Beiträge mit dem Schlagwort ‘AUA – Daily Blog’

AUA Daily Blog (9): Danke AUAWIRLEBEN

Christian Zellweger am Sonntag den 18. Mai 2014

von Mudar Alhaggiaua200 Wie zahlreich sind Theaterfestivals auf der Welt, basierend auf der Annahme, dass ein Theaterfestival das Angebot einer Anzahl Theatervorstellungen in einer Region innerhalb eines Zeitrahmens ist. Diese Darbietungen werden von anderen gesellschaftlichen und kulturellen Aktionen begleitet, die medial gut abgedeckt sind, und damit ist die Sache erledigt.

Bei AUAWIRLEBEN war die Sache anders. AUAWIRLEBEN ist ein ernsthafter Versuch, das Festival zu einem Ort der Begegnung und der Diskussion zu machen. Das Festival hatte eine Fragestellung, die es über verschiedene Sichtweisen hinweg stellte. AUAWIRLEBEN versuchte ernsthaft, einen Unterschied zu machen und einen Einfluss zu bewirken. Meiner Meinung nach ist es ihm gelungen.

Obwohl das Zentrum des Festivals fernab von der Stadt liegt, und die Aktivitäten des Zentrums (zumindest für mich) frühzeitig enden, muss ich unbedingt sagen: Ich danke AUERWIRLEBEN und allen Organisierenden, Leitenden und Teilnehmenden herzlich.

Dieser Geist voller Energie erfüllt mich mit einem Traum, an dessen Realisierung ich glaube. Bald werde ich Sie zum Theaterfestival Damaskus einladen, und zwar im freien und friedlichen Syrien. Wir werden zusammen arabische und ausländische Theatervorstellungen sehen. Sie werden erfahren, wer Abu Khalil Qabbani ist, der erste syrische Dramatiker. Sie werden eine Theatervorstellung von Saadallah Wannous besuchen. Er ist der erste syrische Dramatiker, der von der Revolution träumte, darüber schrieb und starb, bevor er sie erleben konnte. Sie werden nette, verrückte und starke junge syrische Menschen kennenlernen. Der Krieg wird in jenen Tagen nur noch eine Erinnerung sein, die uns bei der Vorstellung der Zukunft hilft. Wir werden zusammen syrisches Bier in der Altstadt trinken. Sie werden erfahren, was es heisst, am Morgen in Bab Touma Kaffee zu trinken und dazu Fayrouz zu hören.

Danke AUAWIRLEBEN

Danke jedem, der diesem Traum Leben einhaucht.

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mudarMudar Alhaggi ist im April/Mai als Artist in Residence im Schlachthaus Theater und bei AUA zu Gast. Für AUA und KulturStattBern verfasst er tägliche Blogbeiträge dazu, wie er diese Stadt, ihren Alltag, aber auch das Festival wahrnimmt. Alhaggi wurde 1981 in Syrien geboren. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik, Erzählungen, aber auch Blogs und journalistische Texte über die kleinen Hoffnungsschimmer in der von Isolation, Repression und Perspektivlosigkeit überschatteten Realität syrischer Städte. Ein ausführliches Porträt über den Autor ist im «Bund» erschienen.Hier finden Sie die gesammelten Texte von Alhaggi für AUA und KSB. Weitere Informationen: AUAWIRLEBEN Zeitgenössisches Theatertreffen Bern. Mit grossem Dank an das Übersetzer-Team Amira und Ahmed Latif.

AUA Daily Blog (8): You are alone, we are not your friends

Christian Zellweger am Freitag den 16. Mai 2014

von Mudar Alhaggiaua200

Jedes Mal, wenn ich die Nachrichten lese, denke ich an das Theater und jedes Mal, wenn ich ein Theaterstück sehe, denke ich an die Nachrichten.

