Archiv für die Kategorie ‘Hip & Hop’

MFB-Lieblingsscherben: Januar / Februar / März

Mirko Schwab am Freitag den 16. März 2018

Back on track im neuen Jahr! Schwab porträtiert im Auftrag der Musikförderung MFB  die liebsten Neuerscheinungen straight outta Bern. Und weil wir Januar-Februar im Winterschlaf waren, melden wir uns heute mit einer Sonderausgabe im Quadrat zurück – vier Platten, dreimal Hype und beste Hoffnung!

Die Kategorie «Hype» ehrt das Langjährige, Brillante, Ausgefeilte und Vielgehörte, das den Berner Pop über die Kantonsgrenzen hinausträgt und im Feuilleton Wellen schlägt. Die Kategorie «Hope» gräbt in den Tiefen des Untergrunds und verstärkt, worüber noch geflüstert wird – Erstlinge, Fundstücke, Demos.

Hype:
Me & Mobi – «Agglo»

Wenn die «Spex» anklopft, scheint der Nerv der Zeit getroffen – und auch ohne den Wink der Popintelligenz dürften wir hinter diese heute erschienene Glanzleistung im Langspielformat ein dickes Ausrufezeichen setzen! Schlotter, Hoppe und Bürki schlagen aus ihrem bipolaren Holz- und Plastik-Instrumentarium den grösstmöglichen Profit, spielen uns eine Musik, die in die Zukunft weist. Spielwitziger Minimalismus als Jazz, der sich nicht schert – und drumherum eine Agglomeration aus arschcoolen Grooves, wohlplatzierten Digitalismen und der auch im Jahr 2018 nicht zu Ende erzählten Geschichte guter Handarbeit.

Hype:
Lo & Leduc – «Update 4.0»

Die hübschen Jungs mit den polyglotten Wortspielen haben sich im Februar mit ihrem vierten «Update» zurückgemeldet. Hueresiech hei mer gseit, wie isch das nume passiert hei mer gseit … Jahrelang hat sich die Kulturjournaille einen abgeschnödet über die gute Laune und dieses Plastikweltmusik-Gebaren wie eine aufblasbare Palme, an deren Ventil ein gewisser Dodo grinsend heisse Luft nachpumpte – und jetzt liegen wir uns alle in den Armen auf der Tanzfläche de la Cuba Bar, wo «079» die alten Akon-, Ashanti- und Aventura-Heuler mühelos zu Fülseln degradiert. Vielleicht fliegt höher, wer auch mal Federn gelassen hat. Props to those boys flyin’ high!

Hype:
Matto Rules – «Hidden Scenes»

Selten hat ein Schlagzeug so sexy geklungen in der Sandsteinstadt. Und nie kamen die Wave-Pop-Nostalgiker von Matto Rules ungezügelter und zeitgenössischer daher als in ihren letzthin in die Welt gesetzten «Hidden Scenes». Dem distanzierten Bariton von Frontmann Bonati stehen unerhört aufreizende, vom Funk hinterrücks begattete Elektropop-Grooves gegenüber, das gewohnt stringente Songwriting und die noch hübscher perlenden Synthesizerfantasien machen auch vor dem grossen Popmoment nicht kehrt. So introspektiv sich die konzeptuelle Rahmung des Albums um die verborgenen Welten des Unterbewusstseins drehen mag, so sehr drehen sich die neun Lieder letztlich im Takt der Diskokugel.

Hope:
Pato
«Es Stück vom Chueche»

Aus Downtown Solothurn erreicht uns der blutjunge Rapper Pato und fordert ein Stück vom Kuchen ein. Verdientermassen. Der Boy flowt. Um die Südstaaten-Beats unserer Zeit scheint er sich einen emanzipierten Deut zu scheren, lieber klaubt er sich ein paar gute Instrumentals alter Schule zusammen und segelt drüber in der sanften Mundart seiner Heimatstadt.

Die MFB hat sich das Fördern junger Berner Popkultur auf die Fahne geschrieben. Die interessantesten Neuentdeckungen finden Sie in der Spotify-Playlist «Sounds Like Bern».

Sie isch hie

Milena Krstic am Freitag den 19. Januar 2018

Kein Plan, wie lange das her ist. Fest steht: Ich war ein Teenie. Lieblingsparfüm: Rêve de Coco aus dem Yves Rocher. Hängen mit der Crew im Rümli in Seftigen und Hooks singen für meine rappenden Bros. Ab und an bei Beatbone Beatz im Studio vorbeischauen und ein paar Mal bin ich dabei auf 11ä getroffen.

