Archiv für die Kategorie ‘Wüsten & Oasen’

Herzlichen Glückwunsch!!

Grazia Pergoletti am Dienstag den 21. Oktober 2008

Heute Abend findet im Schlachthaus Theater die Verleihung des Kultur- sowie des Kulturvermittlungspreises des Kantons Bern statt, ersterer geht an das Theaterfestival AUAWIRLEBEN, der zweite an Hans Ruprecht, früher mitverantworlich fürs Taktlos-Festival, heute Literaturveranstalter, z.B. des Berner Literaturfests, wie auch im Schlachthaus oder in Leukerbad.

Eine ausgesprochen sinnvolle Wahl, wie ich finde, die die kulturellen Kommissionen des Kantons Bern hier getroffen haben. Beide, AUAWIRLEBEN, wie auch Housi Ruprecht, haben mir mein Berner Leben immer wieder verschönert, ja erleichtert, denn sie sorgten für Durchzug, indem sie ein bisschen Welt nach Bern brachten. Und dies mit unglaublich viel Leidenschaft und persönlichem Engagement.

Lieber Hans Ruprecht, liebes AUAWIRLEBEN (allen voran natürlich Beatrix Bühler): KSB sagt Merci viumau für die viele feine Kultur, herzliche Gratulation und schönes Fest, lasst es ordentlich krachen!

Den schönsten Taktlos-Moment haben wir in diesem Blog ja schon einmal gesucht, werte Leserinnen und Leser. Haben Sie auch einen schönsten AUAWIRLEBEN-Moment?

Erlebnis Westside

Benedikt Sartorius am Mittwoch den 8. Oktober 2008

Auf der Suche nach dem «Erlebnis», dem Lieblingswort der verantwortlichen Werbeagentur, stiess der Schreibende auf folgende Sehenswürdigkeiten:

Westside will ja auch ein Dorf sein und drum gibt es einen überdimensionierten Platz, quasi der kleine Bruder des neuen Bahnhofplatzes, allerdings mitsamt brachialem Hotel.

Der Dorfplatz

Die Architektur des berühmten Hausbauers wartet zudem mit kaum sichtbaren Details auf:

Sperrholzarchitektur

Im Innern schliesslich angekommen, sticht vor allem der gesprenkelte Boden ins Auge.

Der Boden

Damit das Einkaufszentrum nicht zu klinisch wirkt, geizen die Verantwortlichen mit Abfallkübeln.

Kleiner, aber feiner als vorgestellt, präsentierte sich schliesslich das Erlebnisbad im Westside:

Das Erlebnisbad

Wieder draussen, bemerkte der Westside-Besucher einige bahnhofsbekannte Sandler, die dank dem neuen Zentrum eine neue Bleibe gefunden haben. Wenigstens einige dankbare Kunden gibt es also bereits.

Mit vielen Geschenken Heim gekehrt

Grazia Pergoletti am Mittwoch den 1. Oktober 2008

Mich Gerber (Foto: Alexander Jaquemet) Eigentlich ist der treffenden Kritik von Ane Hebeisen vor zwei Wochen im «Bund» nicht viel beizufügen. Ja, «Wanderer» ist wohl das stärkste Album von Mich Gerber seit seinem Erstling «Mystery Bay». Und ja, Mich Gerber hat sich offenbar auf seine Ursprünge zurückbesonnen. Das kündigt schon das Cover an, das wie dasjenige des zauberhaften Erstlings vom Künstler Serge Nyfeler stammt.

Aber natürlich hat der Wanderer Gerber viele schöne Dinge gesammelt in den Jahren seit «Mystery Bay», auf seiner Reise durch Trip-Hop- und Elektronik-Sphären. So steuert für zwei Songs wieder eine famose Sängerin ihre Stimme bei, diesmal ist es die lässige Bajka, die mich zum Beispiel schon bei Radio Citizen in Entzücken versetzt hat. Liebling Greis ist auch mit von der Partie und der Rapper RQM sorgt für den coolsten Track.

