Denkmal, vom Sockel gestossen

Frau Götti am Montag, den 14. August 2006 um 11:06 Uhr

grass

Kein Wunder, ist das heute auf Platz 1 in allen Feuilletons – es ist ja schon ein starkes Stück, was uns das moralische Gewissen Deutschlands schlechthin da auftischt: Günter Grass war nach eigenem Bekenntnis in der Waffen-SS.

Dies sagt der grosse Meister seinen Leserinnen und Lesern just bevor sein neues Werk auf den Markt kommt – als kleine Einladung, “Beim Häuten der Zwiebel” auch brav zu kaufen. Denn wer würde denn nicht gerne versuchen, die eigene Konsternation über das einstige Vorbild Grass aufzulösen in Verständnis?

In der Frankfurter Rundschau schreibt Wilhelm von Sternburg treffend:
Alleine der Verdacht, hier promote jemand sein Buch, ist angesichts des historischen Hintergrundes fatal.

Viel zu spät befasst sich Grass mit der eigenen Verstricktheit in die deutsche Geschichte, viel zu spät mit der eigenen Täter/Opfer-Neurose.

Und weil der alternde Literat schon mal am Bekennen ist, bekennt er beim Häuten seiner Zwiebel auch gleich noch, er habe vor seiner Beichte erst noch den Literatur-Nobelpreis erhalten wollen (so geschehen anno 1999).

Wasser und Hammer

christian pauli am Samstag, den 12. August 2006 um 11:30 Uhr

Für die Spetakel-Truppe öff öff wird der gestrige Tag nicht in guter Erinnerung bleiben. Erstens regnete es Wasser ohne Unterlass. Zweitens verabreichte der sonst so tanz-zahme «Bund» der Produktion «Orbite», die zur Zeit auf dem Gaswerkareal aufgeführt wird, einen Hammer erster Güte. Schon im Lead dreht die Autorin kräftig auf: «dramaturgisch schwaches, dynamisch eintöniges Tanz-Akrobatik-Spektakel». Ohlala.

Weiterlesen? Ja, doch es kommt noch dicker: «,Orbite’ ist eine frustrierend ungeordnete Mischung aus Tanztheater, Zirkuskunst, Dialogelementen, Clownerie und zusammenhanglosen pseudo-dramatischen Fragmenten.» Klingt irgendwie scheisse. Da geh ich nicht hin. Und dann, für einen Musikinteressierten besonders schmerzhaft: «Die Aktionen auf der Luftstation werden unterlegt von einem verheerenden musikalischen Potpourri.» Sowas tut weh.

Um es klar zu machen: Ich kann mir bestens vorstellen, dass mir «Orbite» genau so auf die Nerven gehen würde, wie Simone von Büren, die die Attacke im «Bund» geschrieben hat. Kommt dazu, dass ich es ja auch gut, ja lobenswert finde, wenn die Presse tut, was sie tun muss, oder zumindest tun will.

Zwei Fragen aber seien erlaubt (schliesslich führen wir hier ein interaktives Blog): Wie geht es den öff-öff-Leuten jetzt? Und was denken diejenigen, die schon da waren?

«KulturStattBern» möchte es wissen. Klicken Sie unten links auf Kommentare und schlagen Sie los, zurück oder was auch immer.

Instrumentenkoffer und Pflastersteine

Manuel Gnos am Freitag, den 11. August 2006 um 12:30 Uhr

Buskers Bern 2006: Pflanzblätz. (Bild: Manuel Gnos)

Das Buskers Bern und ich, wir haben eine schwierige Beziehung. In seinem Gründungsjahr hab ich mich dem Berner Strassenmusikfestival total verweigert, weil ich dachte: «Ich weiss nicht, was ‘Buskers’ heisst, also kann es nichts sein, das mich interessiert.»

Im vergangenen Jahr dann hat man mich aufgeklärt. Also bin ich hingegangen – und war ein klein wenig überfordert mit all den Bühnen, Bands und Menschenmassen: Wann wollte ich jetzt schon wieder welche Band auf welcher Bühne sehen? Wo ist diese Bühne überhaupt? Wie muss man dieses Programm lesen? Und wie war jetzt schon wieder mein Name?

