Archiv für die Kategorie ‘Kopf & Kragen’

Bern schrumpft

Mirko Schwab am Mittwoch den 16. Mai 2018

Bümpliz – Casablanca. Kleine Hommage an eine Küche.
Mit Bildern von Jessica Jurassica.

Die Fahrt nach Bümpliz Süd dauert zwei S-Bahn-Stationen. Am Bahnhofskiosk, in dem eine Migros-Tochter eingemietet ist, kann man Tabak kaufen und einzwei Dosen. Weil Migros-Töchter dürfen eben Tabak und Ztrinken. Und deshalb sind die Avecs und Migrolinos auch gern an diesen Vorstadtbahnhöfen, wo sich zu fast jeder Tageszeit ein Grüpplein hustender Vorstadtcowboys zum Tabaktrinken und Schäumleinmähen einfindet und zum Rock hören über Bluetooth. Zwischen Bahntrasse und Wald pfeift die Freiburgstrasse in die Agglomeration hinaus, also hat es Garagen. Säuberliche Autogaragen wie zum Beispiel die Th. Willy AG (A. meint auf Google: «Es war sehr befremdlich, ich fühlte mich nicht willkommen in dieser Garage. Der Berater den ich hatte war nett.» A. vergibt drei Sterne.) Exotischere auch. Balas Autoservice etwa würde einen ganzen Text verdienen, so arbeitsintensiv und wahrscheinlich sinnlos das Herumrangieren verbeulter Schrottkarrossen, so freundlich sein Grüssen und so grüsig seine Art, den Frauen nachzuspienzeln, wohl bis heute geblieben sind. Ein paar Häuser weiter haben wir gewohnt, Hausnummer 354, 3018 und fünf vor Niederwangen sozusagen – weit weg war die Sandsteinstadt, viel weiter weg, als es die Postleitzahl verraten hätte.

Der Käfigturm schlägt eine weitere vergangene Stunde an, immer fünf vor oder schon zu spät, aber nie pünktlich lässt er seinen Glockenschlag durch die Gassen fahren. Die Tür klingelt und ich öffne die Tür. Jemand kommt vorbei und trinkt Kaffee oder bringt etwas zu Essen oder Tabak oder Dosen. Bringt Euphorie oder zumindest Sauflaune, bringt Trauer oder zumindest Melancholie, bringt Geschichten oder zumindest Geschwätz, bringt Freunde oder Fremde oder Fragen, bringt Drogen oder fragt nach welchen, bringt Luft von draussen, zum Lüften, zum Ablassen, bringt etwas jedenfalls herein in die vernebelte Küche und im besten Fall sich selbst. Ich sitze dann meistens an meinem Rechner und rauche Kette.

Früher bin ich rausgegangen, um «in die Stadt zu gehen». In Bern meint man damit sehr spezifisch die Altstadt und schon in der Lorraine fragt man sich abends vielleicht, ob man noch «in die Stadt» gehen soll. In den Köpfen nämlich ist Bern noch so gross wie vor vierhundert Jahren. Auch als wir später «in der Stadt» eingezogen sind, als unsere Strasse zu einer Gasse wurde und aus dem blauen Strassenschild ein gelbes, auch da bin ich zuerst noch rausgegangen. Doch der Umkreis wurde kleiner, die Aareschlaufe zog sich zu. Nur mit guten Gründen schaffte ich es in die Länggasse oder nach dem Breitsch oder westwärts weg. Und jetzt lebe ich in dieser Küche. Meine Matratze ist zwar woanders, sie hat knapp Platz in der Waschkombüse, doch – ausser um zu schlafen, ausser um zu ficken in den besseren und zu onnanieren in den schelchteren Zeiten oder eben zum Wöschen hin und wieder – bin ich da doch selten.

