Archiv für die Kategorie ‘Museen & Galerien’

Keeping the bar high, not dry

Roland Fischer am Samstag den 16. Mai 2015

Julian Sartorius macht den Bartender, gestern in der Galerie Hauser & Wirth in Zürich. Später setzte er sich dann noch hinters Schlagzeug und machte einigen Lärm in der temporären Roth-Bar, wo eine der schönsten Ideen eines meiner Lieblingskünstler weitergesponnen wird.

roth bar

Warum die Bar «Economy» heisst ist einem allerdings ein wenig schleierhaft. Alles ziemlich zusammengeschustert, ok, aber dann steht da trotzdem eine Superedel-Espressomaschine und die Preise sind auch ziemlich zürcherisch. Aber was soll man sagen, ist halt in einer der wichtigsten Galerien der Welt. Da hätte Julian schon ein wenig unzimperlicher sein dürfen hinter der Bar – sein eigenes Schlagzeug musste dann einiges mehr aushalten.

Tattoos zwischen Tradition und Tabu

Gisela Feuz am Donnerstag den 23. April 2015

Machen Sie doch mal wieder einen Ausflug, werte Leserinnen und Leser, zum Beispiel nach Hamburg. Die sympathisch Hansestadt im Norden Deutschlands weiss nicht nur mit Astra-Bier und Labskaus zu bestechen, sondern nennt auch die Kunstmeile ihr eigen, ein Strassenabschnitt von knapp einem Kilometer, auf dem sich insgesamt fünft Museen und Kunstausstellungen befinden. Hier findet sich alles, was das kunstinteressierte Herz begehrt, von alten Schinken grosser Maler, über moderne Plastiken bis hin zu Tattoos. Ja, sie haben richtige gelesen: Tattoos. Das Museum für Kunst und Gewerbe hat sich dem mittlerweile äusserst beliebten Körperschmuck angenommen und zeigt diesen in der Ausstellung «Tattoo» im Spannungsfeld zwischen Tradition und Tabu.

Die farbenfrohe und multimediale Exposition thematisiert die lange Tradition des Tätowierens und verdeutlicht, dass dieses zu den frühsten Kunstformen und ältesten Handwerkspraktiken überhaupt gehört. Dabei lotet «Tattoo» ein breites Spektrum des Kulturphänomens aus und beleuchtet dessen Ambivalenz in Bezug auf soziale Zuordnung, Stigmatisierung und identitätsstiftendes Element, wobei unterschiedlichste Schichten, Epochen und Regionen dieser Welt zum Zuge kommen.

Tattoo

Ma Hla Oo aus Laytu-Chin, Birma. Foto: Jens Uwe Parkitny

Die Ausstellung schlüsselt unter anderem die Ikonographie von Tattoos russischer Gefangener auf, zeigt frühe Tätowiergeräte (aua!!) und Hautpräparate aus der Zeit um 1900, mit deren Hilfe unbekannte Leichen identifiziert wurden. Daneben werden Gangs, Banden und andere illustere Gesellschaften genauer vorgestellt, die dem permanenten Hautschmuck nicht abgeneigt sind. So etwa die japanischen Mafia Yakuza oder die in El Salvador wütenden Banden Mara Salvatrucha Mara 18. Weiter werden Hintergrundinformationen zu traditionellen (Gesichts-)Tätowierungen in Birma, Neuseeland oder Thailand geliefert und aufgezeigt, wie das Phänomen Tattoo auch in Kunst und Kommerz Einzug hielt – etwa mit Wim Delvoyes tätowierten Schweinen oder den strammen Playmobil-Rappern. Übrigens ist auch die Schweiz prominent vertreten in der Hamburger Ausstellung, und zwar mit Mario Marchisellas charmanter Audioinstallation «It was the best of times.» Daneben gibts natürlich ganz, ganz viele Bilder von Tattoos jeglicher Art und Qualität zu sehen: von traditionellen Ankern, Schwalben und barbusigen Damen über ästhetisch fragwürdige avantgarde Portraits bis hin zum schnöden Arschgeweih. Frau Feuz hat sich übrigens nach dem Besuch der Ausstellung auf ein bisschen pimpen lassen und sieht jetzt so aus (links).

«Tattoo» wird noch bis am 6. September 2015 im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg gezeigt.

