Archiv für die Kategorie ‘Rock & Pop’

Der Horror der Musikindustrie, Teil 2

Grazia Pergoletti am Montag den 23. April 2007

David ThomasVor 22 Jahren spielten Pere Ubu im Zaff, liess ich mir gestern erzählen. Damals verlangte David Thomas, Sänger, Dichter und Vatter Ubu persönlich, dass sämtliche Graffities mit Leintüchern abgehängt werden sollten. Vatter Thomas duldet während seinen Auftritten keine fremden Äusserungen. Er und sein Zeug: Fertig!

Dass dieses «Zeug» noch immer absolut abendfüllend ist und keiner weiteren Reize bedarf, haben Pere Ubu gestern Abend in der Dampfzentrale bewiesen. Eine virtuose, kraftvolle und sensible Band, die offensichtlich kein Problem damit hat, den Exzentriker in ihrer Mitte vorbehaltlos zu unterstützen. Und mittendrin David Thomas: Beeindruckend, bitter, komisch, erschreckend und zart.

Als «Nische im Alternativ-Rock-Business» habe er für sich die Musik für Endvierziger-Postpunks in der Midlifecrisis entdeckt. Juhuu! Erfolg! Reichtum! Immer wieder erzählt Thomas von seinen gemütlichen Plauderstündchen mit Sting, der ihm rät, endlich ein paar Songs von sozialer Relevanz aufzunehmen:«You know, I made a lot of money with these kind of songs.» David Thomas aber hält sich selbst für sozial und relevant genug: «So, fuck social relevance!»

Ein bisschen schwierig fand ich, diesem unheimlichen und genialen Riesenbaby dabei zuzusehen, wie er sich ein Bier nach dem anderen reinkippt, dazwischen einen Schluck aus dem Flachmann nimmt und sich jede Zigarette an der vorherigen anzündet. Diese öffentliche Selbstzerstörung und die offensichtliche Bewunderung dafür, löste in mir ein gewisses Unbehagen aus.

Nichtsdestotrotz: Ein wunderbarer Abend vor einem vorwiegend männlichen Publikum, das sehr gerne mitlitt. Das Konzert war ganz gut, wenn auch nicht überwältigend gut besucht. Hoffentlich war auch das Hornzackphynanzross der Dampfzentrale zufrieden. Solche Abende darf es nämlich noch öfters geben.

Der Horror der Musikindustrie

Manuel Gnos am Montag den 23. April 2007

Bonnie Prince Billy mit Dawn McCarthy im Bad Bonn in Düdingen. (Bild Manuel Gnos)

Will Oldham hat sich mit Bonnie Prince Billy einen Namen gegeben, der sperrig ist und den man sich kaum merken kann (und der noch dazu nur einer von vielen ist); er macht Musik, die sich nicht fürs Hallenstadion oder fürs Gurtenfestival eignet; und er trägt meistens einen Bart, der jeden Fernfahrer vor Neid erblassen lässt. Kurz, Bonnie Prince Billy ist ein Kauz – und damit eine Horrorvorstellung für die Musikindustrie.

Zum Glück für alle, die ihn wegen seiner Musik lieben! Wie all jene, die gestern Abend von Bern her dem Sonnenuntergang entgegen gefahren sind, um Bonnie Prince Billy im Bad Bonn in Düdingen zu sehen.

Wer Oldhams von Folk und Country getragene Musik beschreibt, kommt um Worte wie Wehmut, Melancholie, Betrübtheit und Schmerz nicht herum. Trotzdem, seine Musik spendet Trost und lindert die Verzweiflung gegenüber der Welt. Oder wie er selbst es einmal in einem Interview gesagt hat: «Most of the music I make makes me feel happy. But even unhappiness makes me feel happy.»

Gestern hat Bonnie Prince Billy einen Teil des Konzerts zusammen mit Dawn McCarthy von Faun Fables bestritten. Die Musik der beiden ist wie die Umarmung eines alten Freundes, den man nach Jahren wieder trifft. Und, was mich immer wieder zum Staunen bringt, Herr Oldhams Gitarre wird zwischendurch so richtig laut – und löst damit die angestaute Spannung auf.

