Gratis zum Weltuntergang

Gisela Feuz am Mittwoch, den 30. Mai 2018 um 7:11 Uhr

Ab Freitag geht im Kino Rex regelmässig die Welt unter. Nein, nicht jeden Abend wie in Douglas Adams’ «Restaurant at the End of the Universe», aber doch immerhin 11 Mal. Aus Anlass der Ausstellung Weltuntergang – Ende ohne Ende im Naturhistorischen Museum zeigt das Rex nämlich eine Retrospektive mit Apokalypse-Klassikern. Darunter Perlen wie Invasion of the Body Snatchers (1956), Kubricks galgenhumorige Satire Dr. Strangelove (1964), Romeros Night of the Living Dead (1968), Coppolas Apocalypse Now (1979).

Den Start macht am Freitag ein richtig alter Schinken: Verdens Untergang aus dem Jahre 1916. Der Stummfilm des dänischen Regisseurs August Blom gilt als einer der ersten abendfüllenden Katastrophenfilme der Filmgeschichte, wobei ein Meteorit, der auf die Erde zusaust, die Hauptrolle übernimmt. Viel wichtiger als das Ungemach, welches der Stein verursachen wird, ist allerdings, was bis zu dessen Einschlag passiert, denn Menschen stellen sich in Krisenzeiten ja ganz unterschiedlich an. Einige verstecken sich in Panik mit Vorräten im Keller, andere versuchen vielleicht kaltblütig Profit aus dem nahenden Untergang zu schlagen. Entsprechend ist Verdens Untergang eigentlich weniger Meteoritenfilm, sondern vielmehr Abbild eines Klassenkampfes und emotionaler Verstrickungen.

Und Sie so? Wenn die Welt nächsten Monat untergehen würde, was würden Sie bis dahin anstellen? Dem Chef endlich mal ordentlich eins aufs Maul hauen, Maisbüchsen zu Wucherpreisen verhökern oder doch die Mama anrufen und ihr sagen, dass man sie ganz doll lieb hat?

2012 hat Evelinn Trouble fürs CinéAir Nyon Verdens Untergang vertont (siehe Trailer), am Freitag im Kino Rex wird dies Jazzmusiker und Improvisator Martin Schütz mit Cello und Electronics tun. Sie möchten gratis in die Vorstellung? Nichts einfacher als das: Schreiben Sie uns bis Freitagmittag 12 Uhr eine Mail. Und die Mama anrufen und ihr sagen, dass man sie lieb hat, könnten Sie ja auch ohne drohenden Weltuntergang mal wieder.

Warum? Darum ins Kino.

Roland Fischer am Dienstag, den 29. Mai 2018 um 12:39 Uhr

Ja, man muss aus dem Haus dafür, man muss zum Beispiel runter ins Lichtspiel, furchtbar weiter Weg, schon klar. Man kann nicht einfach den Laptop im Bett aufklappen und den Copyrightern eine Linke verpassen. Man kann auch nicht mal rasch Pause drücken und aufs Klo oder eine Instagram-Benachrichtigung checken. Aber dafür bekommt man dann – heute und morgen – zwei Filme serviert, die eigentlich gar nicht laufen dürften auf kleinem Screen und denen sich knisternde, fiepende, beim Bass passende Böxchen sowieso verweigern sollten.

Heute abend «Der Klang der Stimme», ein Dokfilm, der ohne vernünftiges Soundsystem nicht wirklich Sinn macht. Apropos Sound: Der Film läuft als Begleitprogramm zur aktuellen Ausstellung im Sensorium Rüttihubelbad. Sicher auch einen Besuch wert.

Und morgen dann «Leviathan». Dazu gar nicht viele Worte verloren, ausser: Wer den noch nicht gesehen hat – viele Gelegenheiten wird es wohl nicht mehr geben, sich von diesen grossen Bildern überwältigen zu lassen. Da draussen im Kino.

Kulturbeutel 22/18

Milena Krstic am Montag, den 28. Mai 2018 um 5:57 Uhr

Die Krstic empfiehlt:
«Die Klügere kippt nach» heisst die satirische Talkshow, ins Leben gerufen von Lisa Catena und Aline Trede, die beide auch durch den Abend führen. Am Dienstag gibts einen Bar-Talk im Burgunder, gemeinsam mit den Gästen Caroline Fux (Psychologin und Sexberaterin beim Blick) und dem Adrianos Café Teilhaber Adrian Iten. Viel Liebe für diesen Start. Aber bevor Dienstag ist, ist es ja noch heute und da steigen Sie am besten in den Grellen Keller hinab, weil, ein guter Ort, um zu sehen, was bald aus dem kulturellen Untergrund hinaufsteigen wird.