Nun, gestern Abend habe ich es mir leicht gemacht: Ich suchte mir eine Band, die ich unbedingt hören wollte, hab dann zuerst gemütlich etwas gegessen (der Äthiopier bei der Kirche St. Peter und Paul am Rathausplatz ist unbedingt zu empfehlen) und bin ohne Ziel losgezogen.

Das Resultat: Die Band, die ich hören wollte (Pflanzblätz), trieb mir die Tränen in die Augen (wie jedes Mal, wenn ich ein Schweizerörgeli höre); der Rest war einigermassen vernachlässigbar. Denn zunächst bin ich auf einen mongolischen Ethnoschocker gestossen. Davon konnte ich mich bei der Mädchentanzgruppendarbietung zu gruseligem «Purple Rain»-Cover auch nicht wirklich erholen. Und schliesslich wurde die Gruppe «Gadjo» den Erwartungen nicht ganz gerecht.

Wie dem auch sei: Gehen Sie hin, lassen Sie sich treiben und bleiben Sie lange stehen, wenn Ihnen etwas gefällt. Denn wenn Sie nur von Bühne zu Bühne hetzen, verpassen Sie alles – und gewinnen nichts. In diesem Sinne: Viel Spass.

[Im Bild: Pflanzblätz mit Gastmusiker Daniel Häusler an der Bassklarinette. Auf keinen Fall verpassen!]

Des Bloggers Dilemma

Manuel Gnos am Donnerstag, den 10. August 2006 um 10:50 Uhr

Buskers Bern 2006. (Bild: zvg)Das Strassenmusikfestival «Buskers» ist Berns kultureller Grossanlass an diesem Wochenende. Klar, dass auch der eBund darauf hinweist, genau so wie Espace.ch und diverse Printprodukte.

Um nun den eBund-Leserinnen und -Lesern einen guten Service zu bieten, hätte der Kulturtipp direkt mit dem Programm verlinkt werden sollen. Aber huch, dort ist nur dies zu finden: «Alle 30 Gruppen treten an allen 3 Tagen je 2-3 Mal auf zwischen 18.00 und 24.00 Uhr.»

Nun ja, aber welche Formation tritt denn nun wann auf welcher der 28 Bühnen auf? Ein detailliertes Programm, das diese Frage beantworten könnte, ist in elektronischer Form nirgends zu finden – nicht im Pressematerial, nicht auf der Website, nicht im Online-Dossier des Festivalpartners «Berner Zeitung».

Da beginnt es mich als Blogger natürlich in den Fingern zu jucken: Scanner anwerfen, Zeitplan aus dem Programmheft einlesen, auf KulturStattBern veröffentlichen.

Doch ein kurzer Anruf bei der Festivalchefin Christine Wyss stürzt mich ins Dilemma: Wyss erklärt, dass sie dieses Jahr auf ein detailliertes Programm im Netz verzichtet hätten, weil sich die Besucherinnen und Besucher in Vergangenheit dank der elektronischen Version um den Kauf von Festivalarmbändern und Programmheften haben drücken können.

Eine unsympathische Reaktion, wie ich finde – allerdings auch eine Reaktion auf ein noch unsympathischeres Verhalten dieser Festivalbesucherinnen und -besucher. Mein Schluss daraus: Der Scanner bleibt ausgeschaltet. Ein mulmiges Gefühl bleibt allerdings.

P.S. Das Programmheft mit dem genauen Zeitplan kann im Tourist Center am Bahnhof, im Kulturbüro oder direkt am Festival für zehn Franken gekauft werden.

Komplexe Welt

Frau Götti am Mittwoch, den 9. August 2006 um 12:17 Uhr

schiff

Den Kopf voll Fragen verlasse ich die Welt der Piraten und Schatztruhen…

Krake Wienurwie kann Herr Tintenfisch ohne Herz überleben?

Warumnurwarum liebt Herr Sparrow die schöne Ich-weiss-nicht-wie-sie-heisst, obwohl er schwul ist?