Was will man mehr?

Grazia Pergoletti am Montag den 16. April 2007

The Rewinders, Foto: Michael Fritschi

Die Rock’n’Roll-Gemeinde-Mitglieder um die Veranstalter von crazyeventik fragen sich wohl schon langsam, was eine wie ich eigentlich immer an ihren Partys macht. Und ich sage: Mich amüsieren! Dazu kommt, dass man an diesen Feten nicht wirklich das Gefühl hat, in Bern zu sein. Man könnte sich auch in Hamburg wähnen. Oder in Lupfig, weiss nicht genau.

Die CD-Release-Party von The Rewinders am Samstag im Sous-Soul war jedenfalls wieder ein grosser Spass! Das Konzert war prima mitreissend: Leadgitarrist Panama Pat sorgte u.a. mit etwas Hawaii-Sound für bezaubernde Pulp-Fiction-Akzente, Pistolero Pepe trommelte was das Zeug hielt und sah dabei cool aus, Rythmusgitarrist Ron Tiki (The Never Evers) machte seinem guten Ruf alle Ehre, und Sänger und Bassist Pat Madison war auch supi. Irgendwie eine echt süsse Combo.

Während des zweiten Sets dachte ich mir ab und an, dass die Band womöglich noch besser ist, wenn der eine oder andere Protagonist nicht ganz soviel getrunken hat. Zum Schluss habe ich dann mit meinem Lieblingsaargauer zu DJ Dr. Freezer eine kesse Sohle aufs Parkett gelegt. Was will man mehr?

Die Offenbarung in der Turnhalle

Manuel Gnos am Montag den 9. April 2007

Es gibt Konzerte, zu denen sollte man kaum etwas sagen, denn jedes Wort zu viel wäre ein Hohn für das, was wirklich geschah. Eines dieser Konzerte ist der Auftritt der Young Gods von gestern Abend in der Turnhalle des Progr.

Die «Jungen Götter ausgesteckt» waren grossartig! Sie kommen damit in die Top Ten der besten Konzerte, die ich gesehen hab. (Und dies, nachdem ich von den letzten beiden Konzerten doch eher enttäuscht gewesen war, da sich dieses Industrial-Ding etwas totgelaufen hatte.)

Eine grosse Freude war übrigens auch die Vorband: Die immer etwas verwirrt wirkende Emilie Welti (alias Sophie Hunger und Sängerin der Zürcher Band Fisher) betörte nachhaltig mit einem halbstündigen Akustikset.

The Young Gods in der Turnhalle des Progr. (Bild Beat Schertenleib)
Franz Treichler, Sänger der Young Gods. (Der Dank für dieses Bild geht an Beat Schertenleib.)

Die Rückkehr der 80er-Jahre

Manuel Gnos am Freitag den 6. April 2007

Der Beginn der Neunziger war wie das lange ersehnte Ende eines französisch-existentialistischen Experimentalfilms: eine Erlösung. Die Teenagerjahre neigten sich dem Ende entgegen, Helmut Kohl war gerade dabei, seine Körperfülle dem Umfang des wiedervereinigten Deutschlands anzunähern und der Grunge hatte schon einen grossen Teil der modischen und musikalischen Verkrustungen der 80er-Jahre weggesprengt.

Must Have Been Tokyo: Auch die 80er-Jahre waren nicht nur übel. (Bild zvg)

Dass gerade diese dunkle Dekade jemals zurückkehren würde, hätte ich nicht gedacht. Doch im Jahre 2007 sind die Zeichen überall: Der Hosenbund wandert wieder in Richtung Bauchnabel, die Welt führt neue Kalte Kriege und junge Bands haben angefangen, sich bei der Musik aus den 80er-Jahren zu bedienen.

Dass ich Letzteres begrüssen würde, hätte ich bis vor kurzem nicht geglaubt. Doch Bands wie das Zürcher Trio Camp oder das Lorraine-Quintett Must Have Been Tokyo zeigen, dass das durchaus funktioniert – und sogar Spass macht. Das glauben Sie nicht? Überzeugen Sie sich selbst: Entweder heute Abend im Café Kairo mit Must Have Been Tokyo oder am 21. April mit Camp in der Dampfzentrale.

