Archiv für die Kategorie ‘Tanz & Theater’

Bern auf Probe: Frag die Zuschauer*innen! Dritter Teil

Anna Papst am Donnerstag den 24. Mai 2018

In drei Beiträgen der Kategorie Bern auf Probe haben die Zuschauer*innen das Wort: Wie ist es ihnen bei ihrem letzten Theaterbesuch ergangen?

Wie nahe darf ich dir kommen? “for the time being” untersucht unser Verhalten in Menschenmengen.

Als Nora zum ersten Mal mit Theater in Berührung gekommen ist, stand sie gleich selbst auf der Bühne: In der Theater AG ihres Gymnasiums. Nach der Praxis hat sie sich der Theorie zugewandt und studiert im zweiten Semester Theaterwissenschaft. Diese Woche ist sie jeden Abend im Theater, entweder als Zuschauerin am AUAWIRLEBEN Theaterfestival oder als Schauspielerin auf der Bühne im Stück “Lysistrata” der Zytglogge Theatergesellschaft Bern. Vergangenen Sonntag besuchte sie eine Vorstellung von “for the time being” von Schweigman& / Slagwerk Den Haag.

“Ich habe noch nie ein Stück gesehen, bei dem die Zuschauer*innen so stark beteiligt waren. Am Anfang musste ich die Performer*innen immer wieder anschauen: Sind das Wachsfiguren? Das Publikum hat sich auch wie durch ein Museum oder eben ein Wachsfigurenkabinett bewegt. Aber es waren alles echte Menschen. Als sie das erste Mal losgerannt sind, bin ich total erschrocken. Vieles von dem, was sie gemacht haben, hat mich an Aufwärmübungen im Theater erinnert. Durch den Raum gehen, jemanden anschauen, stehen bleiben und so weiter. Mit diesen einfachen Aktionen ist es ihnen gelungen eine Gemeinschaft mit dem Publikum einzugehen.

Irgendwann war mir klar, wir sind jetzt zusammen hier, der Abend gehört uns allen. Das ganze Publikum hat an einem Punkt der Performance Kartonschachteln zusammengebaut, als wäre es die normalste Sache der Welt. Man wäre sich komisch vorgekommen, wenn man sich nicht beteiligt hätte.

Ich würde das Stück Leuten empfehlen, die selbst Theater spielen. Eine Person, die gewohnt ist, dass es einen abgetrennten Zuschauerraum gibt und sie in Ruhe gelassen wird, hätte vielleicht nicht so Freude, wenn einer der Performer seinen Schweiss an ihrer Bluse trocknen würde.”

“for the time being” von Schweigman& / Slagwerk Den Haag war im Rahmen des AUAWIRLEBEN Theaterfestivals 2018 zu sehen.

Bern auf Probe: Frag die Zuschauer*innen! Zweiter Teil

Anna Papst am Dienstag den 22. Mai 2018

In drei Beiträgen der Kategorie Bern auf Probe haben die Zuschauer*innen das Wort: Wie ist es ihnen bei ihrem letzten Theaterbesuch ergangen?

Untertitel oder Subtext? “The only way is UP” von Boris Van Severen und Jonas Vermeulen

Leslie ist Mitbegründerin des Schlachthaus Theater Bern und war lange Zeit im Vorstand des AUAWIRLEBEN Theaterfestivals. Die 74-jährige Buchhändlerin begleitet das Festival seit Beginn. Wenn ihr mal etwas nicht gefällt, haut sie das nicht gleich aus der Kurve. Am Samstag besuchte sie die Vorstellung “The only way is UP” von Boris Van Severen und Jonas Vermeulen.

“Uff. Ich bin ein bisschen geschafft. So viel Energie auf der Bühne. Unglaublich! Man will entweder tanzen gehen oder sich hinlegen und ausruhen. Das sind zwei tolle Jungs. Total eigen, die Verbindung aus Konzert, Text und Bühnenbild. Es war auch ästhetisch ausgefeilt, hat mich ein bisschen an Harald Naegeli erinnert. Was ich richtig gut finde: Das hier am Festival so extrem verschiedene Theaterformen nebeneinander Platz haben. Ich habe am Donnerstag ein Stück von Lola Arias gesehen, dass mir auch sehr gefallen hat. Dokumentarisches Theater, eine völlig andere Sache.

Wie ich diese Form hier nennen würde, kann ich gar nicht sagen. Ich war froh, dass es untertitelt war. Mein Englisch ist nicht so super, so ein Schulenglisch halt, und es ging wahnsinnig schnell. Inhaltlich kennt man es ein bisschen, aber formal ist es hochspannend. Ich würde es meinen Kindern und meinen Grosskindern empfehlen. Meinen Nachbarinnen auch – aber nicht allen.”

