Archiv für die Kategorie ‘Nachtleben & Freizeit’

Alles Pisse

Urs Rihs am Mittwoch den 7. Februar 2018

Gestern, ein Höhepunkt der Dringlichkeit im I nternational S styler C lub – Pisse aus Hoyerswerda war da. Wer da?
Pisse!

Müde von diskurskritikdreschenden MisepeterInnen komm ich aus dem Sitzungszimmer, knall mir den ersten Korn Appenzeller hinter die Binde und verscheisspiss mich zu Scheisse Pisse ins ISC –

Ein konzeptuell konzeptzerreissendes Postneuewelle-Viergespann aus grossem Nachbars Osten, welches seit seiner Gründung im Zwölf alles bezüglich Indiemusikschmutztbusinesstechnischem so hart konsequent an die Wand fährt, dass es jeder allesdurchdringenderverwertungslogikkritischen Persona eine scheiss pisse Freude sein muss. Und trotzdem oder gerade desswegen sind sie hype.

«Alle machen einen schönen Spagat zwischen Karriere hier und Abfuck dort. Die Generation ˓Soliparty˒ hat sich hier im wahrscheinlich sichersten Land der Erde in die Depression gefeiert und draußen ersaufen die Menschen im Mittelmeer. Syrien, der ganze nahe Osten, Ukraine, Afrika…alles im Arsch. In ganz Europa marschieren neue Rechte… Griechenland und so weiter und so fort…alles im Arsch…. und wir kaufen uns Second-Hand-Schuhe für 100€ und spülen unsere vegane Pizza mit handgemachter Fairtrade-Rhabarberpisse in den Hals.»

(Das Zitat ein Auszug aus einem der selten aus erster/m Hand Mund geführten Interviews des Quartetts)

110 Dezibel in live – ich fass mir beim Konzert nicht an die Ohren und stopf mir auch nichts in ihre Vorgänge, aus Respekt vor der Kraft durch Freude, obwohl es gesundheitsprophylaktisch wohl zu empfehlen gewesen wäre. Aber «Empfehlenswert» ist ohnehin linksliberale Spiesserkackepisse.

Und darum nur eins noch, wenn du in Zukunft das Glück hast diesen Namen in deiner Nähe spielen pissen zu hören, geh hin und stell dich!

Veränderung passiert nicht aufgrund aufgeblasener Phrasen oder nur Attitüde, sondern aufgrund von Überzeugung und der konsequenten Auseinandersetzung mit Widersprüchen.
Darum wird’s von Pisse zur Wahrung der Hoffnung auch nie breitbrüstige Parolen ab der Bühnenfront geben, sondern höchstens Zitate derselben in Form gelbgrünroter Wimpel im Bühnenhintergrund.

Bella Ciao und natürlich alles Pisse!

Wie sieht man denn aus, wenn man performende Menschen per digitalem Klotz während der Show festzuhalten sucht? Respektlos! Darum hier anstelle, das wunderbare Konzertposter.

 

ABYSSINIA SOCIAL CLUB

Urs Rihs am Samstag den 6. Januar 2018

Ein Musikformat sucht seinesgleichen. Aber verheizt eure identitär-reaktionären Gelüste von Orten, wo Gleiches nur auf Gleiches trifft. Storniert eure Vorstellungen von urban, cool und unnahbar. Diese Zeiten sind vorbei, ab jetzt heissts: Join The Club – for the sake of music and community

Gestern war zum ersten Mal – im Weissenbühl – ABYSSINIA SOCIAL CLUB. Und schon legendär, Addis Abeba trifft auf holzgetäfelten Quartierbeiztresen, treffen auf Kingston/Disco-Grooves.
An den Spielern zwei Grössen der städtischen Selecterszene, but names don’t mean nothing, alle da für den Vibe, Eitelkeiten und Geltungsdrang für Mal in die dunkle Ecke gestellt.

The Club is for lovers – echte Platten, echte Menschen. Eine Runde Feldschlösschen nächste Runde äthiopisches Amberbier – 45 Runden pro Minute unter der Nadel – for the sake of music and community.