Wir waren so verdammt blutjung und ich freue mich so sehr, dass sie ihr Ding immer noch durchzieht, oder besser gesagt: weitergemacht hat. Auf meinem musikalischen Weg habe ich viele kommen und gehen sehen, gerade auch Frauen, die irgendwann keinen Bock mehr hatten auf den Zirkus, den das Musikerinnendasein mit sich bringt.

Aber 11ä ist drangeblieben. Und jetzt bringt sie ihr Debüt heraus. Es heisst «Hie».

Gratuliere, liebe 11ä.

Näbegrüsch zu Stärbegrüsch

Mirko Schwab am Freitag den 12. Januar 2018

Papi stürzt sich wiedermal ins Chaos und macht dabei eine gute Falle. Die Boys tollen. Ja: 2018 könnte die generationelle Tektonik dem Rap-Eiland Bern zu neuen Vulkanausbrüchen verhelfen.

Back inna days hat Greis über seine Pumaturnschuhe nachgedacht. Es war eins vor Millenium und ich so fünf vor zwölf, Neocolor und immer Räuber, nie Poli. Pit hätte mir vielleicht auf dem schneebedeckten Roten Platz die Fresse gewaschen im Kalten Krieg 19hundert99. (Und immer Para wegen den Albanern aus der Para.) Iroas hat womöglich mit japanischen Spielkarten gehandelt oder die Kleinen um wertvolle Glitzer-Panini betrogen. Roumee hat indes wahrscheinlich Fantasyromane gelesen. Oder Nietzsche.

Back inna days, als die Trams und Busse noch
und wir auch grün hinter den Ohren,
naseweiss und der Winter noch,
so blauäuig und der Rote Platz.

(«Nostalgisches RGB»
s/o to Marc von der Kommentarspalte)

Fast zwei Dekaden später betrachtet sich Greis, da er auf dem Sofa liegt und Fazit zieht, ein Zwischenfazit immerhin. Sosolala, naja. Roumee hat ihn mittlerweile bart- und bars-technisch frech eingeholt und ist nun um die Consciousness bestellt. Iroas und Pit machen wie immer schöne Punchlines. Der Beat ist aus dem besten Gestern – es ist ein Fest für Jung und Alt. Das könnte natürlich alles peinlich sein, wenn sich Papi G. nicht die feinsten Gangsterklamotten übergezogen hätte, nicht ein so stilsicheres Spiel triebe in seiner Greisen-Rolle. Denn den Hiphop muss man dieser Bande wahrlich nicht erklären. Und so macht einer auf dem Sofa liegend, laisser faire die beste Falle. Derweil sich rundherum die Kleinen – «Stich Stich Stärbegrüsch» – verbal auf die Rübe geben, der kompetitiven Brüderlichkeit frönen und das stabile Code-Repertoire des Berner Chaos-Rap bespielen. Schön auch, dass es einem dabei nicht langweilig wird.

Sie haben eine Songkritik erwartet? Nice.

Und schliesslich hört man munkeln, dass zwischen PVP und Chaostrupp eine sogenannte One Love im Gedeihen begriffen. Wir wünschen gutes Gelingen und freuen uns schon auf den nächsten Bubenstreich.

MFB-Lieblingsscherben: November

Mirko Schwab am Mittwoch den 6. Dezember 2017

Schwab porträtiert im Auftrag der Musikförderung MFB jeden Monat die liebsten Neuerscheinungen straight outta Berne. Die Kategorie «Hype» ehrt das Langjährige, Brillante, Ausgefeilte und Vielgehörte, das den Berner Pop über die Kantonsgrenzen hinausträgt oder im Feuilleton Wellen schlägt. Die Kategorie «Hope» gräbt in den Tiefen des Untergrunds und verstärkt, worüber noch geflüstert wird – Erstlinge, Fundstücke, Demos.

Hype:
Yangboy$ – «FKA Radio»

Von Feuilleton keine Spur, zum Glück, heute gilt das Gehype auch dem Untergrund. Sie erinnern sich: Die Weirdos aus dem Westen, Cloud Kleefeld – wir hatten sie bereits im August zu den Hoffnungsträgern ernannt. Und sie haben geliefert: Zehn neue Tracks zwischen schwereloser Highness und fiesen Psychotrancebeats, stilsicher und zeitgeistig dekoriert mit zischenden Tremor-Hats und viel digitaler Wittiness. Auch Pillenbub Jonny Bunko hat vorbeigeschaut in den Darksome-Studios und rauscht gewohnt hemmungslos durch vier Features auf dieser nicht selten grandios komödiantischen Radioshow. Non-Sense, Punchlines und Ringtones aus dem frühpolyphonen Zeitalter. Ein Fest der Selbstironie – denn Philosopher-Boy Vo weiss: «Gisch du dir Müeh / Bisch du nume e Bitch.»