Jetzt lebe ich in unserer Küche. Das wäre traurig, sicher, aber es ist unsere Küche. Wenn man alleine ist, kann man darin gut schreiben. Öffnet man die Fenster, kommt die Allgemeinheit herein, das öffentliche Allerlei, die Strassenmusik. Öffnet man die Tür, kommen Menschen, die sich selten anmelden, weil immer jemand hier ist. Legen die Hand aufs Herz, zünden den Tisch an oder ziehen sich aus. Das ist auch ein Liebesbrief an sie. Sie machen unsere kleine Küche gross und kochen ihr eigenes Bern darin ein.

Liebe BesetzerIn

Mirko Schwab am Freitag den 30. März 2018

Ich bin einer eben dieser, die du der doppelten Moral bezichtigst. Ich mache Musik für Geld (manchmal) und organisiere Musik für Geld (sometimes) und schreibe über Musik für Geld (pafrois).

Dieser Text erscheint nur deshalb, weil die Mutter der Selbstbereicherung, Ta-mère-dia!, so sehr keinen Fick auf dieses Blog gibt, so sehr, dass sie nicht nur keine anständige Entlöhnung aufbringen mag für die Zeilen, die wir aus uns herausprügeln (ajvt). Sie nimmt wahrscheinlich nicht mal Notiz davon und ich kann hier also treten, schreien, quängeln im Schatten meiner fetten und trägen Mutter.

Darum lass uns über Selbstbereicherung reden. Und lass uns das am Beispiel meiner fetten Mutter tun. Und am Beispiel der Reitschule und ihres Dachstocks, der schon lange leise und jetzt mal wieder laut in die Kritik geraten ist, Kollateralkritik, ich weiss, aber eben latent – und Kritik vielleicht auch von dir. Weil du findest, dass der Kommercedes Benz hier falsch parkiert habe, weil du findest, dass die Bilettpreise zu hoch seien oder die Barpreise oder die Bühnenkante. Und weil du glaubst, dass sich da oben Menschen auf dem Buckel anderer oder zumindest auf dem Buckel einer Idee selber bereichern würden.

Was ich sehe: Im Dachstock wird Geld verlangt von Leuten, die bereit sind, Geld zu zahlen für die Kunst. Die Preise liegen weit unter dem, was der Markt (who dat boy?) rechtfertigen würde und zwar deshalb, weil da oben fürs Putzen und fürs Plakatieren alle gleich viel verdienen. Wenig. Einige leben davon. Dann vielleicht ermöglicht ihnen die mit Herzblut und einem glühenden ideellen Überbau (heisst: sinnvoll) verrichtete Arbeit eine Existenzgrundlage. Bleibt Geld übrig, wird es weiterverwendet. Für die Kunst, die sich nicht «lohnt» und für die Politik des Mittelfingers, den auch ihr erhebt.
Zwischen dieser Existenzgrundlage als Nährboden und der Selbstbereicherung besteht ein grosser Unterschied in der Welt, wie ich sie verstehe.

Zurück zur fetten Mutter. Die verlangt auch Geld für ihre Idee, den Journalismus. Im Unterschied zum Dachstock aber, der für seine Idee bereit ist, weitgehend auf Gewinn zu verzichten – individuell auf höhere Löhne und kollektiv im Nullsummenspiel – im Unterschied dazu lässt die fette Mutter ihr einstiges Innerstes langsam verkümmern und wirft es dem Markt (who him is?) vor zum Frass, investiert nach dessen Logik gerade dort, wo die Gewinne stimmen. Und anstatt den (noch dazu oftmals schmutzigen) Profit zurückzugeben an eine sinnvolle Idee, an eine Philosophie, schaut sie zu, wie sich das Geld schön weitervermehren lässt in den Mühlerädern sinnleerer, trauriger Selbstzweckbranchen oder schiebt sich den Gewinn gleich selbst in ihren faltigen, fetten Börsenarsch.

