Archiv für die Kategorie ‘Nachtleben & Freizeit’

Corpus Delicti Cis-Thorax

Mirko Schwab am Mittwoch den 13. Juni 2018

Oder wie eine nackte Hetenbrust die Gemüter erhitzte.
Fragen an den Frauenraum.

Sonntagmorgen früh in der Sandsteinstadt, die Sonne wird bald aufgehen und zwei Tage aufs Unheiligste miteinander verknüpfen. Eine Festgemeinschaft steht auf der Gitterstiege beim Frauenraum und raucht sich wiederholende letzte Zigaretten, hat Glitzer im Gesicht und macht grosse Augen oder kratzt sich schnell am Nasenloch. Das Kugelfest hat zum Solidaritätstanz geladen. Und so tanzt man drinnen selbstvergessen, zwanglos, wild und solidarisch zu den monochromen Klängen einer stereotypen Tanzmusik. Mein kleiner Freund, dessen Namen in dieser Geschichte keine Rolle spielt, schwitzt sich an der Bühnenkante aus, selbstvergessen und zwanglos schiebt er Luft herum, dicke Luft im tropischen Klima dieses schlechtbelüfteten anderen Dachstocks der Reitschule.

Jemand aus dem Frauenraum-Kollektiv hat sich über deinen nackten Oberkörper beschwert!

Dicke Luft. Mein Freund hat in der Zwischenzeit sein nasses Leibchen ausgezogen und sich dabei mit den Awarenesstruppe angelegt. Jemand habe sich beschwert. Verdutzt fragt er nach und die dann folgende Erklärung wirft Fragen auf: Er sei doch offensichtlich ein «Cis-Mann» und da sei es verständlich, wenn das Hemdabstreifen hier ein Problem sei. Vielleicht würde dieser «Jemand aus dem Frauenraum-Kollektiv» schlechte Erfahrungen mit dem Anblick einer blutten Männer-Brust verbinden. Man müsse halt Rücksicht nehmen. (Einen Kreislaufkollaps in Kauf?)

Nippelgate im Bassgewummer. Und also Fragen. Angefangen bei der Kommunikation: Das zu Beginn des Abends verteilte «Awareness-Konzept» sieht vor, dass sich jede als solche empfundene Belästigung anonym melden lassen kann. Ein um die allgemeine Awareness besorgte Team kümmert sich dann um die Konsequenzen – was flauschig klingt, hat in diesem konkreten Fall aber zur Folge, dass über einen konkreten Grund nur gemutmasst werden kann. «Vielleicht» gäbe es ja schlechte Erfahrungen mit entblössten Heten-Brustwarzen. Who knows gäu. Spielt das überhaupt eine Rolle?

Ich finde schon. Das langweilige Wort dazu heisst «Verhältnismässigkeit». Wer oder was (ein Mensch oder eine Theorie?) kann einen solchen Anblick wirklich nicht ertragen? Und: Wäre irgendwer angerannt gekommen, hätte sich ein «offensichtlich» homosexueller Mann daran gemacht, sein Shirt auszuziehen? Wie steht es dann noch um die angestrebte Freiheit? Um das Klima des gegenseitigen Respekts, der gegenseitigen Toleranz und empathischen Freude, denen ein solches Fest doch gestiftet sein will? Wie steht es um die Freude auch an einer mann- und frauigfaltig gearteten Körperlichkeit – unabhängig irgendeiner sexuellen Identität? Sollte diese Identität denn an der schieren fleischlichen Oberfläche überhaupt bestimmbar sein? Werden Machtstrukturen aufgelöst oder lediglich verschoben, wenn sich aus einer sehr offensichtlich kleingeistigen bis easy weltfremden Befindlichkeit gleich eine solche Intervention ergeben muss?

Liebe Awareness,
Die Musik ist zu laut. Also, auch nicht mein Geschmack. Und vielleicht verbinde ich halt schlechte Erfahrungen damit. Könnt ihr das bitte wegmachen?

Aber lassen wir die Polemik. Der Frauenraum ist mir ein lieber Ort, das Kugelfest ist mir ein schönes. Die Fragen, die sie aufwerfen, sind wichtige und delikate. Umso trauriger macht es mich dann, wenn die hehren Bemühungen zur Freiheitserhaltung aller in einer sehr ideellen Entkörperung und Entindividualisierung münden. In einer Verkopfung, Versteifung und Verklemmung, die dem Mensch und seiner Vielseitigkeit, die dem Fest und seiner Ausgelassenheit, die dem Tanz und seiner Körperlichkeit nie gerecht werden können. Und in einem seltsamen Opfer-Täter-Diskurs sich auch verfangen, wo doch eigentlich ein bisschen gesunder Menschenverstand the good old und ein bisschen Face-To-Face-Gesprächskultur es auch getan hätten.

