Archiv für die Kategorie ‘Museen & Galerien’

«Legt Feuer»

christian pauli am Freitag den 20. Februar 2009

Wir unterbrechen hier für kurz die Sendungen zum hiesigen Kulturschaffen und schauen via Vergangenheit in die Gegenwart. Vor genau hundert Jahren machte die französische Tageszeitung Le Figaro mit unten stehendem Artikel auf, welcher, würde er heute erscheinen, dem Chefredaktoren umgehend den Kopf kosten würde. Das war offenbar am 20. Februar 1909 nicht der Fall, aber der Artikel hat es fertig gebracht, dass man noch 100 Jahre später darüber spricht.

Frontseite von «Le Figaro», 20.2.09

«Legt Feuer an die Regale der Bibliotheken! Leitet den Lauf der Kanäle ab, um die Museen zu überschwemmen. Ergreift die Spitzhacken, die Äxte und die Hämmer und reisst nieder, reisst ohne Erbarmen die ehrwürdigen Städte nieder!»

Filippo Tommaso MarinettiEs war ein intellektuell-künstlerischer Amoklauf, mit dem sich der italienische Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti an die Spitze einer internationalen Kunst- und Aktionsbewegung schwang. Das futuristische Manifest, das Menetekel der Futuristen, erschienen in der Zivilisationsdämmerung vor dem 1. Weltkrieg, strotzt vor Radikalität.

«Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit (…) Ein Rennwagen, dessen Karosserie grosse Rohre schmücken, (…) ist schöner als die Nike von Samothrake.»

Was hat das alles mit uns und heute zu tun? Mir scheint, dass der bilderstürmerische Wut, die Technik- und Fortschrittsversessenheit der Futuristen heute längst eingeholt – oder besser – überholt worden ist. Mit dem Blick auf die Popmusik, der wir hier so stark huldigen, nenne ich nur drei Namen: Die Einstürzende Neubauten, Napalm Death und Kraftwerk. Ich behaupte jetzt mal: Marinetti hat die Lunte gelegt, die Punk und Techno später entzündet haben.

«Wir wollen dieses Land von dem Krebsgeschwür der Professoren, Archäologen, Fremdenführer und Antiquare befreien!»

Definitiv beängstigende Züge nimmt das futuristische Manifest an, wenn man sich vergegenwärtigt, dass wir uns, wie vor 100 Jahren, auch in einer Zeit weltweiter Krisen befinden, und wohl manch einer vom grossen Aufräumen und Wegwischen träumt. Für die Futuristen war die Krise eine grosse Hoffnung:

«Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt.»

Diesen Satz meint man auch heute immer wieder zu hören. Und ich vermute mal, dass dies zunehmend der Fall sein wird.

Krakelclip

Benedikt Sartorius am Sonntag den 25. Januar 2009

AKTUELL: Der Videoclip zu Reverend Beat-Mans Lied «The Beat-Man Way» gewinnt an den Solothurner Filmtagen den «Sounds & Stories»-Publikumspreis. Wir gratulieren herzlichst!


Heute darf ein Video des wunderbaren englischen Krakelkünstlers David Shrigley gepostet werden, das einmal mehr feinsinnig, lustig auch ein wenig schaurig ausfällt.

Leider hält die Shrigley-Ausstellung in der Zürcher Galerie Francesca Pia dann nicht ganz, was der Flyer mit dem Klettermann verspricht, da die gezeigten abstrakten Bilder den geschätzten minimalen Cartoon-Weg verlassen. Und wahrscheinlich ist David Shrigleys Kunst wesentlich teurer, als diejenige des Schnellzeichners Jim Avignon.

Artsouk im Dachstock

Manuel Gnos am Freitag den 5. Dezember 2008

Am Artsouk im Dachstock der Berner Reitschule werden die Kunstwerke versteigert, 04.12.2008. (Bild Manuel Gnos)

Nach zwei Jahren Pause gibt es im Dachstock der Berner Reitschule wieder einen Artsouk. Was gut ist, weil in früheren Jahren war ich nie da, weil mich dünkte, eine Veranstaltung mit einem solch eigenartigen Namen kann nichts sein.

Dafür war ich gestern da – und es hat sich gelohnt. Die grösste Freude war es, den Dachstock mal heller und wärmer beleuchtet und in fast schon gemütlicher Stimmung zu erleben.

Ich kam mitten in der Versteigerung, die zwischendurch etwas harzig lief, aber vom Auktionator und der Werkspräsentatorin charmant ge- und begleitet wurde. Jedenfalls hätte ich mich bei zwei, drei Werken fast zum Mitbieten hinreissen lassen.

Heute Abend geht der Artsouk 2008 in die zweite Runde. Wie ich mir habe sagen lassen, sei diese zweite Versteigerungsrunde lebhafter, weil die Beträge an die KünstlerInnen gehen. (Am ersten Abend geht das Geld an die VeranstalterInnen, damit diese die Unkosten decken können.)