Wienurwie kommt es, dass ein Ex-Elfe einen Seemann spielt?

Wernurwer ist diese Riesenkrake, die das Piratenschiff in die Tiefe reisst?

Wasnurwas soll all dieses Geschleime, Geschwabble, Gekrakle, Geekle?

Die einzige Frage, die sich mir am Schluss NICHT stellt: Wienurwie werden all diese Fragen in Teil III beantwortet?

Ein Hoch auf die Landkultur!

Daniel Gaberell am Sonntag, den 6. August 2006 um 15:52 Uhr

Foto Gestern spielte eine türkische Band famos zum Tanz auf! Vor allem das trällernde Klarinett lies die Regengüsse draussen für einige Stunden vergessen – trocken aber blieb trotzdem niemand, das Nass kam von Innen.

Dies wäre an sich noch keine Erwähnung wert, wenn sich das ganze nicht mit 100 Menschen – die Hälfte davon echte Türkinnen und Türken – in einem Heuschober in Buchschachen, im tiefen Emmental ohne Strom dafür mit Plumpsklo, abgespielt hätte.Und dazwischen musizierten (in klassischer Tracht) der Dämmerung und den Türken entgegen.

Manchmal tut es unglaublich gut, der Stadt zu entfliehen und der muffigen Urbankultur den Rücken zuzuwenden. Lang lebe die Landkultur!

Die Aeronauten sind wieder

christian pauli am Freitag, den 4. August 2006 um 22:24 Uhr

Wahrscheinlich ist das verboten, aber wir sind hier ja fast unter uns. Ich möchte ein Loblied singen über eine Platte, die es noch gar nicht gibt, respektive die noch nicht veröffentlicht worden ist. Olifr, der Sänger der Aeronauten (oben in ungewohnt sportlicher Pose), hat mir eine Vorab-CD in die Hände gedrückt und seither läuft das Ding bei mir sehr beliebt. Und weil der Olifr dies natürlich nicht ohne Absicht tat, und ich diesem Ansinnen gerne Folge leiste, kann ich hier sagen (und damit schon mal ein bisschen Promo machen): Sehr gerne, Jungs, ihr sollt bei uns spielen. Ich weiss zwar noch nicht wann und wo (der Olifr benanwortet meine sms nicht). Aber es wird schon werden.

Nun zur Platte: Selbstverständlich gehts ums Älterwerden, Kinderkriegen und Punk im Rücken und das könnte einem ja fast ein bisschen zu nahe geben. Aber der Olifr ist einfach ein Sack, der macht das saugut. Erzählt aus seinem, unserem Leben, ohne sich anzubiedern und ohne irgendwelche Belanglosigkeiten wie die hiesigen Mundartrocker aufzutischen. Für mich ein Kunststück. Kriegt sogar die Kurve in «Männer» über Männer zu singen, fast wie weiland Herbert G., aber mit – wie gesagt – Punk im Rücken. Und ach, und seine Stimme: An Olifrs Stimmbändern ist so viel Weisswein runtergeflossen, dass er zuweilen wie Udo L. klingt. (Das ist als Kompliment gedacht.) Kommt dazu, dass die Band ihren Soul-Punk hin schmettert, wie ich in unserer Sommer-Datscha Fliegen erledigt habe. Druckvoll, elegant und beiläufig.

Auf der Website der Aeronauten gibts den benannten Song übrigens schon zu hören. Unter «Jetzt Musik». Wegen live demnächst hier mehr.

Bye Bye Sarah

Grazia Pergoletti am Freitag, den 4. August 2006 um 13:03 Uhr

die KuttnerGemessen an der Zielgruppe der Kuttner- Show bin ich von Alters wegen wohl schon fast 2 Zuschauerinnen. Nichtsdestotrotz: ich bin ein bekennender Sarah-Kuttner-Fan!

