Archiv für die Kategorie ‘Nachtleben & Freizeit’

Where the hell …

Urs Rihs am Samstag den 2. Juni 2018

Is BAD BONN – die Kilbi 2018 läuft. Der KSB ist auf Platz und lässt ab und an mal blicken was so spielt und dröhnt.

Körper ist scheisse.
Der Rücken dieser Sauhund.
Aber der Geist agil – sind wir nicht mal weggekommen von diesen Dualismen?

Weg kommt man hier, aber nicht weg – dritter Tag Kilbi.
Den Bodenkontakt einige Male verloren gestern, weggetreten.

CATERINA BARBIERI verführte mit feingliedrigen Phasings auf modularen Synths und bewies damit, dass modular nicht bloss Marketing und Modelleisenbahn für Erwachsene sein kann.
Maximales Kunsthandwerk an den Schaltkreisen. Selten während einer Setlänge so bittersüss zerrüttet gefühlt.

Weiter gespürt:
VAGABON – erfrischend jung, aber etwas altbacken kratzig.
HARVEY RUSHMORE & THE OCTOPUS – die neuen Tracks ein My weniger verschliffen, nicht minder griffig.
REVEREND BEAT-MAN & THE NEW WAVE – Familienfest, am Katzentisch ist’s am schönsten.
JAMES HOLDEN & THE ANIMAL SPIRITS – Naturgeister mal digital.
KHRUANBIN – Sampling funktioniert auch live, aber die Erwartung war trotzdem etwas zu hoch.
SAVAGE GROUNDS – Filmriss.

Heute erwacht am See, schöne Sonne, schönes kaltes Wasser.

KILBI spirit.

Where the hell ..

Urs Rihs am Freitag den 1. Juni 2018

Is BAD BONN – die Kilbi 2018 läuft. Der KSB ist auf Platz und lässt ab und an mal blicken was so spielt und dröhnt.

Erste Nacht durchgerauscht. Gestartet mit ESTER POLY im Haus. Serious action die beiden Frauen. Grunge und vorgespielte Orgasmen, einigen Männern wurd’s merklich unwohl. Sehr intim für so laut.

GOLDEN DAWN ARKESTRA im Zelt dann. Etwas zu sehr Fifa-Soundtrack, das Riesenaufgebot auf der Bühne vermag nicht aus sehr metrischen Diskotakten auszubrechen. Schade, hübsch anzusehen ist’s allemal.

WARMDUSCHER überstolpert, erste Auszeit am Schiffenensee. Nach dem Wolkenbruch.

EXPLODED VIEW, man war gespannt, nach den Auflösungserscheinungen letztes Jahr. Frisch aufpolierter Banshees-Sound, Goth-Revival. Das muss mit etwas Attitüde, aber grad so derbe?
Frontfrau Anika Henderson, puppengleich, lässt nichts heran und so kommt auch wenig zurück.

NICK HAKIM buttert dafür richtig dick auf, zielt mit seinem Soul auf Herzen und rührte damit wohl auch schwärzeste Nihilistenseelen. Solche sind zum Glück nicht in Sichtweite, nicht an der Kilbi.

TSHEGE ballert dann wieder wach, nach der Schmusenummer mit Nick kommt das gut an. Faty Sy Savanet handfüttert uns mit Afropunk – wie Ziegen mit Salz. Die Menge dürstet nach Ekstase. Stark programmiert, perfekter Zeitpunkt.

Danach der Indie-Hexenmeister JON MAUS – er dreht durch, wir drehen mit. Und zu NIHILOXICA weiter … Der Schlusspunkt für Donnerstag. Gottverdammt, das muss Sünde sein. Wird schwer diese Live-Hypnose zu toppen. Drums, Drums, Drums, Drums, Drums und Synth. Archaisch, roh und heftig. Fertig.

Nick Hakim’s Tastenmann. Hübsche Buben alles.

 

 

Where the hell

Urs Rihs am Donnerstag den 31. Mai 2018

Is BAD BONN – die Kilbi 2018 geht los. Der KSB ist auf Platz und lässt ab und an mal blicken was so spielt und dröhnt.