Im Übrigen hat jeder Künstler und jede Künstlerin einen eigenen Stand, bei dem man einige Werke bestaunen und käuflich erwerben kann. Besonders empfohlen seien hier die Arbeiten von Silke Thoss, Märt Infanger, Onur Dinc, Renate Wünsch und Robert Butler. Bei Letzterem zum Beispiel kann man den Preis für Unterwäsche im Tausch gegen Selbstgebackenes um einige Franken drücken.

Heute ab 17 Uhr im Dachstock der Reitschule, Bar und Ausstellung; Versteigerung ab 20 Uhr; anschliessend Konzert von Hoo Doo Girl.

Kunst aus dem Laden

Daniel Gaberell am Freitag den 19. September 2008

In der Galerie Yamatuti zeigt die Künstlerin Olivia Notaro schöne Malereien von Dingen, die im Laden Yamatuti zum Verkauf stehen.

Allerdings nicht irgendwelche Catches, sondern ausschliesslich solche, die massenproduziert wurden. Zum Beispiel Barbapapa oder die klassische, gelbe Gummiquietschente.

Die fein ausgearbeiteten Portraits geben den Massenprodukten eine Identität und machen das Gummientchen plötzlich unvergänglich.

Die Bilder sind in einem schönen Goldrahmen zu erstehen (950 Fr). Und auch sehenswert: die mit goldenen Tupfen versehenen Galeriewände.

Noch bis 11. Oktober 2008

Malerarbeiten

Benedikt Sartorius am Donnerstag den 21. August 2008

Schnell ist die Kunst des Jim Avignon, dessen neueste Werke seit gestern in der Galerie Martin Krebs zu bestaunen sind. Schnell und grell und melancholisch.

Aufs schönste verbindet Avignon diese Facetten im titelgebenden Bild der Schau, «Everybody Has A Life To Loose», mit den typischen eckigen Gestalten, das gestern noch nicht verkauft wurde. Denn Avignons Kunst ist auch billig, zumindest preislich, so dass der Schreibende in Versuchung geriet, eine erste Anlage im Kunstsektor zu tätigen. Ich fahre später nochmals hin.

Als Neoangin, seinem musikalischen Alter Ego, bespielte der wunderbare Alleinunterhalter später am Abend das Café Kairo. Psycho-Orgeln, billige Disco-Sounds, dazu der falsche Gesang des vor seinen Wallpapers tanzenden Malers – raffiniert und ungemein unterhaltend.

Es war das Ende eines langen Tages für Avignon, der an der Vernissage seine Mal-Schnelligkeit unter Beweis stellen musste, quasi die Zugabe vor der Zugabe.

Avignon malt

Kunst die garantiert nicht jodelt

janna am Montag den 7. Juli 2008

KKLFür wen das Jodlerfest kein Grund war, nach Luzern zu kommen, dem empfehle ich, der Kunst wegen nun einen Sommerausflug dorthin zu machen.

Die beiden zur Zeit laufenden AusstellungenBlasted Allegories“ und „Schweizer Meister“ bilden eine gute Fortsetzung zu der momentanen Ausstellung „Intermezzo – Die Sammlung in Bewegung“ im Berner Kunstmuseum. Es scheint im Trend zu sein, den Museumsbesuchern wieder einmal all die verborgenen „Keller“-Schätze zu zeigen und zwar mit Recht, wie man sehen kann.

Blasted Allegories“ gibt zum ersten Mal einen tieferen Einblick in die Sammlung Ringier. Es ist erstaunlich und wirkt schon fast etwas protzig, wenn man hört, dass diese Fülle von hochstehenden, modernen Werken, die man im Kunstmuseum in Luzern nun bestaunen kann, nur einen Zehntel der gesamten Sammlung Ringier ausmachen. Nun ja, geniessen wir statt zu beneiden, das ist wohl das einzig angebrachte.

Douglas Gordon, Durch eine kleine „Indoor“-Brücke, die den Blick auf den See freilässt – danke Herr Nouvel, das haben Sie schön gemacht – tritt man in die Welt der Schweizer Malerei. Ich gestehe, ich bin nicht der grösste Fan dieser etwas schweren Schweizer Kunst, aber an der Qualität und der Vielseitigkeit, mit der die Werke der Bernhard Eglin Stiftung aufwarten, ist gar nichts auszusetzen.

Beide Ausstellungen zusammen brauchen viel Schnauf, bieten aber auch einen wunderbar vielseitigen Kunstüberblick.

Wer wagt, gewinnt

janna am Mittwoch den 25. Juni 2008

Fotografie von Balthasar Burkhard Möchten Sie, liebe Leser, wieder mal Ihre rebellische Ader ausleben und etwas ganz Verrücktes machen? Dann hätte ich einen Vorschlag für Sie:

Gehen Sie beim nächsten Kunstmuseumsbesuch einfach mal an der Menge vorbei. Gerede und argwöhnische Blicke dürfen Sie nicht entmutigen. Wagen Sie es, die Hodlerausstellung links liegen zu lassen und dafür die neu zusammengestellten Berner Bestände zu begutachten.

