Bern auf Probe: Frag die Zuschauer*innen!

Anna Papst am Sonntag, den 20. Mai 2018 um 13:52 Uhr

In den nächsten drei Beiträgen der Kategorie Bern auf Probe haben die Zuschauer*innen das Wort: Wie ist es ihnen bei ihrem letzten Theaterbesuch ergangen?

Am Bilingue Slam wurde um zu applaudieren gewinkt, statt in die Hände geklatscht.

Sandro, ein dreissigjährige Werbetechniker, besuchte am Freitag, 19. Mai im Rahmen des AUAWIRLEBEN-Festivals den Bilingue Slam, ein Poetry Slam an dem hörende und gehörlose Slammer*innen um die Gunst des Publikums  kämpfen. Sandro ist hörbehindert, kann aber mit Hilfe eines Hörgeräts Lautsprache verstehen und selbst in Lautsprache antworten.

“Der Slam hat mir gut gefallen. Mein Favorit hat am Ende gewonnen. Ich sehe am liebsten Gehörlose auf der Bühne, weil sie Körper und Gesicht stärker einsetzen als Hörende. Ein bisschen vermisst habe ich die Ausstattung. Ich mag es, wenn Theater auch etwas fürs Auge bietet. Beim Deaf Slam in Winterthur wurde noch stärker auf Dekoration und visuelle Effekte gesetzt. Aber das ist nur ein kleiner Abstrich.

Der Abend hat viele hörbehinderte Zuschauer*innen angezogen. Logisch, die Hälfte des Line Up waren gehörlose Slammer*innen und alle Texte wurden in Gebärdensprache übersetzt. Im Publikum sassen viele meiner Freunde, auch einige der Slammer*innen kenne ich persönlich. Die Community trifft sich regelmässig an Veranstaltungen für ein gehörloses Publikum. Darum habe ich leider fast alle Beiträge der hörbehinderten Slammer schon gekannt. Nur der letze Zusatzbeitrag des Finalisten Beat Marchetti war eine Überraschung für mich.

Wenn ein Theaterstück nicht in Gebärdensprache übersetzt wird und keine Untertitel hat, gehe ich nicht hin. Obwohl ich Lautsprache verstehen kann, bin ich im Theater aufgrund der akustischen Verhältnisse auf Gebärdensprache oder Untertitelung angewiesen. Für mich ist es cool, dass es am AUA dieses Angebot gibt. Hörende leben in einer anderen Welt als Gehörlose. Schön, wenn wir uns mal treffen. ”

Veranstaltung: Bilingue Slam im Tojo Theater im Rahmen des AUAWIRLEBEN Theaterfestival.
Line-up: Andreas Juon, Beat Marchetti, Cristian Verelst, Daniela Dill, Gina Walter, Jakob Rhyner, Milva Stark, Remo Zumstein  Moderation: Marguerite Meyer

Jessica Jurassica #12

Anna Papst am Samstag, den 19. Mai 2018 um 16:45 Uhr

dieser eine zeitraum / zwischen abspringen und aufprallen / es ist der bruchteil einer sekunde vlt auch drei ganze oder mehr / ich weiss es nicht / oben auf der kirchenfeldbrücke auf dem geländer / kein blick zurück / nur jenen nach vorne / es ist ein sehnsüchtiger / ein flehender blick / denn alles was der fallende will ist zurück in den mutterleib / in die geborgenheit des fruchtwassers / wo man sich um nichts zu kümmern braucht / weil das real life ist unerbärmlich und anstrengend / der einzige weg nachhause zu kommen ist nach vorne / springen / und dann dieser eine moment / zwischen absprung und aufprall / zwischen der verantwortung die einem dieses eine leben aufgebürdet hat / und der schützenden wärme der gebärmutter / in diesem moment ausgehebelt die zeit / und alles ist richtig / das was war ist richtig / das was kommen wird / und dass alles was war nicht mehr sein wird


Jessica Jurassica ist unsere bissige Gastautorin, die in unregelmässigen Abständen aus dem bernischen Prekariat berichtet. Zur Erinnerung: Boy Schwab hat hier ausführlich introduced.

Summer in the (nein, nicht schrumpfenden) City

Roland Fischer am Samstag, den 19. Mai 2018 um 14:34 Uhr

Die Kunsthalle: eine Institution. Die Bar von Lang/Baumann zum 100jährigen Bestehen, als locker hingeworfenes Sommer-Special gedacht: auch bereits eine, nach dem Eröffnungsabend. Eine 18 Meter tief in den Aarehang getriebene.

