Archiv für die Kategorie ‘Rock & Pop’

Was uns bleibt o. how cares

Mirko Schwab am Mittwoch den 31. Mai 2017

Sonnenbrand ist Seelenbrand. Stille ist Lärm. Und am Rand noch ein Konzert.

Fuck me up, it’s okay. (Fotojob: Ilona Steiger x Eva Wolf.)

Von der Pigmentpanne neulich im Weyerli hat Ihnen ja die Feuz bereits berichtet. Allein, dem ersten Sonnenbrand im Jahr wohnt doch ein ritueller Charakter inne. Als hiesse man den Sommer mit nackten Armen willkommen und stöhnte: «Fuck me up, it’s okay.» Mütter fürchten den Sonnenbrand. Sie fürchten ihn mehr als den Jugendrichter oder diesen ominösen Typen, mit dem man nie! nie! nie! mitgehen solle, auch wenn er einem Schokolade anbietet. Sie fürchten ihn mehr als den Tod, den krebsenden Tod, mit dem sie vor dem Sonnenbrand warnen. Und so ist also aus der ganzen gutgemeinten Mutterhysterie heraus, die einen den Nachmittag im schattigen Verliess zubringen liess, während alle draussen einen Geilen haben durften mit stolzer roter Birne, so ist also daraus seit frühester Kindheit eines klar: Sonnenbrand und Rebellion, das gehört irgendwie zusammen.

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Swiss Live Talents: 35 Shows in 2 Tagen

Gisela Feuz am Dienstag den 30. Mai 2017

Eine einfach Entscheidung dürfte es nicht gewesen sein für die 25 Expert*innen, aus den 665 (Satan war gerade im Urlaub) eingeschriebenen Schweizer Bands und Musiker*innen jeweils fünf Nominierte für sieben Kategorien rauszufiltern. Der Anlass? Eine Veranstaltung mit dem etwas sperrigen Namen Swiss Live Talents Music Marathon. Nein, SLT wird in Bern nicht zum ersten Mal, sondern bereits zum dritten Mal durchgeführt. Bis anhin gab es einfach jeweils nur eine Awards Night, bei der die Gewinner*innen ihre Preise abholen konnten. Für die dritte Ausgabe wurde Swiss Live Talents nun um den Music Marathon erweitert, das heisst, dass nun alle 35 nominierten Bands auch wirklich live auftreten können und zwar am 17. und 18. November in sechs Berner Clubs: Dachstock, Rössli, Frauenraum, ISC, Turnhalle und Bonsoir. Gestern wurde nun die Katze aus dem Sack gelassen, wer da alles mittun wird. *Trommelwirbel* AND THE NOMINEES ARE:

Da haben sie uns Üsserschwiizer aber mal gezeigt, wo der Musikhammer so hängt, die ollen Walliser.

Pop/Indie/Folk/Songwriter: Brandy Butler (ZH), Odd Beholder (ZH), One Sentence Supervisor (AG), Tatum Rush (TI), Yellow Teeth (VS)
Rock/Metal: Dirty Sound Magnet (FR), John Gailo (ZH), The Last Moan (VS), L’Arbre Bizarre (BS), Sons Of Morpheus (BS)
Electro/Dance: Gina Estrada (GR), The Lugubrious (BE), Two Waves (VS), Wassily (SG), Wugs (GE)
Urban/Hip Hop/Groove/Reggae: Koqa Beatbox (NE), KT Gorique (VS), La Base & True Comers (BE), La Nefera (BS), Penfield (GE)
National Language: Carrousel (JU), Dachs (SG), KT Gorique (VS), Macaô (VS), Pascal Gamboni (GR)
Best Live Act: Fai Baba (ZH), Klaus Johann Grobe (BS), Peter Kernel (TI), The Pussy Warmers (TI), Zeal & Ardor (BS)
Best Emerging Talent: a=f/m (LU), All XS (BE), Long Tall Jefferson (LU), Pandour (FR), Veronica Fusaro (BE)

Zusätzlich zu den 35  Konzerten werden im Rahmen von Swiss Live Talents Music Marathon am 17. und 18. November auch Workshops und Netzwerkanlässe stattfinden. Und ausserdem wird nicht nur der Rösti- sondern auch gleich der Risottograben kurzzeitig zugeschüttet, als Gastkanton wurde nämlich das Tessin eingeladen, seine Musikszene zu präsentieren. Buongiorno Amici!