Aber auch die ganz reduzierten Songs, wie der Walzer sind sagenhaft. Einzig auf die Verbindung mit dem Männerchor Chant 1450 für zwei Tracks hätte ich persönlich lieber verzichtet – da geht bei mir gleich der Enigma-Alarm los. Ansonsten: Ein veritables Bijou! Unbedingt reinhören!

Die Jagd auf die Space Invaders

Benedikt Sartorius am Samstag den 20. September 2008

Verlorener wirkt sein Gefährte an der Bushaltestelle der Gewerbeschule…

Lorraine-SpaceInvader

… trotz seiner aufreizenden Umgebung:

Space Invader vor dem DuNord

Space Invaders in Bern
Space Invaders spielen. Viel Vergnügen.

Popmusikgeschichtslektion

Benedikt Sartorius am Freitag den 19. September 2008

Mit Freunden Platten zu hören, zu diskutieren und kommentieren, dazu zwei Flaschen Wein: Was schöneres gibt es kaum, auch wenn die eine oder andere Peinlichkeit dabei entdeckt wird.

Schriftsteller, Radio-DJ und F.S.K-Mitglied Thomas Meinecke traf den Soziologen und zumindest im Popkulturmagazin Spex als Filmkritiker tätige Klaus Theweleit. Was sie im Schlachthaus im Rahmen der Biennale taten? Genau, Platten hören, kommentieren, trinken.

Meinecke und Theweleit im Banne von Sun Ra

Der Schwerpunkt am gestrigen Abend lag nicht unerwartet auf den Black Eccentrics, den Aliens der schwarzen Popkultur. Theweleit widmete sich ganz und gar dem grossen Ausserirdischen Sun Ra, kommentierte mit heiserer Stimme weitläufig die verschiedenen Facetten des Sonnen-Sonnengottes vom Saturn, während Meinecke die eine oder andere Techno-Platte dazwischen schob und launig und prägnant das Wesen des Afro-Futurismus formulierte: Diese Musiker, die sind überhaupt nicht und nirgends zu Hause.

So zottelte das bis zu dreissig Musiker zählende, kommunenartige Sun Ra Arkestra in Karnevalskostümen von Festival zu Festival, «queer codiert», wie Meinecke sagte, um gleich nach dieser Mutmassung die Hymne der Regenbogengeneration, «Somewhere Over The Rainbow», als Motiv beim 1993 verstorbenen Pianisten vorzuspielen.

Ob die angesagte Disco dann doch noch in Gang kam, wage ich im Anschluss an diese wertvolle Vorlesung, die die Nachbarschaft von Freejazz und Techno nachzeichnete, allerdings doch zu bezweifeln.

Einschlägige Literatur zum Thema Afro-Futurismus:
Kodwo Eshun: Heller als die Sonne, 1999.
Diedrich Diederichsen (Hg.): Loving The Alien, 1998.

Nicht alleine

christian pauli am Freitag den 12. September 2008

Liebe Kulturgemeinde

Heute beginnt die Berner Biennale. Das ist eine gute Sache. Berner Veranstalter von gross bis kleiner haben sich zusammengerauft, um zeitgenössische Kultur zu präsentieren.

Zeitgenössische Kultur, wohlverstanden. Also etwas, das hierzulande sonst eher ein kümmerliches Dasein fristet. Stadt und Kanton Bern – neben anderen – haben sich nicht nur mit namhaften Beiträgen beteiligt, sondern auch den expliziten Willen bekundet, etwas, das es auch – zumindest gemäss Wikipedia – in Bahia, Bergen, Berlin, Bucharest, Dakar, Florenz, Göteborg, Halle, Istanbul, Kolbermoor, Lausanne, Moskau, München, New York, Ouagadougou, Prag, Rotterdam, São Paulo, Sevilla, Shanghai, Sharjah, Sydney, Tirana und Wien gibt, hier zu haben. Wir sind also nicht alleine.