Das Gefühl, verstanden zu haben

Manuel Gnos am Freitag den 30. März 2007

Heidi Happy in der Berner Café-Bar Parterre. (Bild: Manuel Gnos)Es gibt Musik, die einfacher ist als jedes Kinderlied: keine verschnörkelten Melodien, keine vertrackten Rhythmen, kein Ton zu viel. Und es ist diese Musik, die einem manchmal für einen kurzen Moment das Gefühl gibt, verstanden zu haben. Es ist diese Musik, die einen vergessen lässt, dass die Welt sich weiterdreht. Und es ist diese Musik, die einem zuflüstert, dass es nichts Schnöneres gibt als mit ihr im Ohr traurig zu sein.

Solcherart ist die Musik von Priska Zemp. Sie war gestern Abend als Heidi Happy zu Gast in der Café-Bar Parterre in der Längasse und verzauberte all jene, die es irgendwie noch schafften, ein wenig Platz zu finden auf der Fläche von zwei Parkfeldern.

Es war ein wirklich zauberhafter Abend. Danke Parterre, danke Heidi!

P.S. Heidi Happy spielt am 1. April im Thuner Mokka, am 6. Mai im Berner Wartsaal, am 9. Juni an der Bad Bonn Kilbi in Düdingen und am 21. Juli am Gartenfestival im Café Kairo.

«Ich liebe Schwitzerland»

Grazia Pergoletti am Donnerstag den 22. März 2007

Zurzeit findet im ISC die Konzertreihe Svenska Nätter/Schwedische Nächte statt. Gestern mit Franky Lee, einer Punkband aus Örebro. Der Name stammt aus einem Bob Dylan Song, The Ballad of Franky Lee and Judas Priest, und da letzterer schon vergeben war… Mit Judas Priest hat diese Band allerdings nichts zu tun, soviel kann ich sagen, auch wenn ich die nur vom Weghören kenne.

Franky Lee im Berner ISC. (Bild Manuel Gnos)

Aktuelle Punkbands spielen ja meist wahnsinnig gekonnt, während es in den Anfängen zum guten Ton gehörte, nichts zu können. So auch Franky Lee. Supersatter Sound und knackige (wenn auch nicht allzu aufregende) Songs. Hübsche Chörchen, selbst wenn mans gesanglich nicht allzu genau nahm. Und ein Sänger, der mit einer Mischung aus innerem Überdruck und äusserer Nonchallance (ob das typisch schwedisch ist?) einigen Charme versprühte.

Die Ansage «Ich liebe Schwitzerland» glaubte man den vier schweissüberströmten Herren aus dem Saunaland ausnahmsweise aufs Wort. Ein durchaus sympathischer Abend, vor allem in der richtigen Begleitung. Und auch, dass man mit einem Ticket der «Schwedischen Nächte» im ISC unsere «schwedische» Produktion am Stadttheater (Ein Traumspiel) für 15 Franken besuchen kann, scheint mir ein freundlicher Einfall.

Experimente ausm Handschuhfach

Grazia Pergoletti am Samstag den 17. März 2007

Silky Toss So kündigte Silky Toss gestern Abend im Kairo einige Stücke der Watzloves an. Oder aber Sie unterhielt uns mit Stücktiteln, wie z.B. “You are the reason why our kids are so ugly”. Im Mittelteil dieses fiesen Songs schlug Sie ihrem (Duett)-Partner DM Bob vor, doch zwei Wochen lang kein Bier mehr zu trinken und das gesparte Geld in plastische Chirurgie für die hässlichen Kleinen zu investieren.

Die Dame, die singt und Akkordeon spielt, stand in einer recht abenteuerlichen Création in Denim auf der Bühne, eine Art Jeans-Mini mit Schleppe. Doch egal, was die Frau anhat, wenn ich die sexiest Women in the World zu bestimmen hätte, Lady Toss wäre vorne mit dabei.