Der ÜD empfiehlt:
Naja, die Kilbi offensichtlich, aber man will ja nicht zynisch sein. Nachdem die Chose nach gefühlten zweikommasieben Sekunden «aufgeschaltet» im Internetzi ausverkauft war.
Darum ein Tipp für Verzweifelte: Mal ganz salopp auf Insta oder FB für einzelne Tix fragen, wurde etliches verlost die Tage und gibt auch immer wieder Verhinderte mit Restanstand, welche Billetts für den Normalpreis abgeben. Erfolgreicher als man glauben mag die Methode und natürlich way better als bei Schwarzmarkthu#*@!öhnen anzukaufen – Boykott den Kilbivampiren!

Fischer empfiehlt:
Ein musikalisch-filmischer Meteoriteneinschlag: Martin Schütz (Cello und Electronics) vertont am Freitag live den famosen dänischen Stummfilm Verdens Undergang, der eine Welt nach der grossen Katastrophe in schaurig-schöne Bilder packt. Wen es eher bei digital-kommerziellen Katastrophenszenarien schaudert: Am Donnerstag wird darüber im Käfigturm diskutiert, am Freitag und Samstag werden konkrete Anleitungen für ein alternatives Netz entwickelt. Reclaim the internet!

Frau Feuz empfiehlt:
Minimalismus, Präzision, Dissonanzen sowie treibende Bassläufe und Rhythmen. Etwa so lässt sich der Noise-Rock beschreiben, den Gitarrist Steve Albini am Dienstagabend zusammen mit seinen Shellac im Dachstock veranstaltet.

Schwab empfiehlt:
Kugelkino
am Freitag im schönen Kinematographentheater der Reitschule. Denn auch dieses Jahr wieder wirds ein Kugelfest geben (26. – 29. Juli), das soziokulturelle Fragen stellt, Bock macht und auf die Kakke haut. Bis dahin eben auch mal Kino. Gezeigt wird «Frohes Schaffen» – zur Senkung der Arbeitsmoral für den l’homme qui travaille.

#ZureichNotBrooklyn

Milena Krstic am Sonntag, den 27. Mai 2018 um 15:29 Uhr

Die Krstic im Auftrag vom Urs: Bern ist zwar nicht Zürich, aber hey, auch in der Geldstadt ist manchmal mächtig was los. Beispielsweise, wenn für die Machtlosen ein Zeichen gesetzt wird. Wie gestern und vorgestern auf dem besetzten Platzspitz.

Diese Stadt, grösster Bunker privater Vermögen weltweit – Weltstadt?
Dies gebührte Anstand, Rücksicht auf die Schwächsten.
Doch Zureich geht schon lange auf Abstand – beispielhaft auf diesem Platz – spitzt sich die Lage zu.
Anfang 90er gegen die offene Szene im Park: Zerschlagen, vertrieben, Zäune hoch, basta.
Heuer gegen die Mittellosesten auf der Flucht: Die neuste Verschärfung der Asylgesetzte griff «versuchsweise» erstmals in Turicum.
Der Platzspitz ein Mahnmal – für diese Logik: Repression greift immer, weil sie meistens die Mittellosen trifft.
Zwei Tage hat man dort nun gezeltet, vernetzt, musiziert und diskutiert.
Namhaftes auf der Bühne: ALL XS, die JEANS, BIG ZIS, der Luchs, GÖLDIN & BIT – schönes Bekennungsspielen.
Einen Tropfen Solidarität in diesen Ozean an reaktionären Idealen von Grenzen gepisst.
Was bleibt? Was erster Dinge bleiben muss: “Parc sans Frontières” – ein Denk-mal.
Und jetzt denkt mal.

Der Pavillon auf dem Platzspitz. Symbolbild, möglicherweise urheberrechtlich geschützt.

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es sonntags pünktlich zum Katerfrühstück irgendwann dann, wenn jemand von uns aufgestanden ist.

