Kulturbeutel 30 / 18

Roland Fischer am Montag, den 23. Juli 2018 um 5:16 Uhr

Fischer empfiehlt:
Inspired by the most absurd conspiracy theories we could find online, we ask ourselves – What is reality? Gute Frage. Antworten gibt es womöglich, womöglich auch nicht am Sonntag in Biel. Samuel Müller und Mor Dovrat zeigen ihre Para-Paranoid Performance namens Saturn Machine in der Alten Krone, im hoffentlich noch heilen Dachstübchen.

Der Urs empfiehlt:
Als ich früher im Seefeld mit den Jazzern Hase rauchte, im Park während die anderen im Englischunterricht sassen, da lachten sie mich aus, wenn ich vom Saxophonisten Joshua Redman schwärmte.
Zu anbiedernd, zu Mainstream war sein Sound für die echten Hipster – ich war da schon eine Popschlampe. Und ich mag ihn immer noch, vor allem, wenn er mit einer Legende am Drum wie Billy Hart groovt. Das gibt’s am Donnerstag in Langnau an den alljährlichen JAZZ NIGHTS.

Schwab empfiehlt:
Kurz vor Langnau liegt Signau, weit weit weg von den Jazz Nights aber steigt das Kugelfest. Es reckt sich nach den Diskursen, den Exzessen, der Liebe und dem grossen Fressen. Ein sozio-kulturell-politisches Spielfeld solls werden, also rein in die heimelige NPZ-Privatbahn-Komposition der S2 und rauf da! Vom Donnerstag an.

#BernNotBrooklyn

Urs Rihs am Sonntag, den 22. Juli 2018 um 16:50 Uhr

Bern ist zwar nicht BrooklynNapoli, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los. Beispielsweise auf allen Badewiesen und Uferabschnitten, welche zum Sonnen und Liegen laden.

Von den Brücken und vom Zug aus gleicht das einer fransigen Patchworkdecke.
Farbige Leinenbahnen, kalkige Frotteetücher, exotische Waxprints auf dichtem Stoff, dünnes Baumwollgewebe, alles wie Schleier über dem grasgrünen oder steingrauen Untergrund verteilt.
Darauf gebräunte Körper, viele rauchend, neben ebenfalls qualmenden Feuerstellen, spielenden Gruppen, lesenden Einzelgänger. Essen dazu, trinken dazu, viele saufen.

Vor einigen Jahren war mal so ein heimischer Film für den besten fremdsprachigen zur Nomination bei den Oscars vorgeschlagen. «Giochi d’estate» hiess der doch, Sommerspiele.
Das darin auftragende Kolorit – pastellener Coming of Age Timbre, herbere Noten Lebensmittekrise – spürt sich auf an der Aare.

Zwei Handvoll Köpfe aus der Stadt haben sich diesem Sentiment musikalisch angenommen und gestern dazu einen Soundtrack auf Kassette veröffentlicht. Toxico SUMMER TAPE, TX07.

Vornehmlich bleiche Gesichter trotz Hochsommer, vom Kunstlicht im Studio, mit diesem Leuchten in den Augen aber. Weil sie einer Fantasie Kontur verpasst haben und die Sonnenkur ihrem Sound, statt sich selbst.
Die gemeinsame Sprache: Das italienische Klub-Viermalvier der späten 80er- Anfang 90er-Jahre. Auf diesen Nenner hatte man sich bereits in den kalten Monaten geeinigt.

Sphärischer, verträumter House mit diesem Discogloss. Italienischer «Dream House», Sommernachtstraum-Verve, weil dieser Dancesound wie nichts anderes in der Klubkultur für lebensbejahende Leichtigkeit steht.

In den Staaten war House politisch konnotiert, queer an der Ostküste, farbig im Rostgürtel. Und auf der Mutterinsel aka UK sowieso immer tief im Kellerloch, selbstzerstörerisch, zerrütteter.

Die Ränder des Stiefels hingegen, mit seinen sonnenbeschirmten Promenaden und felsigen Kanten, diesem Azur der Adria und dem Türkis des Mittelmeers, das instantane Glück höchstens getrübt von einem schnell wieder verdrängten Ennui – das ist die Blaupause für Dream House.

Salzige Zungenküsse, das Wiederaufflammen einer Jugendliebe oder einfach nur ein paar verklärte
Gedanken an einst im Sand.
Jetzt alleine vielleicht, aber immerhin ein Campari Soda auf der Patchworkdecke,
in der Nacht und am Strand.