Gemälde von Franz MarcNachdem sich der Nervenkitzel des Alleingangs etwas gelegt hat, werden Sie merken, dass er sich gelohnt hat.

«Intermezzo» verknüpft die Werke nach Themenzusammenhängen. Werke des Mittelalters hängen neben solchen des 20.Jh. und eröffnen so hoch interessante und wunderbare Zusammenhänge.
Eine Art der Präsentation, die die Reize der Kunst sehr schön zur Geltung bringt.

Mehr oder weniger alleine flaniert man durch die verschiedenen Themenräume und erhält ganz nebenbei eine anregende Lektion in Sachen Kunstgeschichte. Sehr spannend!

Paradise Lost

Grazia Pergoletti am Sonntag den 22. Juni 2008

Die Satane Jann, Suske, Maak und Pergoletti

Hinweg also, und reiss das Böse auch,
Das Dir entsprang, mit in die Hölle fort.
Dort spinne Ränke. Eh dieses Racheschwert
Dich richte oder schneller noch, von Gott
Beflügelt, rächend Dich ein jäher Zorn
Hinunterstürze mit vermehrter Pein.

Sagt Michael und stürzt sich auf Satan, mit einem Plastikschwert ausgerüstet, es folgt ein wüster und absurder Kampf mit allerlei Spielzeug, kommentiert von den beiden Reportern Engel Gabriel und Engel Raphael.

So geschehen gestern beim Zentrum Paul Klee, wo auch heute Sonntag um 12 Uhr und um 14 Uhr die szenische Installation mit Texten aus John Miltons sprachgewaltigem Werk «Das verlorene Paradies» noch einmal zu sehen ist (Treffpunkt bei der Scheune auf der Wiese unterhalb des ZPK).

Warum hat Satan Eva verführt? Die Vorgeschichte dazu wird hier «plausibel» erzählt. Spannung! Komik! Tragödie! Und Musik von One-Shot-Orchestra-Mann Jacob Suske. Und: Für die ZuschauerInnen gibts genügend Schatten, nur uns Satanen brennt die Sonne immer wieder erbarmungslos auf den Schädel.

Was? Wie? Iiihhh!

janna am Samstag den 14. Juni 2008

Zwei Wochen lang verwirrten nun kopflose Geschlechtwesen die Passanten der Speichergasse in Bern. Lösten lachendes Gebrüll aus, gerade bei den etwas angeheiterten, mehr des Sportes als der Kunst wegen angereisten Passanten. Oder aber es gab Kopfschütteln und pikierte «iiiihh»-Rufe bei «seriösen» bis prüden Betrachtern.

Und dann gab es noch diejenigen, die sich gerne eine solche Figur als Zierde für den Garten gekauft hätten. Ein Geschlechtsteil, das im Garten zu einem eigenständigen Wesen erwacht – ein privater Sommernachtstraum?

Diskussion der Geschlechter

Eine Kunstinstallation, die es wieder mal schafft, Emotionen und Diskussionen unterschiedlichster Art hervorzurufen. Realisiert wurden diese Figuren von drei Künstlerinnen Mickry 3 aus Zürich. Drei junge, hippe, ganz der Zürcher Szene entsprungene Typen, die es freut zu provozieren.

Und was löst diese Installation bei Ihnen aus?

Nicht nur für Autofreaks!

janna am Donnerstag den 5. Juni 2008

Anstatt nach Basel zog es mich gestern aufs Berner Land, an die Nationale Kunstausstellung des Historischen Autofriedhofs in Grübetal, wo ich mich auf einen Rundgang begab, der Kunst, Natur und rostendes Blech zusammenführt.

Zwischen, auf, in und neben den Autoleichen des Autofriedhofes von Grübetal ist, dank der Initiative des Ex-Kulturministers und Künstlers Heinrich Gartentor, wunderbare Kunst von verschiedenen Künstlern zu entdecken.

Auch ohne ein inniges Verhältnis zu dem Blech auf vier Rädern zu haben, rühren einen die Autowracks merkwürdig an. Die Künstler haben es verstanden, mit der Ästhetik der „verwesenden“ Autos umzugehen. Dank ihren künstlerischen Eingriffen erzählen sie die Geschichten der Autos weiter und hauchen ihnen neues Leben ein.

Protziges gelbes Auto

Mitleid erregend wirkt so ein altes Wrack, das unablässig versucht, noch einmal in die Gänge zu kommen, ohne jede Einsicht in sein Alter. Ganz anders ein gelbes, neues Auto, das mit seiner grellen Farbe taktlos auf dem Friedhof rumprotzt! Damit sind nur zwei der vielen Charaktere genannt, die sich da auf dem Autofriedhof tummeln.

Eine wunderbare Begegnung also, die einen an einem Waldrand in der Berner – Verzeihung – Pampa erwartet! Ein Ausflug, der sich lohnt. Hier nun aber besser die Wegbeschreibung, bevor Sie, liebe Leser, noch an irgendwelchen Waldrändern, erschöpft ob der langen Sucherei, „stranden“.