Archiv für die Kategorie ‘Wüsten & Oasen’

Woche des Gehirns

Grazia Pergoletti am Mittwoch den 12. März 2008

And now FOR something completely different:

Vor ca. einem Jahr fragten mich die Bühnenbildnerin Renate Wünsch und die Videokünstlerin Irena Germano ob ich bei einem Theaterprojekt zum Thema Gehirn mit dabei bin. Seither lese ich Bücher mit Titeln wie «Wie kommt der Geist in die Materie?» (wird ziemlich schnell langweilig) oder auch Zeitschriften zum Thema, zum Beispiel «Gehirn und Geist» (sehr zu empfehlen!) . Selten hat Recherche soviel Spass gemacht.

Und natürlich trottete ich gestern schön brav zur Aula des Neufeldgymer, um mir drei Vorträge im Rahmen der Woche des Gehirns anzuhören, Thema: Emotionen und Angst. Und war nicht die Einzige, die Veranstaltung wurde sehr gut besucht, um nicht zu sagen: Überrannt.

Zu erfahren gab es viel interessantes, z.B. über Mimik – eigentlich ein bisschen Schauspielschule. Und über Angst bei Psychosen. Generell werden die Themen vor allem im Bezug auf Krankheiten behandelt, wahrscheinlich ist das auch das, was die meisten Leute interessiert.

Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall, selbst wenn man sich bis Anhin noch nie mit dem Thema graue Masse beschäftigt hat. Zum Beispiel am Donnerstag, wenn Dr. med. R. Hämmig die Frage erörtert: Führen Drogen in eine Scheinwelt?

Henry auf Berns Plätzen

Benedikt Sartorius am Freitag den 15. Februar 2008

Pierre HenryAls «Prometheus der elektronischen Musik» (Die Zeit) wird er bezeichnet: Pierre Henry, mittlerweile ein 81jähriger Senior und Schöpfer der Futurama-Titelmelodie, sammelt noch immer Töne aller Art und arrangiert diese Töne zu Musik, zu konkreter Musik, oder im Fachbegriff: Musique Concrète.

Henry tritt noch immer auf: Mit dem Mischpult dirigiert er seine Töne und schickt sie über die einzelnen Lautsprecher, wie vor dem Pariser Centre Pompidou, als er die vorwiegend junge Zuhörerschaft mit doch markanten Beats unterhielt und Tonschlaufen drüberlegte. «Das ist aber», so Henry im sehenswerten Filmportrait «The Art Of Sounds», «kein abstraktes Spiel, es ist aufgeführte Musique Concrète. Ich will, dass man den Eindruck hat, dass vorne Musiker spielen, dass die Lautsprecher Musiker sind.»

Gestern Donnerstag inspizierten nun Henrys Managerin und sein Tontechniker Berns Plätze. Ein Konzert im Rahmen eines Super-September-Biennale-Samstags soll realisiert werden, der auch Auftritte von Juliette Gréco im Zentrum Paul Klee und des Rock’n’Roll-Schwindlers Malcolm McLaren in der Dampfzentrale vorsieht.

Unter Führung vom DZ-Pauli, der Biennale-Leiterin Ursula Freiburghaus, zwei Technikern und in Begleitung der Veranstaltungsmanagerin der Stadt, Silvia Schiess, promenierte Henrys Entourage durch unser Städtli.

Wie viele Haken es doch gibt! Der Bahnhofplatz, der eigentliche Wunschplatz, erwies sich aus verkehrstechnischen Gründen schnell als unmöglicher Ort. Der Bundesplatz wird samstags vom Märit besetzt.

Schliesslich fiel die Wahl – sofern denn das Engagement zustande kommt – auf den pittoresken Münsterplatz. Die Kirchenglocken läuten für einmal nicht um drei Uhr nachmittags, dafür wird Henrys jüngste Komposition «Pulsation» für lau zu vernehmen sein. Ein schönes Angebot.