Und wer meint hier wähne sich mal wieder ein super exklusiver Zirkel im Schoss des Urproletarischen und ignoriere dabei die wirkliche Bruchlinie zwischen Dünkel und Bodenständigkeit, der oder die kreuze beim nächsten Mal doch einfach selber auf. Beim nächsten Mal, wenn es in der sonst leerstehenden Bar vom Restaurant Abyssinia beim Weissenbühlkreisel heisst: ABYSSINIA SOCIAL CLUB – for the sake of music and community.

the SOCIAL CLUB is on…

Der Montagsblues in Bamako

Urs Rihs am Donnerstag den 14. Dezember 2017

Gar verspätet sicher
Und trotzdem eben wichtig
Ein kleines Echo wenigstens
Auf grossen Groove im Bonn

Am Montag

Kühlschrank leer
Kopf leer
Seele –
Zum Trost nur Toast
Zigarette immerhin
Schwarzer Kaffee
Schwarze Scheiben auf dem Spieler immerhin
Gegen Abend die zündende Idee
Alter Schwede voller Freunde
Autobahn
Bad Bonn Bamako

Am Montag

Bühne voll
Erwartungsvoll
Seelen –
Zum Trost
«SONGHOY BLUES»
Voller Freude

Delta
Sahara
Ghetto

Mississippi
Agadez
und eben Bamako

«SONGHOY BLUES»

C’est du Mali

On a dancé
On a bougé
On a chanté

Allors Merci

Une fois de plus la musique nous a sauvé

Même qu’on était vide
Même qu’on avait le cafard
Même que c’était –

Lundi

Zugegeben, da war auch noch die Bühne leer. Doch eine Band zu fotografieren bringt Unglück – alte R’N’R Weisheit – und das war am Montag definitiv nicht zu riskieren.

Der letzte erste Schnee

Mirko Schwab am Freitag den 1. Dezember 2017

Wir befinden uns im Jahre 2017 n.Chr. Ganz Ostbern ist vom Bürgertum besetzt … Ganz Ostbern? Nein! Ein von unbeugsamen Ostbernern geführter Kulturschuppen hört nicht auf, der Verödung Widerstand zu leisten.

Béatrice Graf und Martina Berther bei der Arbeit. (Photo: Jessica Jurassica)

Der Geruch vom ersten Schnee ist eine seltene Freude. Streife die dickste Jacke über, die ich finden kann. Hätte noch eine dickere im Schrank, aber die sieht scheisse aus. Im Winter bekommt man die eigene Eitelkeit am schmerzvollsten ab. Anker schmerzt auch, klebt in der Hand, doch Deal, der Saft träufelt mir wohlig wohlig inwendig den Hals entlang aufs Herz. An der Brunnadernstrasse spuckt das Tram mich aus aufs seifige Trottoir. Hier könnte die Sandsteinstadt auch Grossstadt sein. Vis-à-vis des vom Netz genommenen Tramdepots aus Zeiten, wo selbst Zweckbauten noch Seele inne war – (Notiz an Miraculix Fischer: Bitte lassen Sie diese meine etwas ordinäre Nostalgie mal kulturgeschichtlich abtropfen bei Gelegenheit. Würd mich freuen. Gruss.) – vis-à-vis dieser jedenfalls schön von der Zeit gestreiften alten Anlage halten drei Tramlinien und zwei Omnibusnummern, dass man schon meinen könnte, man sei am Brennpunkt, Adresse Platz2b, an der Rosette der Urbanität. Halten dazu noch in städtebaulicher Schnodrigkeit mitts auf der Strasse. Ein Hauch Ostberlin vermischt sich mit dem Geruch vom ersten Schnee und der Geruchlosigkeit Ostberns, als ich die letzten Treppenstufen bewältige, hinab in meinen Lieblingskeller.

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Garagen – Kunst – Handwerk

Urs Rihs am Freitag den 29. September 2017

KulturStattBern passiert überall, auf Bühnen, Kellern, unter offenem Himmel und wer weiss wo sonst noch alles. Vielfach intendiert, mit Ansage und das ist gut so. Vieles passiert aber auch versteckt, unter Tage quasi, ausserhalb des Fokus der Szene und Berichterstattung. Relevant trotzdem – ein Schaustück hier angebracht.