Stattdessen wird mein Freund in seiner empathischen Begabung dergestalt untergraben, dass er als Symbol herhalten muss für eine sehr verallgemeinernd formulierte toxische Cis-Männlichkeit. Dazu taugt er kaum. Jedes auf gesunder Kommunikation und Menschenliebe begründete Gespräch hätte es rasch offenbart. Stattdessen werden Theorien gewälzt und Feindbilder projiziert, werden die wirklich problematischen Machtverhältnisse der Welt da draussen im Innersten der Reitschule in ein nicht weniger fragwürdiges Gegenteil verkehrt.

Wäre der Frauenraum wirklich die gelebte Utopie, die er für sich beansprucht und die ich mir für ihn wünschte – es könnte sich auch der Cis-Mann, die alte Hete, darin aufs Genüsslichste entfalten, könnte wild tanzen und von mir aus halbnackt. Auch er ist Teil des Spektrums aller sexuellen Identitäten – soll er nicht mit seiner ganzen Körperlichkeit auch stattfinden in den Diskursen und den Diskotheken?

Aber ich möchte hier nicht für andere sprechen. Listen up, die ihr aware seid und woke: Ich bin eure hetero-normative C(is)-Dur-Harmonie mit der weissen Hühnerbrust. Ich befürworte die Gleichberechtigung aller sexuellen Identitäten. Ich lutsche manchmal Schwänze. Ich bin ein sehr kleiner, euch sehr naher Teil einer homophoben, frauenfeindlichen, von wüsten Machtstrukturen gefurchten Welt.

Macht es euch nicht zu leicht mit mir.

Where the hell ….

Urs Rihs am Sonntag den 3. Juni 2018

Is BAD BONN – die Kilbi 2018 ist durch und der KSB zurück in bella Berna.
Noch ein zwei Gedanken zum gestrig letzten Weihnachtstag 2018 in Düdingen.

Es bewegten vor allem zarte Momentchen und Dinge –

Der Soundcheck zu AHMED NEW JAZZ IMAGINATION, noch quasi niemand auf Platz, dafür ein Flügel auf der Bühne.
Dieser wird mitunter wie ein Bongo traktiert, mit ganzen Handflächen drischt Pianist Pat Thomas auf die Klaviatur und meint dazu schmunzelnd zum Tontechniker: «Is the tune right?» [sic]

Die Stimme von NADAH EL SHAHZLY und als während ihrem Konzert der Hausmeister Deux höchstpersönlich zweien dionysierten Labertaschen per Jedi-Handbewegung das Gschnorr abstellte.
Das Wichtigste an der Kilbi: zuhören.

Die Stimmung am See bei MELISSA KASSAB – Wes Anderson hätte seine Freude gehabt, das Licht so warm, der Wasserspiegel so glitzrig, dass einem die Kitschtränen kamen.

Das Ad hoc Interview mit den HORSE LORDS aus Baltimore, weil der vorgesehene Interviewer wohl lieber eine Bildstrecke für nau knipste (?)
Angesprochen auf den Country-Twang ihres Gitarrenspiels – selten bei avant-garde Rockbands, die sonst soundästhetisch meist den Grunge Spazierenführen, so gehört – verweist Saitenmann Owen Gardner auf die oftmals ignorierten afroamerikanischen Wurzeln des Genres.
Country sei nicht so weiss wie der Hauptstrom meine. Man denke an DeFord Bailey beispielsweise, einem Begründer der Sparte und einer seiner Lieblingsmusiker.
Dieses Bewusstsein und die Zärtlichkeit mit welcher die Buben über ihre Musik reden, konterkariert ihre Ratlosigkeit, sprechen sie auch über die sozialen Verhältnisse ihrer Heimatstadt.

Baltimore hat so viel Morde wie das Jahr Tage und ist noch immer hochgradig segregiert – 2018 …
HORSE LORDS, die Band welche vor ihrem Konzert nichts vom Bonn und der Kilbi wusste und sich dafür auf den ersten Blick verliebte, hat mir versprochen, etwas von diesem Gefühl über den grossen Teich zu retten, nach Hause.