Manon in Interlaken

Gisela Feuz am Donnerstag den 16. April 2015

Machen Sie doch mal wieder einen Ausflug, werte Leserinnen und Leser, zum Beispiel nach Interlaken beziehungsweise Klein-China. Das kleine Städtchen zwischen den Seen wartet zwar mit scheusslichen Souvenirläden, einer Armada von noch scheusslicheren Schuh- und Trekking-Läden und einem ästhetisch fragwürdigen Architekturmix auf, bietet aber eben auch ein atemberaubendes Alpenpanorama und zur Zeit eine Ausstellung über eine der berühmtesten und einflussreichsten Pionierinnen der Schweizer Performance-Kunst: Manon.

Sie selber sei ja eine sehr schüchterne und zurückhaltende Person, diese Manon, weiss eine äusserst kommunikative Mitarbeiterin des Kunsthaus Interlaken zu berichten. Die noch nicht ganz 69-jährige Grand Dame der Performance hatte in den 70er-Jahren mit ihrem «Lachsfarbenen Boudoir» und der Serie «La dame au crâne rasé» für Furore gesorgt. In der kleinen aber feinen Exposition «Reise nach Sibirien» in Interlaken werden nebst neusten Installationen, welche Manon extra für diese Ausstellung entwickelt hat, auch Bilder aus der Serie «Elektrokardiogramm 303/304» gezeigt, in denen ausdrucksstark gesellschaftliche und geschlechtliche Rollenbilder untersucht und in Frage gestellt werden.

manon

Ebenfalls sehr berührend sind die gezeigten Fotografien aus der Reihe «Einst war sie Miss Rimini», für welche folgende Ausgangslage galt: «Rimini, ein Sommer in den siebziger Jahren. Eine junge Frau, ein Schönheitswettbewerb im Strandhotel. Der Duft von ein bisschen Glanz. Denn sie wird Miss Rimini. Wer ist sie heute?» Über 50 Mal ist Manon in die Haut dieser jungen, erfundenen Provinz-Schönheitskönigin geschlüpft, um zu zeigen, was aus ihr geworden sein könnte. Entstanden sind berührende Bilder, die verdeutlichen, welche unterschiedliche Bahnen ein Leben doch nehmen kann. Ist aus der ehemaligen Miss Rimini eine schillernde Diva geworden? Eine Heilsarmee-Soldatin, eine feinsinnige Musikerin, eine Nonne, eine Psychiatrie-Patientin, eine gestrenge Ärztin oder kämpft sie mit Krebserkrankung? Mit grosser Sensibilität zeigt Manon hier die körperliche und seelische Fragilität von Individuen, welche Spuren gelebtes Leben hinterlassen, wie Zeit und soziale Bedingungen eine Person modellieren können und thematisiert Vergänglichkeit, Scheitern und Schicksal. Das berührt. Allerdings wird man beim Blick aus dem Fenster jäh aus der ästhetischen Verzauberung gerissen. «Matterhorn calling – since 1865» verkünden grosse Lettern auf dem Schaufenster des gegenüberliegenden Outoor-Kleider-Anbieters. Oh weh, Interlaken.

Manons Ausstellung «Reise nach Sibirien» ist noch bis am 3. Mai im Kunsthaus Interlaken zu sehen.

Selfies mit dem Fälscher

Roland Fischer am Sonntag den 22. März 2015

Beltracchi is in town! Angekündigt im deutschen Privatfernsehen, Minute 8.27:

beltracchi

Und er war bestens gelaunt, heute mittag in der Galerie Christine Brügger (das mag natürlich mit den vielen roten Punkten zusammenhängen, die bereits am Tag der Vernissage verteilt waren), er plauderte da ein wenig, erzählte dort eine Anekdote («Der Stefan Raab hat ja mein Buch vorgestellt, und da habe ich ihn vor der Sendung gefragt: Herr Raab, das Publikum, das Sie mit Ihrer Sendung ansprechen, können die denn überhaupt lesen? – Da war er dann glaube ich ein wenig beleidigt.») und war sich auch nicht zu schade, für ein Selfie mit jungen Fans zu posieren.

beltracchiUnd das sagt natürlich eine Menge über das Phänomen (und den Fluch) Beltracchi: Der Mann ist gewissermassen sein eigenes Konzeptkunstwerk – und seine Bilder nur sehr undeutliche Spuren einer viel grösseren Geschichte, die wohl ewig zwischen Skandal und Genialität hängen bleiben wird. Dass sich auch diese ungefälschten (oder soll man sagen: echten) Beltracchis so gut verkaufen wird ihn und die Galeristin natürlich freuen, wenn es bloss nicht gleichzeitig ein Ausdruck der Banalität des Kunstbetriebs wäre, dieser schön schnurrenden und ganz nach den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie funktionierenden Maschinerie. Wenn die Story eines Werks wichtiger ist als das Werk selbst, dann ist das entweder ein Ausdruck der Cleverness des Künstlers oder der Aufgeschmissenheit des Publikums, weil es das Werk nicht versteht. Und da ist man sich bei Beltracchi wirklich nicht so sicher.

