Archiv für die Kategorie ‘Wüsten & Oasen’

Der Sommer ist nicht zu bremsen

Daniel Gaberell am Mittwoch den 1. November 2006

Sehr verehrte Besucherinnen und Besucher. Wir begrüssen Sie erneut in der wunderschönen Länggasse und sind stolz, Ihnen wiederum ein Stücklein Quartierkultur näher zu bringen.

Dieses Mal machen wir etwas weiter hinten Halt. Genauer gesagt an der Ecke Länggass-/Waldheimstrasse. Dort nämlich weht uns ein Hauch Las Vegas entgegen. Sie sehen: links eher for men, rechts ladys only und wo, fragen Sie sich jetzt bestimmt, befindet sich die Spielhölle in Las Vegas? Leider müssen wir Sie enttäuschen: Ausser dem Töggelikasten im Schopf, können wir Sie hier im nördlichen Bern nirgends sonst an Spieltische locken.

Aber der schlau gewählte Namen Las Vegas wurde von den Verantwortlichen wohl eher aus klimatischen Überlegungen ausgesucht. Denn das Bild wurde erst vor einer Stunde aufgenommen und Sie sehen es ja selbst: Trotz drohendem Wintereinbruch scheint bei uns in der Länggass-Wüste die Sonne andauernd.

Der nächste Frühling kommt bestimmt, und vergessen Sie bitte nicht, die Topfpflanzen in den Keller zu stellen.

lv

Kafka zum Kaffee

Grazia Pergoletti am Donnerstag den 19. Oktober 2006

“Dasch e Lääbe!”, wie meine Freundin, die Zahnd, zu sagen pflegt. Eben sass ich im Adriano’s, einen Honey Mustard Bagel und eine Arranciata Amara vor mir, und Franz Kafka um mich herum.

Die Literatur ist weniger eine Angelegenheit der Literaturgeschichte, als eine Angelegenheit des Volkes. Und solange du “man” sagst an Stelle von “ich”, ist es nichts. Ich brauche nicht einmal selbst auf’s Land zu fahren, das ist nicht nötig. Ich schicke meinen angekleideten Körper. Die zahllose Menge der Helden unseres Volkes. Das Gedächtnis einer kleinen Nation ist nicht kleiner, als das Gedächtnis einer grossen, es verarbeitet daher den vorhandenen Stoff gründlicher.

Soweit ein kleiner Ausschnitt des Textes von Franz Kafka, der zur Zeit die Fensterscheiben des Adriano’s ziert. Wie mir die Bardame erklärte ist das ein Teil eines Projektes von Pavel Büchler in der Kunsthalle. Der Tschechische Künstler scheint mir sehr sympathisch zu sein, sagte er doch in einem Interview (BZ von Heute) Dinge, wie: “Wir brauchen mehr Künstler, aber nicht unbedingt mehr Kunstwerke”. Vernissage ist Morgen Freitag in der Kunsthalle, man darf gespannt sein.

P.S. Foto habe ich leider keines. Aber vielleicht macht unser Hoffotograf Monsieur Gaberell ja noch eines (falls er seinen angekleideten Körper nicht gerade auf’s Land geschickt hat).

Landfoto
(Auf dieser Bank sass Kafka und traf dort unlängst den Pavel Büchler wo sie gemeinsam mindestens einen Halben Dôle tranken. Foto: Hoffotograf Daniel Gaberell)

Quartier-Kultur

Daniel Gaberell am Sonntag den 15. Oktober 2006

Wir begrüssen Sie in der wunderschönen Länggasse, dem nördlichsten Quartier unserer schmucken Hauptstadt. Bekannt ist die Länggasse vor allem der Uni wegen. Zahlreiche Schweizerdialekte prägen darum das Quartierleben und wir – ja genau, ich lebe auch hier – sind auf die Vielsprachigkeit sehr stolz. Es gibt aber hier auch Gastrounternehmen, die dafür sorgen, dass die Länggasse ihre Echtheit nicht an Thurgauer und Bündner verlieren.