Dieser Sound lässt immer mal wieder schmunzeln auch, den eitlen Hipster-Ernst in die Ecke stellen. Er bringt Spass und Lockerheit auf die Tanzfläche, Attribute die der Klubmusik paradoxerweise so oft und so schmerzlich fehlen.

Mediterrane Inspiration, that’s the cure! Jetzt gibt’s eine lokale und auf Tonband gespulte Facette mehr davon. Bern ist zwar nicht Napoli, aber hey, auch hier klingt und fühlt sich der Sommer richtig schön.

#BernNotBrooklyn, neither Napoli, but lots of good vibes.

Bild mit Ton: Infinite Jest

Clemens Kuratle am Donnerstag, den 19. Juli 2018 um 17:36 Uhr

KSB stellt dank «Bild mit Ton» wöchentlich ein audiovisuelles Ausrufezeichen aus dem Berner Untergrund ins Zentrum seiner Berichterstattung. (Bei rückläufigem Merkur sind Abweichungen vorbehalten, ebenso bei schlechter Laune oder gutem Wetter.)
Diese Woche mit: Lolasister «Infinite Jest»

Pessimist-Pop oder Songs für Tagträumer machen Lolasister laut eigenen Angaben. Die Band um die Sängerin Leonie Altherr hat ihre Debüt-EP im Juni dieses Jahres veröffentlicht.

Der hier vorgestellte Titeltrack (Video: Yannick Mosimann) ist den Verkrüppelten, Langsamen gewidmet und sorgt ziemlich zügig für Eiseskälte. Im Verlaufe des Stücks aber schaukelt sich die Musik, in Einklang mit dem Bild, zu einem (t)rotzigen, beinahe feurigen Bekenntnis hoch.

Ein starkes Stück. Für alle Sonderlinge, Verletzten oder Verletzlichen und ganz ohne selbstverleugnenden Zweckoptimismus.

Lolasister ist am 3. August am BeJazzSommer zu hören.

 

Kulturbeutel 29 / 18

Roland Fischer am Montag, den 16. Juli 2018 um 5:52 Uhr

Fischer empfiehlt:
Einer tollen Geschichtenerzählerin zuhören (nein, eine prominente Naturwissenschaftlerin ist sie nicht, wie im Programm behauptet, aber das spielt keine Rolle): Donna Haraway: Story Telling for Earthly Survival ist ein sehr persönlich gehaltenes Portrait einer starken Persönlichkeit, die Ideen hat, die prominenten Naturwissenschaftlern leider nie kommen. Heute im Rex.

Schwab empfiehlt:
Arschwackeln oder Böseschauen zu aller Gattung Hip Hop – Neue, Alte, Sonderschule, Trap und Grime, gar Baile Funk und evtl. dancy-schmancy 80er-Shizzle? Der Mob besorgt. Am Donnerstag im Ross der Herzen.

Der Urs empfiehlt:
Der stadteigene Sonnentempel wird geweiht von seelenverwandten Bass-Schamanen – phrex und LCP beschallen am Mittwoch das Lorrainebad mit ihren Platten. Ab sechzehnhundert Uhr und einzigartig.

Provokante Filme, prominente Gäste

Roland Fischer am Mittwoch, den 11. Juli 2018 um 12:39 Uhr

Hat das NIFFF nun Glück mit dem Wetter? Oder Pech? Superschöne Sommertage laden ja nicht unbedingt ins Kino ein. Aber in Neuchâtel ist das dem Publikum ziemlich egal, während neun Tagen im Juli. Die Säle sind fast immer gut gefüllt, sei es am Nachmittag oder am späten Abend. Sei es für einen irren japanischen Klassiker, vom Jurydirektor David Cronenberg himself sehr charmant eingeführt («Klar, da waren Truffaut, Godard und so weiter, aber die richtig mindblowing Films kamen aus Japan») –

sei es zur internationalen Premiere eines deutschen Mad-Scientist-Films der sehr anderen und sehr verstörenden Art über einen jungen Mann mit grossem Potential:

Die Frau links im Bild ist übrigens auch keine Unbekannte:

Loveletter to a festival: Gugus Gurte

Mirko Schwab am Dienstag, den 10. Juli 2018 um 11:19 Uhr

Liebes, zum sechsten Mal schon, wie ich höre. Die Jahre verfliegen. Im Wind, der Substanz abträgt vom Berg mit jedem Jahr – eine stromlinienförmige Düne versinkt im Plastikmüll. But you no care.