Dieser Prozess nimmt bei AUAWIRLEBEN 2014 angesichts der präsentierten Darbietungen und in Bezug auf was Nicolette Kretz bei der Eröffnung sagte, eine andere, tiefere, vielleicht noch mehr mit den Geschehnissen auf der Welt verbundene Dimension ein. Sie stellte Fragen wie: Wen kümmert es? Wer entscheidet? Was ist privat und was ist öffentlich? …zurück zum Motto des Festivals OF PUBLIC INTEREST und zum Begriff des Big Brother: Ich finde zwischen all diesen Elementen eine tiefe Verbindung.

Ich, als Syrer, der heute ein Theaterfestival in Bern besucht, in welchem die meisten Darbietungen europäisch sind, finde in all diesen Darbietungen etwas, das mich interessiert, und ich habe das Gefühl, dass es trotz der unterschiedlichen Details und Ereignisse um die gleiche Sache, das gleiche Anliegen und um die gleiche Gefahr geht. Meine Überzeugung wird bestärkt, dass Kunst das Sicherheitsventil der Menschheit und dass das Theater der Weltdemonstrationsplatz ist, welcher alle Verweigerer, Liebhaber und Verrückte zusammenbringt.

Was sich aus dem Vergleich zwischen dem auf der Theaterbühne und dem in den Nachrichten präsentierten Inhalt ergibt, empfinde ich als keinen Zufall. AUAWIRLEBEN umfasst heute zwei Darbietungen. Der Titel der ersten lautet «You are not alone» und der zweiten «We are your friends». Aus irgendeinem Grund spüre ich jedes Mal ein beklemmendes Gfühl, wenn ich diese zwei Titel im Programm lese. Ich empfinde sie als speziell an mich gerichtet. Ich spüre, dass sie eine grosse Portion Ironie der schmerzhaften Sorte beinhalten.

Aus irgendeinem Grund lese ich die zwei Titel als «You are alone, we are not your friends». Ich erinnere mich an das Gefühl des Syrers, der auf jedem Flecken der Erde im Stich gelassenen wurde. Ich erinnere mich an meine syrischen Freunde, die sich in alle Weltgegenden verstreut haben… Ich erinnere mich und erinnere mich.

Aber vielleicht genügt es, die Gesichter des Publikums am Ende beider Vorstellungen anzuschauen, um zu realisieren, «You are not alone, we are your friends».

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mudarMudar Alhaggi ist im April/Mai als Artist in Residence im Schlachthaus Theater und bei AUA zu Gast. Für AUA und KulturStattBern verfasst er tägliche Blogbeiträge dazu, wie er diese Stadt, ihren Alltag, aber auch das Festival wahrnimmt. Alhaggi wurde 1981 in Syrien geboren. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik, Erzählungen, aber auch Blogs und journalistische Texte über die kleinen Hoffnungsschimmer in der von Isolation, Repression und Perspektivlosigkeit überschatteten Realität syrischer Städte. Ein ausführliches Porträt über den Autor ist im «Bund» erschienen.Hier finden Sie die gesammelten Texte von Alhaggi für AUA und KSB. Weitere Informationen: AUAWIRLEBEN Zeitgenössisches Theatertreffen Bern. Mit grossem Dank an das Übersetzer-Team Amira und Ahmed Latif.

AUA Daily Blog (7): Drei Geschichten ohne Bedeutung

Christian Zellweger am Donnerstag den 15. Mai 2014

von Mudar Alhaggiaua200

Ein Traum
Es ist nicht so klar, wie der Ort aussieht, jedoch ist es höchstwahrscheinlich ein Garten. Dieser Garten ist meistens voll nassem Gras. Es scheint mir, dass es der Garten meines Grossvaters im Dorf Kafr Yachmoul in Idlib ist. Manchmal scheint es mir auch, dass das Dorf Kafr Yachmoul die einzige Wahrheit der Welt ist. An diesem Ort finde ich mich allein wieder, umgeben von einer riesigen Menge von Vögeln verschiedener Grössen und Arten. Ich versuche, keinen Ton zu erzeugen, damit ich die Vögel nicht erschrecke und vor mir fliehen lasse. Der Wunsch, sie zu berühren, überkommt mich. Ich nähere mich leise einem grossen Vogel. Ich merke, dass er keine Angst hat. So wird mein Mut grösser. Ich berühre ihn vorsichtig. Er flieht nicht. Der Vogel hat keine Angst vor mir. Ich spüre eine seltene Freude. Ich beschliesse, ihn zu packen… Ich erwache.

