Archiv für die Kategorie ‘Rock & Pop’

Eine beschissen schöne Angelegenheit

Gisela Feuz am Freitag den 3. Februar 2017

Der Titel ist Programm. Auf seinem 4. Studioalbum «Bruchstücke» beleuchtet Baze Menschliches und Allzumenschliches, wobei seine Songs wie Blitzlichter funktionieren, die auf Einzelschicksale gerichtet werden. Die Gestalten, welche dabei ins Licht gezerrt werden, sind keinen Frohnaturen. «Keine leichte Unterhaltungskost» sei dies, wie Genosse Hebeisen vom Mutterschiff in seiner ausführlichen und treffenden Besprechung heute sagt. Vielmehr ist es eine düstere Welt, die Baze skizziert, eine Welt die von Trauer, Wut und Entfremdung geprägt ist, eine Welt in der menschliche Kommunikation bruchstückhaft bleibt oder gar nicht mehr funktioniert, eine Welt die nur noch erträgt, wer vor Mittag drei Drinks intus hat.

In den 10 musikalischen Bruchstücken reisen wir mit Baze durch verschiedene Lebensentwürfe, wobei Fieldrecordings den Hörer von Station zu Station geleiten. Mal sitzen wir im Fonds eines südafrikanischen Taxis dann wieder umgibt uns das Gefluche und Gelalle in einer Beiz kurz vor Feierabend. Es ist der Soundtrack zum Lebensfilm verlorener Menschen, die alles haben und doch von diffusen Sehnsüchten getrieben sind, den wir da zu hören bekommen. In seinen dystopischen Miniaturen offenbart sich Baze als genauer und sprachlich exakter Beobachter der menschlichen Psyche. Indem er banale Alltagsszenarien schildert, dabei aber immer auch darunter liegende Schluchten und Krater aufdeckt, kreuzt er die Erzählkunst eines Mike Skinners mit der Abgründigkeit eines Nick Cave.

Auch wenn es vorwiegend düstere Lebensaspekte sind, die da beleuchtet werden, so ist «Bruchstücke» trotzdem nicht nur pessimistisch. Vielmehr vermittelt das Album, dass es halt einfach dazugehört, dass das Schicksal manchmal ein Arschloch ist. Und schliesslich sind es doch genau die extremen und überspannten Emotionen, welche das Leben erst ausmachen und einen dessen ganze Bandbreite und Tiefe erfahren lassen. Oder wie Baze sagen würde: «Z’Läbe isch sonä beschisse schöni Aglägeheit.»

«Bruchstücke» steht ab heute in den Läden, getauft wird am Samstag 18. März im Dachstock der Reitschule.

Oh, Blumentopfmann

Milena Krstic am Donnerstag den 2. Februar 2017

Es gibt ein paar wenige Tage im Jahr, da bleibt unser Blog leer. Dafür gibt es viele Gründe: Übermüdung auf Grund von exzessiver Selbstausbeutung, eigene Missionen und manchmal ist es auch einfach nur ein Kater. Aber nie, wirklich nie ist der Grund, dass hier in Bern einfach nichts läuft.

Von überall kommt es her, das bernische Kulturtreiben, es grünt und blüht und tut und wächst. Aktuell und passend zum grauregnerischen Nass erreicht mich ein neuer Videoclip von Artlu Bubble & the Dead Animal Gang, der Berner Nostalgie-Rock-Combo, die ihren «Flower Pot Man» in bewegte Bildsprache haben übersetzen lassen (von Jonathan Gerber und Roman Kasinski ).

Eine wunderbar schwelgerische Comic-Erfahrung in der Farbe Vintage-Gelb.

Artlu Bubble taufen ihre neue Platte «Holidays On Fruit Jelly Island» am 31. März im Dachstock.

#BernNotBrooklyn

Roland Fischer am Sonntag den 29. Januar 2017

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Gestern im Orbital Garden, Kramgasse. Julian Sartorius spielte eine Stunde lang irgend so Techno. «Failing Trance Meditation» – no fail, muss man sagen.

Heute um 17 Uhr übrigens im Keller der Kramgasse 10: Artists Favorites Special with Raphaël Delan, laut Veranstalter «eine menschliche Enzyklopädie für Musik, Design und Architektur… was letztlich alles irgendwie “Sex” ist».

 

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück.