Ein Glas Weisswein auf dich. Du Glitzer-Punk und Sozi-Hedon. Machst Gemeinsinn gemeinhin sinnvoll und all inclusive: Menschen mit Behinderungen, mit Herausforderungen, mit Geltungsdrang oder unbekanntem Talent gehen auf in dir und machen Sachen: Gugus, Dada, Theater, Lärm.

Drüben bei Zuckerberg verkaufen gerade alle ihre Viertagespässe oder versuchen es, die Preise sinken – ist es wegen dir?

Wegen des Musikprogramms allein kämen sie wohl nicht. Da gibt es andere Adressen und das weisst du auch. Du bleibst dir treu und machst Kollekte, aus Kraut und Rüben ein feines Süpplein. Es schmeckt besonders gut in diesem Jahr: Frau Trouble etwa, die sich unberechenbar gemacht hat in selstsamen Liebeleien mit dem Kitsch, Herr Porsche mit seiner Bieler Seelenmusik, Geschlechtsteile, die im Voodoo-Rhythmus wackeln und der Baze, der Klassenbeste, auf produktiven Abwegen – sie sind um die nötige Schärfe besorgt in der allgemeinen Sämigkeit. Eine Sämigkeit, die dir gut ansteht, das weiss ich schon.

Und eben, all inclusive: Zessen, Ztrinken, Diskothek. Und eine Metzgete der Hemmungen hast du dir ausgedacht, du alter Hippie-Schwerenöter. Einen Zungenkuss auf dich, ein zwanglos ausgezogenes Hemd vielleicht?

Ein Hoch auf die Talstation!

Gugus Gurte – Sexy Freunde. Von Mittwoch bis Samstag in und um die Heitere Fahne in Wabern.

Kulturbeutel 28 / 18

Roland Fischer am Montag, den 9. Juli 2018 um 5:48 Uhr

Fischer empfiehlt:
Die ewige Wiederkehr des Gleichen in der Stadtgalerie. Im Rahmen der aktuellen Sommerausstellung, die sich der Wiederholung und repetitiven Gesten widmet, gibt es am Mittwoch einen Performanceabend. Ja, ja, hatten wir alles schon. Play it again Sam!

Der Urs empfiehlt:
Von Mittwoch bis Samstag Gugus Gurten in der Heiteren Fahne, für’s Gewissen doch.
Mit spitz- und schlagbelichteten Namen wie Miss Trouble, Nick Porsch, Bäsu, den Sex Organs und, auch, oder.
Mindestens ein Cameo-Auftritt ist Pflicht.

JJ empfiehlt: Ich zieh’ mit dem Urs mit und zähl’ die Tage bis endlich wieder Gugus Gurten. Dort sexy Boybands anschauen gehen, zum Beispiel Frutti di Mare am Donnerstag oder Panda Lux am Freitag. Wer kein Bock auf Schwänze hat, geht am Mittwoch für 11ä oder ebenfalls am Freitag für Evelinn Trouble.

Schwab empfiehlt:
In
Thailand sitzen Fussballjunioren fest und eine Britische Person des privaten Lebens wurde mit Nowitschok vergiftet. Derweil ist die Aare warm und die Luft, schüttet eure Leben mit Prosecco zu, ma guarda che luna.

#BielNotBrooklyn

Roland Fischer am Sonntag, den 8. Juli 2018 um 11:09 Uhr

Eine Stunde noch sind sie dran. Gestern um vier am Nachmittag haben sie angefangen mit ihrem Raum-Zeit-Experiment mitten in der Bieler Altstadt, zwanzig Stunden Musik und Visuals am Stück. Der Raum wird sich inzwischen geweitet haben, die Zeit sehr kurz und sehr lang geworden sein. Gestern gegen Mitternacht flatterte auch mal ein Nachtfalter zwischen Luca Forcucci, Rea Dubach, Christian Zemp, Judith Wegmann umher, durch Stephan Hostettlers Projektionen tanzend. Und andere Tiere der Nacht kamen und gingen.

Jazz: Annäherung an ein Unwort

Clemens Kuratle am Samstag, den 7. Juli 2018 um 16:52 Uhr

Nicht shiny, nicht glamourös und auch nicht zwingend schön, dafür ziemlich wendig. Eine Ode an eine zum Musikstil degradierte Geisteshaltung.