Die Wiesen sind gemäht und Ane vom Mutterschiff hat mit dem Deux – Tätschmeister der Programmierung – vorab gequatscht. Die Stimmung auf dem Camping ist gut – ein Autosalon gut abgehangenem Blech – und die Sache ist also gerichtet.

Um vier schallen die ersten Wellen, das LAUTSPRECHER ORCHESTER FREIBURG verspricht Klänge aus allen Ecken des Geländes. Und der erste Live-Höhepunkt ist schon dabei Klimperkästen aufzustellen: GOLDEN DAWN ARKESTRA – obwohl es wohl nichts wird mit güldner Dämmerung, denn die Wolken hängen tief. Umso höher die Erwartungen.

Der Fuhrpark an der Kilbi, ein haufen ehrlich stinkender Karossen.

News following up tomorrow …

Drifting through the night

Roland Fischer am Donnerstag den 24. Mai 2018

Irgendwo in der Lorraine gestern so gegen Mitternacht: Eine Schar von Nachtwanderern mit grün leuchtenden Ohren zieht in seltsamer Formation durchs Quartier.

Gesprochen wird nichts, doch scheinen alle die Regeln zu kennen. Alle haben Kopfhörer auf, vielleicht empfangen sie ja geheime Kommandos einer fremden Macht? Wird da eine Konspiration vorbereitet, werden Hirnwindungen umgespult? Oder was soll das Theater? Genau so etwas soll es, heutzutage. Driften durch die Nacht. Die Stadt mit anderen Augen sehen.

Summer in the (nein, nicht schrumpfenden) City

Roland Fischer am Samstag den 19. Mai 2018

Die Kunsthalle: eine Institution. Die Bar von Lang/Baumann zum 100jährigen Bestehen, als locker hingeworfenes Sommer-Special gedacht: auch bereits eine, nach dem Eröffnungsabend. Eine 18 Meter tief in den Aarehang getriebene.

Womöglich hat diese Stadt ein bisschen ein Problem mit kultureller Spontaneität. Aber man will nicht klagen, man will da in Ruhe noch so einige Drinks geniessen, ohne den grossen Auflauf gestern.

Fand der Chef (im Bildhintergrund) übrigens auch. Er liess am Mikro verlauten, dass dieser tolle Ort wohl nicht gleich wieder verschwinden werde, nach Ablauf der Bewilligung (wir haben es also gehört). Also, Mirko, falsch: Nimmt man den Zollstock, dann ist Bern grad ein Stück grösser geworden. 50 Quadratmeter, grob geschätzt. Ein gekachelter neuer Stadtplatz mit integrierter Bar und Baumhaus-Charme. Nein, man will nicht klagen.

Bern schrumpft

Mirko Schwab am Mittwoch den 16. Mai 2018

Bümpliz – Casablanca. Kleine Hommage an eine Küche.
Mit Bildern von Jessica Jurassica.

Die Fahrt nach Bümpliz Süd dauert zwei S-Bahn-Stationen. Am Bahnhofskiosk, in dem eine Migros-Tochter eingemietet ist, kann man Tabak kaufen und einzwei Dosen. Weil Migros-Töchter dürfen eben Tabak und Ztrinken. Und deshalb sind die Avecs und Migrolinos auch gern an diesen Vorstadtbahnhöfen, wo sich zu fast jeder Tageszeit ein Grüpplein hustender Vorstadtcowboys zum Tabaktrinken und Schäumleinmähen einfindet und zum Rock hören über Bluetooth. Zwischen Bahntrasse und Wald pfeift die Freiburgstrasse in die Agglomeration hinaus, also hat es Garagen. Säuberliche Autogaragen wie zum Beispiel die Th. Willy AG (A. meint auf Google: «Es war sehr befremdlich, ich fühlte mich nicht willkommen in dieser Garage. Der Berater den ich hatte war nett.» A. vergibt drei Sterne.) Exotischere auch. Balas Autoservice etwa würde einen ganzen Text verdienen, so arbeitsintensiv und wahrscheinlich sinnlos das Herumrangieren verbeulter Schrottkarrossen, so freundlich sein Grüssen und so grüsig seine Art, den Frauen nachzuspienzeln, wohl bis heute geblieben sind. Ein paar Häuser weiter haben wir gewohnt, Hausnummer 354, 3018 und fünf vor Niederwangen sozusagen – weit weg war die Sandsteinstadt, viel weiter weg, als es die Postleitzahl verraten hätte.

