Archiv für die Kategorie ‘Museen & Galerien’

Engel braucht selbst Schutz

Frau Götti am Mittwoch den 4. Juni 2008

Paul Klees  angelus= Dringende Empfehlung: Gehen Sie heute Abend noch ins Zentrum Paul Klee und schauen Sie sich dieses kleine Bild an. Es ist Ihre letzte Gelegenheit dazu. Denn das Israel Museum in Jerusalem hat Bern das äusserst fragile Klee-Werk nur für fünf Tage ausgeliehen (und überhaupt zum ersten Mal, was laut ZPK einer Sensation gleich kommt).

Berühmt wurde das Bild nicht durch seinen Schöpfer Paul Klee, sondern durch seinen ersten Besitzer Walter Benjamin. Er liefert in der neunten seiner geschichtsphilosophischen Thesen eine wunderschöne Interpretation des Bildes. Und wer wäre ich, die solches zu übertreffen versuchen würde? Also:

“”Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“”

Der Ausstellungsraum zeigt eine beeindruckende Auswahl Trümmer dieser einzigen Katastrophe und kontrastiert damit den Klee’schen Naturzauber der gleichzeitigen Ausstellung “In Paul Klees Zaubergarten”. Ganz nach dem Motto “Jenseits von Eden” eben.

Aber ich muss sagen: Ich war ob der unzähligen Trümmerhaufen von Osama bin Ladens Lebensverachtung über Alain Resnais Nouvelle-Vague-Filmen bis hin zur tatowierten Nummer des Auschwitz-Überlebenden einigermassen überfordert, wenn auch tief beeindruckt. Zum Entspannen gibts aber ein musikalisches Programm, und viel viel Zeit. Denn: die Nacht ist lang.

Potemkin im Wyssloch

christian pauli am Samstag den 31. Mai 2008

Wir unterbrechen jetzt kurz die schier unablässige Berichterstattung aus dem Bad Bonn, und zwar für eine Meldung aus der Welt der Kunst, und zwar der potemkinschen, um es genau zu sagen:

Fasseden

Gestern wurde sie eingeweiht, die Fassadenkunst der Basler Künsterlinnen Claudia und Julia Müller.

Die drei dramatischen Fassaden stehen im Wyssloch unterhalb des Zentrums Paul Klee, auch genannt ZPK. Vermutlich haben Sie davon schon mal gehört. Vielleicht aber auch nicht, etwa wenn Sie noch einigermassen jung sind: An der Vernissage von Jenseits von Eden. Eine Gartenschau im und vor dem Kunstpalastes mit Autobahnanschluss standen sich Leute der zweiten Lebenshälfte auf den Füssen herum. Anyway: ZPK-Direktor Juri Steiner, dessen Handschrift nun erstmals deutlich wird, holte vor versammelter Prominenz zu einer Rede russischer Länge aus. Ich verpasste sie.

Wenn Sie Lust auf einen anderen Klee haben, empfehle an dieser Stelle dringend einen Besuch im ZPK. Sie können das ja auch nach der Kilbi noch machen.

Im Schatten der Grossen

janna am Sonntag den 25. Mai 2008

Off-off ist keine Bezeichnung für eine neue Exit-Vereinigung oder etwa ein neuer Anglizismus für die ganz «Abgelöschten» rund um den Berner Bahnhofsplatz.

Nein, Off-off steht für den Zusammenschluss der unabhängigen Kunsträume der Schweiz. Anders als in den Galerien geht es ihnen nicht um den Profit. Die Räume können deshalb unabhängiger agieren, mehr experimentieren und Neues und Gewagtes fördern.

Off-Räume bieten jungen Künstlern oft die erste Plattform, sich zu präsentieren und Kunstförderern und Interessierten die Möglichkeit, Neues zu entdecken.

Spannende Orte also, die oft, nicht zuletzt wegen Geldmangels, zwischen den grossen Institutionen etwas untergehen. Ein Versuch also hier auf die Kunsträume im Hintergrund aufmerksam zu machen.