Velo oder Schildkröte?

Gisela Feuz am Freitag den 26. Mai 2017

Sommerzeit – Randsportartenzeit! So würden es zumindest die Herren drüben bezeichnen. Tatsächlich gibt es sehr viel nichts Schöneres, als im Sommer das Rad zu satteln, bei Gegenwind Beaufort 12 lauem Lüftchen durch schöne Auenlandschaften zu pedalen, sich perverso die Birne zu verbrennen am wolkenlosen Himmel zu erfreuen und beide Lungenflügel mit verdammten Dreckspollen Mutter Naturs Odem zu füllen. Das führt zu Mordgelüsten inspiriert den Geist und gibt Hornhaut am Arsch ist gut für Leib und Seele! Dieser Ansicht sind offenbar auch Tim & Puma Mimi, wie deren Ode an das Velo verrät.

Kreativer in der Wahl des Fortbewegungsmittels zeigt sich der jüngste Spross aus dem Hause Voodoo Rhythm namens Rolando Bruno. Anstelle eines schnöden Fahrrades besteigt Herr Bruno lieber eine Schildkröte, um der Liebsten zu Hilfe zu eilen. Was Greenpeace dazu sagen würde, sei jetzt mal dahingestellt. Jedenfalls macht die wunderbare Super-Mario-Bros-Ästhetik des Videos richtig Nostalgie-Freude, nicht? Rolando Bruno wird übrigens auch als King of Fuzz Cumbia bezeichnet. Sie wissen nicht, was Cumbia ist, werte Leserschaft? Cumbia ist diejenige Sorte von Musik, die einen als mitteleuropäische Frau mit der Beweglichkeit eines Besenstiels in Schockstarre verfallen lässt. Aber hören sie doch selber. Ich geh derweilen meine Uralt-Nintendo-Playstation im Keller suchen.

Das muss mehr Schub!

Gisela Feuz am Freitag den 12. Mai 2017

Sie hatten am Mittwochabend einen schweren Stand, die vier Herren und die Dame von Esmerine bei bee-flat im Progr, denn draussen sass es sich an diesem warmen Frühlingsabend gut unter den lauschigen Bäumen. Und doch fand sich dann auch eine handliche Anzahl Eingefleischter in der Turnhalle ein, um dem dramatischen und schwermüten Kammer-Doom des Quintetts aus Montreal zu lauschen. Um es gleich vorneweg zu nehmen: Mit dem bandeigenen Mischer wird Frau Feuz nicht Freundin. Zumindest nicht in diesem Leben.

Bei Esmerine sind Mitglieder von Godspeed You! Black Emperor und Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra am Werk, also von Bands, die der innovativen Post-Rock-Szene im kanadischen Montreal entsprungen sind. Will heissen: Rebecca Foon (Cello), Bruce Cawdron (Marimba), Jamie Thompson (Perkussion), Jérémi Roy (Bass) und Multiinstrumentalist Brian Sanderson verstehen ihr Handwerk. Wie das Quintett bittersüss-melancholische Streicherklänge über einen repetitiven und hypnotischen Marimba-Teppich legt, Melodiethemen aufbaut, variert, zu epischer Grösse aufbläst oder zerfledder lässt, ist schlichtweg fantastisch und ergreifend.

Jesus? Nein. Wenn auch musikalisch fast: Multiinstrumentalist Brian Sanderson mit Esmerine.