Es scheint mir wichtig, auch in grundsätzlicher Kritik in Verhältnissen zu denken. Wir, die Heuchler, die sich auf das Spiel einlassen, Geld nehmen und versuchen, etwas Sinnvolles vielleicht oder etwas Schönes immerhin damit zu treiben oder einfach nur zu leben von dem, was wir auzudrücken haben – wir sind am Seilziehen gegen die Selbstbereicherer, Kulturfeinde und Egoisten.

Willst du dieses Seil zerschneiden? Nur, damit die Lager eingegrenzt wären und die Feindbilder einfarbig? Damit es endlich nichts mehr zu diskutieren gäb?

Dass die Reitschule ein Ort ist, der sich grundsätzlich mit der Welt auseinanderzusetzen hat, ihre impliziten und expliziten Verträge brechen darf, ist richtig. Es hat sie zum wichtigsten Ort dieser Stadt gemacht. Dass die Reitschule auch ein Ort ist, der Teile der Welt, wie sie ist, anerkennt und dank dieser Anerkennung die Welt von innenher verändern kann, ist genauso richtig. Es hat die Reitschule vielleicht über die Zeit gerettet.

Mit dem Dachstock lässt sich reden.
Die fette Mutter hört mich nicht.

Liebe.
mrk

Lüttich, Alabama

Mirko Schwab am Freitag den 2. März 2018

«Oh, kann das jemand für mich reinstellen? Mein Compi ist abgeschmiert.» Sure thing, Fischer le Grand!

«Der Donnerstag ist ja längst der neue Freitag, in Grossstädten wie der unseren. Zumindest an manchen halbschattigen Plätzen, zum Beispiel in irgendso einem Wohnzimmer in Unternull-Stockwerken, an Unternull-Tagen. Und so wird der Les-Amis-Keller jeden ordinären Donnerstag Abend zu Thursday Le Grand, mit Querbeet-Konzerten und anschliessendem Plattenlegen. Gestern brachte das illustre VeranstalterTeam zwei Belgier in den Keller, die besser als Südstaatler denn als Nordnachbarn durchgehen würden. Wild und einigermassen dreckig war das, musikalisch wie textlich. Metoo klammern wir jetzt mal grosszügig aus. Ein wenig wie an der Fasnacht vielleicht: Manchmal muss man auch über die Stränge hauen, um die Stränge zu spüren. Guggenmusik für Leute mit ein bisschen mehr Menschen- und Musikverstand.»

Aber Fischer, seit wann ist denn Belgien unser Nachbarland? Ach, Europa.

Dieser Schrieb wird Ihnen präsentiert von der Tamedia AG

Mirko Schwab am Samstag den 24. Februar 2018

Die Widersprüche aushalten. Es ist so ein Satz, den mein lieber Bongoboi Urs gerne einschiebt, wenn sich die Fronten zu verhärten drohen, der Diskurs Fratze zeigt statt Fruchtbarkeit. Es geht um das Dazwischen und die Demokratie. (Und um «Duscholux»!)

Die Widersprüche aushalten. Nichts beschreibt die Sandsteinstadt, in der wir leben, wohl besser als dieses Leitmotiv.

Bild: Jessica Jurassica

Und eines ist sicher: Das Wort «Diskurs» in der Kopfzeile hat noch nie jemanden zum Weiterlesen eingeladen und also Gratulation von Herzen, wenn Sie jetzt noch bei mir sind. Aber zwischen all den lustvollen und aus Überzeugung treuen Kulturgängen und Rezensionen, nebst dem Blick fürs Spezifische, nebst Rosinen, Ausschnitten, Momenten und all den Nahaufnahmen aus der Mitte unseresgleichen, im Abseits vielleicht (ihr Wichser!) – da könnte kurz Platz sein für die Frage nach den sandsteinernen Rahmenbedingungen und einer kollektiven Identität im Widerspruch.

Mach mal halblang (that’s what she said!). Was meinst Du zu erkennen?

