Archiv für die Kategorie ‘Wüsten & Oasen’

Keine Geschichte, viele Geschichten

christian pauli am Dienstag den 7. April 2009

Endlich, nachdem wir rastlos vier Tage in diesem Koloss rumgewetzt sind, glauben wir unseren Mann gefunden zu haben. Yan Jun, ein 36jähriger Musiker, Kritiker und Produzent aus Lanzhou, öffnete uns die Welt zur Alternativeszene in China. Wir sassen vor dem Musikclub 2Kolegas und tranken Bier und rauchten Zigaretten. Drinnen machte eine japanische Band ohrenbetäubenden Noise-Terror. Aus dem Lokal nebenan drang türkische Musik, und weiter vorne, in dieser undurchschaubaren Stadtpampa, kreisten schwarze Limousinen mit verdunkelten Scheiben ihre Kurven um einen Nobelclub. Yan Jun sprach und sprach, von der Mongolei und Mandschurei, von Punkrock und Noisemusik, von Fieldrecordings und Soundinstallation, von Improvisationen auf traditionellen Instrumenten und Laptopartisten aus Beijing. Die Musik, wie wir sie kennen, hat in China schlicht keine Geschichte. Die Kommunisten haben in der Kulturrevolution einfach alles, was aus dem Westen kam, ausgemerzt. Pop, Jazz, Rock, Techno: Das war vor noch vor kurzer Zeit nichts als weisses Blatt.

Vom Hotelzimmer durch die Wolkenkratzer zum Fleischspiesschen

Keine Geschichte, viele Geschichten: Gegenüber unserem Vierstern-Hotel am Jianguo Men Wai Da Jie-Boulevard reihen sich Wolkenkratzer an Wolkenkratzer. Quetscht man sich durch einen Schlitz in das Viertel hinten dran, keine zwei Minuten vom Hotel entfernt, ist man plötzlich in einem Dorf. Kleine Strassenkneipen, draussen wird gegrillt, gespielt, gebaut, Wäsche getrocknet. Wir haben ein wunderbares Mitternachtsmahl genommen: Fleischspiesschen, frisch geröstete Erdnüsse und Gurken an viel Knoblauch. Und weiter über Musik gesprochen.

Volkstanz

christian pauli am Montag den 6. April 2009

Für heute nur dies: Bin kein Freund von Volkstanz, aber hier, mitten in der Nacht, an einem frühlingsmilden Montagabend, vor dieser Kulisse… Die Chinesen sind verdammt gesellige Menschen.

Mehr zu kulturdiplomatischen Irrungen und Wirrungen, elektronischer Avantgarde und Discopunk in den folgenden Beiträgen. Wünsche gute Nacht.

Wie Pilze

christian pauli am Sonntag den 5. April 2009

Bericht aus China, Teil 2: Am Morgen gabs zunächst eine sanft verpackte Standpauke. Die Dame der uns einladenen «People’s Association for Friendship with Foreign Countries» beklagte wortreich das mangelnde Interesse der Schweizer Delegation an der traditionellen Kultur Chinas. Und illustrierte damit auf prächtigste den monströsen Zwiespalt, den dieses Land zwischen einer tonnenschwer lastenden Vergangenheit und der explodierenden Gegenwart durchlebt. «Zur Strafe» traten wir zur Audienz beim Direktor des Capital Museums. Pekings jahrtausendalte Geschichte, verpackt in einem spektakulär pompösen Bauwerk. Da wird geklotzt, was das Zeug hält. Überhaupt: Die zehnprozentige Wachstumrate hat Pekings Zentrum auf den Kopf gestellt. Hochhäuser schiessen wie Pilze aus dem Boden.

Aus dem Boden schiessen auch die so genannten Künstlerviertel. Im Falle des Artspace 798 heisst das: Ein kunterbunter Kunstjahrmarkt, auf einem alten Industriegelände, so gross wie die Lorraine bis ganz hinten ins Wylerdörfli. Mitten im ganzen Konfekt ein hervorragendes Museum. Zeitgenössische Kunst ist hier das big, big business und lockt tausende von Besuchern an: Westtouris, Pekinger Familien, trendiges Jungvolk.

Die Künstler sind schon längst weiter, an die Peripherie geflüchtet. Zur Galerie des Luzerners Urs Meile, oder zum Fotomuseum des gestern erwähnten Ai Weiwei. Dort sind, das nur nebenbei, zur Zeit Weiweis fantastische schwarz-weiss Fotos ausgestellt, die er in seiner New Yorker Zeit von 1983-1993 gemacht hat.

Ein Mann, ein Blick Ok, lassen wir den Tagesbericht, weil hier bereits tiefe Nacht und morgen bei euch bald Kulturbeutel-Montag ist, verkürzt mit dem Besuch bei Li Xianting beenden, dem godfather of contemporary chinese art. Wir sassen in seiner Stube, mit Blick auf einen frisch entstandenen Baggersee, er paffte Zigaretten und beantwortete unsere Fragen mit asiatischer Gelassenheit. Draussen blühte der Kirschbaum, Kinder und Hunde jagten umher, in der Ferne rauschte die Autobahn und die Sonne ging hinter Hochstrommästen und Autobahnbrücken. Dieser Mann steht so etwas von ruhig, das eine Bein mitten drin im boomenden Kunstmarkt, das andere ruhig an seinem überstellten Tisch. Mich hat das sehr beruhigt.