Womöglich hat diese Stadt ein bisschen ein Problem mit kultureller Spontaneität. Aber man will nicht klagen, man will da in Ruhe noch so einige Drinks geniessen, ohne den grossen Auflauf gestern.

Fand der Chef (im Bildhintergrund) übrigens auch. Er liess am Mikro verlauten, dass dieser tolle Ort wohl nicht gleich wieder verschwinden werde, nach Ablauf der Bewilligung (wir haben es also gehört). Also, Mirko, falsch: Nimmt man den Zollstock, dann ist Bern grad ein Stück grösser geworden. 50 Quadratmeter, grob geschätzt. Ein gekachelter neuer Stadtplatz mit integrierter Bar und Baumhaus-Charme. Nein, man will nicht klagen.

Jahresbericht der anderen Art

Gisela Feuz am Freitag, den 18. Mai 2018 um 13:54 Uhr

Das Naturhistorische Museum Bern hat sich wieder einmal selber übertroffen mit seinem Jahresbericht (siehe unten). Und ausserdem liefert es eine Steilvorlage, wie man einen popeligen Freitagnachmittag im Büro möglichst sinnvoll verplempern kann: indem man sich alle alten Creature-Comforts-Episoden zu Gemüte führt. Sagt Ihnen nichts?

Ab 1989 kombinierten findige Köpfe von Aardmann Animations Zootiere aus Knete mit den Stimmen von Menschen, welche über ihr Zuhause sprachen, so dass es aussah, als würden die Tiere über ihre Lebensumstände befragt. Richtig grosses Stop-Motion-Kino ist das. Das Personal bestand aus einem depressiven Gorilla, einem brasilianischen Puma und einem Nilpferd, die sich ständig über das kalte Wetter, fehlenden Platz und mangelnde Freiheit beklagten. Auf der anderen Seite rühmte das Gürteltier die Sicherheit der Unterkunft und Familie Polarbär legte sowohl die Vor- als auch die Nachteile in Bezug auf das Wohlergehen von Tieren in Gefangenschaft dar. So wirds wohl auch im richtigen Zoo sein: Einige Tieren kommen besser mit ihren Lebensumständen klar als andere.

Die tierischen Protagonisten im Jahresbericht des Naturhistorischen Museums dürfte das alles wenig kümmern, die haben ja bereits das Zeitliche gesegnet. Theoretisch. Praktisch auch. Allerdings werden sie nun  in «Büsu 4» partiell zum Leben erweckt. Grossartig ist das. Aber schauen Sie doch selber.

Den detaillierten Jahresbericht das Naturhistorischen Museums gibts hier.

Frisch gepresst #10 «CAESAREAN MOONS – THY KHYBER MASS»

Urs Rihs am Donnerstag, den 17. Mai 2018 um 3:53 Uhr

Die KSB-Serie «Frisch gepresst» bringt zum Vorschein, was in feuchten Kellerstudios und synthesizerbestückten Dachböden unserer Stadt an Mukke produziert wird – vornehmlich Elektronisches, aber grundsätzlich alles, was direkt ab Presswerk bei dem Urs auf dem MK landet.

Der Schwab mal wieder, rief mich an und faselte was von hochtreibend jamenden Sauhünds an Synth und Drums mit neuer Scherbe auf BlauBlau und ich solle mir dazu hart die Kante geben, bevor ich höre und schreibe – also richtig blau-blau sein.

Na dann, dacht ich mir und knallte nach Mittag schon ein Herrgöttli zwei hinter die Binde. CAESAREAN MOONS also. Irgendwas mit Kaiserschnitt und Mondphasen? Aber durchaus sinnig, so ein ausladender Name, für dieses Zweigespann, welches sich erster Dinge dem Dialog zwischen Musik und dem ihr innewohnenden Schalk anzunehmen heisst.
Da verschafft nominell erzeugter Abstand etwas Luft. Zum Denken und zum Ordnen.

Gute zehn Stunden später steh ich dann doch im Dunst. Im Kreise guter Menschen zwar, aber immer noch im Unklaren bezüglich Takt und Art.

Szenerie Puntokeller by the way, wer noch nicht kennt, gönne sich bald, ein Sehnsuchtsörtchen.