Ich lebe zwischen Bundeshaus und Polizeirevier über den Stromleitungen der Strassenbahn, über Strassenmusik und Guggenmusik, über den Stromwegen des Tourismus, der Gschaffigkeit und des Rumlungerns. Eidgenossen und Marcellos Casa und das Bellevue-Fumoir sind sich nah. Projektionen am Parlament erklären mir die Schweiz in Bild und Ton, dann hat das Bürgertum eine Schlöf hingemacht, dann ist Markt. Dann ist Umzug dagegen oder dafür, Alertalerta. Amt und Bank, Armut auf Bänkli, Schachspielen und mit Drogen dealen. Irgendwo dazwischen sind wir alle.

Vorgestern las ich Rysers brillanten WOZ-Report über Kokain. Auf Kokain. Gestern gab ich mir Battlerap, freute mich an Punchlines like «Ich hab mit deiner behaarten Mutter Analsex auf Speed», diskutierte über Feminismus und war gut zu einer Frau. Heute gehe ich ins Stadion und schreie in der Kurve aus Linken und Rechten, Idioten und Gescheiten, Stadtchauvinisten und Landeiern, lasse mich von Werbung penetrieren bei jedem Eckball, jeder Einwechslung, jeder Gelben Karte, obwohl ich wirklich keine «Lust» habe auf ein neues Bad, fick dich «Duscholux» oder befriedige dich selber mit der Brause, ich gehe ins Stadion und träume von einem Meistertitel, der eigentlich wertlos, eigentlich sinnlos und doch aufs Ehrlichste mit meinem Glück – und dem vieler vermeintlich sehr anderer – versponnen ist.

Google fragt irgendwas, ich stimme zu.
Avocado kommt von irgendwo, ich lange zu.
Du sagst irgendwas, ich höre zu.

Im Dazwischen sind wir alle. Und das ist unser Glück. In unserer kleinen Sandsteinstadt verdichtet und verdoppelt sich der Widerspruch, denn wir sitzen alle am selben Tisch und im selben Tram. Sind selbst schon wandelnde Widersprüche. Auch wenn wir uns auf dem Dachboden verschanzen, Transparente aus den Fenstern hängen, Blasen aufblasen, Mauern hochziehen, gescheite Dinge behaupten und dumme Dinge schönreden (s/o to myself!) – es ist zu eng hier im Sandsteingemäuer, als dass wir uns nicht grüssen würden oder auf die Schuhe stehen und uns miteinander zu konfrontieren haben.

Es ist zu eng unter der Hirnrinde, als dass wir uns nicht selber ständig widersprechen würden. Das ist unser verdammtes Glück.

Was 2017 schief lief

Milena Krstic am Samstag den 20. Januar 2018

Zum Jahresende hin sind sie überall aufgepoppt: Die Bestenlisten. Beste Lieder 2017, beste elektronische Musik 2017, beste Pop-Rock-Lieder 2017. Es gab Listen für die Schweiz und separate für die ganze Welt. Sie wissen schon. 

Als Musikjournalistin weiss ich, dass solche Listen nie objektiv erstellt werden. Da sind Menschen dahinter, die sich für Musik interessieren, sich die Lieder wirklich anhören und dann ihre Lieblinge zum Jahresende hin auflisten. #legit und genau so soll das auch sein.

Als Musikerin weiss ich, wie weh das tut, selbst nicht auf so einer Liste zu sein. In solchen Momenten, wenn die Journalistin grad nix zu melden hat und die Musikerin an fehlender Aufmerksamkeit leidet, ja in solchen Momenten dann kommen mir Listen wie diese, welche ich Ihnen in diesem Beitrag präsentiere, gerade recht.

Sie heisst «Shit that went wrong in 2017» und wurde geschrieben von Tetsuo, Bandmitglied von den Revolting Puppets, die seit einiger Zeit mit ihren gloriosen Leuchtirokesen immer mal wieder auftreten. Ich habe die Band noch nie live gesehen, aber ich mag ihre Blogeinträge. Darauf aufmerksam geworden bin ich Dank einem Beitrag zum Thema Spotify, der übrigens auch sehr lesenswert ist.