Denn sie wissen, was sie tun

Grazia Pergoletti am Freitag den 25. Januar 2008

Die Reden zur Neueröffnung der Dampfzentrale habe ich verpasst, doch dazu sicher etwas in der Tagespresse. Gerade rechtzeitig kam ich zur ersten Produktion am Blueprint-Festival, «Improvisationen» mit Anna Huber, Fritz Hauser, Hans Koch und Martin Schütz. Und war eine kurzweilige Stunde lang begeistert! Anna Huber, die Jean Seberg des Tanzes, verzauberte mit kuriosem und feinfühligem Bewegungsreichtum, das Musikertrio mit einer facettenreichen und humorvollen Performance. Wunderbar.

anna huber

Danach hiess es «Mut» über der Eingangstür zum Kesselhaus, und den benötigte man auch in gewisser Weise für das Konzert von Zeitkratzer, die einem Lou Reeds «Metal Machine Music» virtuos um und in die Ohren hauten. Eine Art gewinnbringender Folter, wie wenn man bei David Lynch irgendwann so angespannt ist, dass man sich fragt, warum man sich das antut. Weil es sich lohnt, weil es Erleben bedeutet.

Was bei Reed die Feedbacks, sind hier fein orchestrierte Hochtöne. Nicht immer angenehm, aber auf jeden Fall atemberaubend. Zwischen Orchester und Publikum stehen zwei Mikrofonhalter mit Gerätchen darauf montiert. Wo ich erst noch dachte, die Musiker kokettierten mit dem Publikum, wurde mir plötzlich klar, dass deren Blicke nicht uns, sondern diesen Gerätchen gelten, die den Dirigenten ersetzen: Digitale Zeitangaben, an denen sich das Ensemble orientiert in dieser absolut durchkomponierten Soundwall.

«Zeitkratzer» gelten als das Ding in diesem Musikbereich und völlig zu Recht, dieses Orchester spielt in der Weltklasse, ohne Zweifel. Für mich persönlich hatte das ganze in seiner Wucht und Eleganz auch etwas abschreckendes. Trotzdem: Ein Geschenk. Und ich empfehle wärmstens das One Shot Orchestra heute Freitag. Am Blue-Print-Festival. Feiern Sie mit!

Stahlberger bei den Bäckern

Grazia Pergoletti am Samstag den 19. Januar 2008

Zugegeben: Die «Backstube» von Katja und Herbert wäre allein schon eine ausführliche Lobeshymne wert, angefangen von der köstlichen Suppe, die zu Beginn des lauschigen Abends geschöpft wurde. Aber lassen wir das. Viel mehr Publikum als Gestern kann dieser Ort nicht gebrauchen, jedenfalls nicht, solange man drinnen bleiben muss.

Als ob die Location als solche nicht schon gereicht hätte, wurde man auch noch mit einem schlicht sensationellen Konzert beglückt: Stahlberger & Band nennt sich die Combo, und wenn in ihrem Pressetext über den Frontmann Manuel Stahlberger geschrieben steht: «…manch ein Slammer oder Rapper könnte neidisch werden», dann ist das untertrieben. Himmel, ist das ein Talent, direkt zum verzweifeln!

Stahlberger & Band bei den Bäckern

An Herrn Stahlberger, den man von «Möle und Stahli» oder «Stahlbergerheuss» her kennen kann, ist bigoscht nicht nur der Blick charmant, der es übrigens ohne weiteres mit dem von Dr. Shepherd aufnehmen kann. Seine Texte sind so bös, wie lustig und immer wieder völlig überraschend gereimt.

Und die Band, bestehend aus Christian Kesseli (Gitarre, Piano, Gesang), Michael Gallusser (Perkussion, Gitarre, Gesang) und Marcel Gschwend (Bass), steht ihm in nichts nach. Die Musik ist nicht spassig, sondern gut und die Songs richtig schön. Ab nächster Woche spielen Stahlberger & Band vier Dienstage hintereinander im «La Capella». DichterInnen, MusikerInnen, SängerInnen: Geht hin! Und alle anderen sowieso.

«Praktisch, aber nicht sexy»

Manuel Gnos am Dienstag den 8. Januar 2008

Delan Records. (Bild adi)1999 eröffnete Raphael Delan seinen kleinen, feinen Plattenladen Delan Records über dem Aarbergerhof in Bern. Ende Februar nun wird er das Geschäft endgültig schliessen. Der Ausverkauf läuft bereits.