Was Esmerines Drone-Kammermusik ausmacht, sind einerseits die leisen, nackten Töne und die sphärischen, manchmal bedrohlichen Drone-Klänge, die sich auch bestens als Filmmusik eignen würden. Das Quintett spielt aber auch sehr bewusst mit Dynamik, leise werden mit wuchtigen und zarte mit mächtigen Klängen gepaart, kontrastiert oder gebrochen. In diesen Parts will man Bauch, Bombast, an die Wand gefahren werden! Und genau das vermochte der Mischer in der ersten Konzert-Hälfte überhaupt nicht zu bewerkstelligen. Sobald der Schlagzeuger ordentlich aufs Drum haute, hörte man nur noch Schlagzeug, alles andere soff ab oder rauschte undefiniert im Hintergrund. An die Dezibel-Polizei: Nein, es geht nicht in erster Linie um Lautstärke, sondern um Schub und um ein stimmiges Verhältnis.

Wenn Streicher involviert seien, werde die Mischerei halt sofort ungemein schwieriger, dozierte ein befreundeter Tontechniker während der Pause. Erschwerend komme noch dazu, dass die Band erst zwei Stunden vor Auftritt im Progr eingetroffen sei und ein anständiger Soundcheck nicht mehr drin gelegen habe, ergänzte der Veranstalter. Wenn Frau Feuz mit ihrer trümmligen Punk-Band irgendwo zum Musizeren aufgeboten wird, ist man meistens vier wenn nicht sogar sechs Stunden vorher vor Ort. Das müsste man doch eigentlich auch von einer Band erwarten können, deren Musik auf qualitativ einwandfreien Klang angewiesen ist, nicht? Sie merkens, oder? Aus mir spricht der Frust, denn die Vorfreude auf dieses Konzert war gross gewesen. Zur Verteidigung des Mischers muss allerdings auch gesagt werden, dass die zweite Hälfte dann viel besser, ja eigentlich schon ganz ordentlich klang. Freunde werden wir trotzdem nicht.

#BernNotBrooklyn

Gisela Feuz am Sonntag den 7. Mai 2017

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Zum Beispiel wenn an einem Montagabend im ISC gleich drei stramme Kerle den Merch-Stand bedienen, welcher auf das Fünffache seiner normalen Grösse erweitert wurde, derweilen oben auf der Bühne Deathrite und Deserted Fear die Frage aufkommen lassen, warum Shampoo-Firmen nicht ausschliesslich mit Death Metallern Werbungen machen. Und wenn einem die beiden Herren Mantar mit ihren apokalyptischen doomigen Gewaltsriffs dann auch noch eine veritable Organ- und Weichteilmassage verpassen, dann ist die Welt im beschaulichen Bern extrem in Ordnung. Selbst an einem Montagabend.
 

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es pünktlich zum Katerfrühstück.

Hostettlers Erbe

Mirko Schwab am Donnerstag den 4. Mai 2017

Avec le temps tout s’en va. Und auch die alten Berner Folksongs gehen mit der Zeit – ein Streifzug durch Urs Hostettlers Diskographie auf $$$potify und so.

Es passt irgendwie nicht recht zusammen. Die auf Benutzerfreundlichkeit polierte, spätmoderne Rahmung des schwedischen Streamingdiensts und darin all die alten Platten, Lieder und Tänze, Geschichten von Bauernaufständen, Aufgehenkten und im Wald zverlieren gegangenen. Und dazwischen: die von der Spotify-Frau unerschöpflich gutgelaunt gestellte Frage, ob man sich nicht Premium «holen» wolle für den werbefreien Hörgenuss. Auch das zeitgenössische Verständnis von Autorenschaft – in unheiliger Allianz mit dem Bedürfnis nach effizienter Sortierung – steht dem anarchistischen Zeitgeist der Siebziger- und Achtzigerjahre etwas schief gegenüber: Auf den alten Platten tummeln sich berndeutsche Übersetzungen, historische Fundstücke nebst Hostettlers eigenen Texten. Und natürlich allerhand MitmusikerInnen. Dennoch prangt über der gesammelten Musik in fetten Lettern Hostettlers Name allein. Kanye-style. Dem Liedersucher und Liedermacher ist es dann selbst etwas sauer aufgestossen, dass es im spätmodernen Musikverleih nicht weit her ist mit der sauberen Verdankung. So hat er alle Beteiligten gewissenhaft nachgetragen in seinem persönlichen digitalen Daheim.