Endlich zu hause

Roland Fischer am Mittwoch den 25. Januar 2017

Nach Zwischenstationen im ZKM Karlsruhe, am CTM Festival Berlin, im Castelgrande Bellinzona und im BASE Mailand ist die Ausstellung Seismographic Sounds des Norient-Kollektivs nun endlich in Bern angekommen, gewissermassen im Schoss der Kuratoren. Wir hatten von der Premiere in Aarau berichtet, und wer es dahin nicht geschafft hat, der hat nun keine Ausrede mehr – bequemer als im Kornhausforum bekommt man die spannendsten aktuellen Tendenzen aus der ganzen weiten Musikwelt nie mehr serviert. 30’000 Besucherinnen und Besuchern hat die Ausstellungs-Tournee angezogen – in Bern dürfen es gern noch ein paar Ungrade mehr werden. Und dann ist Schluss, weitere Stationen sind nicht geplant. Also letzte Chance, sich diese auch vom Ausstellungskonzept her sehr weltläufige (will heissen unschweizerisch-mutige) Schau anzusehen.

Die Ausstellung läuft noch bis am 11. Februar. Am 4. Februar wird die Multimedia-DVD MATTER OF FACT getauft: Die serbische Soundkünstlerin Svetlana Maras hat das Sound- und Interview-Material von Seismographic Sounds zu einer Cut-Up-Komposition gesampelt, geremixt und weiterverarbeitet.

Brother Grimm mit Bart

Gisela Feuz am Mittwoch den 18. Januar 2017

Die Märchensammlung der Gebrüder Grimm dürfte ja so manche Kinderseele bereichert oder geschwärzt haben – je nach Stand der psychischen Disposition. Frau Feuz in klein war ja stets fasziniert von der Simplizität und Brutalität, mit der da die Welt in Gut und Böse eingeteilt wurde. Eine gemeine Hexe gehört verbrannt und ein räuberischer Wolf aufgeschlitzt und ersäuft, keine Frage. Dass man sich Zehen abschneiden muss, wenn man zu grosse Füsse hat, leuchtet ebenso ein, wie dass man mit Vertragsbruch davonkommt, wenn man selber eine Prinzessin und der Vertragspartner ein Rumpelstilzchen ist. Alles im grünen Bereich also. Grün war allerdings auch die Reader’s Digest Sammlung im Hause Feuz, in welcher sich nicht nur die grimmschen Märchen, sondern auch weitere Geschichten und Sagen aus aller Welt versammelt fanden, unter anderem auch eine aus Frankreich namens «Blaubart». Holy Shit. Beziehungsweise: Sacre Merde.

Blaubart, ein Mann mit hässlichem und blauen Vollbart, musste ein paar Tage auf Reisen und überliess seiner Frau einen Schlüssel mit dem Hinweis, die zugehörige Kammer dürfe unter keinen Umständen geöffnet werden. Die Frau tut, was in dieser Situation jede/r getan hätte: Natürlich öffnet sie die Tür und findet darin Leichen von Frauen, fein säuberlich an die Wand gehängt. Vor Schreck lässt sie den Schlüssel fallen, worauf Blut an diesem kleben bleibt, das nicht wieder weggehen will. So findet Blaubart heraus, dass seine Frau nicht gehorcht hat, will nun natürlich auch sie ins Jenseits befördern und wird erst in letzter Minute von herbeieilenden Edelleuten von seiner Tat abgehalten und selber erstochen.

Da sind die Geschichten der Gebrüder Grimm ja wohl noch heilig, oder?! Entsprechend darf Ihnen, werte KSB-Leserschaft auch mit ruhigem Gewissen ein Konzert ans Herz gelegt werden eines direkten Nachkommens der Gebrüder Grimm. Zuminest dem Namen nach. Brother Grimm aus Berlin beschert Ihnen am Samstag im Sous Le Pont der Reitschule nach eigenen Aussagen zwar auch Albträume  und zwar in «Fuckmoll», umbringen wird er sie mit seinem psychedelischen, reptitiven Bluesrock aber bestimmt nicht. Auch wenn er Bart trägt.

Sie möchten gerne mal wieder an ein richtig gutes Konzert und zwar gratis? Brother Grimm tritt an der Tour de Lorraine zusammen mit Max Raptor und Finger Finger im Sous Le Pont der Reitschule auf. KSB verlost 2×2 Tickets für diesen Anlass (NICHT Tour de Lorraine Tickets, sondern nur für die Konzerte im Sous Le Pont), zur Teilnahme hier eine Mail hinschicken. Teilnahmeschluss ist Freitag 20. Januar 12 Uhr mittags, yo!