Seien Sie darum herzlich willkommen im:

schopf

Das feuchtfröhliche Ambiente im Schopf scheut keinen Vergleich. Die rustikalen Holzwände, die etwas abgewetzten und braunen Kunstlederbänke, der dunkelbraune Tresen sowie der grosse Musikautomat laden gerne zum Verweilen ein. Kuse, der Chef dieser Bar, gilt allgemein als sehr authentisch (VoKuHiLa, Schnautz, enge Jeans). Und die Stammgäste, die – so denke ich – eher gegen ein allgemeines Rauchverbot in Berns Beizen sind und nicht selten am Feierabend dreistellige Getränkerechnungen bezahlen, erheben sich eigentlich nur zum Wasser abschlagen.

Manchmal, wenn es draussen wirklich sehr, sehr heiss ist, öffnet Kuse die Fenster zur Strasse. Dann erfreut sich der Quartierspaziergänger eines freien Einblicks und sein Kulturverständnis erfährt ungewollte Toleranzen.

Warum ich das alles weiss? Weil am Montag der Blaue Engel zu hat und wir manchmal trotzdem Töggelen wollen. Im Schopf, Sie vermuten richtig, steht nämlich ein echter Garlando. Immerhin.

Circus Monti sei dank

Daniel Gaberell am Montag den 9. Oktober 2006

Monti Nein JimBobIII und Herr Gnos: Zirkus ist nicht ganz fest was Schlimmes, Zirkus kann sogar sehr schön sein.

Wir blenden zurück: 20. Aug, 21.03 Uhr. Sie erinnern sich? Damals verblogte ich mein Backstage-Zirkus-Knie-Aufenthalt und war traurig darüber, dass mein antiquiertes Zirkusbild nicht mehr mit der heutigen Realität übereinstimmt.

Ich lag aber tüchtig falsch. Besuchen Sie den Circus Monti und Sie werden mir beipflichten: liebevoll inszenierte Zirkuswelt für Gross und Klein. Wunderschöne Kostüme (genäht und entworfen von den zwei Bernerinnen Maja Abplanalp und Barbara Schleuniger), beeindruckende Oberarmen, lesende Ziegen, ungesicherte Trapezkünste, starke Zirkus-Kappelle, noch stärkerer Akkordeonist, zierliche und sehr bewegliche Frauen, generationenübergreifendes Jonglieren, Zuckerwatte und Hotdogs, und, und, und.

Dem Circus Monti ist es meiner Meinung nach gelungen, ein sinnlich-schönes Zirkusprogramm mit viel Witz und grossem Unterhaltungswert zu zeigen.

Eben genau so, wie ich mir einen Zirkus wünsche. Tut mir leid, aber der Knie ist draussen…

In Bern noch bis am 15. Oktober (mehr Infos hier)

200’000 Besucherinnen und Besucher

Daniel Gaberell am Dienstag den 3. Oktober 2006

Trotzdem: Der Mystery-Park braucht superdringend 4 Millionen Franken um die Liquidität zu sichern. Deswegen: Das Zentrum Paul Klee erwirtschaftete im ersten Betriebsjahr 900’000 Franken Gewinn.

Der Grund: zwei wahnsinnig schlecht budgetierte Betriebsrechnungen. Denn die in Interlaken rechneten mit 500’000, die im Schöngrün mit 100’000 Eintritten pro Jahr.

ZPK Wenn ich mich richtig erinnere, kosteten beide Bauten ungefähr gleich viel, nämlich knappe 90 Millionen Franken und bei derart vielen ähnlichen Zahlen frage ich mich, ob es denn schlussendlich nicht auch dieselben 200’000 Besucherinnen und Besucher sind, die zwischen Oberland und Bundesstadt hin und her pendeln? Und die zweite, logische Frage: warum arbeiten nicht beide Betriebe gewinnbringend?

Der Park steht vor dem Aus und meiner Meinung nach aus folgenden zwei Gründen: erstens weil wir Erdenmenschen nicht dumm sind und sich Mystisches nicht auf die billige Tour andrehen lassen wollen und zweitens weil der von Däniken vor allem nur redet anstatt Schweizer Franken hinzublättern.