Seit 33 Jahren sehe ich diesen Traum mindestens einmal pro Jahr.

Ein Taxifahrer
In Beirut nimmt die syrische Schriftstellerin und Opponentin Dima ein Taxi mit anderen Fahrgästen. Das Radio verbreitet eine Nachricht über den Tod eines Korrespondenten des Kanals Al-Manar (des Kanals der Hisbollah, welche das syrische Regime unterstützt) in Syrien. Dima gibt einen Kommentar ab, welcher dem der Hisbollah angehörenden Taxifahrer nicht passt. Er dreht sich zu Dima um, ohrfeigt sie, schlägt sie mit der Faust, beschimpft sie und wirft sie aus dem Taxi hinaus, während alle zuschauen.

Jedes Mal, wenn ich die Nachricht über den Vorfall von Dima lese, erinnere ich mich daran, wie oft ich so tat, als könne ich nicht Arabisch, wenn ich mich in einem Taxi in Beirut befand.

Ein Spatz
Ich sitze glücklich, da ich einen Falafel-Sandwich gekauft habe, in irgendeinem Garten in Bern. Ich fange an zu essen. Der Geschmack des Falafels stillt meinen Hunger und meine Sehnsucht nach Damaskus. Ein Stück Brot fällt auf den Boden. Die Spatzen versammeln sich, um daran teilzuhaben. Ich werfe ein weiteres Stück näher bei mir hin. Die Spatzen nähern sich mir, um sich ihren Anteil am Brot zu nehmen. Vorsichtig werfe ich noch ein Stück auf meinen Fuss. Ein Spatz landet auf meinem Fuss und ergattert das Brotstück. Ich spüre eine seltene Freude. Ich unternehme nichts, um ihn zu fassen… Ich erwache nicht.

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mudarMudar Alhaggi ist im April/Mai als Artist in Residence im Schlachthaus Theater und bei AUA zu Gast. Für AUA und KulturStattBern verfasst er tägliche Blogbeiträge dazu, wie er diese Stadt, ihren Alltag, aber auch das Festival wahrnimmt. Alhaggi wurde 1981 in Syrien geboren. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik, Erzählungen, aber auch Blogs und journalistische Texte über die kleinen Hoffnungsschimmer in der von Isolation, Repression und Perspektivlosigkeit überschatteten Realität syrischer Städte. Ein ausführliches Porträt über den Autor ist im «Bund» erschienen.Hier finden Sie die gesammelten Texte von Alhaggi für AUA und KSB. Weitere Informationen: AUAWIRLEBEN Zeitgenössisches Theatertreffen Bern. Mit grossem Dank an das Übersetzer-Team Amira und Ahmed Latif.

AUA Daily Blog (6): Der himmelblaue Speck – ein verrücktes Theaterspiel über eine verrückte Welt

Christian Zellweger am Dienstag den 13. Mai 2014

von Mudar Alhaggiaua200

Es ist wirklich seltsam, über eine auf Deutsch gesprochene Theatervorstellung zu schreiben, zumal ich die deutsche Sprache nicht kenne. Ich tue es trotzdem, weil mir die Vorstellung «Der himmelblaue Speck» sowie das Ensemble gefallen haben. Die positive Energie, welche das Werk generiert hat, inspirierte mich.