«Tony, you rock»

Gisela Feuz am Mittwoch den 11. Januar 2017

Während andere in seinem Alter sich auf die Pensionierung und das süsse Nichtstun freuen, denkt Anthony Thomas mitnichten ans Aufhören. Der Beruf des gebürtigen Amerikaners: Gitarrist und Sänger der Basler Garagerock-Truppe The Lombego Surfers. Seit rund 30 Jahren malträtiert der 63-jährige Tony bei den Lombegos die Gitarre und schreit sich dazu die Seele aus dem Leib. Mattias Willi hat der Legende nun den 40-minütigen Dokumentarfilm «Tony, you rock» gewidmet, in welchem besagter Tony in charmantem Baseldeutsch-Englisch über seine musikalischen Anfänge, die veränderte Attitüde der heutigen Kids und den Punk-Spirit sinniert.

Nebst Anthony Thomas selber kommen auch langjährige Wegbegleiter zu Wort wie etwa Künstler Dirk Bonsma, Schlagzeuger Olivier Joliat und Teilzeit-Lombego Bassist Luc Montini. Sie alle zeichnen das gleiche Bild: Ein authentischer und umgänglicher Mann ist er, dieser Tony, der die Gitarre lieber zu laut als zu leise spielt und die musikalische Schlichtheit der 60er-Jahre beibehalten hat. Zudem hat Matthias Willi die Lombego Surfers auch auf langen Autofahrten quer durch Deutschland begleitet und so gibt sein Film auch Einblick in ein manchmal extrem unglamouröses Tourleben. Während die anderen Band-Mitglieder schon mal heimlich die Nase rümpfen, wenn der Schlafsack unter einem Tisch in einer Gaststätte ausgerollt werden soll, zeigt sich Tony auch hier beneidenswert unkompliziert.

«Tony, you rock» ist das Porträt eines Mannes, der seine Bestimmung gefunden hat und zwar in einem Leben, welches Abseits der gängigen Pfade verläuft. Dank seinem Elan, der Freude an der Sache, Hartnäckigkeit und Bescheidenheit ist dieser Tony im Kopf junge geblieben, ungemein sympathisch und in Punkto Haltung ein Vorbild, von dem sich noch so macher Jungspund ein Stück abschneiden könnte. Hoffentlich bleibt er den düsteren Rock’n’Roll-Kellern noch eine Weile erhalten, dieser Tony, weil er rocken tut er definitiv.

Das Porträt «Tony, you rock» von Matthias Willi wird am Freitag 13. Januar in der Cinématte gezeigt. Anschliessend spielen die Lombego Surfers zusammen mit Here Hare Here eine Live-Show in der Brennerei.

Nicht verzagen, Pepe fragen

Gisela Feuz am Freitag den 6. Januar 2017

Er hoffe auf die Zukunft des Radios, sagte Ruedi Häusermann kürzlich im Interview, weil es dasjenige Medium sei, welches die Vorstellungskraft am meisten schärfe. Vielleicht dreht sich ja deswegen im neuen Stück der Kapelle Eidg. Moos alles ums Radio, beziehungsweise um den fiktiven Sender RadioMoos, wobei die drei Angestellten Ruedi Häusermann, Herwig Ursin und Jan Ratschko vom Jinge über die musikalischen Inhalte, bis hin zum Hörspiel gestern Abend im Schlachthaustheater alles selber vor Ort produziert hätten. Ja, hätten. Konjunktiv. Wegen Krankheit fiel die Vorstellung von Kapelle Eidg. Moos kurzfristig aus.

Einer der drei Radioangestellten sass dann aber trotzdem auf der Bühne, denn: Ausfall? Nicht verzagen, King Pepe fragen. Berns Kreuzung aus Buster Keaton und Rocko Schamoni sprang kurzerhand mit seiner Gitarre ein, um den Sendeausfall von RadioMoos zu überbrücken, und zwar mit Herwig The Engine alias Herwig Ursin an seiner Seite, der Mini-Schlagzeug, Trompete und Keyboard alles gleichzeitig bediente. Die beiden Herren sind bereits seit vier Jahren ab und an gemeinsam unterwegs und entsprechend gut klappte gestern denn auch der Vortrag. Dass trotzdem der eine oder andere Schluss vergeigt wurde oder es zwischenzeitlich auch mal ordentlich windschief klang, gehört zum Programm. Schliesslich ist der Trash-Faktor ein wesentlicher Aspekt von Pepes skurrilen Pop-Miniaturen, die er in einer Mischung aus Naivität und Dandy-Schalk gerne auch mal in einen Telefonhörer säuselt.