«The Night Is Burning»

christian pauli am Samstag den 4. April 2009

Kurzer Bericht von der Front. Hier ist es 2 Uhr. Der Tag war lang. Empfang durch die «People’s Association for Friendship with Foreign Countries» (so heisst diese Organisation) am Flughafen. Danach das Übliche, Check-in, Jetlag, Lunch und so. Dann an eine Vernissage im «Namoc», dem «National Art Museum of China», wo es um einen tschechischen Künstler geht und die noble Freundschaft der beiden Länder. Fototermin auf der Dachterrasse mit Ai Weiwei, dem bekanntesten Künstler des «jungen» Chinas. Ein netter, überaus interessanter, eigenwilliger Mensch.

Die Sonne geht unter, alle zücken die Kamera, irgendwie so hat man sich das vorgestellt. Ein kurzer Blick auf die verbotene Stadt. Anschliessend ein Diner mit dem Schweizer Kulturattacheé Terence Billeter, samt versammelter Schweizer Jounalisten. Diese wissen ebensowenig, was diese erste Schweizer Kulturdelegation, die in China weilt, hier macht, wie wir selber. Essen gut, sehr gut. Man erklärt sich.

Joyside_at_D-22Dann ab, 40 Minuten Taxi, die Destination, ein Punkschuppen namens D-22 ist relativ unklar, der Driver weiss es nur ungefähr. Wir, das sind nur mehr der Bee-Flat-Promoter Christian Krebs und ich, finden den Laden dann trotzdem, obwohl wir weder die Strassenschilder lesen noch mit den Driver sprechen können. Aber leider ausverkauft. Chinesen in Lederjacken und engen Jeans, ein paar Westler mit farbigen Brillen. Kein Wunder, spielt doch heute die Chinese-Punk-Legende Joyside nach einem Jahr Bühnenabstinenz zum ersten Mal wieder in Peking.

Schliesslich trotzdem drin, offensichtlich ein Ereignis. Die Band ist recht schlecht, musikalisch gehört, aber das Lebensgefühl stimmt so was. Luft zum Abschneiden, die Punk-Hymnen werden mitgebrüllt, Pogo-Dancing und nette Jungs im adretten New Wave-Look, die auf der Bühne rauchen, während dem sie spielen (oder umgekehrt). «The world too old for us to understand» singen sie, und man versteht das bestens. Oder auch: «The night is burning». Diese Stadt ist noch nicht fertig. Jeder Tag ist anders.

Made in China

christian pauli am Freitag den 3. April 2009

In fünf Stunden fliege ich nach Peking. In einer Woche bin ich wieder zurück. Diesen Irrsinn habe ich den Chinesen zu verdanken. Eine Association für die Freundschaft mit ausländischen Kulturschaffenden oder so ähnlich – den genauen Namen habe ich mir nicht merken können – hat 15 Schweizer Kulturveranstalter eingeladen, sich vor Ort mit aktueller chinesischer Kunst und Kultur vertraut zu machen. Es geht um das schweizweit veranstaltete Festival Culturescapes, das im nächsten Jahr eben China zum Inhalt hat.

Im Wind Vor dem Abflug beschäftigen mich viele Fragen: Genügt das Hemd («Made in China»), das ich vor zwei Tagen in einem globalen Modeshop in Bern gekauft habe, den verlangten repräsentativen Aufgaben, die wir offenbar wahrnehmen müssen? Darf ich an dieser Stelle im Zusammenhang mit dem weltgrössten Platz das Wort Massaker erwähnen, ohne dass mich am Samstagmorgen die chinesischen Grenzwächter abfangen? Wird uns Yan Jun, Musiker, Label- und Barbesitzer und Mann der ersten Stunde der elektronischen Avantgarde in China, am Dienstag, wenn wir ihn anlässlich eines Konzertes von japanischen Noisemusikern treffen, eine Türe auftun? Ja, werde ich überhaupt etwas entdecken, das ich veranstalten würde, auch wenn nicht «Made in China» drauf steht? Wenn nein, was dann?

Und schliesslich: Werde ich für KulturStattBern aus China bloggen können? Drücken Sie mir die Daumen und ich versuche Sie, auf dem Laufenden zu halten.

Kunst in Bern

Daniel Gaberell am Samstag den 28. März 2009

Was ist das?

Erschaffen und verkaufen

Manuel Gnos am Samstag den 28. März 2009

Das Hotel Alpenhof bietet günstigen Raum für Künstler. (Bild zvg)

Da wir heute etwas schreibfaul sind, habe ich Ihnen hier zwei Tipps, die Sie interessieren könnten. Beim ersten handelt es sich um den «Alpenhof». Dieses ehemalige Hotel steht auf auf dem St. Anton auf 1110 Metern, also in der Gemeinde Oberegg, die sich als innerrhodische Insel im Kanton Ausserrhoden gehalten hat.