Ausser wunderwitzige Musikanten sind alle drei Watzloves auch bildende Künstler. Und der dritte im Bunde, Jakobus von der Hamburger Band Die Sterne, ist nun sogar mitsamt seinem ganzen Atelier an die Documenta nach Kassel eingeladen. Hat mir jemand erzählt.

Im Publikum lauter schwarzhaarige Frauen, man hätte meinen können, die Schwestern berühmter Blondinen seien geschlossen im Ausgang (Ende Achtziger gabs mal eine A-Capella-Gruppe, die so hiess). Die Musik machte Riesenspass und war ganz zum Schluss auch schön melancholisch (Don’t leave me lonely), was, ich weiss nicht warum, irgendwie auch zum gestrigen Abend passte.

Punk, Free-Jazz und Apokalypse

Manuel Gnos am Sonntag den 11. März 2007

Die Meinungen nach dem gestrigen Konzert von Marc Ribot’s Ceramic Dog im Dachstock der Reitschule gingen meilenweit auseinander: Da gab es die vollumfänglich Begeisterten, die total Genervten, die masslos Enttäuschten und jene, die in diesem Spektrum irgendwo dazwischen lagen.

«Marc Ribot ist ein eigenwilliger Pendler zwischen Punk und Son, Free-Jazz und Funk.» So stand es geschrieben im «Bund» vom Donnerstag und enttäuscht waren in erster Linie KonzertbesucherInnen, deren Herzen vergebens nach Funk und Son lechzten.

Das hat einen guten Grund: Mister Ribot (bitte sprechen Sie den Namen mit einem Schluss-T aus; der Herr ist Amerikaner) pflegt zwar durchaus alle diese Stile, doch vermeidet er es geschickt, seinen ZuhörerInnen einen ungeniessbaren Brei daraus darzubieten. Vielmehr hat er verschiedene Bands, in denen er eine je eigene Variation aus diesen Zutaten kultiviert.

Gestern Abend bestand das Menü aus Punk und Free-Jazz, fetten Gitarrenriffs, einem atemlosen Schlagzeuger, dosiert eingesetzten Soloversatzstücken und ein wenig Apokalypse. Wer in der richtigen Stimmung war, sich darauf einzulassen, erlebte ein grossartiges Konzert. Ich darf mich fast restlos zu diesen Glücklichen zählen und war derart begeistert, dass ich vergass, das Konzert zu fotografieren, so dass ich Ihnen hier ein im Internet gestohlenes Bild präsentieren muss:

Marc Ribot.

Verfrühtes Geburtstagsgeschenk

Frau Götti am Freitag den 9. März 2007

Und dann plötzlich ist es da. Direkt nach Hause geliefert, wie ein Geburtstagsgeschenk im Briefkasten. (Nur dass ich gar nicht Geburtstag habe und für das Packet bezahlen muss.)

Vergessen ist, dass cede.ch verspätet ist mit der Auslieferung. Vergessen ist der dunkle Winter ohne Schnee. Vergessen sind alle Fehltritte und Missgriffe. Das neue Album der kanadischen Zauberer Arcade Fire, “Neon Bible” entschädigt einen für alles.

Das muss ich jetzt einfach noch loswerden, auch wenn das Album schon mehr als eine Woche draussen ist.

Win Butler, Régine Chassagne Was die Brüder Butler, Régine Chassagne und ihre Truppe da hinlegen, ist grosse indierockige und -poppige Klasse.

Vielleicht nicht ganz so grosse Klasse wie das unglaubliche Debütalbum “Funeral“, aber trotzdem.

Immer noch sind die Banjoklänge magisch, die Gesangslinien irr, die Geigen jammernd, die Brassen traurig. Neu hinzugekommen ist eine schwermütige Orgel, denn das Album wurde in einer Kapelle in der Nähe von Montreal aufgenommen, von The Arcade Fire eigens zu diesem Zweck gekauft.

In der Schweiz treten die Arkadischen nicht auf, dafür habe ich hier ein trümliges Filmli gefunden, speziell für Sie.