Mal wieder flaniert, durch die herbstlichtdurchfluteten Quartiergässchen, am Morgen, welch Freude. Da stand dieses Tor offen, wiederholt aufgefallen in den letzten Wochen durch entweichende Staubwolken, Schleifgeräusche und diesen süsslichen Düften nach erstklassigen Lacken, Farben und Spachtelmassen.

Bis anhin nie den Schneid gehabt zu fragen, was da geht, was da anscheinend so viel an Ausdauer bedarf. Immerzu nur spekuliert über den Gegenstand, welchem so viel Handarbeit zuteilwird – muss was schön Baufälliges sein, ein ungeschliffenes Edelsteinchen wahrscheinlich.

Heute hat die Neugier die Phantasie zu verdrängen vermocht und also wurde die Schwelle zur Sache übertreten.
«Alles klar hier?» – Mann mit Staubmaske: «Nein, dieses Ding kostet mich den Verstand.»
Dieses Ding: Rundungen, geschwungene, wohlgebogene Linien, zulaufend meist. Crèmefarbener Körper, edelholzig beschlagen, rötlicher Mahagoni auf Deck, Silberleisten als Spitzlichter an den Kanten.

Ein klassisches «Runabout», ein kleines Sportboot. Ursprünglich im Amerika der Roaring Twenties den Werften visionärer Designer und Ingenieure entsprungene, in ihren kühnsten Fertigungen mit Flugzeugmotoren bestückte Rennschiffchen.
In den 60ern wurden diese «Streuner» dann durch Carlo Riva – dem italienischen Fellini des Bootsbaus – zum Inbegriff der Dolce Vita, des federfüssigen Savoir Vivres an den Goldküsten des Mittelmeeres. Spritzgefahren von Gallionsfiguren der Popkultur. Sophia Loren, Brigitte Bardot, Alain Delon und so fort.

Des Bastlers Habitat, die Garage.

Diese Perlen der Riviera – sinnbildliche Projektionsflächen des Begehrens – an der Oberfläche zu halten bedarf einer dicken Brieftasche oder aber, versessener Schwärmer. Menschen mit der Muse zum Erhalten, störrisch gegen den Strom der wütenden Bilderstürme. Denkmalpfleger eigentlich, Unvernünftige. Wie dem Mann mit der Staubmaske, bis zu 16 Stunden täglich in seiner Garage.

Es mag ihn vielleicht den Verstand kosten, quittiert aber von dieser inneren Wärme, dem Lohn des Selbsterschaffenen.
Und, ganz nebenher, als Begleiterscheinung, wird er eben auch ein Splitterchen städtische Kultur vollbracht haben. Ein Stück Garagen-Kunst-Handwerk im Quartier.

Beim Verlassen der wohlriechenden Staubwolke noch viel Glück gewünscht und ab zum Kaffee, dabei an diese Szene gedacht – das Schiff auf dem Dach, bei Ghost Dog.

Post aus Wiedikon

Mirko Schwab am Freitag den 15. September 2017

Eine von vielen Entdeckungen am Seebahngraben: Ararpad. Verdammt hotter Beatboy aus Z.

Liebes,

Der Italo ums Eck ist authentisch grimmig und verkauft glutenfreie Pizze. Ich schreibe dir aus Wiedikon Zürich 3. Von dort aus also, wo das eingesessene Zürich aufs glutenfreie Zürich trifft, die ganze Nacht Verkehr ist und eine offene Tankstelle. Ich blicke aus meinem Aquarium hinaus auf den Seebahngraben, am unteren Ende des einzigen Reiterbahnhofs der Schweiz – und hacke dir paar Zeilen.

Ich würd dir gerne in Bern begegnen, die letzten vom blechernen Tod befreiten Nächte auf der Schütz besaufen bis das Zeug hält, bei den Eidgenossen oder im Casa Marcello verhocken bis man herausgeputzt wird, unter den Lauben stehenbleiben für ne Gruess und sich wünschen: Bis bald. Heimweh ist berndeutsch.

