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Postkarten aus Leukerbad

Urs Rihs am Freitag den 26. Januar 2018

Ich sitz da in diesem dampfenden Dorf fest, eingekesselt von meterhohen Schneewänden und hunderte Meter hohen Felstürmen.

Bedrohlichschön hier und bizarr aus der Zeit gefallen alles.
Gewürfelte Architektur – neoklassizistischer Kitsch aus spiegelglattpoliertem Marmor, neben brutalistisch anmutenden Betonruinen, neben schwarzgebrannten Holzhäuschen aus der Urzeit, neben Konfektionsferienchalets in XXL.

Was halt in den Alpen so rumsteht, historische Dorfkerne erweitert um die Wucherungen des Siebzigerjahre Baubooms.
Plus, speziell Leukerbad, die üblen Nachwirkungen eines in den Neunzigern völlig wild gewordenen Dorfkönigs, der die Gemeindekasse auf dem Gipfel seiner Hybris durch einen Schuldenberg von 350 Millionen – verursacht vor allem durch irrsinnige Luxusbauten – implodieren liess. Story been told. Aber auch eine ästhetische Hypothek.

Brutalismus(?) im Skigebiet – gefällt vom Sessel aus.

Konfektionschalet XXL mit Felsturm im Hintergrund.

Herumlaufen hier ist wie das Wandeln in einer riesigen Kulisse. Leukerbad Kolorit. Der Reiz des Pompösen neben dem des Kaputten und Leeren – Viel Verheissung und viel Projektionsfläche, flankiert von einer Angst aber, die gesamte Szenerie könnte bei der nächsten Staublawine einstürzen und dem Erdboden gleichgemacht werden.

Neben dem Spazieren gönn ich mir darum Bäder in den Thermen, solange alles noch steht und lese dazu «Stranger in The Village» von James Baldwin. Der Meister hat diesen Essay – Pflichtlektüre und Grundstein zum kritischen Weisssein – 1953 hier geschrieben und dem Dorf somit den kulturhistorischen Höhepunkt der letzten hundert Jahre verschafft. Nebst dem Erhalt der Bäder natürlich, den haben die BadnerInnen trotz Vollpleite 1A hingekriegt.

Mehr von mir, wenn zurück in der grossen Siedlung, bis dahin Tschaui, der Urs

Das dampfende Dorf.

Die Prunkbauten der späten 90er – das Stigma Leukerbads bis heute.