Das Haus gehört einer Genossenschaft, die das Hotel dem «Verein Alpenhof» vermietet. Verein und Genossenschaft setzen sich ein für die Bereitstellung von Raum für Kunst und Kultur. Alldem liegt die Überzeugung zugrunde, dass Kunst Raum benötigt, nicht aber spartengebundene Schranken. Auf dem St. Anton trifft Kunst auf Wissenschaft, Literatur auf Musik, Theater auf Film, Stadt auf Land und Ostschweiz auf Übersee.

Zurzeit wird das Hotel noch umgebaut. Aber Sie können sich ja schon mal auf der Website umsehen und Pläne schmieden.

Ein Aufenthalt dort wird bestimmt ihre Schaffenskraft steigern. Sind die Resultate davon verkäuflich, könnte Guzuu.com für Sie interessant sein. Guzuu ist ein zierlicher Schweizer Marktplatz im Netz, gedacht für Klein und Kleinst-Marken, die Produkte herstellen. Die Plattform ermöglicht jedem, seinen eigenen Shop zu eröffnen um seine Produkte zu verkaufen.

Obs tatsächlich funktioniert? Wir haben keine Ahnung. Aber lassen Sie es uns wissen, wenn Sies ausprobiert haben.

Dead Malls rocking

christian pauli am Donnerstag den 26. März 2009

Gestern gastierte die Schweizer Hardrockgruppe Shakra im Westside. Vermutlich haben Sie davon nichts gewusst. Kein Wunder, werden doch die kulturellen Leistungen des Erlebnis- und Einkaufparkes von den innenstädtischen Medien konsequent totgeschwiegen.

Dabei sind Malls gewichtige Ableger unserer Kultur. Schauen Sie nur nach Amerika. Dort sind Heerscharen von Archäologen unterwegs, dem Phänomen auf die Spur zu kommen. Allerdings erweckt ein kleiner Unterschied das semi-wissenschaftliche Interesse: Es sind die so genannten «dead malls», die in Amerika von sich reden machen. Dinosaurier des dezentralisierten Detailshandels, die so plötzlich verlassen wie sie hingeklotzt wurden. 40’000 Einkaufszentren gibts in den USA. Eine krasse Überzahl, wie sich jetzt offenbar angesichts steigender Benzinpreise und sinkender Einkaufskraft zeigt.

Die Dixie Square Mall bei Chicago ist auch wegen Musik berühmt geworden. Es wurden darin nämlich Szenen für den Film «Blues Brothers» gedreht. Schon damals (1979) war die Dixie Square Mall ein totes Einkaufszentrum und wurde nur wegen dem Film wieder geöffnet. Heute sieht das Teil etwa so aus (stellen Sie bitte den Ton ab, es wirkt besser ohne den ollen Soundtrack):

Verschieben Sie also Ihren schon lange geplanten Ausflug ins Westside – es kann nur spannender werden. Dafür sollten Sie diese Karte (unter Dead Mall Features) konsultieren, wenn Sie eine Amerikareise planen.

Trashkultur

Benedikt Sartorius am Mittwoch den 25. März 2009

Bern sei auf dem Weg zur «Sauber City», ist heute dem «Bund» zu entnehmen, jedenfalls in der Altstadt. Das neue Abfallreglement in Ehren: Die neue, blaue Farbe der Abfallsäcke scheint mir dabei entscheidender als die repressiven Massnahmen, die die Stadt nun umsetzen will.

Was allerdings fehlt an diesen neuen Sympathieträgern der Kehrichtbeseitigung ist ein identitätsstiftender Name. Zürich kennt den «Züri Sack», Basel gar den lieben «Bebbi Sagg», der allerdings nicht ununmstritten ist, und wir, wir kennen schlicht den Ghüdersack.

(Bild: Beat Schweizer)

Im Sinne einer Popularisierung des Abfallsackes schlage ich einen Namensfindungswettbewerb vor. Mit den Aktionen «Casa Blanca» und «Subers Bärn – zäme geits» bewiesen die zuständigen Stellen bereits ihr Gespür für träfe Titel.

Boga revisited

Benedikt Sartorius am Freitag den 6. Februar 2009

«Boga-Zukunft wieder offen», titelt heute der «Bund» auf der Frontseite. Der Betrieb des Botanischen Gartens ist nämlich nur bis Ende Jahr gesichert.

«Wir wollen hier die Geschichte, über die in Medien weissgott breit genug berichtet wurde, nicht nochmals diskutieren», schrieb unser ferienabwesender Monsieur Gaberell über seine bevorzugte Aussenfiliale vor zwei Jahren. «Denn im Grunde gibt es ja auch nichts zu diskutieren; der Garten muss bleiben, so einfach ist das.»

So einfach ist das.

Das Boga-Tor (Bild: Valérie Chételat)