Und dann noch das Gewitter der beiden Bristol-Tech-Punk-Frickler GIANT SWAN. War zwar alles andere als zart, aber was rundete eine Kilbi versöhnlicher ab, als sich von einstürzenden Soundwänden und brechenden Synthzunamis eindecken zu lassen? Hart am Leben!

GIANT SWAN – B wie: brachial, Bristol & BOOM!

Where the hell …

Urs Rihs am Samstag den 2. Juni 2018

Is BAD BONN – die Kilbi 2018 läuft. Der KSB ist auf Platz und lässt ab und an mal blicken was so spielt und dröhnt.

Körper ist scheisse.
Der Rücken dieser Sauhund.
Aber der Geist agil – sind wir nicht mal weggekommen von diesen Dualismen?

Weg kommt man hier, aber nicht weg – dritter Tag Kilbi.
Den Bodenkontakt einige Male verloren gestern, weggetreten.

CATERINA BARBIERI verführte mit feingliedrigen Phasings auf modularen Synths und bewies damit, dass modular nicht bloss Marketing und Modelleisenbahn für Erwachsene sein kann.
Maximales Kunsthandwerk an den Schaltkreisen. Selten während einer Setlänge so bittersüss zerrüttet gefühlt.

Weiter gespürt:
VAGABON – erfrischend jung, aber etwas altbacken kratzig.
HARVEY RUSHMORE & THE OCTOPUS – die neuen Tracks ein My weniger verschliffen, nicht minder griffig.
REVEREND BEAT-MAN & THE NEW WAVE – Familienfest, am Katzentisch ist’s am schönsten.
JAMES HOLDEN & THE ANIMAL SPIRITS – Naturgeister mal digital.
KHRUANBIN – Sampling funktioniert auch live, aber die Erwartung war trotzdem etwas zu hoch.
SAVAGE GROUNDS – Filmriss.

Heute erwacht am See, schöne Sonne, schönes kaltes Wasser.

KILBI spirit.

Where the hell ..

Urs Rihs am Freitag den 1. Juni 2018

Is BAD BONN – die Kilbi 2018 läuft. Der KSB ist auf Platz und lässt ab und an mal blicken was so spielt und dröhnt.

Erste Nacht durchgerauscht. Gestartet mit ESTER POLY im Haus. Serious action die beiden Frauen. Grunge und vorgespielte Orgasmen, einigen Männern wurd’s merklich unwohl. Sehr intim für so laut.

GOLDEN DAWN ARKESTRA im Zelt dann. Etwas zu sehr Fifa-Soundtrack, das Riesenaufgebot auf der Bühne vermag nicht aus sehr metrischen Diskotakten auszubrechen. Schade, hübsch anzusehen ist’s allemal.

WARMDUSCHER überstolpert, erste Auszeit am Schiffenensee. Nach dem Wolkenbruch.

EXPLODED VIEW, man war gespannt, nach den Auflösungserscheinungen letztes Jahr. Frisch aufpolierter Banshees-Sound, Goth-Revival. Das muss mit etwas Attitüde, aber grad so derbe?
Frontfrau Anika Henderson, puppengleich, lässt nichts heran und so kommt auch wenig zurück.

NICK HAKIM buttert dafür richtig dick auf, zielt mit seinem Soul auf Herzen und rührte damit wohl auch schwärzeste Nihilistenseelen. Solche sind zum Glück nicht in Sichtweite, nicht an der Kilbi.

TSHEGE ballert dann wieder wach, nach der Schmusenummer mit Nick kommt das gut an. Faty Sy Savanet handfüttert uns mit Afropunk – wie Ziegen mit Salz. Die Menge dürstet nach Ekstase. Stark programmiert, perfekter Zeitpunkt.

Danach der Indie-Hexenmeister JON MAUS – er dreht durch, wir drehen mit. Und zu NIHILOXICA weiter … Der Schlusspunkt für Donnerstag. Gottverdammt, das muss Sünde sein. Wird schwer diese Live-Hypnose zu toppen. Drums, Drums, Drums, Drums, Drums und Synth. Archaisch, roh und heftig. Fertig.

Nick Hakim’s Tastenmann. Hübsche Buben alles.

 

 

Where the hell

Urs Rihs am Donnerstag den 31. Mai 2018

Is BAD BONN – die Kilbi 2018 geht los. Der KSB ist auf Platz und lässt ab und an mal blicken was so spielt und dröhnt.