Stein, Skelett und Herzblut

Milena Krstic am Donnerstag den 19. März 2015

Eluveitie Kulturstattbern

Nein, ich hätte wohl nie ein Pagan-Metal-Konzert besucht, hätte sich das Naturhistorische Museum nicht so etwas Tolles wie die Sonderausstellung «Rock Fossils – Ja, es ist Liebe!» ausgedacht und für die Eröffnung eine der international erfolgreichsten Schweizer Bands in den Skelettsaal geholt: Eluveitie, aus dem Estruskischen etwa mit «Ich, der Helvetier» zu übersetzen. 350 Tickets verloste das Museum und die gingen natürlich weg wie warme Weggli, bedenkt man, dass die Band auf Facebook über 725’000 Mag-Ich-Klicks ihr eigen nennen darf.
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Lustschloss, Luftschloss, Luftschiff?

Roland Fischer am Freitag den 13. März 2015

Ok – Serini: weg. Pneu-Bar: weg. Alter Migros: weg. Aber ein Häuschen steht da noch, neben der Abrissbrache an der Lorrainestrasse, und im früheren Lola-Ladenlokal tut sich tatsächlich etwas Neues.

zeppelin

Hinter der voraussichtlich etwas längerfristigen Zwischennutzung steckt der Galerist Michael Krethlow, der schon die Pneu-Bar initiiert hatte. Nächsten Donnerstag öffnet die Tür des neuen Lokals namens Zeppelin das erste Mal – zunächst jeweils einmal in der Woche, für Kunst und Bar. Den Namen hat man übrigens der Legende entlehnt, dass die Serini-Vorhalle früher als Zeppelin-Hangar gebraucht wurde. Ab Mitte Jahr peilen die Macher dann einen vollen Betrieb an, mit Bar, Café und Aktionskunst. Und gebackenem Glück von Claire – wer erinnert sich noch an die Zimtschnecken in der Gelateria di Berna vorletzten Winter? Oui, le bonheur revient.

Kunstmänner, Kunstfrauen

Roland Fischer am Dienstag den 3. März 2015

Vor 75 Jahren bekam die Berner Kunst einen grossen Auftritt im Kunsthaus Zürich. Elf aktuelle Künstler profitierten von den geschlossenen Grenzen und durften ihre aktuellen Arbeiten da zeigen wo sonst vornehmlich grosse ausländische Namen zu sehen waren. Die NZZ rezensierte freundlich und allmählich verschwanden die Berner Namen wieder aus dem Kunstgedächtnis. Oder sagen irgendjemandem diese Namen noch etwas? Tonio Ciolina, Max Fueter, Herold Howald, Max von Mühlenen, Alexander Müllegg, Fernand Riard, Victor Surbek.

Fällt sonst noch was auf? Ja, alles Männer. Tatsächlich waren alle elf eingeladenen Künstler Männer, und tatsächlich war das alles andere als ungewöhnlich, im Jahr 1940. Eine repräsentative Auswahl der aktuellen Berner Kunstszene: Es dürfte kaum für Skandal gesorgt haben, dass da keine Frauen mitberücksichtigt wurden. Das Kunstmuseum Thun nimmt das kleine Jubiläum zum Anlass, um einige der damals gezeigten Bilder aus den Katakomben der eigenen Sammlung zu holen – und das Experiment sozusagen zu wiederholen: Elf Positionen aus dem aktuellen Kunstschaffen werden den «alten Schinken» gegenübergestellt. Die Liste heute: Franziska Bieri, Anja Braun, Livia Di Giovanna, Maia Gusberti, Mohéna Kühni, Karin Lehmann, Karen Amanda Moser, Annaïk Lou Pitteloud, Rebecca Rebekka, Miriam Sturzenegger, Maria Tackmann.

bern baby bern

Und, fällt was auf? Ja, alles Frauen. Das wäre nun allerdings eine interessante kuratorische Volte, wenn sie bloss nicht so heruntergespielt würde. Irgendwo in den Ausstellungstexten heisst es, heute sei nichts Besonderes daran, wenn man bei einem relevanten Überblick aktueller Berner Kunst nur Frauen auswähle. Ein Zufallsresultat, sozusagen. Aber das stimmt natürlich nicht – eine reine Frauenrunde ist immer noch sehr viel mehr Ausnahme als Regel, auch wenn es heute natürlich nicht mehr anginge, nur Männer nach Zürich zu schicken. Ist das nun eine Quotenausstellung? Oder funktionieren Kunstwerke von Frauen besser, wenn sie nicht von «lauten», männlichen Positionen gestört werden? Man kommt auf interessante Gedanken, wenn man durch die übrigens sehr sehenswerte Ausstellung schlendert. Man hätte sich bloss von der Ausstellungsmacherin ein wenig mehr Auseiandersetzung mit der Frage gewünscht, was in den letzten 75 Jahren in Sachen Kunst und Geschlecht so alles passiert ist.