Sie kennen Hostettler nicht? Wahrscheinlich liegt irgendwo auf dem Küchentisch ein Spiel von ihm. Tichu vielleicht, das wohl beliebteste, für dessen Nichtbeherrschung einer auch gerne mal aus der lustigen Studentenrunde ausgeschlossen wird – und bleibt, weil das Ding ja nicht zu erlernen sei. Oder Anno Domini, das lange vor der kanonischen Toilettenlektüre «Unnützes Wissen» die schönsten historischen Nebensächlichkeiten versammelt hat. Tausend Dinge hat der promovierte Mathematiker schon angezettelt und ausgeheckt, historisch-literarische Bücher und mysteriöse Stationentheater. Zunächst aber war er ein Musiker und Dichter in den goldenen Schweizer Folkjahren nach 1970. Zusammen mit seinen kongenialen brothers in crime: Der für die technisch versierten und glasklar vorgetragenen Pickings zuständige Tinu Diem einerseits und der beherzt aufspielende Luc Mentha an der Geige andererseits. Mit ihnen hat Hostettler damals einige der bis heute anmutigsten berndeutschen Lieder ersonnen. Und nicht wenige auch ausgegraben, alte Verse und Melodien aus einer vergangenen Zeit, die so gar nichts mit dem Hudigäggeler zu tun haben, der am Bügellift aus dem Billethäuschen dudelt.

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Bizarre Musikgenres Teil 25: Gospel Black Metal

Gisela Feuz am Mittwoch den 26. April 2017

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Gospel Black Metal.

Zurückgerufen hat er dann doch nicht. Aber irgendwie kann man es ihm auch nicht verübeln, diesem Manuel Gangneux, denn der 28-jährige Basler geht mit seinem Unterfangen Zeal & Ardor gerade durch die Decke. Und zwar mit Lichtgeschwindigkeit. Noch bevor der Sohn eines Wallisers und einer Amerikanerin auch nur ein Konzert gespielt, geschweige denn eine Platte herausgegeben hatte, wurde er von der internationalen Presse gefeiert, als wäre er der Retter der Musik. Ist er ja irgendwie auch, weil er nämlich demonstriert hat, dass noch nicht alle musikalischen Pfade ausgetrampelt sind. Gagneux kombiniert bei Zeal & Ardor zwei Genres, welche weiter nicht auseinanderliegen können: Black Metal und Gospel. Wie das klingt? Fantastisch.

Mit Metal habe er sich bereits in seiner Jugend beschäftigt, sagt Gagneux in einem Interview bei Radio Deutschland Kultur und auf die choralen Gesänge der Sklavenbewegung sei er in den öffentlich zugänglichen Archiven des Alan Lomax gestossen. Beides verwurstelt hat Gagneux alleine im stillen Kämmerchen, herausgekommen ist eine rund 25-minütige Platte mit dem klingenden Namen «The Devil is Fine». Vorletztes Wochenende präsentierte Gagneux seine Songs dann zum allerersten Mal live, und zwar in der Kaserene Basel beim Czar of Crickets Festival vor ausverkaufter Hütte.

Während auf der Platte die hymnischen Gospel-Klänge und die Death-Metal-Blast-Beats manchmal klanglich auseinanderklafft, werden die Songs von Zeal & Ardor live dank solider Band und v.a. auch dank zwei stimmgewaltigen Backgroundsängern zum stimmigen, organischen Ganzen. Mit Black Metal hat Zeal & Ardor allerdings höchstens ansatzweise zu tun, dafür ist «The Devil is Fine» mit seinen machmal schon fast poppigen Ansätzen dann doch zu eingängig (nicht dass das schlecht wäre), sonst wäre der Titeltrack wohl kaum kürzlich bei «Germany’s Next Top Model» zu hören gewesen. Herr Gagneux scheint ja selber durchaus über eine poppige Ader zu verfügen, was auch die Tatsache zeigt, dass er bei der Czar of Crickets Aftershow-Party, wo er sich als DJ betätigte, Heuler wie Missy Elliot aus der Plattenkiste klaubte.