Ich lernte das Ensemble während den Proben kennen. Die Stimmung war so entspannt, dass jeder Student das Beste gab. Unter der Leitung von Dirk Vittinghoff glichen die Proben eher einem Workshop. Und obwohl alle das Beste gaben, war Vitti nicht immer zufrieden und sagte wiederholt, «Tempo, Tempo, Tempo».

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AUA Daily Blog (5): Die Antwort ist, dass du ein Fisch werden sollst… – Garry Davis

Christian Zellweger am Montag den 12. Mai 2014

von Mudar Alhaggiaua200

Ein Welt-Reisepass… Ein neues Gebiet jenseits der Grenze suchen… Die Frage nach dem Ort… Nach der Weltbürgerschaft… Nach dem Menschen. Garry Davis zeigte eine mutige Theatervorstellung. Er stellte die Frage: Gibt es ein neues Gebiet? Die Frage beherrscht mich. Ich erinnere mich, wie sehr ich letztes Jahr gelitten habe, um das Schengen-Einreisevisum zu erhalten, um über das Thema „Verreisen oder Verbleiben“ eine Theatervorstellung in Berlin zu präsentieren.

Die Frage ist die Frage des Tages, die Frage von hier und jetzt: „Jetzt“ ist die Zeit des Krieges, und „hier“ ist die ganze Welt. Man erinnert sich an den Anfang der Vorstellung, dass es so etwas gibt wie „das Recht des Menschen auf freie Bewegung“… Ich schweife mit meinen Gedanken weit von der Vorstellung ab und erinnere mich… Hier und jetzt verschliessen sich die Grenzen der meisten Länder der Welt gegen die Syrer, die vor dem Tod auf der Flucht sind. Jenen, welche am meisten das Recht auf Bewegung benötigen, wird dies verweigert. Ihnen das Recht auf freie Bewegung zu verweigern heisst, ihnen das Leben zu verweigern.

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AUA Daily Blog (4): Woher kommst du?

Christian Zellweger am Samstag den 10. Mai 2014

von Mudar Alhaggiaua200

Ein Mann in den seinen sechziger Jahren, der Kaffee und Tee in irgendeinem Park in der Schweiz verkauft:
– «Woher kommst du?»
– «Aus Syrien.»
– «Wo liegt Syrien?»

Die Antwort schockiert mich. Ist es möglich, dass irgendeine Person auf der Welt nicht weiss, wo Syrien liegt? Gibt es nichts Schrecklicheres als das, was heute in Syrien passiert?

Ich tröste mich und sage: Das ist doch natürlich…es gibt viele Menschen, welche die Wahl getroffen haben, die Nachrichten nicht zu verfolgen. Oder vielleicht haben sie selber genügend eigene Probleme, dass sie eine Katastrophe nicht beachten, die auf der anderen Seite der Welt stattfindet.

Dies passierte mir in den ersten Tagen meines Abenteuers in Bern. Ich begann damals, die Reaktionen scharf zu beobachten, und was die Gesichtszüge der Menschen aussagten nach dem Explodierenlassen meiner persönlichen Bombe vor ihnen…ich bin aus Syrien.

Ich begann, diesen Prozess der scharfen Beobachtung zu geniessen. Die Reaktionen variierten zwischen Staunen und Befremden. Sie waren vielfach näher bei Neutralität. In den meisten Fällen waren die Reaktionen: Aus Syrien…sehr interessant…ich habe viele Fragen zu Syrien.

Aber jemand zeigte eine Reaktion, die mich in grosses Staunen versetzte, und die sich in mein Gedächtnis eingravierte. Ich glaube, sie wird mir ewig bleiben.
– «Woher kommst du?»
– «Aus Syrien.»

Er starrte mich lange ohne Regung an und trat in ein langes Schweigen ein, dann äusserte er sich auf Englisch:
– «Nice.»

Danach trat ich in einen Zustand langen Schweigens ein, das sich über Stunden erstreckte. Beim Blättern in den Nachrichten im Internet einige Tage später lese ich Nachrichten über
Mali und frage mich, ob ich weiss, wo Mali liegt? In der Tat weiss ich nicht, wo Mali liegt. Falls ich jemanden antreffen sollte, der mir sagt, er
sei aus Mali…werde ich ihm ganz sicher nicht sagen……..nice.