Hope:
Willibald – «While We Feel Romantic On Rooftops»

Und weil wir heute Tag des Nachdrucks feiern, spielen wir auch hier bereits gelobhymte Musik. Aus dem Eintrag: «Nieder mit dem Elektrophallus»

«Auf «While We Feel Romantic On Rooftops» gibts nichts, was in der Geschichtsschreibung der Popmusik nicht schon angeklungen wäre, auf einer Jaguar, Jazzmaster, Telecaster irgendwo – und desto erfreulicher ist es, schürft die Band so schnörkellos die alten Wunden und macht der totgeglaubten Gitarrenmukke ein feines Fest in fünf beseelten Liedern. Atemberaubend halsbrecherisch trommelt sich da Christine Wydler bisweilen in Ekstase, drückt Charli Grögli am Viersaiter aufs Fuzz-Pedal. Und eine helle Freude auch der schamanische, von Tonmeister Stefan Allemann blendend inszenierte Gesang der Debo Spiller.»

Still true. Kleiner kritischer Nachtrag: Akutelle Songs sucht man in den Weiten des Internetz allerdings vergebens, so sei auf untenstehende Vorabversion verwiesen. Oder erstehen Sie die hübsch einkartonierte Kompaktdisk direkt an der Quelle.

Die MFB hat sich das Fördern junger Berner Popkultur auf die Fahne geschrieben. Die interessantesten Neuentdeckungen finden Sie in der Spotify-Playlist «Sounds Like Berne».

Post aus Wiedikon

Mirko Schwab am Freitag den 15. September 2017

Eine von vielen Entdeckungen am Seebahngraben: Ararpad. Verdammt hotter Beatboy aus Z.

Liebes,

Der Italo ums Eck ist authentisch grimmig und verkauft glutenfreie Pizze. Ich schreibe dir aus Wiedikon Zürich 3. Von dort aus also, wo das eingesessene Zürich aufs glutenfreie Zürich trifft, die ganze Nacht Verkehr ist und eine offene Tankstelle. Ich blicke aus meinem Aquarium hinaus auf den Seebahngraben, am unteren Ende des einzigen Reiterbahnhofs der Schweiz – und hacke dir paar Zeilen.

Ich würd dir gerne in Bern begegnen, die letzten vom blechernen Tod befreiten Nächte auf der Schütz besaufen bis das Zeug hält, bei den Eidgenossen oder im Casa Marcello verhocken bis man herausgeputzt wird, unter den Lauben stehenbleiben für ne Gruess und sich wünschen: Bis bald. Heimweh ist berndeutsch.

Aber hier gibts viel zu tun, viel schönes. Auf Einladung kommen die Freunde vorbei, Fernweh-Berliner und Heimweh-Berner und Zürcher von der Szene, stellen ihre Geräte auf, Drumcomputer, Schlagzeuge, Macbooks und Zithern, legen los. Wir dürfen ihnen dreissig Minuten durch die Kamera dabei zuschauen. Ehre genug und dreiundzwanzigmal ein Grund zur Demut. Und der Laden erst: «Bundeshaus Zu Wiedikon» geheissen, fühlt sich an wie ein amerikanischer Diner aus den Fünfzigerjahren und wird von drei herzensguten Bundesrätinnen geschmissen. Dass das Zeug hält – und ich bei mir denke: Gastfreundschaft ist universal.

Eine Woche darf das noch so sein. Geldwechseln, Pizzaholen, Bütec rauf, Bütec runter, fünf Franken easy, zehn Franken soli, Rauchpausen, Blausaufen und am morgen neben einer kiloschweren, wunderschönen To-Do-Liste aufwachen, an die man sich zwar nicht ranschmiegen kann, die einem doch das Herz entzündet.

Eigentlich wollte ich vor allem merci sagen.

XOXO
und bis bald,
mrk

BlauBlau Records Public Address: Bundeshauskonstant konzertant, jeden Abend auch ins F***book gestreamt.
Schaust du mal vorbei, Liebes?

Süss wie Coca Cola

Milena Krstic am Samstag den 9. September 2017

C. brachte den Witz mit der Sachertorte und der Wandl guckte unter der Kapuze seines weissen XXL-Pullis hervor und sagte so etwas wie: «Also, geil is’ es’ ja schon». Das war beim Abendessen, stimmiges Einstimmen im Rössli, auf einen Konzertabend der klassischen Sorte: Da tritt ein uber nicer Act auf, ist aber noch nicht so extrem bekannt, also wird auch kaum jemand erscheinen. Das is’ net so geil, aber truth hurts immer.

