Archiv für die Kategorie ‘Wüsten & Oasen’

Verwunschene Lokale

Benedikt Sartorius am Dienstag den 27. Januar 2009

Es gibt Ladenlokale in dieser Stadt, denen scheint das Glück nicht hold zu sein. Eines von diesen Verwunschenen steht bei meiner persönlichen Bushaltestelle. Hinter versprayten Jugendtreff-Stellwänden entsteht momentan ein italienisches Essenslokal oder zumindest ein Essensladen, der Teigwaren und dazugehörige Saucen verkaufen wird. So die Mutmassungen, die beim Warten auf den 20er-Bus dank den Gucklöchern angestellt werden konnten.

Ich wünsche – was aus immer da entstehen mag – mehr Glück als dem Vorgängerpaar, welches das Lokal nur für ein geschätztes halbes Jahr bewirtschaftete. «PMP e Trading» hiess der Laden, der eine krude Mischung aus Compi-Dienstleistungen, einem DHL-Servicepoint, esoterischen Wohlfühlduftaromen und einschlägiger Guru-Literatur feilbot. Die temporären Inhaber jedenfalls sah man mangels Kundschaft notgedrungen mehr auf der Strasse als im Lokal – beim Inhalieren von starken Trostzigaretten.

Falls es wieder nicht klappen sollte mit dem neuen Laden, würde ich das Lokal trotzdem mal mieten und Ware aus der zukunftsträchtigen Tonträgerbranche anbieten. Einen Versuch wäre es alleweil wert.

«Geruchlos und altmodisch»

christian pauli am Freitag den 9. Januar 2009

Wertmüller trommeltIch habe einen guten Freund in Berlin. Der ist ein hervorragender und verrückter Schlagzeuger, ein hoch anspruchsvoller Komponist und ein undogmatischer, eigenwilliger Künstler. Er kommt aus Thun und hat sich in Berlin mittlerweile in der zeitgenössischen Musik gut etabliert. Am renommierten Ultraschall-Festival Ende Januar wird ein Stück von ihm uraufgeführt («Time Involved In Processing», für grosses Ensemble).

Da dachte ich mir: Da fahr ich hin und tu mich ein bisschen weiterbilden in Sachen neue Klassik. Fragte den Freund also an, was er mir sonst noch so an diesem Festival empfehlen würde. Seine Antwort war ziemlich satt: «Diese Neue Musik kotzt mich dermassen an, dass ich schwerlich gute Tipps abgeben kann… So verklemmt und selbstgerecht, geruchlos und altmodisch sind diese Leute.» Recht hat er, der Wertmüller. Nämlich genau so muss ich als Veranstalter von neuer Musik (Achtung kleines «n») leider zu oft denken. Und trotzdem ist diese «Neue Musik» der Ort, wo verdammt nochmal etwas passiert. Ein Dilemma.

Wie sehen Sie das? Wenn wenigstens Rockmusik nicht «so verklemmt und selbstgerecht, geruchlos und altmodisch» wäre. Ich will ja nicht vorgreifen, aber diese Ankündigung hat mir auch zu denken gegeben. Womit wir schon fast wieder bei der Diskussion wären, welche Musik welche Subvention verdient. Wir bleiben dran.

«Geruchlos und altmodisch»

christian pauli am Freitag den 9. Januar 2009

Wertmüller trommeltIch habe einen guten Freund in Berlin. Der ist ein hervorragender und verrückter Schlagzeuger, ein hoch anspruchsvoller Komponist und ein undogmatischer, eigenwilliger Künstler. Er kommt aus Thun und hat sich in Berlin mittlerweile in der zeitgenössischen Musik gut etabliert. Am renommierten Ultraschall-Festival Ende Januar wird ein Stück von ihm uraufgeführt («Time Involved In Processing», für grosses Ensemble).

Da dachte ich mir: Da fahr ich hin und tu mich ein bisschen weiterbilden in Sachen neue Klassik. Fragte den Freund also an, was er mir sonst noch so an diesem Festival empfehlen würde. Seine Antwort war ziemlich satt: «Diese Neue Musik kotzt mich dermassen an, dass ich schwerlich gute Tipps abgeben kann… So verklemmt und selbstgerecht, geruchlos und altmodisch sind diese Leute.» Recht hat er, der Wertmüller. Nämlich genau so muss ich als Veranstalter von neuer Musik (Achtung kleines «n») leider zu oft denken. Und trotzdem ist diese «Neue Musik» der Ort, wo verdammt nochmal etwas passiert. Ein Dilemma.