Die Wiesen sind gemäht und Ane vom Mutterschiff hat mit dem Deux – Tätschmeister der Programmierung – vorab gequatscht. Die Stimmung auf dem Camping ist gut – ein Autosalon gut abgehangenem Blech – und die Sache ist also gerichtet.

Um vier schallen die ersten Wellen, das LAUTSPRECHER ORCHESTER FREIBURG verspricht Klänge aus allen Ecken des Geländes. Und der erste Live-Höhepunkt ist schon dabei Klimperkästen aufzustellen: GOLDEN DAWN ARKESTRA – obwohl es wohl nichts wird mit güldner Dämmerung, denn die Wolken hängen tief. Umso höher die Erwartungen.

Der Fuhrpark an der Kilbi, ein haufen ehrlich stinkender Karossen.

News following up tomorrow …

Drifting through the night

Roland Fischer am Donnerstag den 24. Mai 2018

Irgendwo in der Lorraine gestern so gegen Mitternacht: Eine Schar von Nachtwanderern mit grün leuchtenden Ohren zieht in seltsamer Formation durchs Quartier.

Gesprochen wird nichts, doch scheinen alle die Regeln zu kennen. Alle haben Kopfhörer auf, vielleicht empfangen sie ja geheime Kommandos einer fremden Macht? Wird da eine Konspiration vorbereitet, werden Hirnwindungen umgespult? Oder was soll das Theater? Genau so etwas soll es, heutzutage. Driften durch die Nacht. Die Stadt mit anderen Augen sehen.

Summer in the (nein, nicht schrumpfenden) City

Roland Fischer am Samstag den 19. Mai 2018

Die Kunsthalle: eine Institution. Die Bar von Lang/Baumann zum 100jährigen Bestehen, als locker hingeworfenes Sommer-Special gedacht: auch bereits eine, nach dem Eröffnungsabend. Eine 18 Meter tief in den Aarehang getriebene.

Womöglich hat diese Stadt ein bisschen ein Problem mit kultureller Spontaneität. Aber man will nicht klagen, man will da in Ruhe noch so einige Drinks geniessen, ohne den grossen Auflauf gestern.

Fand der Chef (im Bildhintergrund) übrigens auch. Er liess am Mikro verlauten, dass dieser tolle Ort wohl nicht gleich wieder verschwinden werde, nach Ablauf der Bewilligung (wir haben es also gehört). Also, Mirko, falsch: Nimmt man den Zollstock, dann ist Bern grad ein Stück grösser geworden. 50 Quadratmeter, grob geschätzt. Ein gekachelter neuer Stadtplatz mit integrierter Bar und Baumhaus-Charme. Nein, man will nicht klagen.

Bern schrumpft

Mirko Schwab am Mittwoch den 16. Mai 2018

Bümpliz – Casablanca. Kleine Hommage an eine Küche.
Mit Bildern von Jessica Jurassica.

Die Fahrt nach Bümpliz Süd dauert zwei S-Bahn-Stationen. Am Bahnhofskiosk, in dem eine Migros-Tochter eingemietet ist, kann man Tabak kaufen und einzwei Dosen. Weil Migros-Töchter dürfen eben Tabak und Ztrinken. Und deshalb sind die Avecs und Migrolinos auch gern an diesen Vorstadtbahnhöfen, wo sich zu fast jeder Tageszeit ein Grüpplein hustender Vorstadtcowboys zum Tabaktrinken und Schäumleinmähen einfindet und zum Rock hören über Bluetooth. Zwischen Bahntrasse und Wald pfeift die Freiburgstrasse in die Agglomeration hinaus, also hat es Garagen. Säuberliche Autogaragen wie zum Beispiel die Th. Willy AG (A. meint auf Google: «Es war sehr befremdlich, ich fühlte mich nicht willkommen in dieser Garage. Der Berater den ich hatte war nett.» A. vergibt drei Sterne.) Exotischere auch. Balas Autoservice etwa würde einen ganzen Text verdienen, so arbeitsintensiv und wahrscheinlich sinnlos das Herumrangieren verbeulter Schrottkarrossen, so freundlich sein Grüssen und so grüsig seine Art, den Frauen nachzuspienzeln, wohl bis heute geblieben sind. Ein paar Häuser weiter haben wir gewohnt, Hausnummer 354, 3018 und fünf vor Niederwangen sozusagen – weit weg war die Sandsteinstadt, viel weiter weg, als es die Postleitzahl verraten hätte.