“Der Jazz wird’s danken.” Mit diesen Worten offiziell von der KSB-Gang begrüsst, darf ich jetzt meinen Einstand geben. Eine Stimme für die junge Berner (Jazz)-Szene soll ich sein. Hoppla.

Klingt zuerst mal lahm, nicht?

Was ist das überhaupt, Jazz?

Ich muss ausholen: Kommunikationsformen sind so verschieden, wie es Menschen auf diesem Planeten gibt. Den einen ist es vergönnt, schnell in Worte zu fassen, was sie denken und fühlen. Andere können das zwar auch, brauchen dazu aber länger und viele hadern mit der Sprache an sich. Ein anderes Ventil muss her und wenn die Sprache versagt, spricht die Kunst. Zum Beispiel eben  dieser Jazz (ich stolpere jeweils, wenn ich dieses Wort brauche) das wohl missverstandenste “Genre“ unserer Zeit.

Musiker*innen, welche die maximale Ausdruckspalette auf ihrem Instrument suchen, bietet diese Musik ein Vehikel. Dabei ist der ideologische Unterbau entscheidend, nicht die Klanglichkeit und nicht irgend ein Stilmittel.

Nicht um spezifische Grooves oder Sounds gehts, sondern um die Haltung. Eine Haltung die missverstanden, falsch eingeordnet und die vermehrt auch wieder eingefordert werden muss.

Haltung heisst hier Präsenz.

Mit der Musik ausdrücken, was man gerade fühlt.

Die Musik so spielen, wie sie in dem Moment gespielt werden will.

Genau wie im Gespräch nicht immer die selben Phrasen gedrescht werden wollen, kann das auf dem Instrument auch nicht das Ziel sein und wo gute Popmusik diese Neuartigkeit in der Produktion und im Arrangement sucht, versucht der J***-Musiker (Genderneutralität wird ab hier dem Flow geopfert, sorry..) die Dringlichkeit improvisatorisch auf die Bühne zu bringen.

Nach Hits sucht man dann halt vergebens.. Aber wenn die erarbeitete Klang- und Ausdruckspalette zu einem späteren Zeitpunkt in den Dienst eines guten Songs gestellt wird, umso schöner! Nicht ohne Grund vertrauen unsere Grossen (Sophie Hunger, Baze, Eveline Trouble, Fai Baba, to name too few!) auf das Können von Musikern, welche sich auf dem Instrument auszudrücken wissen..

Wichtiges Forschungsfeld bleibt die Improvisation und hier wären wir wieder bei dem was **zz sein sollte. Die unmittelbarste Kommunikationsart, der Schlüssel zu der Seele eines Instrumentalisten, wie ich ihn mir wünsche. Pathetisch aber wahr!

Dieser Haltung ist die Legitimität wohl kaum abzusprechen, aber sie setzt den Hörer vor grössere Herausforderungen. Es gilt sich auf die Sprache einzulassen, sie zu verstehen versuchen. Wie geht das?

Ganz einfach: Ab ans Konzert, Ohren auf, gelegentlich die Augen zu und dann schauen ob die nonverbale Kommunikation greift.

Wenn‘s nicht gefällt:

– Tant pis, schlechter Zeitpunkt. Als ob man immer offen für alles wäre..

– Die Musiker haben sich verfahren.

– Es war schlechte Musik ← Uh jaa, die gibts.

s‘isch haut Tschäässs.

 

Bild mit Ton: Belluard special

Roland Fischer am Freitag, den 6. Juli 2018 um 13:40 Uhr

Das passt doch bestens in unser kleines Videoformat:

Félix Blume, Tonmann seit über zehn Jahren, wurde sich eines Tages bewusst, dass er auf der Jagd nach den Tönen auch Bilder produziert – und zwar oftmals recht absurde, poetische, verrückte oder auch witzige. Im Rahmen des Belluard Festival realisiert der Künstler täglich ein neues Video im Stadtraum Freiburgs. Auf dass man die Stadt mit anderen Augen sieht, bzw. mit anderen Ohren hört.

A la gare:

Le drapeau sur le toit:

Ende Woche ist die Tonsammlung – und das Festival – leider schon wieder vorüber. Ein Last-minute-Abstecher lohnt sich aber unbedingt, zum Beispiel heute zu What We Are Looking For von Ives Thuwis – De Leeuw & junges theater basel oder morgen zu Light Years Away von Edurne Rubio, einer immersiven Filmperformance.