Wie sehen Sie das? Wenn wenigstens Rockmusik nicht «so verklemmt und selbstgerecht, geruchlos und altmodisch» wäre. Ich will ja nicht vorgreifen, aber diese Ankündigung hat mir auch zu denken gegeben. Womit wir schon fast wieder bei der Diskussion wären, welche Musik welche Subvention verdient. Wir bleiben dran.

Geschenkt

christian pauli am Samstag den 27. Dezember 2008

Obwohl stolzer Nichtbesitzer eines Führerscheins, bin ich Teilhaber eines Fahrzeuges. Eine achtplätzige Bruchbude auf vier Rädern, dieser Toyota Model-F, ist aber begehrt wie nur was. Fast schon ein Geschenk, dieses Auto. Dies zumindest verheissen die Zettel, die in vorweihnächtlicher Zeit zu Hauf in die Türe oder unter den Scheibenwischer des Wagens gesteckt wurden.

Begehrter EWag «Nahar Autohandel» zum Beispiel bietet einen «fairen Preis (Unfall, Zustand und Km sind egal)». Eher aufdringlich gibt sich «Auto Export Manana»: «Ihr Auto interessiert mich». Das Kaufangebot einer Firma mit dem illustren Namen «Chaar Car» ist da etwas weniger offensiv im Inhalt, dafür in der Orthografie eigenwillig: «Falls Sie Ihr Auto jetzt oder später verkaufen wollen Rufen Sie mich.bitte». «Kaufe wie gesehen ohne Garantie», lautet das verführerische Angebot von «Samir Auto Export»: «Bundesweite Abholung! Sofort Bargeld! Sofort Abmeldung!»

Macht einem schon fast Angst, weil emigieren wollten wir nicht, obwohl wir dieses Gefährt vor zwei Jahren durchaus mit Reiseabsichten angeschafft hatten. So bleiben wir also hier, drehen unsere Runden zwischen Stadt und Naherholungsgebiet, Geschäft und Freizeit, Einkaufszentrum und Mülldeponie. Und sind glücklich, dass unser Wagen nach dem Rencontre mit dem Schneepflug von Bauer Bühlmann noch begehrter geworden ist.

Vicky Cristina Biberebad

Benedikt Sartorius am Sonntag den 21. Dezember 2008

«Landgaschthof Biberebad, wär kennts nid?», fragt eine Werbestimme über bestechende Standbilder immer und immer wieder die pünktlich angereiste Berner Kinobesucherschaft. Ein Running-Gag der hiesigen Kinokultur, der durch die nachfolgenden Werbungen (Tre Fratelli, Coiffure Upstairs und die phänomenale Metroboutique mit dem Slogan «You are fashion, you are hype, you are always on the top») noch gesteigert wird.

Penelope & ScarlettWieso ich Ihnen das erzähle? Weil der gestern angeschaute Film «Vicky Cristina Barcelona» sicher nicht zu Woody Allens besseren Filmen gehört. Der alte Herr reiste für einmal nach Barcelona, wo er die Geschichte der amerikanischen Studentinnen Vicky und Cristina abermals in der Upper-Class ansiedelt. Die Stimme aus dem Off mokiert sich über die Ziele der beiden: Vicky, gespielt von der noch nie gesehenen Rebecca Hall, schreibt eine Uniarbeit zum Thema «Katalanische Identität», da sie sich für Gaudí und spanische Gitarre begeistert und Cristina Scarlett Johansson sucht ein aufregendes Künstlerleben, auch ohne Talent.

Die Kommentare sind das lustigste in dieser Dreiecksgeschichte, der einige feine Details enthält, mit schönen Frauen und mit einem ebensolchen Mann (Javier Bardem) aufwartet und der einige Fragen stellt: Sind die teils plumpen Dialoge ernst gemeint, ist die von Penélope Cruz dargestellte hysterische Frau als Hommage an Pedro Almodóvar zu lesen, oder ist alles – auch die Wiedergabe beinahe aller Spanienklischees – eine milchig inszenierte Parodie? Ich hab mich mal vorsichtig für letzteres entschieden.