Item. Back to «Shit that went wrong in 2017». Tetsuo erzählt von gloriosen Plänen und davon, dass diese dann nicht umgesetzt werden. Davon, dass es schwierig ist, einen neuen Drummer zu finden. Davon, dass Facebook ein Arsch ist, weil es will, dass wir für unsere Beiträge bezahlen, damit sie überhaupt noch prominent angezeigt werden. Und er erzählt von der Müdigkeit darüber, ständig nur Erfolgsgeschichten zu lesen.

Es ist doch immer ein Mix aus beiden, aus Erfolg und Misserfolg, aus Ägeileha u Downsii. Ich lege mal wieder etwas auf die Fail-Waagschale. Lesen Sie hier einen exklusiven Repost von

Shit that went wrong in 2017

Are you tired of reading everyone’s success stories?

We naturally tend to only present all the good things that are happening in our lives, wich is not to blame, but it leaves us with a distorted image, of our friends live compared to ours.

And its no different being in a Rock-Band. Sometimes people would come to us and say “Hey, you seem to be on a pretty good run with your band” when we were personally in a spot thinking we were absolut shit and no one really cares about us. Because we only share the good things.

So, in order to correct that, here’s a list of all the shit that did not go the way we planned or wanted to, all the fails and disappointments of 2017. (Just to make you feel a little bit better about yourself hopefully)

Delays, Delays, Delays

There were so many things we wanted to do last year. Recording “Dear MTV”, releasing it as our first single, making an awesome short-film videoclip for it. None of it happend. We simply were not ready yet. Having great ideas, but have to keep them on hold is frustrating, even though sometimes necessary.

Recording live for our EP

We recorded two gigs in order to get enough material together for our first release. The sad thing about it was that we had songs that we would have loved to be on the release, but honestly were just too badly played. So in the end we were not free to just pick the ones we liked, but had to pick the ones that were technically not the worst of the worst.

EP marketing campaign

Boy, did that thing go wrong in the beginning. We put so much work into press kit, mailing in 4 languages, collecting addresses of blogs, radios, newspapers, sent out around 250 e-mails and the resonance was 0. Null. Absolutely nothing. Well basically nothing, of the 250 mails, probably only around 25 got even read. But no answer back, nada. It would take up to 2 months, when we first got mentioned on a blog we contacted. From then on it went a bit better. But to be honest, we expected more. Maybe we were naiv, or just did not know enough about modern day marketing.

We lost our drummer

Maybe not the worst thing that happened, since we now have a new one and are very happy about it, but it was still a bummer. Although we parted in good ways and there were no bad feelings on both sides, it still meant investing time in finding a new one, being uncertain about what the future will bring us and how fast we would be back on track again.

So that was it, all the things that went wrong this year, it was not easy, but it was still fun enough to go on with everything.

Oh yeah and by the way, fuck you facebook, for not showing ur posts to our fans anymore unless we pay. We probably have to think about a new way to connect to you all soon….(and yes, just for the irony, this will be posted on fb too)

Hier gelangen Sie zur Originalveröffentlichung. Man munkelt, die Revolting Puppets träten im Februar wieder auf. Stay tuned.

Näbegrüsch zu Stärbegrüsch

Mirko Schwab am Freitag den 12. Januar 2018

Papi stürzt sich wiedermal ins Chaos und macht dabei eine gute Falle. Die Boys tollen. Ja: 2018 könnte die generationelle Tektonik dem Rap-Eiland Bern zu neuen Vulkanausbrüchen verhelfen.

Back inna days hat Greis über seine Pumaturnschuhe nachgedacht. Es war eins vor Millenium und ich so fünf vor zwölf, Neocolor und immer Räuber, nie Poli. Pit hätte mir vielleicht auf dem schneebedeckten Roten Platz die Fresse gewaschen im Kalten Krieg 19hundert99. (Und immer Para wegen den Albanern aus der Para.) Iroas hat womöglich mit japanischen Spielkarten gehandelt oder die Kleinen um wertvolle Glitzer-Panini betrogen. Roumee hat indes wahrscheinlich Fantasyromane gelesen. Oder Nietzsche.