“The only way is UP” von Boris Van Severen und Jonas Vermeulen war im Rahmen des AUAWIRLEBEN Theaterfestivals am Schlachthaus Theater zu sehen.

Geld auf der Anklagebank

Gisela Feuz am Montag den 21. Mai 2018

Schuldig oder nicht schuldig? Diese Frage musste sich gestern Abend die Zuschauerschaft am Ende einer vierstündigen Gerichtsverhandlung im Tojo Theater stellen. Auf der Anklagebank sass: Das Geld.

Der gebürtige Genfer Christophe Meierhans verhandelt in seiner Produktion Trials of Money die Frage nach der Verantwortung von Geld in unserer heutigen Gesellschaft. Weil Geld ja nun aber nicht eine Person aus Fleisch und Blut ist, wird es in Trials of Money als Semi Human Person bezeichnet und anhand von existierenden Gesetzen auf seine Schuldigkeit hin geprüft. Vorgeworfen werden dem Geld vier Vergehen: Betrug, Erpressung, unterlassene Hilfestellung und Anstachelung zu Hass. Im schmucken Wolken-Bühnenbild werden nacheinander neun Personen in den Zeugenstand gerufen, welche zuerst von der Richterin und aber vor allem auch vom Publikum befragt werden.

Die Zeugen und Zeuginnen: Zwei Banker, ein Obdachloser, Melinda Gates (Bill & Melinda Gates foundation), weiter werden eine Vertreterin des indigenen Stammes der Algonqin, ein Verfechter von Kryptowährungen, ein Ökonome und ein ehemaliges Kibbutz-Mitglied in den Zeugenstand gerufen. Und dann ist da auch noch der Kriminologe und forensische Psychiater, welcher der Menschheit in Bezug auf das Geld ein Stockholm Syndrom attestiert.

Die Grundfrage welche Trials of Money aufwirft, ist von aktueller Relevanz und Brisanz. Wie wollen und sollen wir mit Dingen verfahren, die zwar von Menschen geschaffen wurden, welche aber eine Art Eigenleben entwickelt haben? Wer ist hier in die Verantwortung zu nehmen, wenn etwas schief läuft? In einem Zeitalter, in welchem künstliche Intelligenzen vermehrt eigenständige Entscheidungen treffen, wird uns diese Frage zukünftig ganz bestimmt noch des öfteren beschäftigen. Die Ausgangslage wäre also eine spannende, bloss ist das, was in Trials of Money daraus gemacht wird, dann doch etwas gar trocken. Dem Publikum wird eingangs ein 12-seitiges Dossier abgegeben, in welchem Statements der Anklage und Verteidigung, relevante Gesetzestexte und Kurzbiografien der Zeugen und Zeuginnen aufgelistet sind. Die langfädige Einleitung und die Tatsache, dass von einer Erzählerfigur aus zweiten Hand geschildert wird, was gerade im Gerichtssaal passiert, machen das Szenario zähflüssig. Ausserdem sind die abgegebenen Dokumente in Englischer Sprache aufgrund des Juristen-Jargons nicht ganz ohne und dürften den einen oder anderen Zuschauer davon abhalten, Fragen an die Zeugen zu adressieren.

Andererseits wird durch diese Art der Umsetzung aber natürlich auch eines evident: Die Frage nach der Schuldigkeit von Geld, lässt sich nicht einfach beantworten, sondern ist von grosser Komplexität und Undurchschaubarkeit, zumal wir ja alle in irgendeiner Form mit dem Angeklagten verbandelt sind. Daraus ergibt sich die schizophrene Situation, dass das Publikum sowohl Ankläger und Geschworene, aber auch Mitangeklagte und Verteidiger zugleich ist. Auf jedes Argument folgt ein ebenso schlüssiges Gegenargument. Sie hätten gerne ein Beispiel?

Accusation: Money divides and rules. Money segregates humans. It creates a minority of rich and a majority of poor and uses these two groups against each other. Money manipulates the rich by providing them advantages in order to obtain their collaboration without their knowing.

Defense: Money enables equality. Money itself does not generate injustice. One the contrary. Money enables humans to help each other across their multiple divisions, across continents, borders, cultures and religions.

Stimmt doch beides, nicht? Schuldig oder nicht schuldig? Entscheiden Sie selber.