Der Käfigturm schlägt eine weitere vergangene Stunde an, immer fünf vor oder schon zu spät, aber nie pünktlich lässt er seinen Glockenschlag durch die Gassen fahren. Die Tür klingelt und ich öffne die Tür. Jemand kommt vorbei und trinkt Kaffee oder bringt etwas zu Essen oder Tabak oder Dosen. Bringt Euphorie oder zumindest Sauflaune, bringt Trauer oder zumindest Melancholie, bringt Geschichten oder zumindest Geschwätz, bringt Freunde oder Fremde oder Fragen, bringt Drogen oder fragt nach welchen, bringt Luft von draussen, zum Lüften, zum Ablassen, bringt etwas jedenfalls herein in die vernebelte Küche und im besten Fall sich selbst. Ich sitze dann meistens an meinem Rechner und rauche Kette.

Früher bin ich rausgegangen, um «in die Stadt zu gehen». In Bern meint man damit sehr spezifisch die Altstadt und schon in der Lorraine fragt man sich abends vielleicht, ob man noch «in die Stadt» gehen soll. In den Köpfen nämlich ist Bern noch so gross wie vor vierhundert Jahren. Auch als wir später «in der Stadt» eingezogen sind, als unsere Strasse zu einer Gasse wurde und aus dem blauen Strassenschild ein gelbes, auch da bin ich zuerst noch rausgegangen. Doch der Umkreis wurde kleiner, die Aareschlaufe zog sich zu. Nur mit guten Gründen schaffte ich es in die Länggasse oder nach dem Breitsch oder westwärts weg. Und jetzt lebe ich in dieser Küche. Meine Matratze ist zwar woanders, sie hat knapp Platz in der Waschkombüse, doch – ausser um zu schlafen, ausser um zu ficken in den besseren und zu onnanieren in den schelchteren Zeiten oder eben zum Wöschen hin und wieder – bin ich da doch selten.

Jetzt lebe ich in unserer Küche. Das wäre traurig, sicher, aber es ist unsere Küche. Wenn man alleine ist, kann man darin gut schreiben. Öffnet man die Fenster, kommt die Allgemeinheit herein, das öffentliche Allerlei, die Strassenmusik. Öffnet man die Tür, kommen Menschen, die sich selten anmelden, weil immer jemand hier ist. Legen die Hand aufs Herz, zünden den Tisch an oder ziehen sich aus. Das ist auch ein Liebesbrief an sie. Sie machen unsere kleine Küche gross und kochen ihr eigenes Bern darin ein.

Bildersturm mit Bilderbuch

Urs Rihs am Freitag den 11. Mai 2018

Zum bersten voll war der Stock, eine Siebenhundertfünfzigerschaft geblendet von sehr viel Kunstlicht und eigentlich leeren Liedern. Warum das funktioniert?

Weil es die G-punktgenaue Befriedigung einer pervers-geilen Fantasie ist, auch der Gegenkultur. Der Fetischisierung des Mainstreams – ein bisschen Spass für alle, Bilderbuch stehen exempelhaft dafür.
Die wennschon, dennschon Band – L’art pour l’art? In weitester Ferne! – und was dabei rauskommt, ist feschester popkultureller Nihilismus.

So schwierig einfach ist das, man verquirle Insignien des Erfolgs – Autos, Mode, schöne Körper (check the vids) – mit übersteigerter Eigenliebe, lasse alle Hemmungen fallen, texte dazu schmissige Zeilen und höre was dabei als Echo widerhallt.