Die beiden Menschen auf der Bühne lassen fliessen, lassen gehen. Lassen das Publikum stehen und widmen sich ihrer selbst, trommeln und drücken drauf los was das Instrumentarium hält.
Das zweite Statement richtung Rezipienten, nebst dem Plattentitel «THY KHYBER MASS» – das Plattencover, gleich einer Kreatur weit ausserhalb unseres komfortzonebedingenden Empathiediktats. Weit, weit ausserhalb.
urban DICTIONARY dazu: «The Kypher; A small creature belonging to a foreign country lacking a sharp edge or point. They often live in an underground room or vault beneath a church. They often carry infectious diseases that can cause inflammation. They often have both male and female characteristics or no characteristics of either sex. Mating rituals often involve throwing or forcefully moving their feces … » Diesen Beitrag weiterlesen »

Bern schrumpft

Mirko Schwab am Mittwoch, den 16. Mai 2018 um 9:48 Uhr

Bümpliz – Casablanca. Kleine Hommage an eine Küche.
Mit Bildern von Jessica Jurassica.

Die Fahrt nach Bümpliz Süd dauert zwei S-Bahn-Stationen. Am Bahnhofskiosk, in dem eine Migros-Tochter eingemietet ist, kann man Tabak kaufen und einzwei Dosen. Weil Migros-Töchter dürfen eben Tabak und Ztrinken. Und deshalb sind die Avecs und Migrolinos auch gern an diesen Vorstadtbahnhöfen, wo sich zu fast jeder Tageszeit ein Grüpplein hustender Vorstadtcowboys zum Tabaktrinken und Schäumleinmähen einfindet und zum Rock hören über Bluetooth. Zwischen Bahntrasse und Wald pfeift die Freiburgstrasse in die Agglomeration hinaus, also hat es Garagen. Säuberliche Autogaragen wie zum Beispiel die Th. Willy AG (A. meint auf Google: «Es war sehr befremdlich, ich fühlte mich nicht willkommen in dieser Garage. Der Berater den ich hatte war nett.» A. vergibt drei Sterne.) Exotischere auch. Balas Autoservice etwa würde einen ganzen Text verdienen, so arbeitsintensiv und wahrscheinlich sinnlos das Herumrangieren verbeulter Schrottkarrossen, so freundlich sein Grüssen und so grüsig seine Art, den Frauen nachzuspienzeln, wohl bis heute geblieben sind. Ein paar Häuser weiter haben wir gewohnt, Hausnummer 354, 3018 und fünf vor Niederwangen sozusagen – weit weg war die Sandsteinstadt, viel weiter weg, als es die Postleitzahl verraten hätte.

Der Käfigturm schlägt eine weitere vergangene Stunde an, immer fünf vor oder schon zu spät, aber nie pünktlich lässt er seinen Glockenschlag durch die Gassen fahren. Die Tür klingelt und ich öffne die Tür. Jemand kommt vorbei und trinkt Kaffee oder bringt etwas zu Essen oder Tabak oder Dosen. Bringt Euphorie oder zumindest Sauflaune, bringt Trauer oder zumindest Melancholie, bringt Geschichten oder zumindest Geschwätz, bringt Freunde oder Fremde oder Fragen, bringt Drogen oder fragt nach welchen, bringt Luft von draussen, zum Lüften, zum Ablassen, bringt etwas jedenfalls herein in die vernebelte Küche und im besten Fall sich selbst. Ich sitze dann meistens an meinem Rechner und rauche Kette.

Früher bin ich rausgegangen, um «in die Stadt zu gehen». In Bern meint man damit sehr spezifisch die Altstadt und schon in der Lorraine fragt man sich abends vielleicht, ob man noch «in die Stadt» gehen soll. In den Köpfen nämlich ist Bern noch so gross wie vor vierhundert Jahren. Auch als wir später «in der Stadt» eingezogen sind, als unsere Strasse zu einer Gasse wurde und aus dem blauen Strassenschild ein gelbes, auch da bin ich zuerst noch rausgegangen. Doch der Umkreis wurde kleiner, die Aareschlaufe zog sich zu. Nur mit guten Gründen schaffte ich es in die Länggasse oder nach dem Breitsch oder westwärts weg. Und jetzt lebe ich in dieser Küche. Meine Matratze ist zwar woanders, sie hat knapp Platz in der Waschkombüse, doch – ausser um zu schlafen, ausser um zu ficken in den besseren und zu onnanieren in den schelchteren Zeiten oder eben zum Wöschen hin und wieder – bin ich da doch selten.

Jetzt lebe ich in unserer Küche. Das wäre traurig, sicher, aber es ist unsere Küche. Wenn man alleine ist, kann man darin gut schreiben. Öffnet man die Fenster, kommt die Allgemeinheit herein, das öffentliche Allerlei, die Strassenmusik. Öffnet man die Tür, kommen Menschen, die sich selten anmelden, weil immer jemand hier ist. Legen die Hand aufs Herz, zünden den Tisch an oder ziehen sich aus. Das ist auch ein Liebesbrief an sie. Sie machen unsere kleine Küche gross und kochen ihr eigenes Bern darin ein.