Der Käfigturm schlägt eine weitere vergangene Stunde an, immer fünf vor oder schon zu spät, aber nie pünktlich lässt er seinen Glockenschlag durch die Gassen fahren. Die Tür klingelt und ich öffne die Tür. Jemand kommt vorbei und trinkt Kaffee oder bringt etwas zu Essen oder Tabak oder Dosen. Bringt Euphorie oder zumindest Sauflaune, bringt Trauer oder zumindest Melancholie, bringt Geschichten oder zumindest Geschwätz, bringt Freunde oder Fremde oder Fragen, bringt Drogen oder fragt nach welchen, bringt Luft von draussen, zum Lüften, zum Ablassen, bringt etwas jedenfalls herein in die vernebelte Küche und im besten Fall sich selbst. Ich sitze dann meistens an meinem Rechner und rauche Kette.

Früher bin ich rausgegangen, um «in die Stadt zu gehen». In Bern meint man damit sehr spezifisch die Altstadt und schon in der Lorraine fragt man sich abends vielleicht, ob man noch «in die Stadt» gehen soll. In den Köpfen nämlich ist Bern noch so gross wie vor vierhundert Jahren. Auch als wir später «in der Stadt» eingezogen sind, als unsere Strasse zu einer Gasse wurde und aus dem blauen Strassenschild ein gelbes, auch da bin ich zuerst noch rausgegangen. Doch der Umkreis wurde kleiner, die Aareschlaufe zog sich zu. Nur mit guten Gründen schaffte ich es in die Länggasse oder nach dem Breitsch oder westwärts weg. Und jetzt lebe ich in dieser Küche. Meine Matratze ist zwar woanders, sie hat knapp Platz in der Waschkombüse, doch – ausser um zu schlafen, ausser um zu ficken in den besseren und zu onnanieren in den schelchteren Zeiten oder eben zum Wöschen hin und wieder – bin ich da doch selten.

Jetzt lebe ich in unserer Küche. Das wäre traurig, sicher, aber es ist unsere Küche. Wenn man alleine ist, kann man darin gut schreiben. Öffnet man die Fenster, kommt die Allgemeinheit herein, das öffentliche Allerlei, die Strassenmusik. Öffnet man die Tür, kommen Menschen, die sich selten anmelden, weil immer jemand hier ist. Legen die Hand aufs Herz, zünden den Tisch an oder ziehen sich aus. Das ist auch ein Liebesbrief an sie. Sie machen unsere kleine Küche gross und kochen ihr eigenes Bern darin ein.

Bildersturm mit Bilderbuch

Urs Rihs am Freitag den 11. Mai 2018

Zum bersten voll war der Stock, eine Siebenhundertfünfzigerschaft geblendet von sehr viel Kunstlicht und eigentlich leeren Liedern. Warum das funktioniert?

Weil es die G-punktgenaue Befriedigung einer pervers-geilen Fantasie ist, auch der Gegenkultur. Der Fetischisierung des Mainstreams – ein bisschen Spass für alle, Bilderbuch stehen exempelhaft dafür.
Die wennschon, dennschon Band – L’art pour l’art? In weitester Ferne! – und was dabei rauskommt, ist feschester popkultureller Nihilismus.

So schwierig einfach ist das, man verquirle Insignien des Erfolgs – Autos, Mode, schöne Körper (check the vids) – mit übersteigerter Eigenliebe, lasse alle Hemmungen fallen, texte dazu schmissige Zeilen und höre was dabei als Echo widerhallt.

Bei Bilderbuch: «Maschin», «Baba» und «Plansch»! Ein musikalischer Schaltkreis ganz nahe dem Kurzschluss.
Und diese Übersteuerung schmerzt zwar unseren mantrischen Echtheitspuritanismus, dabei werden wir aber irgendwie auch rallig auf Schrott, scharf auf Schund wie Nachbars Lumpi.

Weil diese süssen Strophen so verboten kitschig sind, dass sie unsere auf  T-Shirts gedruckten Vorstellungen von Subversion mittels sinnentleerten Floskeln und spiegelglatten Indie-Disco Harmonien nach spätester einer Songlänge unterwandert haben. Und der Hauptstrom zerfliesst natürlich gewinnbringend mit.
Eine auf links gedrehte Drainage der Kulturindustrie vielleicht?
Zerstört sich ein Bild in seiner Potenz?