Sänger, Produzent, DJ, Pianist: Findet’s den Wandl auf der Bühne des Dachstocks.

Trotzdem. Wir waren dort. Und es war wunderschön. Verschleppt, vertrackt, alles nur angedeutet, unausgesprochen, charmantester Lo-Fi mit allerlei Nettigkeiten aus der Soul-Wunderplunderkiste und dazu dieser Typ, der sich ins Falsett singen kann, haucht, Töne trifft, während die Samples disharmonisch im Raum verschwimmen. Bedroom-Pop ist ein furchtbar abgefingertes Wort, aber es muss hier nochmal ran, weil der Lukas, so heisst der Wandl nämlich, den sehe ich vor mir, wie er rauchend auf seinen weissen Bettlacken herumrutscht und auf seinem Klappcomuter sweet und sexy Tunes produziert.

Mit wem wir es hier zu tun haben? Wandl ist ein Jungspund aus Wien, aufgestiegen aus dem Dunstkreis der Wiener/Salzburger Wolken Jungs: Yung Hurn, Crack Ignaz, you name ’em. Ein gehauchtes «Coca Cola» hat ihm den Ruhm über Noisey die Blogosphäre hinaus verschafft, soweit, dass er gestern Abend – ganz sanft – im Dachstock gelandet ist. Der war ganz bescheiden gefüllt, aber der Wandl hat ein verträumtes Set gespielt, am Ende den Soul verlassen und elektronische Tanzmusik serviert, so zauberhaft war das, am Bühnenrand zu stehen und in die Sorglosigkeit einer Freitagnacht zu entgleiten, mit ganz viel Raum drumherum für eigene Irrungen und Nachtwandlereien.

Reiner jedenfalls prophezeit dem Wandl den Superstar-Status. Und sobald Wandl den erreicht hat, wird er wieder im Dachstock spielen – dann aber im ausverkauften.

Wandls Album «It’s All Good Tho» gibt es auf Bandcamp zu hören und kaufen. Wer das mag, mag auch James Blake und guten Sex.

MFB-Lieblingsscherben: August

Mirko Schwab am Freitag den 8. September 2017

Schwab porträtiert im Auftrag der Musikförderung MFB jeden Monat die liebsten Neuerscheinungen straight outta Berne. Die Kategorie «Hype» ehrt das Langjährige, Brillante, Ausgefeilte und Vielgehörte, das den Berner Pop über die Kantonsgrenzen hinausträgt und im Feuilleton Wellen schlägt. Die Kategorie «Hope» gräbt in den Tiefen des Untergrunds und verstärkt, worüber noch geflüstert wird – Erstlinge, Fundstücke, Demos.

Hype:
S.O.S«Akim» + «Imani»

Wie beweist man dem Game? Indem man gleich zwei Alben auf einen Streich raushaut. Dass beide auch in der Hitparade (gibts noch) fast ganz vorne einfädeln, ist nur die logische Konsequenz des landesweiten Hypes um die Herren Nativ und Dawill. Trap-Sauereien, Consciousness, blumigste Flowristik, alte Schule, neue Schule, zurückgelehnt oder Doppeltime – können sie alles und fächern auf zwei Geschwistertapes schön auf, was es nachzubüffeln gibt für den Rest der Szene. Rap von lokaler Zunge auf internationalem Niveau. Oder mit den Worten von Хорошо круто aus der Video-Kommentar-Ritze: «scheiße man ich versteh zwar nicht nen viertel aber der scheiß ballert böse!»

Hope:
Yangboy$ – «Du Bisch»

Nicht minder kontemporär und doch von einem anderen Stern senden diese zwei Boy$ aus Bern-West. Von Weltfrieden-Lines und Waffengeilheit (das schaffen andere Rapper im selben Song …) zum Glück kilometerweit entfernt, erfreut uns das charmant-verspulte Duo mit Lo-Fi-Miniaturen und der täglich inhalierten healthy dose DIY-Attitüde. High auf Autotune und nach den Regeln des Internetz’ bedienen sie sich der Zeichen ihrer Zeit – und uns mit nonchalanten Assoziativ-Rap-Streichen seidener Sorte. Oder mit den Worten von Pilzkopf Ivo neulich im Backstage: «S.O.S., das ist für die koolen Kids, da können wir nicht mithalten. Wir sind eher so semikool.» Proud to be semikool; then.