Fuselli? Das sind doch so Teigwaren?

Roland Fischer am Freitag den 30. Januar 2015

Kleine Vertrautheiten und Irritationen unterwegs: Ein klassischer Schweizer Maler hat gerade Hochkonjunktur, in London, wo er fast schon zum Leitmotiv einer Ausstellung über Terror and Wonder: The Gothic Imagination wird, wie in Paris, wo er prominent in einer opulenten Schau zu den künstlerischen Folgen des philosophischen Berserkers de Sade auftaucht. Der Name des Künstlers? Henry Fuseli. So jedenfalls schreiben ihn die Engländer, die sich natürlich schwer tun müssen mit «Füssli» (die Franzosen dagegen schaffen das). Aber es ist nicht ihre Schuld, Johann Heinrich Füssli hatte seinen Namen selbst angepasst, und zwar während seines Aufenthalts in Italien. Ob die Fuselli also vielleicht sogar was mit kleinen Füssen zu tun haben?

Nachtmahr von J. H. Füssli um 1781

Nachtmahr von J. H. Füssli um 1781

Ganz schön aufgeblasen

Roland Fischer am Dienstag den 13. Januar 2015

transformUnterdessen verzichtet er aufs Signieren der Ballone, nun muss man das also ganz sinnbildlich verstehen: Till Wyler von Ballmoos möchte die Transform-Räumlichkeiten ganz ausfüllen, er möchte sein Künstlerego dreissigtausendfach aufblasen – und am Schluss in einem lustigen Massaker innert Kürze wieder aufs rechte Mass bringen. Am Samstag hat er angefangen, mit vier Ballonaufblasmaschinen und einem Haufen grosser Kisten voller leerer Ballone. Inzwischen, schätzt er, dürften schon rund 10’000 Ballone gefüllt sein, man muss sich schon ein wenig durchkämpfen bis zum Tisch, an dem fast rund um die Uhr gearbeitet wird. Bis Ende der Woche sollen sich dreimal mehr weisse Ballone im Raum stapeln, bis unter die Decke. Von aussen kann man den Pegelstand immer schön mitverfolgen, vor allem wenn es am Bollwerk sonst dunkel ist.

transform

Übrigens: nicht nur Pianisten bekommen Sehnenscheidenentzündungen, das kann auch Performern passieren. Man darf dem Künstler deshalb gern helfen beim Aufblasen (einfach klingeln bei der roten Türe), mit den Maschinen macht das auch einigen Spass. Kaffee und Getränke werden offeriert. Und am nächsten Samstag darf eine ausgesuchte Gästeschar den grossen Künstlertraum dann auf effektvolle Weise zum Platzen bringen, um 17 Uhr.

Eine neue Figur für die Kunsthalle

Roland Fischer am Mittwoch den 17. Dezember 2014

Kurzes Kuratorenraten aus aktuellem Anlass – was gehört zum scheidenden, was zum kommenden Chef der Kunsthalle?

«Ich kann allerdings bereits sagen, dass ich den Fokus hauptsächlich auf die aufstrebende junge Generation legen werde, die von den Institutionen noch nicht entdeckt worden ist.»

Die Förderung junger, wenig bekannter Kunstschaffender ist ihr ein wichtiges Anliegen.

Diese Geschichte zeigt, dass Institutionen von den Figuren leben, die sie leiten, und nicht von abstrakten Konzepten.

Daneben möchte sie die Kunsthalle auch durch internationale Kooperationen profilieren.

«Gegenentwurf zum Bild des jungen, professionell-nüchternen und technikaffinen Kurators»

Sie sei weltweit gut vernetzt, überzeuge mit betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten sowie Kenntnissen zur Konzeption und Kuratierung von Ausstellung mit überregionaler Ausstrahlung.

Ok, nicht so schwer, aus erfreulichem Grund. Die Kunsthalle bekommt, nach zwölf Direktoren und fast hundert Jahren, erstmals eine weibliche Leitung. Wenn das mal keine glückliche 13 ist – in diesem Sinn: Willkommen, Valérie Knoll!