Wenn sich Off-off nach den Wünschen der Initianten entwickelt, wird es in ein bis zwei Jahren ein Off-Biennale geben. Spätestens damit wäre Off-off dann gänzlich In-in.

Biennale-Planung im Gange

In Bern gibt es die beiden Off-Räume Marks Blond und den Progr, in näherer Umgebung, in Biel, den Raum Lokal.int.

Verständnis-Spray bitte!

janna am Freitag den 16. Mai 2008

Grüne-nicht-Ikea-Wand

Nein, das hier ist keine Ikeatapete,
sondern eine sehr abstrakte Baumlandschaft des Wiener Künstlers Gerwald Rockenschaub. Somit auch nicht in Lyssach, sondern in der Berner Kunsthalle anzutreffen.

Der ehemalige Techno-DJ Rockenschaub hat für die Kunsthalle Arbeiten zusammengestellt, die sehr plakativ wirken und das auch sollen. Pastellfarbene Kuben, leuchtende Plexiglasscheiben und bunte Gerüste sind zu begutachten und…ja was und? Ich war ratlos! Was soll man nun mit diesen industriell gefertigten Produkten anfangen?

to understand modern artBilder und Skulpturen, die weder zum Nachdenken anregen, noch von einer solch ästhetischen Schönheit sind, dass man Lust verspürte, andächtig Stunden davor zu verbringen.

Es mag, wie auch bei der Technomusik, eine Geschmacksfrage sein.

Vielleicht nützt hier der Griff zu anderen Mitteln, das scheint ja auch bei Techno zu funktionieren. Deshalb empfehle ich dringend den «Understand Modern Art Spray» vor dem Besuch.

Die Kunst greift an!

janna am Samstag den 10. Mai 2008

Wenn man in den nächsten 16 Tagen mal mir-nichts-dir-nichts bei einem Sommerabendspaziergang am Progr vorbeischlendert, hat sie einen schon geschnappt. Jawohl, die Kunst hat es satt, in den Galerien und Museen auf Besucher zu warten und wird deshalb mal offensiv.

AquariumfensterIm Rahmen der Ausstellung «Fenstersprung» projizieren verschiedene KünstlerInnen in diesem Zeitraum, nach Einbruch der Dunkelheit, Videokunstarbeiten von Innen auf die Fenster.

Dem Voyeurismus darf und soll also ganz offiziell gefrönt werden. Sowohl witzige als auch schöne Einblicke werden geboten. So verwandeln sich Fenster plötzlich in ein Aquarium, einen Papierkorb oder aber sie lassen den Betrachter Zeuge werden des verzweifelten Versuchs einer Künstlerin, in einen Ofen zu kriechen.

Das nur einige Eindrücke. Des Progrs Fenster lassen uns in nächster Zeit noch viel mehr entdecken! Ja, wer weiss, vielleicht wird der eine oder andere deshalb sogar zum «chronischen» Nachtspaziergänger. Wenn das nicht gesundheitsfördernd ist…

Kunstweg in Wabern

Daniel Gaberell am Dienstag den 6. Mai 2008

Ein katholisches Pferd

Das hier ist ein geflochtenes Pferd und hängt am Kirchturm der katholischen Kirche in Wabern bei Bern. Rudolf Steiner und Barbara Meyer Cesta von «Haus am Gern» sind für diese Installation verantwortlich.

Das Ross des Künstlerpaars ist Teil von Artpicnic, einer drei Kilometer langen Kunst-Wegstrecke zwischen Eichholz und Gurten mit zahlreichen Performances und Installationen von über 40 Kulturtäterinnen und –täter aus dem In- und Ausland.

Für Wabern ist Artpicnic sicherlich ein Glücksfall. Denn diese nationale Kunstgrossproduktion mit vielen klingenden Namen könnte dem Besucher dabei helfen, der Gemeinde doch ein etwas höheres Kunstverständnis zu attestieren als er dies aufgrund der schrecklichen, in Metall gefrästen historischen Ortsnamen entlang des Mittelstreifens tun würde.