Bei Bilderbuch: «Maschin», «Baba» und «Plansch»! Ein musikalischer Schaltkreis ganz nahe dem Kurzschluss.
Und diese Übersteuerung schmerzt zwar unseren mantrischen Echtheitspuritanismus, dabei werden wir aber irgendwie auch rallig auf Schrott, scharf auf Schund wie Nachbars Lumpi.

Weil diese süssen Strophen so verboten kitschig sind, dass sie unsere auf  T-Shirts gedruckten Vorstellungen von Subversion mittels sinnentleerten Floskeln und spiegelglatten Indie-Disco Harmonien nach spätester einer Songlänge unterwandert haben. Und der Hauptstrom zerfliesst natürlich gewinnbringend mit.
Eine auf links gedrehte Drainage der Kulturindustrie vielleicht?
Zerstört sich ein Bild in seiner Potenz?

Das langweilt musikalisch trotz diesen Fragen bald. Mich Manche wiederum nach schon einer Songlänge. Ist aber starkes Indiz dafür, dass bei dieser Band wahrscheinlich tatsächlich mehr als bloss blass-biederer Neo-Wiener-Schmäh – wie etwa bei Wanda – und etwas karikierte Falco-Retro-Seligkeit mitschwingt.
Das bringt die Menge zum Mitsingen, einfach, zugegeben –  und aber gleichzeitig kritischere Geister zum Schmunzeln – nicht ganz so einfach.

Meister Duden zum Bildersturm: «mit der Zerstörung religiöser Bilder und Bildwerke in großer Zahl einhergehende, die Bilderverehrung bekämpfende Bewegung, Aktion» und dieses Bild ist eventuell urheberrechtlich geschützt.

Was soll die Schütz?

Roland Fischer am Donnerstag den 5. April 2018

Good News, es gibt wieder ein Neustadtlab auf der Schütz! Da formiert sich gerade ein Verein, der bestenfalls dann auch die kommende, gewissermassen offizielle Zwischennutzung für drei Jahre bestreiten möchte. Zunächst gibt es aber noch einmal eine (von der Stadt finanziell auch wieder unterstützte) Zwischenlösungs-Zwischenlösung.

Sammlung Hans-Ulrich Suter 1319, Bern: Länggasse; Schützenmatt — Rummelplatz; Freizeit, ca. 1925

Den Auftakt zur autofreien Schützenmatte macht das No Borders-No Nations-Festival der Reitschule am 27. und 28. Juli 2018. Dann wird aufgebaut und eine Woche später kann wieder experimentiert werden im Berner Städtebau-Labor. Aber was versucht man da genau eigentlich herauszufinden? Gute Gelegenheit für einen guten Text. Der Stadtplaner Chris­toph Haerle spannt in einem Gespräch mit Philipp Sarasin einen grossen Bogen, von den Foren der Römer bis zu den Public Spaces von heute.

Es erfolgt sogar eine Drei­tei­lung, indem im Hoch­mit­tel­alter, von Italien bis Deutsch­land, die drei Mächte der Politik, der Wirt­schaft und des Kultes ihre je eigenen öffent­li­chen Räume schaffen – den Markt­platz, den Domplatz und den poli­ti­schen Platz, wie etwa in Siena die Piazza del Campo oder in Rom den Campi­do­glio. Das ist der Platz, der eine Loggia hat, von der aus verkündet wird, was die Politik zu sagen hat; der Platz vor der Kirche hingegen ist der Ort der Prozes­sionen, und auf dem Markt­platz steht der Brunnen, an dem nach dem Mercato gewa­schen werden konnte. Mit anderen Worten, das, was bei den Römern, zumin­dest in der Zeit der Repu­blik, noch auf einem Platz zusam­men­ge­halten wurde, hat sich im Mittel­alter auf drei Plätze verteilt.

Das passt nun irgendwie gar nicht mehr heute. Dann kamen die Bürger und reclaimten die Strassen.