Natürlich kann man die Art, wie Sarah Kuttner Themen der Weltpolitik, der Pop-Kultur, der Kunst und allerlei Quatsch praktisch gleichberechtigt auf derselben Ebene moderatorisch durchnudelt, kritisieren. Mir scheint diese alles-in-einem-Atemzug-Gesprächskultur allerdings ein charakteristisches Merkmal unserer Zeit zu sein, und kein spezifisches Kuttner-Phänomen. Ich fand die Dame immer sehr lustig und sehr kritisch.

Auch sehr komisch übrigens die TV-Schnipsel-Show, mit der Vater Jürgen Kuttner durch die Theater tourt (z.B. Theater Basel). Er zeigt und kommentiert unfassbare TV-Schnipsel, wie z.B. den ersten Werbesong der Grünen Partei mit der Band BAP und Joseph Beuys als Sänger (!), oder die deutsche Version von Black Sabbaths Paranoid, Der Hund von Baskerville interpretiert von Cindy und Bert.

Nun ist also Schluss mit Sarah Kuttner auf MTV. Statt dessen wird den Kids wahrscheinlich eine weitere bescheuerte und deprimierende Datingshow vor die Nase gesetzt. Gestern flimmerte die letzte Kuttner-Ausgabe über den Bildschirm. Ich habe sie leider verpasst.

Lebenszeichen aus Beirut

Frau Götti am Mittwoch, den 2. August 2006 um 19:37 Uhr

Foto Der Krieg im Nahen Osten findet nicht nur in Kana, Tiberias und Beirut statt. Sondern auch in den Köpfen der Betroffenen. Stichworte wie “Libanon” und “Israel” gehören zu den am meisten genannten Themen bei der Blog-Suchmaschine Technorati. Und in den politischen Blogs prügeln sich die Feinde und Freunde von Israel oder der Hisbollah gegenseitig, ganz wie in der Realität.

Da tun andere Perspektiven gut. Zum Beispiel der Blick auf das vor dem Krieg so rege Kulturleben Beiruts. Ein Artikel dazu war vor einigen Tagen im “Bund” zu lesen.

Einblicke in die Situation in der Region gibt auch der Blog der Autorin und des Autors des Artikels, beide aus Bern, die aus Beirut fliehen mussten. Hier gibts auch Links zu anderen Blogs und zu Webseiten.

Aber egal wie viel man darüber liest: Zurück bleibt nur Traurigkeit.

Bananekistenturnierchen

Daniel Gaberell am Dienstag, den 1. August 2006 um 10:43 Uhr

Um es gleich vorweg zu nehmen: wir erspielten vier Siege und eine Niederlage was uns zu den eigentlichen Gewinnern dieses Turniers machen würde. Aber eben, Sieger gab es keine, nur Verlierer.

Das «Komitee für eine vielfältigere und bessere Nutzung der öffentlichen Plätze» unter der Führung von carhate, Menotti-Memorial und Pirate-Streeplay, luden gestern ab 21 Uhr zum ersten Square Soccer Tournament.

Gespielt wurde auf der Baustelle Bierhübeli und der kleine Ball flog neun Mal die Böschung runter, was zu diversen Spielunterbrüchen und Taschenlampen-Suchaktionen führte. Zwei Bananenkisten dienten als Tore, ein Team bestand aus zwei Spielern, 3 Minuten nur betrug einen Match und wer sich für Verteitigungsorgien entschied, wurde von der ansässigen Ethikkommission vom Platz gestellt.

Die vorübergehend stillgelegte Busstation «Bierhübeli» diente als SpielerInnenbank, Zuschauertribüne und Minibar. Und wenn der Platzregen einsetzte (was er mehrmals tat), wurde es zuweilen sehr eng und gemütlich im Unterstand.

15 Teams kämpften um Punkte und das nächste Tournament findet am 17. August um 19 Uhr auf dem Vorplatz des Wankdorfstadions statt. Mitmachen können übrigens alle, wirklich alle!

Soccer

Diese Berichterstattung – soviel habe ich kapiert – würde natürlich auch sehr gut ins Schwesternblog «Zum Runden Leder» passen. Aber die Absicht von Carhate ist kultureller Natur und darum empfehle ich xirah, Rrronaldo & Co. eine saubere Verlinkung zu uns rüber. Vielen Dank!