Vernissage ist am kommenden Freitag, 9. Mai, um 17.30 Uhr im Eichholz. Die Ausstellung dauert bis am 6. Juli 2008. Umfassende Infos gibt es hier.

Geht ins Gertsch den Schneider schauen!

janna am Donnerstag den 1. Mai 2008

Beine im DunkelnSeit dem 18. April präsentiert das Gertsch-Museum in Burgdorf eine neue Ausstellung, deren Besuch sich lohnt! Nicht dass die Bilder von Franz Gertsch nicht auch sehenswürdig wären, aber von denen ist im Moment nicht all zu viel zu sehen. Überhaupt drängt sich der Begriff des «Sehens» in der derzeitigen Ausstellung von Gregor Schneider nicht sonderlich auf.

Kein Licht darf angeschaltet werden, langsam soll man durch die Räume schreiten und sich bei Problemen dem Personal zuwenden, das unsichtbar immer präsent ist. So lauten die Instruktionen, die man vor dem Betreten des Liftes, der einen in das «schwarze Museum» transportiert, bekommt.

Gänsehautstimmung wird also schon im Vorfeld verbreitet und sie lässt auch nicht nach, wenn man einsam, von Dunkelheit umgeben der Wand entlang streicht, jeglicher Orientierung beraubt. Der sehnlich erwartete Lichtblick bringt nur kurze Erleichterung. Aus dem Nichts tauchen plötzlich aus einem Müllsack herausragende Kinderbeine, sowie leere Garagen und Kinderzimmer auf. Erschreckende Bezüge zu den jüngsten grausamen Ereignissen in Österreich drängen sich auf.

Das Gruseln hält an. Durch einen endlos langen, schwarzen Gang wird man geführt, um an dessen Ende das eben Gesehene nochmals anzutreffen. Wie das? Déja-vu?

Seiner eigenen Sinne unsicher geworden, verlässt man das Museum durch den Hinterausgang mit einer Stimme im Kopf, die, wie nach einem Geisterbahnbesuch, laut ruft: Nochmal, nochmal!

Kühnheit kommt vor dem Fall, gell Karl?

janna am Sonntag den 27. April 2008

Der kühne Karl hat es geschafft, mich endlich ins Historische Museum zu locken. Was vor allem Karls ausgeprägtem Repräsentationsbewusstsein und der damit verbundenen Kunstproduktion zuzuschreiben ist.

Der kühne KarlKarl vereinte gleich einige Kunstgattungen erster Güte an seinem Hof. So lassen sich neben alten holländischen Gemälden auch Teppiche, Buchmalereien, Juwelen und weiteres bestaunen. Seinen Reichtum betrachtete er natürlich nicht im stillen Kämmerlein, sondern rieb ihn gerne mal seinen beiden Lehnherren, dem König von Frankreich und dem Kaiser von Habsburg unter die Nase. Ganz schön protzig, der gute Karl.

Man bekommt aber auch Karls weiche Seite vor Augen geführt. So lernt man gleich im Treppenaufgang, dass Karl ein sanftes und höfliches Kind war, das Musik mochte.

Kaum hat man sich aber mit dem burgundischen Herrscher des 15. Jh. angefreundet, muss man erfahren, dass dem Karlchen so einiges missglückte und vor allem, dass die Eidgenossen wesentlich zu seinem Sturz beitrugen.
Nun fing ich gerade an, ihn zu mögen, wie fühle ich mich da jetzt als Schweizerin?

Nicht alle Gemüter scheinen jedoch so empfindsam zu sein und so schwellte, trotz des Wissens darum, dass Karl ein sanfter Musikliebhaber war, stolz die Brust des einen oder anderen, als er/sie die raumfüllende und musikalisch untermalte Präsentation der Schlacht von Murten sah.