Kulturbeutel 20/18

Roland Fischer am Montag, den 14. Mai 2018 um 5:59 Uhr

Fischer empfiehlt:
Grosse Sause am Freitag – die Kunsthalle feiert ihren Legendenstatus (und ach ja, Geburtstag) und schenkt sich selber eine luftige Sommerbar. Es gibt Musik von Princess P, Où êtes-vous Toutes?, Kejeblos, Mah’mood, WTF, es gibt Shots von Kunst-Freunden und es gibt noch alles mögliche mehr. Wettergott hilf!

Schwab empfiehlt:
Zweimal Yo La Tengo ohne Vorgruppe. Klingt vernünftig. Ab ins Fri-Son am Mittwoch, ihr Slackers!

Der Urs empfiehlt:
Die sèche entflammt, den Bordeaux entkorkt, dazu Trenchcoat, Rollkragen, Wildledertreter.
Wahlweise 501, Ramones Shirt, le rouge à lèvre!
Und ab damit ins bee-flat am Sonntag – zu Duck Duck Grey Duck.

Die Krstic empfiehlt:
Genau, Herr Fischer, Kunsthalle am Freitag. Sie können dort an der Bar (in irgendwelchen Haushalten gottverlassenen und nun in die Kunsthalle verfrachteten) Fusel trinken, während ich mir irgendwo eine Gurkenschorle besorge. Vorher aber ist am Mittwoch Eröffnung des Theaterfestivals Auawirleben, dank dem das Frischste aus der Freien Theaterszene in unsere Stadt geholt wird. Für die Eröffnungsfeier gilt sympathischerweise: «No VIPs» but «EOEL (everyone on eye level)».

Frau Feuz empfiehlt
vor dem Rössli ein Zelt aufzustellen. Am Mittwoch gibts dort mit Pirol und Helga Blohm Dynastie Poskrautrock  zu hören, am Donnerstag sind einerseits die unverwüstlichen Garagerocker Lombego Surfers zu Besuch, andererseits werden Combineharvester psychedelische Drone-Welten auftun. Am Sonntag robben Sie dann einfach über die Strasse ins ISC, dort gibst Punk-Pfingsten mit The Restarts, The Strapones und Krass Kepala, letztere all the way from Indonesia wegen Visa-Problemen ohne Krass Kepala.

#BernNotBrooklyn

Mirko Schwab am Sonntag, den 13. Mai 2018 um 11:02 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn …

23. Mai

Besser Du weisst:
Omara Moctar
Mit eigentlichem Namen, doch
B. geheissen
Ist unterwegs
Nach dem Burgernziel.
Oh.

Bildersturm mit Bilderbuch

Urs Rihs am Freitag, den 11. Mai 2018 um 4:01 Uhr

Zum bersten voll war der Stock, eine Siebenhundertfünfzigerschaft geblendet von sehr viel Kunstlicht und eigentlich leeren Liedern. Warum das funktioniert?

Weil es die G-punktgenaue Befriedigung einer pervers-geilen Fantasie ist, auch der Gegenkultur. Der Fetischisierung des Mainstreams – ein bisschen Spass für alle, Bilderbuch stehen exempelhaft dafür.
Die wennschon, dennschon Band – L’art pour l’art? In weitester Ferne! – und was dabei rauskommt, ist feschester popkultureller Nihilismus.

So schwierig einfach ist das, man verquirle Insignien des Erfolgs – Autos, Mode, schöne Körper (check the vids) – mit übersteigerter Eigenliebe, lasse alle Hemmungen fallen, texte dazu schmissige Zeilen und höre was dabei als Echo widerhallt.

Bei Bilderbuch: «Maschin», «Baba» und «Plansch»! Ein musikalischer Schaltkreis ganz nahe dem Kurzschluss.
Und diese Übersteuerung schmerzt zwar unseren mantrischen Echtheitspuritanismus, dabei werden wir aber irgendwie auch rallig auf Schrott, scharf auf Schund wie Nachbars Lumpi.

Weil diese süssen Strophen so verboten kitschig sind, dass sie unsere auf  T-Shirts gedruckten Vorstellungen von Subversion mittels sinnentleerten Floskeln und spiegelglatten Indie-Disco Harmonien nach spätester einer Songlänge unterwandert haben. Und der Hauptstrom zerfliesst natürlich gewinnbringend mit.
Eine auf links gedrehte Drainage der Kulturindustrie vielleicht?
Zerstört sich ein Bild in seiner Potenz?

