum sind, welche grosszügig aufrunden, reicht das im Idealfall fürs Benzin oder das Zugticket nach Hause, in vielen Fällen aber eben nicht mal für das.

Wir lieben Musik. Musiker*innen lieben Musik und viele von ihnen finden auch: Frei zugänglich ist toll! Wer sich in einer Bar knapp ein Bier leisten kann, soll auch weiterhin dorthin gehen, sich eine Stange gönnen und die Band abfeiern.

Für alle anderen:

Geht in’s Lokal eurer Wahl und seid euch bewusst, was ihr konsumiert. Getränke und Musik!

Studierende, Gymnasiast*innen und Auszubildende, ohne reiche Eltern, Grosseltern oder Onkel: Wenn ihr ein Bier trinkt an dem Abend, dann schaut dass mindestens einer der Musiker von eurer Kollekte sich dasselbe Bier kaufen kann. Beim zweiten Bier kurz in’s Portemonnaie schauen und sichergehen, dass es für den zweiten Musiker auch noch reicht.

Alle andern zahlen der Band im Minimum eine Runde von dem Getränk, das sie konsumieren. In den Hut muss der Stutz, wohlverstanden. Trinken tun die Musiker in der Schweiz zum Glück meist noch gratis.

Wer mehr hat, gibt mehr!

Kulturbeutel 38 / 18

Mirko Schwab am Montag, den 17. September 2018 um 5:55 Uhr

Schwab empfiehlt:
Die Musikförderung Bern, die sich den Anliegen der Berner Populärmusik-Szene verschrieben hat, lädt zum gemütlichen Stammtisch. Am Dienstag treffen sich Musiker*innen, Veranstalter*innen und alle, die sich zum Thema austauschen oder ihre Anliegen anbringen möchten auf einzwei Bier. Ab 20 Uhr im Foyer des Internationalen S’ Clubs. Angereichert wird der Schwatz mit einem Satz Musik der frischgetauften Dean Wake.

Fischer empfiehlt:
Nächstes Wochenende ist Lehrerzimmer-Fest mit vollem Programm: Am Freitag Konzert mit Benjamin Folke Thomas (passender Name!) und am Samstag unter anderem Kunstbuchflohmarkt (falls sie sich jetzt schon stapeln: man kann auch verkaufen) und Kunstversteigerung. Und Disco.

Der Urs empfiehlt:
Von hinter den Dühnchen – die Buchtaufe vom Jüre Halter im Dach, am Dienstag. Lesung, mit Endo und Batkovic on top.
Hot.
Und wenn schon im Stock, bleiben bis Samstag. SAFE THE RAVE – die Kontakt-Abbruch-Party.

Der Kuratle empfiehlt:
Zwei Grossformationen, ein Solokonzert und alles am Freitag…
Das unvergleichliche Fischermanns Orchestra macht, bestens eingespielt nach ihrer Kolumbientournee, in der Region halt und zwar um 21:00 im Singe in Biel. Auch gross, etwas leiser und dennoch intensiv ist das seltene Orchester. Zu hören um 20:00 im werkhof102.
Wem das zuviele Musiker sind, der gehe zu Gitarrengott Manuel Troller (Schnellertollermeier uvm.). Er tauft seine Soloplatte um 21:00 in der Dampfzentrale!

Jessicer empfiehlt: Bisher nur Gutes gehört von und aus Estonia. Deshalb am Donnerstag ins Ross Konzert reinziehen gehen, es spielen verschliffen und psychedelisch die HOLY MOTORS. Irgendwo zwischen tighter Ernsthaftigkeit und bedingungsloser nihilistischer Coolness. Nice.

Das Versagen der Nacht

Roland Fischer am Samstag, den 15. September 2018 um 13:32 Uhr

Remarque hat mal diesen wirklich remarkablen Satz geschrieben, im Arc de Triomphe: «Die Nacht übertreibt.» Der Protagonist versucht da in der Pariser Nacht eine einigermassen verlorene (und natürlich sehr schöne) Seele zu trösten, mit Schnaps vor allem. Und mit den Worten, dass wenig lange wichtig bleibt. Vor allem nachts.

Ja, sie nimmt sich gern ein wenig zu wichtig, die Nacht. Von ihrem Versagen, spätestens am nächsten Morgen, erzählt eine kleine feine Ausstellung von Nina Rieben im Grand Palais. Eine Serie von «Einschlafwerken» gibt es da, aber es sind wohl eher Nichteinschlafenkönnenwerke. Oder geht es Rieben um diesen Übergang vom Wachen zum Schlafen, um diese Halbwelt? Da werden Bewegungsmelder aufgeweckt und Leerstellen lächerlich gemacht. Und es werden sentimentale Notizen zu Zigaretten gedreht, halb aufgeraucht und achtlos weggeworfen. So dass Unsicherheiten auf einmal in Rauch aufgehen. Sie sind aber natürlich immer noch genauso präsent, man kann sogar sagen: sie bekommen erst so die ihnen gemässe Materialität.

Nachher noch ins Schlachthaus, wo es weiterging mit Schall und Rauch. Saisoneröffnung, zuerst mit Dorit Chrysler, dann mit Fhun Gao am Theremin (REA zum Auftakt leider verpasst). Klänge, aus der Luft gegriffen. Warmer Campari Soda dazu und Nachtgeschichten jenseits von Gut und Böse. Manchmal tut sie allerdings ziemlich grossartig und hat ja sogar recht damit.