Ein Nackttanz für die Erde

Grazia Pergoletti am Sonntag den 7. Dezember 2008

Murray-Wassink Eben hatte ich noch gemäkelt, das Berner Publikum sei nicht sehr experimentierfreudig, und nun das: Der letzte Abend des Performance Saga Festivals «Bone 11» am Samstag im Schlachthaus war bis auf den letzten Treppenplatz komplett ausverkauft! Natürlich war das halbwegs zu erwarten, wenn ein Superstar wie Annie Sprinkle auftritt – sie wurde mit ihren offenherzigen Performances weltbekannt. Aber wie ich hörte, war das Festival insgesamt sehr gut besucht.

Die erste Performance des Abends war denn auch eine Art Hommage an Sprinkle, dargeboten von La Reine Prochaine, Koboldin und ewigem Mädchen Muda Mathis – musikalisch, witzig und absolut stilsicher, wie eh und je.

Annie M. Sprinkle & Elizabeth M. Stephens zeigten darauf ihre Performance «Dirty Sexecology», in der sie uns lehrten, wie wir die Erde lieben können – und zwar ganz handfest. Die ausserordentlich amüsante Darbietung, die auf unverfrorene Weise Sex und Ökobewusstsein paarte, endete in einem unendlich poetischen Bild zweier liebender Damen, in der Erde begraben. Mit von der Partie auch Jürgen Fritz und Norbert Klassen, der Begründer des Festivals.

Zum Schluss wurden dem Publikum in «Town Hall Philosophical Living Color Drawing» von Sands Murray-Wassink & Robin Wassink-Murray Einblicke in den Künstler Sands gewährt. Die Performance begann mit einem Striptease des Künstlers zum Radio-Hit «American Boy» und mündete in eine offene Diskussionsrunde, die gar nicht mal so dröge war.

Dieser Abend, der durchaus auch peinlich und unangenehm hätte sein können, löste im Publikum Gelächter, Mitgefühl und befreite Verzauberung aus. Ein dickes Bravo an die Kuratorinnen des Festivals Andrea Saemann und Katrin Grögel! Das Festival wurde auf dem Performance-Saga-Blog dokumentiert: Hier klicken bitte sehr.

Backen zum Zwanzigsten

Daniel Gaberell am Donnerstag den 27. November 2008

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PROGRAMMÄNDERUNG: Ein Minitierchen (Käfer, Bazillus oder Virus) ist dafür verantwortlich, dass das Backstubenkonzert heute nicht von einer Frau, sondern von einem Mann, der nicht aus Basel kommt, sondern aus Biel und auch nicht Lena, sondern Micha heisst, dargebracht wird. Schöne Musik gibt’s trotzdem. Und ebenso Suppe, Würstli, Brot, Bier, Wein und Willisauer Ringli.
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So: Morgen findet zum zwanzigsten Mal die «Backstube» statt und darüber muss berichtet werden. Denn die «Backstube» ist ein Ort – fast neigt man zu sagen: Örtchen –, wo die löbliche und viel zu oft in den Hintergrund gedrängte Suppenkultur ebenso gross geschrieben wird wie die Kultur im herkömmlichen Sinn.

Suppenkönigin Katja wählt jeweils ein Rezept aus und der Kulturbeauftragte Herbert hat dann die Aufgabe, eine passende Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Es kommt auch vor, dass sie die Suppe der Kultur anpassen muss. Das klappt nicht immer, manchmal aber schon: So servierte sie zum Beispiel eine gekühlte Avocadosuppe aus Andalusien, er zeigte den tschechischen Film «Kolya».

Oder er programmierte den Musiker Dülu Dubach alias «Supersiech», sie kochte dazu eine Päcklisuppe. Zu «Stahlberger & Band» gab es eine Türggenribelsuppe und zu «Rob’n’Steeph Acoustic Inferno» eine Erdnussssuppe.

In der ehemaligen Backstube finden ungefähr dreissig Leute Platz, vorausgesetzt die Band ist nicht allzu gross. Und morgen ist die Band sehr klein. Eine Ein-Frau-Band sozusagen. Lena Fennell hiesst die Frauenstimme aus Basel. Klingt noch hübsch, aber hören Sie selbst:

Angekündigt für morgen ist eine Zervreila Suppe aus dem Valsertal (Rüebli-Quitten-Ingwer, serviert mit Nidle und Sesam). Was diese Suppe allerdings mit Basel zu tun hat, weiss ich auch nicht genau. Dazu gibt es übrigens noch Willisauer Ringli. (..?!..)

Backstube, Freiburgstrasse 111, 3008 Bern, ab 19 Uhr Suppe, ab 21 Uhr Musik.