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mudarMudar Alhaggi ist im April/Mai als Artist in Residence im Schlachthaus Theater und bei AUA zu Gast. Für AUA und KulturStattBern verfasst er tägliche Blogbeiträge dazu, wie er diese Stadt, ihren Alltag, aber auch das Festival wahrnimmt. Alhaggi wurde 1981 in Syrien geboren. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik, Erzählungen, aber auch Blogs und journalistische Texte über die kleinen Hoffnungsschimmer in der von Isolation, Repression und Perspektivlosigkeit überschatteten Realität syrischer Städte. Ein ausführliches Porträt über den Autor ist im «Bund» erschienen.Hier finden Sie die gesammelten Texte von Alhaggi für AUA und KSB. Weitere Informationen: AUAWIRLEBEN Zeitgenössisches Theatertreffen Bern. Mit grossem Dank an das Übersetzer-Team Amira und Ahmed Latif.

AUA Daily Blog (3): Die Blumen der Zeit

Christian Zellweger am Freitag den 9. Mai 2014

von Mudar Alhaggiaua200

Die Langsamkeit gibt mir eine grössere Gelegenheit, Details herauszufinden, sie zu verstehen und zu fühlen. Mit dieser Methode rechtfertige ich die schwersten, während meines Lebens an mich gerichteten Vorwürfe: Wie langsam bist du, Mudar… In Bern finde ich das passende Klima der Langsamkeit. Zur Ergänzung der Geschichte treffe ich einen syrischen Freund, welcher seit drei Jahren in Bern wohnt. Er ist Komponist. Die Musik drängt sich so sehr in die Details seines Lebens, dass sie seinen Wörtern und seinem Lächeln einen speziellen Rhythmus verleiht. Er (Hassan Taha) nimmt mich zu einer Sehenswürdigkeit in Bern (dem Rosengarten) mit.

Wir nehmen unseren Weg hinauf, unsere Atemlosigkeit verheimlichend, damit das Jugendbild erhalten bleibt, und unterwegs sagt Hassan:
– «Das Furchterregende in dieser Stadt ist, dass sie dich zu deinem eigenen Wesen zurückführt. Sie zwingt dich zur Kontemplation in deine innere Welt hinein.»
– «Was ist furchterregend dabei?»
– «Das Furchterregende ist, dass es eine Forderung ist, mit der du in Syrien nicht konfrontiert worden bist. Es ist eine reelle Prüfung deiner Fähigkeiten als Künstler und als Mensch.»

Bevor wir den Garten erreichen, heisst uns der Duft des Frühlings willkommen. Kaum hinein gekommen wird alles langsamer. Ich ergebe mich der Zeit und betrachte das Wetteifern der Blumen des Gartens mit der Farbe, dem Duft und der Form ihrer Lage unter den Zweigen.

Was Hassan sagte, ist wahr. In dieser Stadt kommen mir Angelegenheiten in den Sinn, die seit langer Zeit hängen geblieben sind und besetzen mein Herz, auf eine Entscheidung wartend, nachdem ich diese mehrmals aufgeschoben hatte. In Bern finde ich Zeit, um über das Theater, über das Schreiben und über das Liebesgefühl nachzudenken. Es scheint, dass ich in Damaskus den Lärm des Lebens dazu benutze, um Fragen aus dem Weg zu gehen, für deren Konfrontation ich keinen Mut hatte. In Bern habe ich keine Ausrede, ich muss antworten.

Mit dem Handy fotografiere ich eine Blume und sende das Bild meiner Mutter per Whatsapp. Ich schreibe ihr:
– «Das ist das Bild einer echten Blume, das ich soeben aufgenommen habe.»