Glockenspiele

Mirko Schwab am Freitag, den 25. Mai 2018 um 13:50 Uhr

Der Zytglogge leuchtet frisch frisiert. Schade: Ein weiteres mal hat es die Denkmalpflege verpasst, den Zeitgeist abzubilden im Glockenspiel. Vier Vorschläge für eine modernere Repräsentation der Sandsteinstadt.

Immer wenn der Glocken-Gockel kräht, der Narr in seinen Schellen rührt, die Bärlein tänzeln ringelreih, Chronos seine Sanduhr stürzt und ein Leu die Schläge zählt, die Hans von Thann über die Schindeldächer der alten Stadt schickt, weil es Zeit ist – immer dann also, wenn der Zwölfer nicht recht passieren kann, weil eine Traube Touristen auf der Strasse steht und der entnervte Chauffeur mit dem Gedanken spielt, so eine asiatische Reisegruppe einfach mal im Sinn der Pädagogik leicht anzufahren – immer dann vergibt man hier die Chance, wirklich etwas zu erzählen von dieser Stadt und dem wilden Leben darin. Dabei böte auch das post-millenniale Bern Stoff für Geschichten, erzählt in mittelalterlicher Hemdsärmeligkeit.

Vorschlag I
«Reit for your Reit o. der Rytglogge»

Der Hahn kräht – und trägt jetzt Igelfrisur, ach Erich zu Hesz, du alter Blasebalg – und immer immer die selbe Leier! Die Drehscheibe bringt einen Bären hervor, darauf reitet Retho Nause, der mit langer Schlangenzunge nach einem Reigen schwarzgekleideter Narren faucht. Die Narren heben das Kopfsteinpflaster aus dem Boden und werfen es dem Aargauer Tyrannen als Bsetzi-Steine vor den Latz. Wieder kräht der Hesz. Taugenichtse, Tagediebe, Trunkenbolde: ein Miniatur-Vorplatz wird gezeigt, knöcheltief im Wein tanzen Jung und Alt, stiernackige Ritter geben sich auf die Grinde, zwei Kinder stehen auf einer Scheibe, die sie ins Lot zu bringen versuchen, derweiil die Zeiger der grossen Uhr wild übers Zifferblatt wischen. Kräht der Hesz ein letztes mal, so umarmen sich die Kinder, die Balance ist gefunden und die Zeit wird angezeigt.

Vorschlag II
«Bern und die Kultur o. der Filzglogge»

Der Hahn kräht, diesmal verkörpert durch Herzog von Leduc. Die drei ersten Töne von «O VII IX», ein Lied über die verhinderte Minne, sind zu vernehmen. Die Drehscheibe zeigt den kulturellen Austausch der Generationen: Karl Tellenbach schneidet Simeon v. Hari den Schnauz, Mani «der Barde» Matter zieht Olivarius «dem Barmann» Kehrli eine Laute über die Rübe, Friedenreich zu Glausern aus dem Siechenhaus legt indes Matho Kämpf eine Krone auf. Wieder kräht der Herzog. Ein frivoler Bärentanz der Berner Kultur und ihrem Filz. Der vorderste Tanzbär wird vom folgenden am Anus geleckt, hinter dem Rücken des ersten dann dreht sich der zweite, spuckt zu Boden und lässt sich vom nächsten bedienen, der sein Zünglein spielen lässt und schliesslich spuckt – immer weiter und so fort. Das letzte Herzogs-Krähen. Die weiblichen Kulturschaffenden scharen sich um den Oppenheimbrunnen, Jeszika von Jurassien stellt eine grosse Sanduhr auf den Kopf – die Zeit ist angezählt, time’s up!

Vorschlag III
«Wolfram und Johannes o. der Heldenglogge»

Der Hahn kräht «Fuessbau-Schwizermeischter!» Ein Helden-Tableau wird angerichtet, in gold-schwarz bemalte Ritter jonglieren einen Lederball über den Köpfen ihrer Widersacher hin- und her. And just because we’re going medival: Köpfen ihre Widersacher hinterher. Rotes und blaues Blut tränkt den Heldengrund. Der Hahn kräht « Schölölö!» Der kraushaarige Ritter Wolfram Marcus Wölflîn fliegt durchs Halbrund und fängt mit seiner rechten Hand den Lederball. Der Hahn kräht ein letztes mal recht trunken, bevor der heldenhafte Mohr Johannes Petrus im Turmhelm droben – eine Minute vor der vollen Stund – an die Glocke stüpft. Sie wird in der Folge zwölfmal angeschlagen.