Damit verliert Bern nach dem Chop Records innert weniger Monate bereits das zweite Musikgeschäft.

Wie morgen im «Bund» zu lesen sein wird (Link zum PDF), ist Delan deswegen nicht verbittert, denn er sieht diesen Schritt als Folge der Entwicklungen im weltweiten Musikmarkt: «Ich musste feststellen, dass ich noch so gut arbeiten könnte – es täte nichts mehr zur Sache: Unter diesen Umständen kann ich mit dem Laden kaum noch was verdienen.»

Die gute Musik profitiere von der digitalen Revolution, ist Delan überzeugt, auch wenn MP3s nur praktisch, aber nicht sexy seien. Er propagiert denn auch eine Grundzugänglichkeit der Musik: Wie bei Fernsehgebühren bezahlt der Hörer einen Betrag und erhält die Lieder, die er wünscht. Wer etwas Besonderes will, etwa ein Live-Konzert, zahlt drauf.

Erfrischend, dieser unverkrampfte Umgang mit den Realitäten. Trotzdem macht uns dieser Abschied etwas wehmütig. Auf Wiedersehen, werter Delan.

Reverenz statt Prominenz

Manuel Gnos am Montag den 31. Dezember 2007

«Als Cervelatprominenz werden in der Schweiz dysphemisch weniger wichtig einzustufende Schweizer Lokalberühmtheiten bezeichnet.» Sollten Sie dieser Prominenz heute um Mitternacht begegnen, grüssen Sie sie von uns, umarmen Sie sie herzlich und geben Sie ihr einen zärtlichen Klaps auf die Wange. Denn das wird Ihnen Glück bringen im 2008!

Wir unsererseits lassen das mit der Prominenz und erweisen der Cervelat selbst unsere Reverenz – irgendwo an der Aare bei einem Feuer mit einem Becher Glühwein in der Hand.

Die Cervelat. (Bild adi)

Alles Gute wünschen wir Ihnen aber schon jetzt! (Und lassen Sie uns wissen, wie und wo Sie ins Neue Jahr rutschen.)

So long dann.

Die Reduktionsredaktion

Manuel Gnos am Samstag den 29. Dezember 2007

Ausblick auf die Stadt Bern. (Bild Manuel Gnos)

Werte KSB-LeserInnen, vielleicht haben Sie sich schon gefragt, wieso es im Kulturblog Ihres Vertrauens gerade so ruhig zu und her geht. Nun, die Antwort darauf ist umfassend, aber einfach:

Signora Pergoletti musste kurzfristig fürs 10-Jahre-Jubiläum des Schlachthaus-Theaters einspringen, Herr Pauli huldigt der Familie, Frau Götti ist verreist (um der Frage zu entgehen, was sie an Silvester machen soll), Monsieur Gaberell ist im Schnee, ich selbst bin krank und Schnupperlehrling Sartorius kann auch nicht alles alleine machen…

Als Kranker der Truppe hab ich jetzt natürlich Zeit, ziemlich sinnloses Zeugs zu machen: Zum Beispiel die neue Kamera auszuprobieren (siehe Bild oben), oder die Musiksammlung nach längst vergessenen Perlen zu durchforsten:

Symmetric Orchestre – Spoons
Das Stück darbt hier auf einer Best-Of-Wedding-CD vor sich hin, stammt ursprünglich vom Album «Mali Music» und gibt so einige Rätsel auf, wer nun wirklich dahinter steckt. Vielleicht können Sie ja weiterhelfen?

Reif für die Insel

Daniel Gaberell am Freitag den 7. Dezember 2007

Zwei stark beschäftigte Inselbewohnerinnen Es gibt Phasen im Leben, die sind etwas strenger als sonst: zu viel (oder zu wenig) Arbeit, kranke Kinder, aufwändiges Liebesleben, anstrengender Besuch der Schwiegermutter, Wadenbeinbruch, was weiss ich…

In solchen Fällen sehnt sich der Mensch nach Inseln. Orte und Momente also, die sorgenfrei und nicht klebrig sind.