Eier für Meier

christian pauli am Samstag den 15. November 2008

Die HKB, die Hochschule der Künste Bern, feiert. Der fünfjährige Geburtstag ist ein Markstein in der – ich glaub, man sagt dem so – bildungspolitischen Landschaft der Schweiz. Eine Rolex hätte der unermüdliche Direktor Thomas D. Meier bekommen sollen, aber es habe dann nur eine Eieruhr dringelegen, wie Wolfram Heberle, der Leiter des Studiengangs Theater der HKB, in einem launigen Speech festhielt. Eier für Meier, das ist gut.

Paffen, schwatzen, trinkenAch ja, das war gestern. Das Fest, fünf Jahre HKB, in ihrer Depedence an der Fellerstrasse. Dem Gönnerbankett konnte ich leider nicht zusprechen, da zu Hause zurzeit gerade zu wenig Kleingeld herumliegt, auch die CD-Taufe von Bern ist überall liess ich links liegen. Ich blieb erstmal am Eingang stecken, wo man ausgiebig dem Tabak und Hopfen huldigte.

Es war richtig cool da, und ich meine das voll ernst. Wirkt noch alles sehr provisorisch in dieser Schule, die so viele Räume und Gänge und Zwischenräume und -gänge hat, damit man sich wunderbar vertun kann. Ein Kulturort in Berns Westen, das ist super. Irgendwie fast ein bisschen wie im Ausland. 1000 Studenten sind an der HKB. Das ist doch ein beachtliches Kreativpotential in dieser beschaulichen Stadt.

Wir lauschten dann später diesen Studenten und Ex-Studenten. Jürg Halter und Julian Sartorius etwa, Knackeboul oder Guy Krneta, Greis & Apfelböck. Sie allesamt haben einiges zu bieten.

Sophie Hunger startet durch

Daniel Gaberell am Freitag den 7. November 2008

Unser Wieder-Zurück-Chef hat Sophie Hunger bereits früher im Bild verewigt.

Sophie Hunger sagte bereits mehrmals, dass ihr Livekonzerte lieber sind als im Studio Platten aufzunehmen. Und darum sollte der Erfolg gestern Abend im ausverkauften Bierhübeli eigentlich nicht erstaunen. Aber wenn die eigenen Erwartungen übertroffen werden, schwingt bei mir halt auch immer ein glückliches Staunen mit.

Sophie und ihre Jungs waren schlicht und einfach grosse Klasse! Die Bühnenpräsenz, die Stimme, die Bläser (vor allem Michael Flury an der Posaune!), die Beats von Julian Sartorius – gestern hat fast alles gestimmt. Wäre da nicht die leichte, aber durchaus sympathische Unsicherheit beim Schlussapplaus gewesen, den Musikern würde ich problemlos zehn Jahre Bühnenerfahrung attestieren.

Ob es künftig einen Jürg Halter als Vorband braucht, finde ich zumindest fragwürdig. Hingegen bin ich ganz sicher: Während dem Konzert kann man seinen Auftritt streichen.

Sophie Hunger mag lieber keine Schuhe, wurde in Bern geboren, trug gestern eine grosse Laufmasche und ist zweifellos eine grosse Musikerin. Das war viel Schönes für einen einzigen Abend.

Rot-schwarz

christian pauli am Montag den 3. November 2008

Zumindest einem anderen hat dieses Konzert auch gefallen. Zwei weitere Konzertbesucher, mit denen ich sprach, wurden an diesem gestrigen Sonntagabend im Berner Münster nicht warm. Und von allen anderen Handverlesenen, die sich zum Abschluss des Festivals «zoom in» ins Münster verirrten, weiss ich es nicht. Zeitgenössische Musik ist zuweilen eine einsame Sache.

Hisato Higuchi, der japanische Abstract-Blues-Noise-Gitarrist, der gestern zum ersten Mal auf europäischen Festland gastierte, spielte wie das Licht, in das er getaucht war. Meistens rot: Langsame, minimalistische, Blues-ähnliche Chords, getragen vom vollmundigen Klang eines Röhrenverstärkers, begleitet von süsslichen Gesangstönen. Genau einmal schwarz: Laute Feedbacks, überbordende Verzerrungen, jaulende Borduns.

Am Sonntagabend im Berner Münster

Möglicherweise bin ich ganz einfach der Exotik des Japaners zwischen Melancholie und Schmerz erlegen. Möglicherweise. Auf jeden Fall waren die Klänge, die die gestern während einer Stunde die Dunkelheit und Einsamkeit im Münster erfüllten, von einer eigenartigen, eindringlichen Erhabenheit.