Aber hier gibts viel zu tun, viel schönes. Auf Einladung kommen die Freunde vorbei, Fernweh-Berliner und Heimweh-Berner und Zürcher von der Szene, stellen ihre Geräte auf, Drumcomputer, Schlagzeuge, Macbooks und Zithern, legen los. Wir dürfen ihnen dreissig Minuten durch die Kamera dabei zuschauen. Ehre genug und dreiundzwanzigmal ein Grund zur Demut. Und der Laden erst: «Bundeshaus Zu Wiedikon» geheissen, fühlt sich an wie ein amerikanischer Diner aus den Fünfzigerjahren und wird von drei herzensguten Bundesrätinnen geschmissen. Dass das Zeug hält – und ich bei mir denke: Gastfreundschaft ist universal.

Eine Woche darf das noch so sein. Geldwechseln, Pizzaholen, Bütec rauf, Bütec runter, fünf Franken easy, zehn Franken soli, Rauchpausen, Blausaufen und am morgen neben einer kiloschweren, wunderschönen To-Do-Liste aufwachen, an die man sich zwar nicht ranschmiegen kann, die einem doch das Herz entzündet.

Eigentlich wollte ich vor allem merci sagen.

XOXO
und bis bald,
mrk

BlauBlau Records Public Address: Bundeshauskonstant konzertant, jeden Abend auch ins F***book gestreamt.
Schaust du mal vorbei, Liebes?

Dampfere einst und jetzt aber!

Roland Fischer am Donnerstag den 14. September 2017

Es hatte eigentlich alles seine Ordnung:

Mitte der 1980er-Jahre war das Veranstaltungsangebot der Bundesstadt bescheiden: Die freie Tanz- und Theaterszene suchte nach Auftrittsorten. Die Reitschule war verbarrikadiert, die Hüttensiedlung Zaffaraya niedergewalzt. Der Verein Dampfzentrale entstand 1986. Sein Ziel war die kulturelle Nutzung der Dampfzentrale Bern. So reichte er beim Gemeinderat der Stadt Bern ein Gesuch ein.

So hatte das mal ausgesehen da unten – zunächst ländliche Idylle (aus dem Archiv der Burgerbibliothek: Ansicht der Dampfzentrale von Süden – Kamerastandort: ehemaliger Spitz des Marzilibades), dann Rumpelkammer (merci Dampfere! Fotograf: Hansueli Tachsel).

FP.E.186, Bern: Marzilistrasse 47; Marzili, 1904 – ca. 1940, Artist:anonym

Und weil sich in diesen bewegten Zeiten auf dem Dienstweg nicht so viel bewegte, wurde

im Mai 1987 die Dampfzentrale Bern für eine Nacht besetzt und der Züri West-Song «Hansdampf» entstand: «D Wäut schteit uf em Chopf u dräit sech überem Parkett, 1000 Bärner dräie mit u i schtah irgendwo ir Mitti, u cha nid gloube, was i gseh.»

Und für die Nostalgiker hier noch ein Youtube-Fund, 1993:

und das, 1988.

Weitere Funde gern in die Kommentare! Nun wird aber erst mal gefeiert, ab morgen. Mit einem tollen dreitägigen Programm.

A Long Hot Summer

Urs Rihs am Donnerstag den 31. August 2017

Die Kaltfront ist im Anzug. Bald hat sichs ausgebalzt, ausgetrunken, ausgetanzt, auf den städtischen Brachen, Parkanlagen und sonstigen noch nicht komplett privatisierten Plätzen.
Was bleibt hängen nach dieser Aneinanderreihung von Festen, Festivals und Zwischennutzungen? Wo steht uns die Rübe nach so viel Craft Beer gespült mit zellkonservierendem Gurkenwasser?

Nun, eigentlich war der Plan mit Capt’n Snack IPA zu saufen bis es hochkommt und dazu alte Rap Scherben zu hören, um den Sommer auf Deck und der Schütz nochmal so richtig zu zelebrieren. Aber dann schneiten diese Süsswassermatrosen in blauen Hemdchen an der Mole vorbei und drehten uns den Saft ab.