Back inna days, als die Trams und Busse noch
und wir auch grün hinter den Ohren,
naseweiss und der Winter noch,
so blauäuig und der Rote Platz.

(«Nostalgisches RGB»
s/o to Marc von der Kommentarspalte)

Fast zwei Dekaden später betrachtet sich Greis, da er auf dem Sofa liegt und Fazit zieht, ein Zwischenfazit immerhin. Sosolala, naja. Roumee hat ihn mittlerweile bart- und bars-technisch frech eingeholt und ist nun um die Consciousness bestellt. Iroas und Pit machen wie immer schöne Punchlines. Der Beat ist aus dem besten Gestern – es ist ein Fest für Jung und Alt. Das könnte natürlich alles peinlich sein, wenn sich Papi G. nicht die feinsten Gangsterklamotten übergezogen hätte, nicht ein so stilsicheres Spiel triebe in seiner Greisen-Rolle. Denn den Hiphop muss man dieser Bande wahrlich nicht erklären. Und so macht einer auf dem Sofa liegend, laisser faire die beste Falle. Derweil sich rundherum die Kleinen – «Stich Stich Stärbegrüsch» – verbal auf die Rübe geben, der kompetitiven Brüderlichkeit frönen und das stabile Code-Repertoire des Berner Chaos-Rap bespielen. Schön auch, dass es einem dabei nicht langweilig wird.

Sie haben eine Songkritik erwartet? Nice.

Und schliesslich hört man munkeln, dass zwischen PVP und Chaostrupp eine sogenannte One Love im Gedeihen begriffen. Wir wünschen gutes Gelingen und freuen uns schon auf den nächsten Bubenstreich.

Letzte Runde №1: Albert Einstein

Mirko Schwab am Freitag den 18. August 2017

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade …
Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Letzte Runde!
Heute mit Albert Einstein
.

«Und deshalb ist es gut, dass du einmal stirbst» hat er ihm gesagt und ein selbstgerechtes Lächeln hinterhergereicht. Der andere, schon deutlich ältere der beiden Feisten, die sie da sassen und Stangen tranken und Stangen rauchten, sagte darauf nichts. Auch ich fand es recht frech. «Doch, lueg», setzte er nach, «du hast jetzt vielleicht noch deine Ressentiments gegenüber den Neuen, genauso, wie deine Eltern damals, als die Tschinggen raufgekommen sind.» Vom Gesprächsthema verdrossen bemühte ich mich um schnelles Rauchen. «Aber deine Eltern, die sind jetzt tot» raunte er schnörkellos «und den Ernesto, weisst, der von Bethlehem, den findest du ja auch einen Geraden.» Und genauso gehe es dann der nächsten Generation mit den Neuen. Und eben deshalb sei es gut, sagte er, «dass du einmal stirbst.» Also doch: Ein Satz von kühner Weisheit.

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This Is The Funniest Metallica Shred Ever Made. Period.

Mirko Schwab am Donnerstag den 27. Juli 2017

«About the absence of women and the presence of hair.» Die Berner Buckelkatze Roger F. grätscht gesellschaftskritisch ins Stadionkonzert.

Viermal brüderliches Reiben mit Mähne.

Was ist ein Shred? Mensch nehme einen Filmauschnitt eines auf allen ebenen übersättigten Grosskonzerts, eines Events; starring zu viel weisse Mannen mit phallischen Gitarren auf einer zu kolossalen Bühne, zuviel Lichtschau, zuviel mass hysteria – und unterlege den Ausschnitt mit einer Neuinterpretation des Originalsongs in extra verschissen. Ein Attentat auf die hegemoniale Zurschaustellung der eigenen Macht im Popkanon oder auch einfach ein schadenfreudiges Spässchen.