Vorschlag IV
«Glocke der Gastfreundschaft o. der Metaglogge»

Der Hahn lacht. Kleine asiatische Touristen erscheinen auf der Drehscheibe, zücken Stab und Telefon und fotografieren die staunende Schar asiatischer Touristen mit Stab und Telefon, die am Turmfusse sich eingefunden hat.

Drifting through the night

Roland Fischer am Donnerstag, den 24. Mai 2018 um 12:48 Uhr

Irgendwo in der Lorraine gestern so gegen Mitternacht: Eine Schar von Nachtwanderern mit grün leuchtenden Ohren zieht in seltsamer Formation durchs Quartier.

Gesprochen wird nichts, doch scheinen alle die Regeln zu kennen. Alle haben Kopfhörer auf, vielleicht empfangen sie ja geheime Kommandos einer fremden Macht? Wird da eine Konspiration vorbereitet, werden Hirnwindungen umgespult? Oder was soll das Theater? Genau so etwas soll es, heutzutage. Driften durch die Nacht. Die Stadt mit anderen Augen sehen.

Bern auf Probe: Frag die Zuschauer*innen! Dritter Teil

Anna Papst am Donnerstag, den 24. Mai 2018 um 8:48 Uhr

In drei Beiträgen der Kategorie Bern auf Probe haben die Zuschauer*innen das Wort: Wie ist es ihnen bei ihrem letzten Theaterbesuch ergangen?

Wie nahe darf ich dir kommen? “for the time being” untersucht unser Verhalten in Menschenmengen.

Als Nora zum ersten Mal mit Theater in Berührung gekommen ist, stand sie gleich selbst auf der Bühne: In der Theater AG ihres Gymnasiums. Nach der Praxis hat sie sich der Theorie zugewandt und studiert im zweiten Semester Theaterwissenschaft. Diese Woche ist sie jeden Abend im Theater, entweder als Zuschauerin am AUAWIRLEBEN Theaterfestival oder als Schauspielerin auf der Bühne im Stück “Lysistrata” der Zytglogge Theatergesellschaft Bern. Vergangenen Sonntag besuchte sie eine Vorstellung von “for the time being” von Schweigman& / Slagwerk Den Haag.

“Ich habe noch nie ein Stück gesehen, bei dem die Zuschauer*innen so stark beteiligt waren. Am Anfang musste ich die Performer*innen immer wieder anschauen: Sind das Wachsfiguren? Das Publikum hat sich auch wie durch ein Museum oder eben ein Wachsfigurenkabinett bewegt. Aber es waren alles echte Menschen. Als sie das erste Mal losgerannt sind, bin ich total erschrocken. Vieles von dem, was sie gemacht haben, hat mich an Aufwärmübungen im Theater erinnert. Durch den Raum gehen, jemanden anschauen, stehen bleiben und so weiter. Mit diesen einfachen Aktionen ist es ihnen gelungen eine Gemeinschaft mit dem Publikum einzugehen.

Irgendwann war mir klar, wir sind jetzt zusammen hier, der Abend gehört uns allen. Das ganze Publikum hat an einem Punkt der Performance Kartonschachteln zusammengebaut, als wäre es die normalste Sache der Welt. Man wäre sich komisch vorgekommen, wenn man sich nicht beteiligt hätte.

Ich würde das Stück Leuten empfehlen, die selbst Theater spielen. Eine Person, die gewohnt ist, dass es einen abgetrennten Zuschauerraum gibt und sie in Ruhe gelassen wird, hätte vielleicht nicht so Freude, wenn einer der Performer seinen Schweiss an ihrer Bluse trocknen würde.”

“for the time being” von Schweigman& / Slagwerk Den Haag war im Rahmen des AUAWIRLEBEN Theaterfestivals 2018 zu sehen.

Bern auf Probe: Frag die Zuschauer*innen! Zweiter Teil

Anna Papst am Dienstag, den 22. Mai 2018 um 13:11 Uhr

In drei Beiträgen der Kategorie Bern auf Probe haben die Zuschauer*innen das Wort: Wie ist es ihnen bei ihrem letzten Theaterbesuch ergangen?