Die MFB hat sich das Fördern junger Berner Popkultur auf die Fahne geschrieben. Die interessantesten Neuentdeckungen finden Sie in der Spotify-Playlist «Sounds Like Berne».

Nur damit du weisst

Mirko Schwab am Samstag den 26. August 2017

Seit zwei Tagen nur noch Trettmann. (Ein ganzer LKW voll mit bulgarischen Melonen, Schüblig.)

Mit automatischer Tonhöhenkorrektur und einer strikten Entsättigungspolitik in der Bildsprache hat sich das Kreuzberger Label Kitschkrieg einen guten Ruf erspielt. Prädikat Zeitgeist. Darüber thront, als unangefochtener König: Ronny Trettmann. Seit sich der in Karl-Marx-Stadt geborene Seelensänger vor zwei Jahren seines Vornamens entledigt und das karibianische Timbre merklich abgedunkelt hat, wird ihm weit über die Dancehall-Szene hinaus Respekt gezollt. Mit Recht: Keiner versteht es wie er, den Kitsch mit dem Krieg zu verheiraten, Plastik und Soul unter 1 white cap zusammenzuführen. Weiter darf man schwärmen, dass ihm auch textlich – mit der Nonchallance eines alten Hasen und unter Einbezug alter Dancehall-Gimmicks – die Dinge gut gelingen. Zuletzt: «Grauer Beton».

Eine Ballade zwischen Plattenbauten, von der Spätjugend in der Wendezeit. Das durch die Hip-Hop-Schulen tradierte Bild des Blocks – in den schlechtesten Varianten als Betteln um Realness – wird hier in sorgfältigen Schattierungen gemalt.

«Und ab und zu hielt gleich dort wo wir wohn’n
Ein ganzer LKW voll mit bulgarischen Melon’n»

Und obwohl doch unterschiedliches Terrain, der Westen von Bern und der Osten Deutschlands, klingt aus der Ferne dies Piano an:

«Es het Schüblig ggäh.»

Trettmann spielt am 03. November im Dachstock.

Kultur im Kocher

Roland Fischer am Freitag den 14. Juli 2017

So sieht es also aus, Berns niederschwelliges Kulturangebot:

Tatsächlich ist das eine schöne Initiative, dieses Parkonia-Festival im Kocherpark. Die Barcrew wirkte zwar zuweilen ein wenig überfordert, aber weil die Stimmung sonst überaus entspannt war zwischen Jonglierenden, Ping-Pong-Tisch und Bühne war das ziemlich egal. Gestern legten die Hiphopper von Churchhill einen fast schon offensiv gutgelaunten und pünktlich um zehn (die Nachbarn!) fertigen Auftritt hin. Wenn die Regeln brav eingehalten werden hilft die Stadt wo sie kann; demenstprechend poppen grad allenthalben Sommerspecials up – davon soll hier dann auch mal noch die Rede sein.

Hier bloss noch der Hinweis, dass es im Kocherpark Mitte Sommer einen fliegenden Wechsel geben wird: Die Bühne wird ab- und eine Leinwand aufgebaut. Bern bekommt endlich wieder ein richtiges Openair-Kino! Und erst noch – wie schon Parkonia – mit Gratis-Eintritt. Bisschen seltsam, oder, dass im reichsten Land der Welt Kultur immer öfter damit beworben wird, dass sie das Portmonnaie nicht belastet?

Ursula und Vreni rollen mit der Crew

Milena Krstic am Donnerstag den 13. Juli 2017

Küre zeigte auf die Zahl, welche anzeigt, wie viele Aufrufe ein Videoclip hat, und sagte: «Wie kann das sein, so wenig Klicks?» Ich drehte meine Rokies auf, lehnte mich auf meinem Bürostuhl zurück, guckte mich durch den Kurzfilm und muss sagen: Warum hat dieser Clip nicht mehr Klicks? Der ist nämlich wirklich nice.

Da haben sich Mac Daddy (Teiler Gang, du weisch) und Iver Faim eine wahrlich originelle Bildspur zum Song «Crew Rollt» ausgedacht. Es ist ja eher atypisch, dass eine Rapcrew mit einem Betagtenheim (in diesem Falle Betagtenheim Mattenhof) zusammenspannt. Herausgekommen ist ein vergnüglicher Ride in die Clubnacht, gemeinsam mit den Schauspielerinnen Vreni Brun und Ursula Gysin, die auch das dabben vorzüglich im Griff haben.

Crew rollt und Clip ab.