In meiner Fantasie allerdings stecken dahinter Frauen aus aller Welt, die den licks-wichsenden Bühnenchauvis einen reinbremsen. Nicht die generationell-zyklische Lust am Vatermord also, sondern eine feministische Briefbombe wird hier in die youtube trends geschmuggelt. Und auch wenn die meisten der abertausend auffindbaren Shreds inna Interwebs wohl ein sauglatter Einfall gelangweilter weisser Kifferjungs sind, bietet dieses Digitalgenre doch einiges an politischer Projektionsfläche.

Roger F. – White Men With Guitars (Schnitt: Roger F. und Giorgia P.)

 

Wohl auch für Roger Fähndrich also known as Roger F., der gerade seinen Protestsong «White Men With Guitars» im Shredgewand ins lokale Internet abgelassen hat. Nicht einfach als Videoclip, wie er betont haben möchte, und auch mitnichten nur als weitere Metallica-Verballhornung. Nein, hier sind wir erst an der Oberfläche dessen, was Fähndrich mal wieder an subversiver Buckelkatzen-Action bereithält.

Der Text erzählt uns von der Vormachtstellung des weissen, männlichen Gitarrenhelden und seiner Inszenierung als Rebell und Prophet einer besseren Gesellschaft, besserer Werte, die nichts weiter mehr sein kann als ein billig tapezierter Marketinggag und letztlich der Selbsterhaltung ebenjener dicktatur zu dienen hat. Und also sind wir angehalten, nie!, nie mehr zu verfallen diesen white men with guitars als Marionetten von Marionetten. Besser mal das eigene Büchlein plündern und sich rausnehmen aus der ganzen Scheisse. Empfiehlt uns Roger F., weisser Mann mit Klampfe. Ein Widespruch, der keiner Auflösung bedarf und dem Protestsong verleiht, was ihm traditionell fehlt, eben auch den brusthaarigen Gitarrenhelden und ihren Verkündungen fehlt: Ironie.

Weil hier nach Aussage des Interpreten nichts verkauft werden will, kein Promo-Porno abgezogen wird, verzichten wir auf die – an dieser Stelle übliche – Verlinkerei zum Werk. Stellvertretend sei dafür auf meinen Lieblingsshred verwiesen. Und auf der Krstics Lieblingsshred.

(Appendix: Die grössten Freuden bereiten solche Filmchen übrigens dann, wenn die originale Irritation der Band, wahrscheinlich über einen Monitormix, der geringfügig anders geraten als auf den vorangegangenen 157 Konzerten der Welttournee, wenn dieser kurze Moment der Unsicherheit also mit einer besonders miesen Stelle im Shredtrack zusammenfällt. Love that.)

Bis zum letzten Lied

Mirko Schwab am Samstag den 15. Juli 2017

Wenn du dann am Boden bist. Ein Abend am Gugus Gurten verendet existenziell.

Masturbieren im Tram. Vorlage: Wie scheisse das konsumfreudige Festvolk wieder einmal ausschaut. Wie ich es so gar nicht beneide um die vier Tage auf dem Plastikberg; Müll ist, was ihr fresst und Müll ist, was ihr hinterlassen werdet. Dazwischen living la vida locker im Billigrum-Dom, geilon gröhlen gröhlen, bis ihr euer letztes Lied in eine Pissrinne hineinsingt. Zielgruppe ist alles, was ihr da oben noch seid, denk ich mir und finde den Gedanken so schmissig, dass es mir die Lippen kräuselt. Alles, was ich will ist: nichts mit euch zu tun haben.