Und heute Abend war ich auf einer solchen Insel. Das Berner Symphonie-Orchester spielte zuerst die Overtüre zu «Manfred» von Robert Schumann, dann eine komplizierte Erstaufführung eines Konzertes für Violine und Orchester von Beat Furrer und zum Schluss noch die Symphonie Nr. 9 d-Moll von Anton Bruckner.

Gemeinsam mit Menschen, die das Kultur-Kasino zu einem Drittel füllten – mit dabei übrigens auch meine 90-jährige Grossmutter, die mittlerweilen zwar etwas schwerhörig geworden ist dafür aber auf eine 60-jährige Karriere als fachkundige und äusserst kompetente Konzertbesucherin zurück blicken kann – tauchte ich ein in einem mir sonst eher fremde Welt von Kronleuchtern, Garderobendamen, Krawatten und klassischer Musik.

Beeindruckend sowieso und beruhigend zu wissen, wie nahe gewisse Inseln liegen.

Für musikalisch Andersdenkende

Grazia Pergoletti am Sonntag den 25. November 2007

sexuell anders Denkender und MeineckeDie Lesungen am Nachmittag habe ich verpasst. Eingestiegen bin ich beim grossen Peter Bichsel, dessen gemütlich-ungemütlicher Weihnachtsgeschichte um Mannen, die gerne ihre Waffen streicheln, ansonsten aber eher nicht zärtlich sind, ich mit Vergnügen und Respekt lauschte. Und Jörg Steiner brachte mit seiner Lesung den Hauch einer anderen Zeit in den Saal.

Im Anschluss daran ein Jazz-Konzert. Wohl das erste überhaupt in meinem Leben, das ich mir von A bis Z anhörte – Sie merken, Jazz ist nicht wirklich meines. Am Gianluigi Trovesi Quartet featuring Enrico Rava konnte allerdings auch ich mich erfreuen, war doch eine entfernte Verwandschaft mit Nino Rota auszumachen.

Mein persönlicher Höhepunkt des gestrigen Taktlos-Abends in der Dampfzentrale jedoch war Thomas Meinecke – der kurzfristig alleine auftreten musste, Dietmar Dath war verhindert. Er teilte auf amüsante Art Gedanken und Facts zum Thema Gender in Pop- und Discomusik mit und projizierte dazu immer die entsprechenden Plattencovers. Bemerkenswert schien mir, dass er dabei immer von “sexuell Andersdenkenden” sprach. Andersdenkenden? Jedenfalls legte er anschliessend die mitgebrachten Schallplatten im Foyer auf und die Stimmung wurde erfrischend unernst. Von mir aus auch gerne mehr davon.

Die vier Repe-Tiere

Grazia Pergoletti am Freitag den 23. November 2007

Nicht die drei Muske-, sondern die vier Repe-Tiere machten gestern Abend den Auftakt zum langen Taktlos-Wochenende. «Singende Eisen», alias Bodo Hell, Anton Bruhin, Michel Mettler und Peter Weber präsentierten unter anderem Palindrome von Bruhin, wie z.B. Reite per Gnu, reite per Repetierung, Repetier! oder Reite per Stute, nie eine tuts, Repetier! Und Peter Webers Texte liessen mich einmal mehr denken, dass er wohl einer derjenigen unter den zeitgenössischen Schweizer AutorInnen sein wird, deren Werk uns alle überlebt.

Zwischen den allesamt herrlichen Wortbeiträgen spielten die vier wunderlichen Männer Maultrommel, ein kleines akustisches Instrument, mit dem sich auch Technosound simulieren lässt. Wunderbar. Wunderbar auch, wie der Turbinensaal der Dampfzentrale, in welchem die Lesungen stattfinden, eingerichtet ist!

Turbinensaal, Dampfzentrale

Anschliessend wurde man im Kesselhaus mit einem Jazzkonzert von «Root Down» beglückt, welches über weite Strecken ausgesprochen groovig war. Ein hochkarätiges Ensemble bot funkigen Jazz, nicht absolut entfesselt, aber konzentriert. Hätten sie noch zwei Stunden weitergespielt, dann hätt es richtig gekracht.

Ich jedenfalls freue mich schon auf heute Abend. «Taktlos»: Hier wird nie einfach etwas repetiert.