Denn mit viel Geld lässt sich einiges bewerkstelligen, dass zeigt uns ja das andere Beispiel.

Ein sicherer Wert

Daniel Gaberell am Sonntag den 20. August 2006

KnieDer Knie – ist das Kultur? Vor allem, wenn man die Vorstellung drinnen auslässt und dafür Backstage Pferde, Elefanten und anderes (!) sieht?

Der Knie – an allen Ecken und Enden ein sicherer Wert für Nostalgie und Romantik: Enge und hübsch eingerichtete Zirkuswagen, nach den Vorstellungen Rotweintrinken mit den chinesischen Jongleurinnen, das Rauen der Tiger als ständiger Traumlieferant…
Dann tagsdarauf weiter ziehen, mit Traktoren in endlosen Karawanen in eine andere Stadt, Zelte aufstellen, Sagmehl ausstreuen, Pferdemähnen streicheln.

Und was macht bei all dieser Abenteuer-Romantik ein gewisser Victor Giacobbo in billigen Verkleidungen in der Manege? Er, der Zerstörer der Clownerei? Wo bleibt bei Fredi Hinz und Co. die so bitter nötige Sinnlichkeit um der lustig-tragischen Zirkuswelt zu genügen? Wo bleiben Dimitri, Pic, Emil und all die anderen Clowns – sind sie tatsächlich ausgestorben? Ist der Fredi Hinz der neue Clown unserer Zeit? Wars das?

Eben. Ein Giacobbo mag gut sein für die Kasse und mag gut sein fürs TV, im Knie aber hat er meiner Meinung nach nichts verloren.

Oder muss ich mein antiquiertes Zirkusbild begraben?

Ein Hoch auf die Landkultur!

Daniel Gaberell am Sonntag den 6. August 2006

Foto Gestern spielte eine türkische Band famos zum Tanz auf! Vor allem das trällernde Klarinett lies die Regengüsse draussen für einige Stunden vergessen – trocken aber blieb trotzdem niemand, das Nass kam von Innen.

Dies wäre an sich noch keine Erwähnung wert, wenn sich das ganze nicht mit 100 Menschen – die Hälfte davon echte Türkinnen und Türken – in einem Heuschober in Buchschachen, im tiefen Emmental ohne Strom dafür mit Plumpsklo, abgespielt hätte.Und dazwischen musizierten (in klassischer Tracht) der Dämmerung und den Türken entgegen.

Manchmal tut es unglaublich gut, der Stadt zu entfliehen und der muffigen Urbankultur den Rücken zuzuwenden. Lang lebe die Landkultur!

Sali Sally! Sali Billi!

Grazia Pergoletti am Samstag den 15. Juli 2006

Was ist ein Sitzriese? Meines Wissens ist das jemand mit langem Ober- und kurzem Unterkörper, der im Sitzen gross erscheint, aber wenn er aufsteht, kleiner ist, als erwartet. Laut Guz von den Zorros ist es jedoch genau umgekehrt. Einigen wir uns darauf, dass ein Sitzriese jemand ist, der auch gross ist, wenn er sitzt. Wie Beatman zum Beispiel hinter dem Schlagzeug.

Der erste Abend am Gartenfestival im Café Kairo war gross und ich sass kaum. Erst gabs Billi dr Bueb von Kämpf/Debatin/Lenz/Urweider. Ich habe diese Theaterproduktion schon im Schlachthaus gesehen und war auch heute nicht enttäuscht! Lustig und herzergreifend.

Lustig zum Beispiel “der Gittertanz, offeriert von den Tanztagen” oder so ähnlich. Herzergreifend zum Beispiel Marcus Signer als Billi und Pfarrer Gerbers (Andreas Matti) Monolog, in dem er erzählt, wie er von einem Felsen stürzt und “…näbem ne tote Reh mit luuter Wäschpi im Ranze” wieder zu sich kommt. Entzückend auch Vanessa Brandestini als Sally mit ihrem hölzigen Trotz!