Karl, der seine Laufbahn so hochmütig und kühn begonnen hatte, starb schliesslich nackt und alleine auf dem Schlachtfeld. Da wird es schon fast gefühlvoll im historischen Museum, wer hätte das gedacht? Ein Stück Geschichte sehr reizvoll präsentiert, – absolut zu empfehlen, auch und gerade Geschichtsmuffeln!!!

Max Frisch oder mein Ruf an den Frühling

janna am Mittwoch den 16. April 2008

Portrait FrischEin sicherer Wert bei dem momentanen Wetter bleibt das Kino. Und so verbringe ich die Abendstunden statt beim Grillieren im Kinosessel und bilde mich weiter.

Die Biographie, die sich dem «Bürger» Frisch verschrieben hat, lässt sich zwangsläufig nicht vom Weltgeschehen seiner Zeit abstrahieren, zu eingebunden und engagiert war Max Frisch, der grosse Schweizer Schriftsteller.

Auszüge aus Frischs literarischem Tagebuch, verbunden mit bewegenden Bildern der Zeit und Berichten von Zeitgenossen bilden eine anschauliche Geschichtsstunde in bestem Literatendeutsch.

Max Frisch, Citoyen Ein «Citoyen» war Frisch gewiss, ein Bürger der sich Bürgern mitteilen wollte. Er war kein Heimatloser und doch fühlte er sich nicht eindeutig als Schweizer. Der Film ist also keine Lobeshymne, sondern eine sehr objektive Annäherung an diesen grossen Schweizer Schriftsteller, wobei Persönliches weitgehend ausgespart bleibt.

Gegen Ende hin hatte ich aber doch mal genug von den gar vielen, schönen Worten und auch von den schwarz-weissen Kriegs- und Nachkriegsbildern, die mir so oder ähnlich schon bei Arte begegnet sind. Und dann noch das lästige Phänomen, dass ein Kinosaal scheinbar unheimlich schwierig zu beheizen ist!

Kurzum, der Film zog sich etwas in die Länge, und das Hüsteln im Publikum nahm zu. Nicht dass der Film uninteressant wurde, aber er war doch nicht so packend, dass man die halb abgefrorenen Füsse darob vergessen konnte.

Deshalb doch zum Schluss einen Appell: Schöner Frühling, komm doch wieder…

Bern feiert seinen Hodler

janna am Mittwoch den 9. April 2008

Christoph Blocher redet über KunstDie im Vorfeld kontrovers diskutierte Angelegenheit um alt Bundesrat Christoph Blocher lasse ich hier mal aussen vor. Oder genauer: Ich überlasse es Frau Götti das darzulegen. Nur soviel: der Wirbel um Blochers selbst gewünschte Bezeichnung als «abgewählter Bundesrat» hat Wirkung gezeigt; die Menschen kamen in Strömen um der Eröffnungszeremonie beizuwohnen.

Die Ansprachen zur Ausstellung waren rhetorisch gesehen keine Offenbarungen, dafür erfreuten die musikalischen und vor allem tänzerischen Intermezzi um so mehr. Der Tanz entpuppte sich als eine den Bildern Hodlers sehr adäquate Ausdrucksform.

Blocher war, und das ist gut so, nicht der einzige Grund für das Erscheinen zahlreicher Besucher. Eingequetscht zwischen Kunstliebhabern und der Berner Schickeria stand man schliesslich vor «den Hodlers» im Kunstmuseum.

Selbstporträts Ferdinand Hodlers Neben Bewunderung empfand man fast auch Neid auf die Kunstwerke, denen im Gegensatz zu ihren Betrachtern grosszügig Platz gewährt wurde.

So schlängelte ich mich neben der Berner Prominenz im Eilschritt durch die Ausstellung.
Wie zu erwarten, bietet sie eine Übersicht über das Gesamtwerk des Berner Künstlers Ferdinand Hodler, wie man es wohl noch nie zu sehen bekommen hat. Eine beachtliche kuratorische Leistung, die nicht nur die Berner, sondern auch «die Leute im Osten» (Zitat Blocher) im Museum der Bildenden Künste in Budapest beglücken wird.

Die Ausstellung läuft noch bis 10. August.