Die Stimmung war im Keller und plötzlich standen da noch diese Zweifel auf der Landungsbrücke.
Was ist von diesem saisonanhaltenden Dauerbespassungszirkus eigentlich zu halten, von all diesen niederschwelligen Veranstaltungen und diesem Haufen an Darbietungen auf selbstgezimmerten Bühnen?
Klingt das schlussendlich nicht trotzdem bloss scheusslich nach dreckiger Aufwertung und seelenvergiftender Eventisierung? Wird der ganze Effort von unzähligen selbstverwalteten Organisationskomitees und unentgeltlich helfenden und auftretenden Menschen nicht schlicht vom herrschenden marktliberalen Zeitgeist – yes it’s the Z word – korrumpiert? In der Arbeitswelt ist schliesslich auch offensichtlich, dass bei Selbständigkeit die Autonomie zum Mittel der Ausbeutung wird. Der Selbstausbeutung. Passiert auf dem Parkett der freien Kulturszene mit ihrem momentanen Mantra der Niederschwelligkeit nicht dasselbe mit dem Dargebotenem? Ist es – so lange die restlichen Lebensumstände nicht niederschwelliger werden – nicht entwertend und geradezu kunstfeindlich, Kultur günstig oder gratis darzubieten?
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Bis zum letzten Lied

Mirko Schwab am Samstag den 15. Juli 2017

Wenn du dann am Boden bist. Ein Abend am Gugus Gurten verendet existenziell.

Masturbieren im Tram. Vorlage: Wie scheisse das konsumfreudige Festvolk wieder einmal ausschaut. Wie ich es so gar nicht beneide um die vier Tage auf dem Plastikberg; Müll ist, was ihr fresst und Müll ist, was ihr hinterlassen werdet. Dazwischen living la vida locker im Billigrum-Dom, geilon gröhlen gröhlen, bis ihr euer letztes Lied in eine Pissrinne hineinsingt. Zielgruppe ist alles, was ihr da oben noch seid, denk ich mir und finde den Gedanken so schmissig, dass es mir die Lippen kräuselt. Alles, was ich will ist: nichts mit euch zu tun haben.

Und so gebe ich mich schamlos meinem gigantischen Dünkel hin und spucke die paar vergifteten Zeilen auf euch herab. Die eigene Komfortzone fährt indes mit, schliesslich habe ich einen guten Grund, mich mit dem Strohhutpöbel an den Fuss des Hausbergs spülen zu lassen. Es ist wieder Gugus Gurten. Und es ist Gegengift gegen die Misere da oben, deren ganzes Ausmass sich an der Anekdote vom Auftritt eines umjubelten amerikanischen Hitparadenrappers verdichtet, der es eine gute Idee fand, nach ein paar konsenspolitischen Fausthoch-Liedern ein Stück über 1 Turnschuh einzustreuen mitsamt auf Grossleinwand eingeblendetem Markenlogo. 2k17 scheint daran niemand innerlich zu zerbersten. Aber von der LED-Leuchtfratze des füdliblutten Kapitalismus zurück zur parallel anwesenden Komfortzone im Nünitram: the good people, rasch erkannt an den Oberflächlichkeiten, Birkenstock-Hippie-Chic ohne Bändeli – lass uns doch bei einzwei Ingwerern über Toleranz, Inklusion und das Miteinander diskutieren …

Dreivier. Die Gruppe Melker wird gleich den Robin H als Hedo-Hero besingen, ich bleibe derweil fürs Erste bei der Einstiegsdroge Alkohol, bis dass das Herz mir milder wird. Diese Geschichte hat hier nämlich, ich muss darauf hinweisen, weil mir die Schreibe ob all der Bitterkeit zu entgleiten droht, einen reinen Moment für einen wahren Helden. Er heisst Thomas, kümmert sich um die Anmoderation der Auftretenden und ist der geilste Siech auf dem Platz, den man ihm an zu manchen Orten gar nicht einräumen würde wegen seiner eigenartigen Art zu sprechen. Und damit geradezu blind ein Höchstmass an Hingabe und Humor übersähe. Fünfsechs.

Durch die Szenerie stolpern. Die Glitzerboys und -girls aus Mittelhäusern haben eine anmutige, mit Teppichen ausgelegte Kuschelecke gebaut. Ich streife die Schuhe ab. Grüsse, Küsse, hier kann ich mich streicheln lassen. Sieben. Woher kenne ich dich? Acht. Ach. Ich kann jetzt nicht reden, ich muss jetzt hier weg, Sturm. Drang zur Toilettte. Keramik ansingen. Von hoch oben aufm Hügel höre ich den Faber ächzen: «Wenn du dann am Boden bist, weisst du, wo du hingehörst.» Er irrt. Das noch auf der Tramfahrt betonierte Selbstverständnis, aufgegeilt am Ekel vor den Festivalisten, ist ein Klotz an meinen Füssen noch, als müsste ich in meinem eigenen heimeligen Sozialbiotop ersaufen. Aus mir bricht ein retourniertes Gemisch aus Biobier und Lokallikör. Von eurer Kotze unterscheidet es sich nicht.