Im ausge­henden 19. Jahr­hun­dert aller­dings wurde mit dem bour­geois der Besitz­bürger zele­briert, der sich als Mit-Besitzer des öffent­li­chen Raumes verstand. Hier spielte aller­dings eine listige Dialektik: Indem der bour­geois gegen die voll­stän­dige Verein­nah­mung des öffent­li­chen Raumes durch die Macht auf der Teil­habe, auf der Teil­nahme am öffent­li­chen Raum bestand, war er immer auch citoyen, Staats­bürger, poli­ti­scher Bürger.

Und dann kam, hoppla, die Postmoderne.

[…] die Verbin­dung zur Frage nach dem post­mo­dernen Raum ist sicher darin zu sehen, dass diese neuen Räume nicht mehr auf den Zweck hin konzi­piert wurden, sie für die klas­si­schen poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen oder reli­giösen Funk­tionen auszu­statten.

Von da an kreist das Gespräch eigentlich um eine Leerstelle: Wenn für einen heutigen öffentlichen Raum keine dieser Funktionen mehr gilt, welche tritt dann an deren Stelle? Aber vielleicht ist das ja nicht Problem, sondern Lösung. Denn dann sagt Hearle noch etwas, das man ganz gut als Schütz-Motto brauchen könnte, oder?

Ich bin der festen Über­zeu­gung, dass öffent­liche Räume nur dann gute öffent­liche Räume sind, wenn sie funk­tional unter­be­stimmt sind.

Dieser Schrieb wird Ihnen präsentiert von der Tamedia AG

Mirko Schwab am Samstag den 24. Februar 2018

Die Widersprüche aushalten. Es ist so ein Satz, den mein lieber Bongoboi Urs gerne einschiebt, wenn sich die Fronten zu verhärten drohen, der Diskurs Fratze zeigt statt Fruchtbarkeit. Es geht um das Dazwischen und die Demokratie. (Und um «Duscholux»!)

Die Widersprüche aushalten. Nichts beschreibt die Sandsteinstadt, in der wir leben, wohl besser als dieses Leitmotiv.

Bild: Jessica Jurassica

Und eines ist sicher: Das Wort «Diskurs» in der Kopfzeile hat noch nie jemanden zum Weiterlesen eingeladen und also Gratulation von Herzen, wenn Sie jetzt noch bei mir sind. Aber zwischen all den lustvollen und aus Überzeugung treuen Kulturgängen und Rezensionen, nebst dem Blick fürs Spezifische, nebst Rosinen, Ausschnitten, Momenten und all den Nahaufnahmen aus der Mitte unseresgleichen, im Abseits vielleicht (ihr Wichser!) – da könnte kurz Platz sein für die Frage nach den sandsteinernen Rahmenbedingungen und einer kollektiven Identität im Widerspruch.

Mach mal halblang (that’s what she said!). Was meinst Du zu erkennen?

Ich lebe zwischen Bundeshaus und Polizeirevier über den Stromleitungen der Strassenbahn, über Strassenmusik und Guggenmusik, über den Stromwegen des Tourismus, der Gschaffigkeit und des Rumlungerns. Eidgenossen und Marcellos Casa und das Bellevue-Fumoir sind sich nah. Projektionen am Parlament erklären mir die Schweiz in Bild und Ton, dann hat das Bürgertum eine Schlöf hingemacht, dann ist Markt. Dann ist Umzug dagegen oder dafür, Alertalerta. Amt und Bank, Armut auf Bänkli, Schachspielen und mit Drogen dealen. Irgendwo dazwischen sind wir alle.

Vorgestern las ich Rysers brillanten WOZ-Report über Kokain. Auf Kokain. Gestern gab ich mir Battlerap, freute mich an Punchlines like «Ich hab mit deiner behaarten Mutter Analsex auf Speed», diskutierte über Feminismus und war gut zu einer Frau. Heute gehe ich ins Stadion und schreie in der Kurve aus Linken und Rechten, Idioten und Gescheiten, Stadtchauvinisten und Landeiern, lasse mich von Werbung penetrieren bei jedem Eckball, jeder Einwechslung, jeder Gelben Karte, obwohl ich wirklich keine «Lust» habe auf ein neues Bad, fick dich «Duscholux» oder befriedige dich selber mit der Brause, ich gehe ins Stadion und träume von einem Meistertitel, der eigentlich wertlos, eigentlich sinnlos und doch aufs Ehrlichste mit meinem Glück – und dem vieler vermeintlich sehr anderer – versponnen ist.