Untertitel oder Subtext? “The only way is UP” von Boris Van Severen und Jonas Vermeulen

Leslie ist Mitbegründerin des Schlachthaus Theater Bern und war lange Zeit im Vorstand des AUAWIRLEBEN Theaterfestivals. Die 74-jährige Buchhändlerin begleitet das Festival seit Beginn. Wenn ihr mal etwas nicht gefällt, haut sie das nicht gleich aus der Kurve. Am Samstag besuchte sie die Vorstellung “The only way is UP” von Boris Van Severen und Jonas Vermeulen.

“Uff. Ich bin ein bisschen geschafft. So viel Energie auf der Bühne. Unglaublich! Man will entweder tanzen gehen oder sich hinlegen und ausruhen. Das sind zwei tolle Jungs. Total eigen, die Verbindung aus Konzert, Text und Bühnenbild. Es war auch ästhetisch ausgefeilt, hat mich ein bisschen an Harald Naegeli erinnert. Was ich richtig gut finde: Das hier am Festival so extrem verschiedene Theaterformen nebeneinander Platz haben. Ich habe am Donnerstag ein Stück von Lola Arias gesehen, dass mir auch sehr gefallen hat. Dokumentarisches Theater, eine völlig andere Sache.

Wie ich diese Form hier nennen würde, kann ich gar nicht sagen. Ich war froh, dass es untertitelt war. Mein Englisch ist nicht so super, so ein Schulenglisch halt, und es ging wahnsinnig schnell. Inhaltlich kennt man es ein bisschen, aber formal ist es hochspannend. Ich würde es meinen Kindern und meinen Grosskindern empfehlen. Meinen Nachbarinnen auch – aber nicht allen.”

“The only way is UP” von Boris Van Severen und Jonas Vermeulen war im Rahmen des AUAWIRLEBEN Theaterfestivals am Schlachthaus Theater zu sehen.

Kulturbeutel 21/18

Gisela Feuz am Dienstag, den 22. Mai 2018 um 5:55 Uhr

Frau Feuz empfiehlt:
Am Mittwoch ist im Punto «Niger’s most famous Tuareg Rock Star» zu Gast. Eine Secret Show solls sein, drum hier namenlos angekündigt. Oder wies die Veranstalter in schönster Wilhelm-Busch-Manier formulieren: «It’s a secret, Kinder, mit Verlaub / flickt das Ding doch, seid gescheit / doch jetzt wisst ihrs sicher, are we right?» Am Donnerstag sorgt Berns «Alleinunterhalterinnen-Duo des Grauses» alias Cruise Ship Misery beim Theaterfestival Auawirleben für musikalische Unterhaltung und am Freitag gehts im Dachstock mit Impure Wilhelmina und Coilguns richtig zappenduster in die Metal-Noise-Vollen.

Die Krstic empfiehlt:
Am Freitag legt der ehemalige KSB-Chef Benedikt Sartorius im schönsten Kinofoyer Berns (ok, ich weiss immer noch nicht, ob ich dasjenige im Kino ABC oder eben das im Rex mehr feiere) populäre Musik auf. Am Samstag gerne dann abtanzen an der AUA Abschlussfete zu den Tunes der Frau mit dem Controller am Bauch und M für Musik-Gewinnerin: Jessiqoui. Danach pilgern Sie am besten in den Frauenraum, weil dort ist Statement009-Party, bespielt von acht Frauen aus der Schweiz, die sich zu einem Kollektiv zusammengeschlossen haben und nun ihre erste Labelnacht in Bern schmeissen.

Der Urs empfiehlt:
«Das Leben vor dem Tod», macht Sinn und spielt im REX. Von Herrn Regisseur Gregor Frei, ein wahrer Gentilhomme und Anwalt des kleinen Menschen, färbt immer auf seine Filme ab und das ist so schön so –
Dienstag 1400 & 1830, Mittwoch ebendiese.

Schwab empfiehlt:
Unser spontanes Ross bläst am Donnerstag zu Feldermelder und E&A Rüegger. Sequenzergeflüster und in die eigene Fleischlichkeit fahrendes aus dem Unterbewusstsein dreier Fribürger. Grand style! Und am Mittwoch eben, Frau Feuz hat Recht.

Fischer empfiehlt:
Schon wieder eine Eröffnung in der neuen Progr-Galerie Reflector – es geht da Schlag auf Schlag. Nun kommen Chatbots und weitere Informationssysteme zu Wort, das Berliner Künstlerkollektiv Lou Cantor präsentiert Werke On information.