Trials of Money wird heute Pfingstmontagabend im Rahmen des Theaterfestivals AUAWIRLEBEN um 18 Uhr im Tojo Theater gezeigt.

Bern auf Probe: Frag die Zuschauer*innen!

Anna Papst am Sonntag den 20. Mai 2018

In den nächsten drei Beiträgen der Kategorie Bern auf Probe haben die Zuschauer*innen das Wort: Wie ist es ihnen bei ihrem letzten Theaterbesuch ergangen?

Am Bilingue Slam wurde um zu applaudieren gewinkt, statt in die Hände geklatscht.

Sandro, ein dreissigjährige Werbetechniker, besuchte am Freitag, 19. Mai im Rahmen des AUAWIRLEBEN-Festivals den Bilingue Slam, ein Poetry Slam an dem hörende und gehörlose Slammer*innen um die Gunst des Publikums  kämpfen. Sandro ist hörbehindert, kann aber mit Hilfe eines Hörgeräts Lautsprache verstehen und selbst in Lautsprache antworten.

“Der Slam hat mir gut gefallen. Mein Favorit hat am Ende gewonnen. Ich sehe am liebsten Gehörlose auf der Bühne, weil sie Körper und Gesicht stärker einsetzen als Hörende. Ein bisschen vermisst habe ich die Ausstattung. Ich mag es, wenn Theater auch etwas fürs Auge bietet. Beim Deaf Slam in Winterthur wurde noch stärker auf Dekoration und visuelle Effekte gesetzt. Aber das ist nur ein kleiner Abstrich.

Der Abend hat viele hörbehinderte Zuschauer*innen angezogen. Logisch, die Hälfte des Line Up waren gehörlose Slammer*innen und alle Texte wurden in Gebärdensprache übersetzt. Im Publikum sassen viele meiner Freunde, auch einige der Slammer*innen kenne ich persönlich. Die Community trifft sich regelmässig an Veranstaltungen für ein gehörloses Publikum. Darum habe ich leider fast alle Beiträge der hörbehinderten Slammer schon gekannt. Nur der letze Zusatzbeitrag des Finalisten Beat Marchetti war eine Überraschung für mich.

Wenn ein Theaterstück nicht in Gebärdensprache übersetzt wird und keine Untertitel hat, gehe ich nicht hin. Obwohl ich Lautsprache verstehen kann, bin ich im Theater aufgrund der akustischen Verhältnisse auf Gebärdensprache oder Untertitelung angewiesen. Für mich ist es cool, dass es am AUA dieses Angebot gibt. Hörende leben in einer anderen Welt als Gehörlose. Schön, wenn wir uns mal treffen. ”

Veranstaltung: Bilingue Slam im Tojo Theater im Rahmen des AUAWIRLEBEN Theaterfestival.
Line-up: Andreas Juon, Beat Marchetti, Cristian Verelst, Daniela Dill, Gina Walter, Jakob Rhyner, Milva Stark, Remo Zumstein  Moderation: Marguerite Meyer

Bern auf Probe: Tanz der Genderidentitäten

Anna Papst am Dienstag den 17. April 2018

Perückenköpfe, Sterne, Spiegel und rosarote Plastikpferde: Die Kunst heisst Musical!

 

Betritt man diese Tage die Vidmar 1, wähnt man sich in den späten Achtzigern: Ein riesiger, grünglänzender Stern nimmt die Bühnenmitte ein, die Protagonistin trägt eine Lederkluft mit Bikershorts, Corsage und Fransenjacke. Coiffeurstühle und Perückenköpfe säumen den Bühnenrand, die Seitenwände sind mit Spiegeln versehen; der ganze Raum schafft eine Anlage von Verkleidung und Travestie. Wo ausgefallene Frisuren auf rollbare Sitzgelegenheiten treffen, ist das Musical nicht weit: Geprobt wird „Coco“, geschrieben von Alexander Seibt, komponiert von Marcus Schönholzer. Diesen Beitrag weiterlesen »

Bern auf Probe: Eine Lektion in äthiopischer Geschichte

Anna Papst am Mittwoch den 21. März 2018

Gebrehanna Productions möchten individuelle und kollektive Erfahrungen theatral erforschen. Zum Beispiel den Fall des sozialistischen Regimes in Äthiopien.