Kann Heide brauchen, was es gelernt hat?

Das Thema der heurigen Biennale, liebe Kulturgängerinnen und -gänger, lautet Fremdgehen. Ob sich der Ausgang auf fremdes Terrain gelohnt hat, werden wir sehen. Falls Sie doch lieber zu Hause vor dem Bildschirm verweilen, was wir natürlich nicht begrüssen würden, können Sie sich immer noch vom löblichen Art-TV auf dem Laufenden halten lassen.

Wie auch immer: Kultur sei mit euch. Amen.

Heimat ist da wo man sich aufhängt

Grazia Pergoletti am Samstag den 2. August 2008

– bei diesem vielversprechenden Titel konnte ich natürlich nicht umhin, Matto Kämpfs Auftritt zum 1. August beim 6. BeejazzSommer zu besuchen. Wegen Sturmwarnung fand die Veranstaltung im Kornhaus statt, was dem ganzen erst eine etwas steifliche Atmosphäre verlieh, die aber gar nicht so übel war.

Abt/Kämpf/Flück

Herr Kämpf, seinerseits Kämpfer wider die Hochkultur und sicher kein Ballett-Liebhaber, trug unheimelige Heimatgedichte und Kurztexte vor, sowie einen umwerfenden Krimi auf Hochdeutsch. Diesen mochte ich ganz besonders, auch weil ich kein überschwenglicher Mundart-Fan bin, was daran liegen mag, dass bei mir das interkulturelle Gemisch schon beim Dialekt anfängt.

Begleitet wurde er von Patrick Abt und Mago Flück, die aus der Hüfte heraus reduzierte und lässige musikalische Bebilderungen ins zahlreiche und sichtlich amüsierte Publikum schossen. Matto Kämpf und seine Truppe sind übrigens heuer mit der Première ihrer neuen Produktion «Robinson» am Zürcher Theaterspektakel zu Gast.

Und jetzt hoch die Tassen und: Ist Heimat da, wo man sich aufhängt? Oder wie jetzt?

Affen in China

Benedikt Sartorius am Freitag den 25. Juli 2008

Heute startete die Zeitung Ihres Vertrauens die China-Schwerpunktwoche. Ein markantes Interesse am Reich der Mitte zeigt auch Popgott Damon Albarn.

Auf der Ausschuss-Platte «D-Sides» seiner Gorillaz findet sich etwa ein lustiger Remix von «Dirty Harry» wie auch die berückend schöne Nummer «Hong Kong» . Albarn trug auch zur Peking-Oper «Journey To The West» bei, die allerdings kürzlich in Berlin – zu meiner nicht geringen Erleichterung – aus technischen Gründen abgesagt werden musste.

Die BBC holte nun Albarn und den Gorillaz-Zeichner Jamie Hewlett für ihre Olympia-Berichterstattung an Bord, genauer, für die Gestaltung des Sendungstrailers.

Ihnen gelang ein schönes Werk, das sich von landläufigen Sendungseinstiegen doch merklich abhebt.

Gen Bahnhof gerichtete Geste

gast am Sonntag den 1. Juni 2008

Gestern Samstag wurde in Bern der umgebaute Bahnhofplatz, die Christoffelunterführung und der neue Baldachin eingeweiht. Aus diesem Grund haben wir unseren Leser Val der Ama gebeten, einen Gastbeitrag über dieses einst so umstrittene Dach zu schreiben.

Seit Tagen kann man im Bereich der Heiliggeistkirche ratlose, meist schwarz gekleidete, immer wieder nach oben und in alle vier Himmelsrichtungen schauende Gestalten beobachten. Architekten sind das, auf der Suche nach ihrer persönlichen Meinung zum grössten Stürmiobjekt des Bahnhofplatzumbaus.