Und so gebe ich mich schamlos meinem gigantischen Dünkel hin und spucke die paar vergifteten Zeilen auf euch herab. Die eigene Komfortzone fährt indes mit, schliesslich habe ich einen guten Grund, mich mit dem Strohhutpöbel an den Fuss des Hausbergs spülen zu lassen. Es ist wieder Gugus Gurten. Und es ist Gegengift gegen die Misere da oben, deren ganzes Ausmass sich an der Anekdote vom Auftritt eines umjubelten amerikanischen Hitparadenrappers verdichtet, der es eine gute Idee fand, nach ein paar konsenspolitischen Fausthoch-Liedern ein Stück über 1 Turnschuh einzustreuen mitsamt auf Grossleinwand eingeblendetem Markenlogo. 2k17 scheint daran niemand innerlich zu zerbersten. Aber von der LED-Leuchtfratze des füdliblutten Kapitalismus zurück zur parallel anwesenden Komfortzone im Nünitram: the good people, rasch erkannt an den Oberflächlichkeiten, Birkenstock-Hippie-Chic ohne Bändeli – lass uns doch bei einzwei Ingwerern über Toleranz, Inklusion und das Miteinander diskutieren …

Dreivier. Die Gruppe Melker wird gleich den Robin H als Hedo-Hero besingen, ich bleibe derweil fürs Erste bei der Einstiegsdroge Alkohol, bis dass das Herz mir milder wird. Diese Geschichte hat hier nämlich, ich muss darauf hinweisen, weil mir die Schreibe ob all der Bitterkeit zu entgleiten droht, einen reinen Moment für einen wahren Helden. Er heisst Thomas, kümmert sich um die Anmoderation der Auftretenden und ist der geilste Siech auf dem Platz, den man ihm an zu manchen Orten gar nicht einräumen würde wegen seiner eigenartigen Art zu sprechen. Und damit geradezu blind ein Höchstmass an Hingabe und Humor übersähe. Fünfsechs.

Durch die Szenerie stolpern. Die Glitzerboys und -girls aus Mittelhäusern haben eine anmutige, mit Teppichen ausgelegte Kuschelecke gebaut. Ich streife die Schuhe ab. Grüsse, Küsse, hier kann ich mich streicheln lassen. Sieben. Woher kenne ich dich? Acht. Ach. Ich kann jetzt nicht reden, ich muss jetzt hier weg, Sturm. Drang zur Toilettte. Keramik ansingen. Von hoch oben aufm Hügel höre ich den Faber ächzen: «Wenn du dann am Boden bist, weisst du, wo du hingehörst.» Er irrt. Das noch auf der Tramfahrt betonierte Selbstverständnis, aufgegeilt am Ekel vor den Festivalisten, ist ein Klotz an meinen Füssen noch, als müsste ich in meinem eigenen heimeligen Sozialbiotop ersaufen. Aus mir bricht ein retourniertes Gemisch aus Biobier und Lokallikör. Von eurer Kotze unterscheidet es sich nicht.

Die Wahrheit findet sich in den Brüchen.

Was uns bleibt o. how cares

Mirko Schwab am Mittwoch den 31. Mai 2017

Sonnenbrand ist Seelenbrand. Stille ist Lärm. Und am Rand noch ein Konzert.

Fuck me up, it’s okay. (Fotojob: Ilona Steiger x Eva Wolf.)

Von der Pigmentpanne neulich im Weyerli hat Ihnen ja die Feuz bereits berichtet. Allein, dem ersten Sonnenbrand im Jahr wohnt doch ein ritueller Charakter inne. Als hiesse man den Sommer mit nackten Armen willkommen und stöhnte: «Fuck me up, it’s okay.» Mütter fürchten den Sonnenbrand. Sie fürchten ihn mehr als den Jugendrichter oder diesen ominösen Typen, mit dem man nie! nie! nie! mitgehen solle, auch wenn er einem Schokolade anbietet. Sie fürchten ihn mehr als den Tod, den krebsenden Tod, mit dem sie vor dem Sonnenbrand warnen. Und so ist also aus der ganzen gutgemeinten Mutterhysterie heraus, die einen den Nachmittag im schattigen Verliess zubringen liess, während alle draussen einen Geilen haben durften mit stolzer roter Birne, so ist also daraus seit frühester Kindheit eines klar: Sonnenbrand und Rebellion, das gehört irgendwie zusammen.

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