Die Wahrheit findet sich in den Brüchen.

Out of Komfortzone: Kulturbar Mundwerk

Gisela Feuz am Mittwoch den 12. Juli 2017

In dieser Serie verlässt KSB die Komfortzone und erweitert den eigenen Horizont, indem andere aus der Agglo oder über kulturelle (Un)orte berichten, die uns bis anhin durch die Lappen gegangen sind. Heute für uns in die Tastatur gegriffen hat die rote Alice bzw. Alice Kropf, Stadträtin SP und Co-Präsidentin Pro Nachleben Thun.

Mediterrane Mundwerk-Nacht

Obwohl Thun nirgends ist, gibt es nebst der Café Bar Mokka die eine oder andere kulturelle Perle zu entdecken. Zum Beispiel die Kulturbar Mundwerk, mitten in der Altstadt gelegen, mit der sympathischsten Gastgebercrew des Universums, einem vielfältigen Kultur- und Freizeitangebot und den besten Shots. Kurzgespäche in einer *mediterranen Nacht mit Gästen und MitarbeiterInnen sollen das Wesen des Lokals zu erhellen versuchen.

Drei der mehrheitlich jungen MitarbeiterInnen und der Chef erzählen, weshalb sie im Mundwerk arbeiten:

Matt (Kreativ Schaffender):
Die Gäste und Mitarbeiter sind Musiker, kreativ Schaffende, Alternative, politisch Interessierte – unter diesen allen fühle ich mich wohl und zugehörig. Ich schätze die Möglichkeit, nachts arbeiten zu können (deshalb auch der Übername aufgrund des fehlenden Tageslichts: Matt «Blanche») und tags und an freien Tagen auch nachts meine Projekte mit künstlerischem Ansatz zu verfolgen. Mir gefällt das vielfältige und alternativ-kulturelle Angebot, seien es Spielabende, Filme, Konzerte oder Partys. Zudem arbeitet ein Harlekin als Koch im Mundwerk, daher macht auch das Essen glücklich.

Vera (Studentin, Kreativ Schaffende):
Für mich ist das Mundwerk der lebendigste Ort den ich kenne. Aus den Basics für eine simple Bar ist über die Jahre ein vielgestaltiger Kultur- und Begegnungsort geworden, an dem Reto, seine Mitarbeitenden und die Besucherinnen und Besucher gleichermassen mitgewirkt haben. Dies ist mit ein Grund, weshalb ich seit bald 7 1/2 Jahren im Mundwerk arbeite: kein Dienst gleicht dem andern, neue Ideen dürfen eingebracht, improvisiert und ausgetestet werden und wohl nicht zuletzt deshalb entdecken immer neue Menschen diesen Ort, fühlen sich wohl und gestalten ihn mit. Egal ob ich neben der Arbeit im Mundwerk studiert habe, an Grafikprojekten arbeitete oder einem anderen Job nachgegangen bin, immer haben sich Begegnungen oder Gespräche an der Bar ergeben, die mich inspiriert und weitergebracht haben.

Ben (Student):
Der Stutz, der Stutz, der Stutz. Aber vor allem: Das tolle Team, die Lockerheit, man kann sein wie man ist, kein Dresscode, gute Musik, coole Konzerte.

Reto (42-jährig, der Chef):
Ich wollte eine Bar schaffen, wohin ich selber gerne gehen würde. Die echt, authentisch und ein Ort ist, wo man sein kann, wie man ist und nichts darstellen muss. (Auf die Frage, weshalb die Mitarbeitenden stets gut aufgelegt sind, gibt der älteste Stammgast stellvertretend Antwort: «Weil es keinen geileren Chef gibt.»)

Die Bar ist Anziehungspunkt für unterschiedlichstes Publikum, doch lassen wir die Gäste gleich selber erklären, weshalb sie das Mundwerk frequentieren:

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