Webcam-Bild des Baldachins über dem Berner Bahnhofplatz. (Bild zvg)

Wenn Sie genau hinhören, tönt es nach «starker städtebaulicher Eingriff», oder «Grosszügigkeit des freigelegten Platzes kommt zur Geltung», «so ein Seich» oder auch «transparente Gestaltung». Ui, was für einTheater.

Der Bahnhof spuckt ab heute die Leute aus, welche dann Schutz suchen unter dieser langen und noch schön glänzenden Schlabberzunge. Nun ist der Bau Tatsache und abgesehen von ein paar Leserbriefen, welche mit «…lässt grüssen» enden, wird sich auch die Polemik drumrum langsam im Verkehrsgewusel verlaufen.

Vielleicht dazu noch das: Aussagen, dass der schöne Bau bis zum Bahnhof hätte gezogen werden sollen, sind nicht die überlegtesten. Jesses! Zwar haben sich in letzter Zeit (weil ja Wahljahr) viele findige Stadtpolitiker einen verkehrsfreien Bahnhofplatz gross auf die Fahne geklebt, aber das stand zu Konzeptzeiten gar nie so richtig zur Diskussion. Unten im Keller soll fussgegangen und konsumiert werden, oben walzt halt bis auf Weiteres die Autobahn. Und die verlangt nach keinem Regenschutz.

Ein Meisterwerk ist er nicht, der Baldachin, dazu ist sein Hintern viel zu plump. Aber schön ist er trotzdem, mutig sowieso und dazu noch erfreulich transparent.

Der Baldachin öffnet den Wartenden den Himmel und wenn die Architekten, Zürcher, betonen, dass er als Eingangstor zur Altstadt funktioniert, dann tönt das nicht nur nett, sondern es stimmt sogar. Vor allem aber erfüllt er recht elegant seine zwei Hauptaufgaben: Er verdeckt von Weitem keine Kirchen und er schützt die Leute ganz ausgezeichnet vor dem Regen.

Und trotz Gegenmassnahmen werden ab sofort auch Nichtautofahrer endlich wissen, wie Vogelkacke von unten ausschaut.

Die arme, nun in den Hintergrund gedrängte Heiliggeistkirche wird den Schritt in die zweite Reihe verkraften. Was aber die Zukunft des Baldachins betrifft, warten wir doch einfach mal den nächsten Bahnhofumbau ab.

Ihr Val der Ama, Mitbetreiber dieses Architekturblogs.

Der Zufall war hier

christian pauli am Samstag den 17. Mai 2008

John Cage (1912-1992) hätte vermutlich seine Freude daran gehabt: Das Gewitter, das dann doch nicht kam, hing dann zäh über der Dampfzentrale, als die Klanginstallation «Bird-Cage» mit Vogelstimmen, die ein Computer zufällig einspielt, den Auftakt zum Mini-Festival «Cage&Co» pfiff.

Vogelstimmen ab Computer Dominik Blum, Pianist und Computermusiker aus Winterthur (auch Mitglied der Hardcore-Band Steamboat Switzerland), spielte das Klavierkonzert von Cage (1957) – angeblich das erste komponierte Werk, das auf Zufallsoperationen basiert. Nun, als bloggender Veranstalter wage ich mich nicht auf die Äste raus. Mein Gedanke ist ganz einfach: Verrückt, dass einer – Cage – mit einem solchen Prinzip, das eigentlich keines ist oder sein dürfte, die ganze Musiktradition über den Haufen geworfen hat. Vor 50 Jahren. Verrückt, dass ein Anderer – Blum – diese Masterpiece der – Achtung Widerspruch! – klassischen Musik mittels zufällig generierten Computereinspielungen in die Gegenwart zupft. Noch verrückter, dass sich über all dem eine Patina vergangerer Avantgarde breit macht. Keine Ahnung, ob da noch eine/r draus kommt…

Doch lassen wir einfach John Cage reden: «Ich verstehe nicht, warum die Leute Angst vor neuen Ideen haben. Ich habe Angst vor den alten.» Oder noch besser: «Ich habe nichts zu sagen, und sage es.»