Geld auf der Anklagebank

Gisela Feuz am Montag, den 21. Mai 2018 um 11:44 Uhr

Schuldig oder nicht schuldig? Diese Frage musste sich gestern Abend die Zuschauerschaft am Ende einer vierstündigen Gerichtsverhandlung im Tojo Theater stellen. Auf der Anklagebank sass: Das Geld.

Der gebürtige Genfer Christophe Meierhans verhandelt in seiner Produktion Trials of Money die Frage nach der Verantwortung von Geld in unserer heutigen Gesellschaft. Weil Geld ja nun aber nicht eine Person aus Fleisch und Blut ist, wird es in Trials of Money als Semi Human Person bezeichnet und anhand von existierenden Gesetzen auf seine Schuldigkeit hin geprüft. Vorgeworfen werden dem Geld vier Vergehen: Betrug, Erpressung, unterlassene Hilfestellung und Anstachelung zu Hass. Im schmucken Wolken-Bühnenbild werden nacheinander neun Personen in den Zeugenstand gerufen, welche zuerst von der Richterin und aber vor allem auch vom Publikum befragt werden.

Die Zeugen und Zeuginnen: Zwei Banker, ein Obdachloser, Melinda Gates (Bill & Melinda Gates foundation), weiter werden eine Vertreterin des indigenen Stammes der Algonqin, ein Verfechter von Kryptowährungen, ein Ökonome und ein ehemaliges Kibbutz-Mitglied in den Zeugenstand gerufen. Und dann ist da auch noch der Kriminologe und forensische Psychiater, welcher der Menschheit in Bezug auf das Geld ein Stockholm Syndrom attestiert.

Die Grundfrage welche Trials of Money aufwirft, ist von aktueller Relevanz und Brisanz. Wie wollen und sollen wir mit Dingen verfahren, die zwar von Menschen geschaffen wurden, welche aber eine Art Eigenleben entwickelt haben? Wer ist hier in die Verantwortung zu nehmen, wenn etwas schief läuft? In einem Zeitalter, in welchem künstliche Intelligenzen vermehrt eigenständige Entscheidungen treffen, wird uns diese Frage zukünftig ganz bestimmt noch des öfteren beschäftigen. Die Ausgangslage wäre also eine spannende, bloss ist das, was in Trials of Money daraus gemacht wird, dann doch etwas gar trocken. Dem Publikum wird eingangs ein 12-seitiges Dossier abgegeben, in welchem Statements der Anklage und Verteidigung, relevante Gesetzestexte und Kurzbiografien der Zeugen und Zeuginnen aufgelistet sind. Die langfädige Einleitung und die Tatsache, dass von einer Erzählerfigur aus zweiten Hand geschildert wird, was gerade im Gerichtssaal passiert, machen das Szenario zähflüssig. Ausserdem sind die abgegebenen Dokumente in Englischer Sprache aufgrund des Juristen-Jargons nicht ganz ohne und dürften den einen oder anderen Zuschauer davon abhalten, Fragen an die Zeugen zu adressieren.

Andererseits wird durch diese Art der Umsetzung aber natürlich auch eines evident: Die Frage nach der Schuldigkeit von Geld, lässt sich nicht einfach beantworten, sondern ist von grosser Komplexität und Undurchschaubarkeit, zumal wir ja alle in irgendeiner Form mit dem Angeklagten verbandelt sind. Daraus ergibt sich die schizophrene Situation, dass das Publikum sowohl Ankläger und Geschworene, aber auch Mitangeklagte und Verteidiger zugleich ist. Auf jedes Argument folgt ein ebenso schlüssiges Gegenargument. Sie hätten gerne ein Beispiel?

Accusation: Money divides and rules. Money segregates humans. It creates a minority of rich and a majority of poor and uses these two groups against each other. Money manipulates the rich by providing them advantages in order to obtain their collaboration without their knowing.

Defense: Money enables equality. Money itself does not generate injustice. One the contrary. Money enables humans to help each other across their multiple divisions, across continents, borders, cultures and religions.

Stimmt doch beides, nicht? Schuldig oder nicht schuldig? Entscheiden Sie selber.

Trials of Money wird heute Pfingstmontagabend im Rahmen des Theaterfestivals AUAWIRLEBEN um 18 Uhr im Tojo Theater gezeigt.