Google fragt irgendwas, ich stimme zu.
Avocado kommt von irgendwo, ich lange zu.
Du sagst irgendwas, ich höre zu.

Im Dazwischen sind wir alle. Und das ist unser Glück. In unserer kleinen Sandsteinstadt verdichtet und verdoppelt sich der Widerspruch, denn wir sitzen alle am selben Tisch und im selben Tram. Sind selbst schon wandelnde Widersprüche. Auch wenn wir uns auf dem Dachboden verschanzen, Transparente aus den Fenstern hängen, Blasen aufblasen, Mauern hochziehen, gescheite Dinge behaupten und dumme Dinge schönreden (s/o to myself!) – es ist zu eng hier im Sandsteingemäuer, als dass wir uns nicht grüssen würden oder auf die Schuhe stehen und uns miteinander zu konfrontieren haben.

Es ist zu eng unter der Hirnrinde, als dass wir uns nicht selber ständig widersprechen würden. Das ist unser verdammtes Glück.

KHRUANGBIN …

Urs Rihs am Dienstag den 20. Februar 2018

… oder warum Zurückhaltung und Verheissung Artverwandte sind

Raum vor der Bühne im Bonn hatte keine_r mehr, der Hype hatte seinen Dienst erwiesen, trotz Montag war proppenvoll und von überallher war nach Sound-Mekka Düdingen gepilgert worden.
KHRUANBIN, die Unaussprechlichen, das üppig-psychedelisch-versatzstückte Trio aus ursprünglich Texas – aber der Rest zur Band steht gut schon hier.

In Hipster-enigmatisch vielleicht aber noch so: Worldsound-Synkretismus, da klingt natürlich alles mit, was in den letzten Jahren diesbezüglich Welle machte.
Tamikrest, Paradise Bangkok, Spurenelemente von Habibi Funk Records und was weiss ich sonst noch alles an funky-oriental-Psychedelia, zugespickt von einer prallen Ladung Oldschool Rhythm and Blues aus den godfuckin’ U. S. of A. alles – Shuggie Otis hier, Johnny «Guitar» Watson da, dass es eine Freude ist.

Den speziellen Kick vollbringt KHRUANBIN aber mittels ihrer fast schon überbeherrschten Herangehe, dieser synthetisch anmutenden Leidenschaftslosigkeit. Die Stücke alle ataraktisch und seidenfein gespielt.
Der Bass federt hypnotisch per derb heruntergezupften Saiten dumpf aus dem Fendie, die Cymbals aus dem Handgelenk getaktet wolkig leicht darüber und die Gitarre setzt nur sporadisch exotische Akzente. Neu tönt an sich nichts, aber die Art und Weise. Verlangen steigert das – ungemein – nach weniger Grobschlächtigem, nach mehr Zartem, nach leichten Berührungen statt festen Griffen. Ein irgendwie tantrisches Konzept.

Und somit wird dieser Sound gerade wegen seiner exzellenten Zurückhaltung zu eben nichts Geringerem als einer Verheissung – Verheissung auf Besserung und darum funktioniert diese Band so gut, sie befriedigt eine offenbare Sehnsucht, aber Achtung!
Die Sehnsucht baut ihrerseits auf dem Plan des Vorurteils und des Ressentiments und das wiederum steht auf gefährlichstem Grund – dem der verkappten Wut.

Die Scheibe von KHRUANGBIN – Musik mit exotisch-psychedelischen Versatzstücken spielt immer auch verstärkt mit Sehnsüchten und die stehehen immer auch auf brüchigem Boden.