Wie bringt man einen jahrhundertelangen Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit auf die Bühne? Zum Beispiel, in dem man davon erzählt. Der äthiopischen Regisseur Aron Yeshitila, der inzwischen in Brugg wohnt, wollte in seiner ersten Inszenierung “Kings of Interest” auf die Interessen europäischer Mächte aufmerksam machen, die den demokratischen Wandel in seinem Heimatland immer wieder erschweren. Als Grundsituation wählt er ein Treffen unter Freunden: Seine Gruppe “Gebrehanna Productions”, zur Zeit bestehend aus vier Performenden, zwei davon Schweizer*innen, zwei davon Äthiopier sitzen bei Aron am Küchentisch. Man diskutiert über die neusten politischen Entwicklungen. Während die Schweizerin begeistert und hoffnungsvoll ist, winken die beiden Äthiopier ab: Zuviele Versprechungen wurden schon gemacht und nicht gehalten, als dass man den neusten Versicherungen Glauben schenken würde. Um zu erklären, woher dieser Pessimismus rührt, beginnt man, die letzten 150 Jahre äthiopischer Geschichte zu rekapitulieren, springt bald vom Stuhl auf und spielt in brecht’scher Manier Treffen zwischen politischen Führern nach.

Die Entscheidung, nicht nach einer Identifikationsmöglichkeit mit den involvierten historischen Grössen zu suchen, sondern ein distanziertes, schemenhaftes Spiel zu wählen, ist eine richtige. Dennoch kommt es nach dem ersten Durchlauf zu Diskussionen: Die beiden weissen Schauspieler*innen deutscher Muttersprache haben deutlich mehr Text als die beiden Äthiopier. Was aus pragmatischen Gründen entschieden wurde – die Deutsch- und Englischkenntnisse der beiden letzteren sind begrenzt, und man wendet sich schliesslich an ein Deutsch sprechendes Publikum – wird zum Statement: Wieder scheinen die Europäer*innen das Sagen und damit die Deutungshoheit über die geschichtlichen Ereignisse zu haben. Diese Aussage wollte man aber eigentlich nicht treffen, vielmehr soll die äthiopische Geschichte, die zu grossen Teilen auch europäische Kriegs- und Kolonialgeschichte ist, einmal aus der Sicht eines Äthiopiers erzählt werden.

Die Diskussion über die Wirkung der Textverteilung erweist sich als nicht ganz einfach: Zum einen ist da das Sprachproblem, zum anderen die unterschiedlichen Sehgewohnheiten und Theaterkonventionen. Während die schweizerische Hälfte sich über Tanzeinlagen wundert, die die äthiopische als passend empfindet, kann das Schweizer Testpublikum ein Bild nicht klar lesen, was den äthiopischen Darstellern schon fast zu deutlich ist: Während der Diktator eine Rede hält, erklingt ein Summen, dass zum bedrohlichen Gebrumm anschwillt. Der Führer sieht sich von einem Bienenschwarm bedroht. Das Insekt ist das Symbol der damaligen Widerstandsbewegung, die heute Regierungsmacht ist.

Es braucht viel Übersetzung, um dieses Stück gemeinsam zu stemmen, aber es lohnt sich: Das Ergebnis lässt sowohl die Performer*innen als auch die Zuschauer*innen einen anderen Blickwinkel auf die eigene Geschichte einnehmen.
“Kings of Interest” von Gebrehanna Productions, 21./23./24. März 20:30 Uhr, Tojo Theater Reitschule Bern

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.

Postkarte aus Fränwilje-Tobenlosch

Anna Papst am Mittwoch den 28. Februar 2018

Der wunderschöne Erdenfleck ist bilingue und wir sind es auch: Wir diesjährigen Autor*innen des Stück Labors haben uns für eine Schreibretraite im Gasthaus “Des Gorges” in Frinvillier-Taubenloch, ja, eingenistet, und erzählen auf Französisch und Deutsch von poststrukturalistischen Soldaten und gefallenen Kosmonauten, von gebrochenen Verbrechern und Löchern in der Wirklichkeit.

Innerhalb der nächsten zehn Monate werden unsere Stücke in Basel, Bern und Genf uraufgeführt werden, aber noch befinden wir uns in der Autorenblase, in der jede Änderung nur eine Backspacetaste entfernt ist. Wenn der Kopf zu voll und der Magen zu leer ist, fallen wir dreimal um und landen bei Juri im Restaurant. Vier Wildschweinwürste später rattert die Gedankenmaschine wieder, es klappert die Tastatur. “Schreiben ist eine einsame Tätigkeit”, lautet gefühlt jede zweite Überschrift eines Interviews mit einem*r Autor*in. Schön, dass wir an diesem einsamen Ort zu viert sind.