Man mag ihm den Hype und die Auftritte bei renommierten Festivals wie Roadburn oder Reading von Herzen gönnen, diesem Manuel Gagneux, und zwar weil da einer eine Platte geschmiedet hat, die richtig Freude bereitet und weil hier endlich mal wieder ein Schweizer das Zeugs dazu hat, international durchzustarten. Gute Reise, Herr Gagneux, may the devil be with you. Lassen sie sich einfach nicht verheizen, gellen Sie.

Frau Patagônia, ins Büro!

Gisela Feuz am Montag den 24. April 2017

Alle, die wir hier bei KulturStattBern mittun, stehen ja selber mit einem Bein im Kulturgrab mitten im kulturellen Geschehen. Allerdings gehen wir mit unseren Outputs, beziehungweise deren Streuung ganz unterschiedlich um. Rockboy Schwab und Chefin Feuz zum Beispiel lassen ja keine Chance aus, KSB schamlos als Distributionskanal für eigenen Unfug zu missbrauchen und lügen dabei gerne auch mal das Blaue vom Himmel herunter. Konfuzius Rihs würde wohl auch lügen wollen, scheitert dann aber an der konzeptuellen Dekonstruktion seiner selbst (auf der Metaebene, versteht sich) und schreibt drum über Schnaps im Denner. Dandy Fischer säuft nach Design- und Kunstvernissagen die stehengelassenen Gläser leer und gleist den Umsturz aller bestehenden Systeme auf, weiss dann aber am nächsten Tag leider nichst mehr davon, weswegen wir hier auch nie darüber lesen.

Die einzig Vernünftige in diesem Saufhaufen ist unsere Frau K. (eigentlich Krstic, aber das schreib ich nie mehr aus, weil Frau K. mir mit Enthauptung gedroht hat, falls ich ihren Namen noch einmal falsch zu Papier bringe.)  Besagte Frau K. ist die Bescheidenheit in Person, trinkt ausschliesslich Gurkenwasser und erwähnt denn auch nur ganz beiläufig im Kleingedruckten irgendeiner E-Mail, dass sie gerade ihr erstes Video herausgegeben habe. Frau K. ins Büro der Chefin, los hopp! Wir üben jetzt mal blöffen. Und Schnaps saufen.

Messer und im Rücken

Urs Rihs am Samstag den 8. April 2017

Es schien kaum angesagt und darum kamen nur die Angesagtesten. Zu Messer, in der Dampfzentrale, am Donnerstag.

Eigentlich schade, denn Messer hätte locker gereicht, um den ganzen Berner Musikpulk zu exorzieren – von rückwärtsgerichteten Rockideen, von verkalkten Posen auf der Bühne und von bildungsbürgerlichen Freiheitsphantasien im Text.

Ich selbst war spät dran, zuvor hatte ein Pflichtspiel gegen die Anstalten Witzwil auf dem Programm gestanden. Fussball im Knast, der legendäre Integratinonsklub RACING Bern, gegen die gesellschaftlich Ausgeschlossenen. Familiäre Stimmung auf dem Rasen hinter Betonmauern, aber das nur am Rand.

Bei der Rückfahrt spürte ich Messer schon im Rücken, mein L5 Wirbel schien Millimeter vor dem Durchbruch – auf den Os sacrum, die Bandscheibe wohl wenig mehr noch, als ein spröder Dichtungsring. Schmerzen, elf, auf der Skala null bis zehn. Beste Voraussetzungen also, für die fünf Münsteraner Abreisser von Messer.
Die wirkten ihrerseits alles andere als brüchig oder ungelenk. Quasi akrobatisch ihre Verrenkungen während dem Schrammeln, vor allem von Frontmensch Hendrik Otremba, der Typ könnte locker bei rhythmischer Gymnastik antanzen, schaut schwer gut aus vom Bühnenrand.