Was King Pepe & Herwig The Engine im Schlachthaus zeigen ist zwar nicht Radio. Aber vergnüglich ist es alleweil und wenn dieser Pepe davon singt, wie er gerne als Goldfisch im Dekolleté der Angebeteten schwimmen würde, oder wie er beim afrikanischen Tanz mit dem Stock im Allerwertesten hadert, wird denn auch die Vorstellungskraft ordentlich angekurbelt. Das kann schliesslich nicht nur das Radio.

King Pepe & Herwig the Engine spielen heute und morgen Abend im Schlachthaustheater Songs vom Album «70% Wasser», «Peppejazz» und auch ein paar «Weltneuheiten». Sie möchten gratis zum Konzert? Nichts einfach als das, denn KSB verlost Tickets, teilnehmen können Sie via E-Mail. (Bitte angeben, ob Sie die Vorstellung von heute oder morgen Abend besuchen möchten.)

Nahwest und (nicht ganz so) Nahost

Roland Fischer am Donnerstag den 5. Januar 2017

Videos! Aus dem nahen Westen kommt diese hübsche Elektronummer, von einem Duo mit auch sehr hübsch wortwitzigem Namen: Paradisco (auf die Idee kamen natürlich auch schon andere – Minute 5!). Ein schöner Haufen Adams und Even.

Die Choerographie kommt übrigens von der umtriebigen Annalena Fröhlich, die auch in diesem jüngst veröffentlichten Clip prominent auftaucht – hier geht der Link gegen Osten, in den Libanon.

Katholische Unholde

Gisela Feuz am Donnerstag den 15. Dezember 2016

Was schätzen Sie? Wie viele RIGs misst die Seetemperatur im neuen Video von Unhold? Sie wissen nicht was RIG bedeutet? Das ist denk die Wassertemperatureinheit «Rümpf im Gigu» kurz: RIG. Mit ihr verhält es sich einfach gerade umgekehrt als mit der normalen Celsius-Skala, denn je mehr RIGs desto kälter. Logisch, oder. Also, wie viele? Ach kommen Sie schon, tun Sie nicht so erwachsen. Ist doch viel interessanter, als wenn ich Ihnen jetzt hier eine tiefenpsychologische Analyse liefere, wie es um den Protagonisten des Videoclips zu «Southern Grave» bestellt ist. Der ist im Arsch. Da muss man nicht Freud heissen, um das zu erkennen. Die kühle aber doch fulminante Bildsprache soll ich beschreiben? JA SCHAUEN SIE DOCH EINFACH DAS VIDEO, TAMI!

Eine sinnvollere Jahreszeit, um Baden zu gehen, haben sich die drei Tunichtgute von Trampeltier of Love ausgesucht, auch wenn hier die Schwimmbekleidung doch eher Fragen aufwirft. Immerhin: Der RIG-Dichte dürfte diese abträglich sein. Was glauben Sie, wo gibt’s mehr RIGs: bei Unholds nackigem Bötlifahrer oder bei den drei Katholen in der Aare zusammengezählt?

Unhold spielen heute Abend im Rahmen der Alpine Coalition im Rössli der Reitschule. Was die Liebestrampeltiere treiben, weiss der Papst Teufel, live zu sehen sind sie erst wieder am 4. Februar in der Buchhaltung Stauffacher.

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft (und die Musikszene)

Roland Fischer am Dienstag den 13. Dezember 2016

Es ist ja bald Weihnachten, also warum nicht schon mal ein wenig spendabel sein? Pamela Méndez hat sich viel Zeit gelassen mit ihrem zweiten Album, nun steht es gewissermassen fertig abgemischt in der Garage, aber bis zum Release, bis zur ersten Ausfahrt, fehlen noch ein paar tausend Franken. So wird das etwa tönen:

Und so klingt es schon mal live, im kleinen Rahmen:

Man hört das klassische Singer-Songwriting noch hinaus, aber diese Musik will noch ganz woanders hin. Wenn man ihr dabei helfen will kann man das hier tun.