Das langweilt musikalisch trotz diesen Fragen bald. Mich Manche wiederum nach schon einer Songlänge. Ist aber starkes Indiz dafür, dass bei dieser Band wahrscheinlich tatsächlich mehr als bloss blass-biederer Neo-Wiener-Schmäh – wie etwa bei Wanda – und etwas karikierte Falco-Retro-Seligkeit mitschwingt.
Das bringt die Menge zum Mitsingen, einfach, zugegeben –  und aber gleichzeitig kritischere Geister zum Schmunzeln – nicht ganz so einfach.

Meister Duden zum Bildersturm: «mit der Zerstörung religiöser Bilder und Bildwerke in großer Zahl einhergehende, die Bilderverehrung bekämpfende Bewegung, Aktion» und dieses Bild ist eventuell urheberrechtlich geschützt.

Jedes einzelne Hundehaar liebevoll drapiert

Gisela Feuz am Donnerstag, den 10. Mai 2018 um 11:28 Uhr

Falls Sie jetzt hier eine ausgewogene Filmkritik erwarten: vergessen Sie’s. Frau Feuz ist fan. Fan von Hunden, fan von Stop-Motion-Filmen, fan von liebevoll handgefertigten Puppen, fan von hochgradig stilisierter und detailverliebter Bildsprache. Dass also über den neuen Film des amerikanischen Regisseurs Wes Anderson (Grand Budapest Hotel, Fantastic Mr Fox, Moonrise Kingdom) nichts anderes als eine Lobeshymne herauskommen kann, ist absehbar, denn «Isle of Dogs» verwebt all das Obengenannte.

Die Geschichte von «Isle of Dogs» ist schnell erzählt: In der japanischen Metropole Megasaki bricht eine Hundeseuche aus, Bürgermeister Kobayashi, seines Zeichens Katzennarr, lässt alle Hunde in Quarantäne auf die nahegelegene Trash Island verbannen. Die Müllinsel wird somit zur Exil-Kolonie, überleben kann nur, wer sich einen Teil der essbaren Abfälle sicher kann. Auch Spots, der Hund des 12-jährigen Atari, wird auf Trash Island verbannt. Allerdings ist der Junge keinesfalls gewillt, diesen Verlust hinzunehmen. So crash-landet er eines Tages mit seinem kleinen Flugzeug in den Müllbergen. Ein fünfköpfiges Rudel bestehend aus den «scary alpha dogs» (naja) Rex, King, Duke, Boss und Chief nimmt sich Atari an und hilft ihm bei der Suche nach Spots.

«Isle of Dogs» ist einerseits eine rührende Liebeserklärung an den besten Freund des Menschen, andererseits aber auch soziokritisches Abbild gesellschaftlicher Mechanismen. Einmal mehr gelingt es dem symmetrieverliebten Wes Anderson, Liebe und Trauer, morbide Schönheit und stilisierte Dystopie, Ernsthaftigkeit und lakonischen, knochentrockenen Humor stimmig zu paaren. Das Resultat ist ausnehmend ästhetisch, dramatisch, bizarr, manchmal kitschig, wunderbarst anzuschauen und herzergreifend alles in einem. Eben 100% Wes Anderson.

Der Aufwand, welcher für «Isle of Dogs» betrieben wurde, ist immens. Insgesamt 27 AnimatorInnen und 10 AssistentInnen haben über 800 Figuren zum Leben erweckt, jedes einzelne Hundehaar von Hand drapiert, über 1’000 Gesichter geformt und mit dünnen Pinsel über 22’000 Sommersprossen aufgemalt (alleine für eine Figur). Die sorgfältige und akkurate Handarbeit unterstützt die liebenswerte Egozentrik und Verschrobenheit der Charaktere, wozu auch die Stimmen von Bryan Cranston, Bill Murray, Edward Norton, Scarlett Johansson, Harvey Keitel uva. das Ihrige beitragen. Frau Feuz rät: Gehen Sei sich «Isle of Dogs» unbedingt anschauen. Aber UNTER KEINEN UMSTÄNDEN in deutscher Übersetzung. Das wäre, wie wenn sie einem Hund den Schwanz abschneiden würden.

«Isle of Dogs» läuft seit gestern in Berne Kinos. Wer mehr wisse möchte zum Film, findet im Bund vom 4. Mai das grosse Interview mit Wes Anderson, hier ein Making of  und hier Einblick in die Arbeit der AnimatorInnen.