Und obwohl die Truppe auf den ersten Blick etwas geckenhaft wirkt, wird schnell klar, da ist nichts aufgesetzt. Das Geschrei ist echt, das ist rohster körperlicher Ausdruck von Melancholie, Wut und eben – ich fühle mit – von Schmerzen.

Da hallen sie plötzlich wieder, diese Erinnerungen. Im Habdunkel der spartanisch ausgeleuchteten Dampfzentrale – das Licht macht auf «weniger ist mehr» Ernst, schön schick – leuchten Namen vor dem inneren Auge. Sisters of Mercy, Cure, Wire. Die Platten oben links im Gestell, dort muss wohl auch die aktuelle von Messer hin, Jalousie.

Robustester vertonter Neo-Existenzialismus – für den Schwab hier – bei Messer greifen musikalisch subtil feinfühlige, in brutal direkte Schaltkreise über. Leichten Synth-Passagen folgen Verstärkereruptionen, schmalbrüstig zerbrechlichen Gitarrensoli Perkussionskaskaden, gedroschen auf zwei Drums, parallel geschaltet quasi, scheissgut.

Auch textlich dynamisch übrigens, Opakes geht stufenlos über zu Glasklarem. Von verschleiert Romantischem zu politisch Anklagendem, ohne auch nur annähernd mit dem Echoeffekt zu liebäugeln, auch wenns in der Dampfzentrale mal wieder zu kräftig hallte.
Diese Band hat keine Antworten, braucht keine Trivial-Metaphern, will keine Chören von Gleichgetakteten.
Wo sich bei Wanda mediokerste Bierseeligkeit breit macht und sich Vice und Noisey lesendes Pack in den ordinärst-tätowierten Armen liegt, da bevorzugt Messer immer den Zweifel – oder den Gedankenstrich.

Messer bleibt stecken, wos weh tut, in meinem Rücken, und sicherlich im Kopf der leider nur knapp 30 Leuten vom Konzert am Donnerstag. Auf bald – lässt sich da nur hoffen.

Es tat so schrecklich schön weh, MESSER in meinem Rücken und der Dampfentrale Bern, letzten Donnerstag.

 

Stöck, WOODS, Stich

Urs Rihs am Samstag den 1. April 2017

Fünf Trümpfe, drei Sichere obenabe und ein Bock. Matchblatt, zweifelsohne. Jetzt also das Pokerface, gelassen bleiben, keine überschwängliche Euphorie signalisieren. Unaufgeregt und abgeklärt – so spielt man das. Wie die WOODS am Donnerstag ihr Konzert im BadBonn.

Und wärs ein Jass gewesen, gschnuret war bei den WOODS sicherlich gar nichts. Die New Yorker kult Folker präsentierten sich melancholisch einsilbig. Silence is Golden – Zwischen den Stücken kaum Konversation, höchstens mal ein «nice to be here» und «we’re gona bring out a new record» – im Mai übrigens – sonst nur knisterndes Brummen aus den Amps, verlegene Räusperer oder das Stimmen einer Saite.

Als wollten sie sich entschuldigen. Für den Weltenlauf vielleicht, für das politische Desaster in Übersee. Sie, die doch soviel der alten Versprechen, Träume und Hoffnungen der Idee «US of A» in und auf sich tragen. Die Trauer schwingt mit bei ihrer Interpretation von Americana, und etwas Trotz. Etwas «jetzt erst recht» Haltung. Der verwaschene Weisskopfseeadler auf dem ausgebeulten Cord-Blazer, die Roots-Rock Riffs auf dem Griffbrett. Lethargische Gesichtszüge, gepaart mit einem Funkeln in den Augen, trotzdem eben, ein Silberstreifen am Horizont.
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