Danach die Zorros mit allerlei Wissenswertem und toller Musik. Und dazwischen viele “Hallos!” und “Salis!”, Wurst und Getränke und eine charmante Barcrew.

Vielleicht ist ein Sitzriese auch Eine, die schon um halb eins sagt: “So, jetzt gehe ich mal langsam” und morgens um drei immer noch da ist. So wie ich zum Beispiel. Obwohl ich um drei nicht sass, sondern tanzte, denn die Disco war auch riesig!

Schneidersitz unter Baumallee

Daniel Gaberell am Sonntag den 2. Juli 2006

Wir blenden zurück: ziemlich genau vor zwei Jahren wurde er eingeweiht, unser neuer Bundesplatz. Frau und Herr Berner waren geteilter Meinung, was das Erscheinungsbild betrifft – im Allgemeinen aber gefiel der spritzende Granitboden.

Beinahe einig aber war man sich darüber, dass Bäume und Sitzgelegenheiten auf dem neuen Vorzeigeplatz fehlten. Nun sind sie da, die Bänklis zum draufsitzen. Ein Bänkli wiegt tolle 800 Kilos und – bald werden diese Bänklis, laut Behörden, wohl mit einem Sitzverbot belegt. Denn eigentlich dienen diese Steinquader dazu, die Autos davon abzuhalten, die Abkürzung über den Valser Gneis zu nehmen. Die „Bänklis“ stehen somit logischerweise zu nahe an der Fahrbahn und ein gefahrenloses Sitzen kann nicht garantiert werden.

Es ist natürlich schwierig zu ahnen, dass diese „Bänklis“ dann auch zum Sitzen genutzt werden – wo ja solche lauthals gefordert wurden und ich bin sehr gespannt, wie ein Sitzverbot für Bänklis aussieht und durchgesetzt wird.

Vielleicht wäre eine Baumallee in Töpfen die bessere Lösung gewesen.

Wir bleiben dran.

bk

Brief an einen Fussballbanausen

christian pauli am Dienstag den 13. Juni 2006

Lieber Pädu

Auch die Reitschule zeigt Fussball. (Bild: Manu Friederich/Der Bund)Natürlich hast Du recht mit Deiner Abscheu vor fussballkorrumpierten Kulturlokalen. So ein Kommentar war bitter nötig. Wer denn sonst ausser Dir tut noch das Maul auf und schimpft über diesen Kulturkiller ersten Ranges, über die Geldverschlingmaschine, die unsere Kinder verrückt macht? Ich kann Dir ein Liedchen davon singen, wie es ist, wenn wir unserem Sohn erklären, warum wir ihm kein Schweizer Leibchen schenken wollen, obwohl wir mit der Mannschaft fiebern. (Der Hinweis, dass das Leibchen aus Sondermüll gemacht wird, ist noch das einfachste Argument.)

Jetzt sitze ich da, unten ist das Kairo gut gefüllt mit Fussballfans, ein paar Deppen tragen ein Schweizer Shirt und die noch mehr Bedepperten fahren fahnenschwingend den Nordring rauf und runter.

Warum wir Fussball zeigen (übrigens schon seit Jahren und auch unter dem Jahr – hopp YB)? 1. Weil wir damit gutes Geld verdienen. (Du kannst Dir ja vorstellen, wie wir im Kairo das Geld auch wieder ausgeben.) 2. Weil ein gutes Fussballspiel einfach spannender, zugänglicher, emotionaler, kommunikativer und aufgeladener ist als jedes Konzert oder jede Lesung – oder ämu meischtens. Für uns Veranstalter, die sich links und alternativ verstehen, ist das vielleicht eine bittere Erkenntnis. Ich habe trotzdem grosse Freude daran, wenn ich sehe, wieviele nette Menschen sich bei uns gemeinsam über Fussballspiele freuen oder ärgern.

Sei gegrüsst, Alter. Pauli

PS: Der Winter, und damit die Zeit, in der die Menschen durchschnittlich etwas mehr IQ als jetzt haben, kommt bestimmt.