Das langweilt musikalisch trotz diesen Fragen bald. Mich Manche wiederum nach schon einer Songlänge. Ist aber starkes Indiz dafür, dass bei dieser Band wahrscheinlich tatsächlich mehr als bloss blass-biederer Neo-Wiener-Schmäh – wie etwa bei Wanda – und etwas karikierte Falco-Retro-Seligkeit mitschwingt.
Das bringt die Menge zum Mitsingen, einfach, zugegeben –  und aber gleichzeitig kritischere Geister zum Schmunzeln – nicht ganz so einfach.

Meister Duden zum Bildersturm: «mit der Zerstörung religiöser Bilder und Bildwerke in großer Zahl einhergehende, die Bilderverehrung bekämpfende Bewegung, Aktion» und dieses Bild ist eventuell urheberrechtlich geschützt.

Was soll die Schütz?

Roland Fischer am Donnerstag den 5. April 2018

Good News, es gibt wieder ein Neustadtlab auf der Schütz! Da formiert sich gerade ein Verein, der bestenfalls dann auch die kommende, gewissermassen offizielle Zwischennutzung für drei Jahre bestreiten möchte. Zunächst gibt es aber noch einmal eine (von der Stadt finanziell auch wieder unterstützte) Zwischenlösungs-Zwischenlösung.

Sammlung Hans-Ulrich Suter 1319, Bern: Länggasse; Schützenmatt — Rummelplatz; Freizeit, ca. 1925

Den Auftakt zur autofreien Schützenmatte macht das No Borders-No Nations-Festival der Reitschule am 27. und 28. Juli 2018. Dann wird aufgebaut und eine Woche später kann wieder experimentiert werden im Berner Städtebau-Labor. Aber was versucht man da genau eigentlich herauszufinden? Gute Gelegenheit für einen guten Text. Der Stadtplaner Chris­toph Haerle spannt in einem Gespräch mit Philipp Sarasin einen grossen Bogen, von den Foren der Römer bis zu den Public Spaces von heute.

Es erfolgt sogar eine Drei­tei­lung, indem im Hoch­mit­tel­alter, von Italien bis Deutsch­land, die drei Mächte der Politik, der Wirt­schaft und des Kultes ihre je eigenen öffent­li­chen Räume schaffen – den Markt­platz, den Domplatz und den poli­ti­schen Platz, wie etwa in Siena die Piazza del Campo oder in Rom den Campi­do­glio. Das ist der Platz, der eine Loggia hat, von der aus verkündet wird, was die Politik zu sagen hat; der Platz vor der Kirche hingegen ist der Ort der Prozes­sionen, und auf dem Markt­platz steht der Brunnen, an dem nach dem Mercato gewa­schen werden konnte. Mit anderen Worten, das, was bei den Römern, zumin­dest in der Zeit der Repu­blik, noch auf einem Platz zusam­men­ge­halten wurde, hat sich im Mittel­alter auf drei Plätze verteilt.

Das passt nun irgendwie gar nicht mehr heute. Dann kamen die Bürger und reclaimten die Strassen.

Im ausge­henden 19. Jahr­hun­dert aller­dings wurde mit dem bour­geois der Besitz­bürger zele­briert, der sich als Mit-Besitzer des öffent­li­chen Raumes verstand. Hier spielte aller­dings eine listige Dialektik: Indem der bour­geois gegen die voll­stän­dige Verein­nah­mung des öffent­li­chen Raumes durch die Macht auf der Teil­habe, auf der Teil­nahme am öffent­li­chen Raum bestand, war er immer auch citoyen, Staats­bürger, poli­ti­scher Bürger.

Und dann kam, hoppla, die Postmoderne.

[…] die Verbin­dung zur Frage nach dem post­mo­dernen Raum ist sicher darin zu sehen, dass diese neuen Räume nicht mehr auf den Zweck hin konzi­piert wurden, sie für die klas­si­schen poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen oder reli­giösen Funk­tionen auszu­statten.

Von da an kreist das Gespräch eigentlich um eine Leerstelle: Wenn für einen heutigen öffentlichen Raum keine dieser Funktionen mehr gilt, welche tritt dann an deren Stelle? Aber vielleicht ist das ja nicht Problem, sondern Lösung. Denn dann sagt Hearle noch etwas, das man ganz gut als Schütz-Motto brauchen könnte, oder?

Ich bin der festen Über­zeu­gung, dass öffent­liche Räume nur dann gute öffent­liche Räume sind, wenn sie funk­tional unter­be­stimmt sind.