Taubenlochschlucht (schönes Wort)

Im Gasthaus “Des Gorges” kann man fantastisch essen und tief schlafen

Im Stück Labor wird Gegenwartsdramatik gebraut

Sie scheint bright wie ein Diamond

Milena Krstic am Freitag den 23. Februar 2018

Heute Abend wird es in Bern einen Ort geben, an dem Poesie, Humor, Lust und Leidenschaft sich zu einem vergnüglichen Ganzen einen. Dafür verantwortlich ist die Jurasser Tänzerin Eugénie Rebetez.

Foto: zvg

Sie saugt die Zigarette aus, stülpt sich den Putzeimer über den Körper und verwandelt einen roten Teppich in eine Märchengestalt: Ja, so kann er auch gehen, der gute alte Tanz. Ich habe viele schon schwärmen gehört von dieser Frau, die mit dem Genre Tanz umgeht, als wäre er ein knautschiges Kissen, das sich herzlich drücken lässt. Sie knetet und gleitet und lacht und leidet, dass es für das Zuschauen eine Wonne ist.

Für ihr neues Solostück «Bienvenue» traumtänzert sich Eugénie Rebetez einem Fellini-Film gleich durch verschiedenste Stationen (Inszenierung: Martin Zimmermann), mal quasselt sie in einer Cocktailbar, mal putzt sie zu Rihannas «Diamonds» die Wohnung des Herrn Monsieur und mal enerviert sie sich, weil das Kind nicht vorwärts macht.

Ich hatte das Glück, mich gestern Abend in dieses Vergnügen stürzen zu dürfen. Man gleitet da irgendwie mit, fällt in einen Zustand zwischen Fakten und Fiktion und am Ende ist man verliebt in das Leben.

«Bienvenue» wird heute Abend noch einmal gezeigt. In der Dampfzentrale ab 20 Uhr.

Bern auf Probe: Literatur gehört auf die Bühne!

Anna Papst am Mittwoch den 14. Februar 2018

Ursina Greuel las 2014 in der Zeitschrift Theater der Zeit ein Interview mit Melinda Nadj Abonji. Die Autorin äusserte sich darin nach einer unglücklichen Uraufführung ihres inzwischen unter dem Titel „Schildkrötensoldat“ erschienen Romans wie folgt: „Literatur, die literarische Sprache erscheint mir geradezu unvereinbar mit dem Theater zu sein, das ich als Ort der Überbelichtung empfinde, der ohne Tricks und (mediale) Effekte nicht mehr auskommt.“ Dieser Satz provozierte die Regisseurin Ursina Greuel, die auch den Stücktext gelesen und Gefallen daran gefunden hatte, so sehr, dass sie Kontakt zu Nadj Abonji aufnahm. Die beiden Frauen lernten sich kennen und die Regisseurin wollte der Autorin gerne beweisen, dass ihr Roman und die Bühne sehr wohl zusammenpassen. Nadj Abonji war sehr zurückhaltend, ihr war die Lust auf Theater zeitweilig vergangen und auch die Arbeit am Roman wollte sie vorerst beiseite legen. Greuel wartete, bis drei Jahre später der Roman beendet und die Lust auf eine szenische Umsetzung zurückgekehrt war.

“Dumm wie Brot” scheint Zoli seinen groben Mitmenschen. Er schweigt – und bäckt. “Soldat Kertész!” ist ab 22. Februar im Schlachthaus Theater zu sehen.

Es ist kein Zufall, dass sich Greuel herausgefordert sah, zu beweisen, dass zeitgenössisches Theater und literarische Sprache miteinander einher gehen können. Seit dem Ende ihres Studiums beschäftigt sich die Regisseurin mit Stücken, bei denen die Sprache im Zentrum steht. Wenn sämtliche Effekte, „Verzierungen“, wie sie es nennt, wegfallen, bleiben nur die Schauspieler*innen und die Sprache übrig. Das reiche, um Theater zu machen. Diesen Beitrag weiterlesen »

Wilder Osten

Roland Fischer am Samstag den 27. Januar 2018

Eine kleine Bildergeschichte von gestern abend, Europe Sauvage, an der HKB da im Osten Berns. Musiktheater, Drama, grosse Gefühle, grosse Architektur. Und viel Augenzwinkern. Warum heisst das eigentlich Seifenoper? Weil so viel schmutzige Wäsche gewaschen wird?

Hier noch das Hausblatt, hellauf begeistert:

«L’Europe sauvage» begeistert als eindrückliche Talentschau, die Musikgeschichte implodieren lässt. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass überlebt, wer sich an die Kunst hält.

Dann kann diesem Europa ja nichts passieren, oder?