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Lasst uns das System von innen aufmischen!

Gisela Feuz am Mittwoch den 28. März 2018

«Ein überwiegend weisses, männliches Line-Up fördern wir nicht.» Katja Lucker fand letzten Samstag klare Worte auf dem M4Music-Podium «Gender, who cares?!» zum Thema Gleichstellung in der Musikbranche. Lucker ist Geschäftsleiterin des Berliner Unternehmens Musicboard, welches es sich zum Ziel gesetzt hat, neue Impulse für die Pop- und Rockwelt zu setzen, beziehungsweise diese zu unterstützen, wofür der GmbH Landesgelder zur Verfügung stehen. Wenn Katja Lucker über fehlende Frauen und mangelnde Diversität in Line-Ups von grossen Festivals spricht, dann tut sie das mit Bestimmtheit und zeigt auf, dass durch ihre Art von «Erpressung» durchaus eine Verbesserung eingetreten ist. «Früher haben die vorwiegend männlichen Festivalmacher einfach ihre Kumpels angerufen und die auf die Bühne gestellt, heute sind die Line-Ups von Festivals, welche bei uns um Subventionsgelder anfragen, einiges vielfältiger.»

vlnr: Katja Lucker, Philippe Phibe Cornu, Regula Frei, Sandro Bernasconi, Hedy Graber, Moderation: Anne-Sophie Keller

Was im multikulturellen Berlin vorgelebt wird, stecke bei vielen Schweizer Festivals wie zum Beispiel auch dem Gurtenfestival noch in den Kinderschuhen, kritisierte Regula Frei von Helvetiarockt, was Gurten-Papa Phibe Cornu mit seinen Aussagen indirekt bestätigte (Frauenanteil Gurtenfestival 2018: etwas über 20%). Man sei aber auf gutem Wege, die Vielfalt auf den Bühnen zu erhöhen, sagte er. Ihm sei die Problematik von einseitigen, weiss und männlich dominierten Line-Ups lange schlichtweg nicht bewusst gewesen, sagte Sandro Bernasconi vom Open Air Basel. Erst im Gespräch mit weiblichen Bekannten sei er für diese Thematik sensibilisiert worden.

Frau Feuz wagt jetzt mal zu behaupten, dass hier einer der Hunde begraben liegt, die zu niedrigen Frauenquoten auf Schweizer Bühnen führen. Nicht böser Wille oder eine ernsthafte Diskriminierungsabsicht, sondern vielmehr fehlendes Bewusstsein, dass da etwas im Argen liegt. Drum: Darüber reden, reden und nochmals reden und zwar mit allen, die es hören wollen, und insbesondere mit allen, die es nicht hören wollen.

Und aber vor allem auch: Ladies tut euch zusammen, ergreift selber die Initiative und die Instrumente, werdet Tontechnikerinnen, Tourmanagerinnen, Jurymitglieder, Agentinnen, Veranstalterinnen, Produzentinnen und Bookerinnen! Unterstützt euch gegenseitig, rekrutiert andere Ladies! Lasst uns das System von innen aufmischen, bis Egalität und Diversität eine Selbstverständlichkeit geworden sind und wir dann wirklich mit ruhigem Gewissen sagen können: «Gender, who cares?!»

P.S. Beim M4musc lag der Frauenanteil gemäss Aussage von Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur Soziales der Migros-Genossenschaft, gesamthaft bei 44%. Am selbigen Abend standen ein paar Strassen weiter in der Marsbar bei Zayk, ebenso bei den Hexen im Dynamo 100% Ladies auf der Bühne. Schön!

P.P.S. Bevor Sie in die Kommentarspalten-Tasten hauen, werte Leserschaft, möchte ich noch den Vertreter des Berliner Labels Springstoff zitieren: «Wer heute als Booker kein diverses Line-Up präsentiert, hat ganz einfach seinen Job nicht richtig gemacht.» Diese Aussage bestätigte draussen bei der Zigarette danach der Vorzeigebooker aus der freiburgischen Pampa. Musiker würden ihm zuhauf angeboten, nach Frauen müsse man bisschen tiefer graben. Aber wer sich bemühe, könne durchaus ein diverses Line-Up auf die Beine stellen. Und der Mann weiss, wovon er spricht.