Meine Mutter antwortet:
– «Hör auf zu lügen, wie du es immer tust. Diese Rose kann nicht echt sein.»

Ist es eine Frage der Zeit? Des Rhythmus einer Stadt? Was ist hier anders, dass wir Raum zur Selbstschau haben? Die Zeit? Die Ruhe? Die Schönheit? Die Ordnung? Der Wohlstand?

Was meinen die Einheimischen dieser Stadt? Finden sie auch diese Zeit, die Hassan und ich fanden? Es gibt keine Antwort, aber das Verbringen einiger Stunden im Rosengarten in Bern erübrigt eine Antwort.

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mudarMudar Alhaggi ist im April/Mai als Artist in Residence im Schlachthaus Theater und bei AUA zu Gast. Für AUA und KulturStattBern verfasst er tägliche Blogbeiträge dazu, wie er diese Stadt, ihren Alltag, aber auch das Festival wahrnimmt. Alhaggi wurde 1981 in Syrien geboren. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik, Erzählungen, aber auch Blogs und journalistische Texte über die kleinen Hoffnungsschimmer in der von Isolation, Repression und Perspektivlosigkeit überschatteten Realität syrischer Städte. Ein ausführliches Porträt über den Autor ist im «Bund» erschienen.Hier finden Sie die gesammelten Texte von Alhaggi für AUA und KSB. Weitere Informationen: AUAWIRLEBEN Zeitgenössisches Theatertreffen Bern. Mit grossem Dank an das Übersetzer-Team Amira und Ahmed Latif.

AUA Daily Blog (2): Wir brauchen den Krieg!!!

Christian Zellweger am Donnerstag den 8. Mai 2014

von Mudar Alhaggiaua200

Ich war Schüler an der Hochschule für Theaterkunst. Einmal forderte mich der Dozent auf, ein Diskussionsthema für die Schüler vorzuschlagen, um sie zu beschäftigen. Ich schrieb damals an die Tafel: «Wir brauchen den Krieg» und begründete den Satz damit, dass der Krieg uns einander näher bringen würde.

Natürlich lehne ich diese Vorstellung heute total ab, wobei ich von den Schmerzen des Krieges nur wenig erfahren habe im Vergleich zu den Schmerzen tausender Syrer – Schmerzen, von denen nicht zu erwarten ist, dass sie mit dem Ende des Krieges ebenfalls enden werden. Als Syrer, der aus dem Krieg in die Schweiz, nach Bern gekommen ist, wo Ruhe herrscht und Lächeln die Sprache ist, erinnere ich mich heute an diese Begebenheit.
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AUA Daily Blog (1): Kein Weinen in der Schweiz

Christian Zellweger am Mittwoch den 7. Mai 2014

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Heute Abend beginnt in Bern das zeitgenössische Theatertreffen AUAWIRLEBEN, wir beginnen schon jetzt: Ab heute bis zum 18. Mai sind wir an dieser Stelle Gastgeber und begrüssen den «Daily Blog» des AUA. Der Autor des Blogs, Mudar Alhaggi, ist im April/Mai als Artist in Residence im Schlachthaus Theater und bei AUA zu Gast. Für AUA und KulturStattBern verfasst er tägliche Blogbeiträge dazu, wie er diese Stadt, ihren Alltag, aber auch das Festival wahrnimmt. Ein ausführliches Porträt über den Autor ist diese Woche im «Bund» erschienen. Den aktuellsten Beitrag gibt es jeweils spätestens ab 15.00 Uhr hier zu lesen.

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Kein Weinen in der Schweiz

von Mudar Alhaggi
Der Satz «Kein Weinen in dieser Stadt» scheint für mich attraktiv. Ich kann den Grund nicht definieren. Vielleicht wegen seiner Eigenartigkeit. Ich sehe keinen Menschen in dieser Stadt weinen. Und weil ich weiss, dass das Weinen zum menschlichen Wesen gehört, bin ich gezwungen an dieser Idee zu zweifeln.

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