Archiv für die Kategorie ‘Fiction & Facts’

Zugezogen: #2 «The Uganda-Truebschachen-Buchsi Gang»

Urs Rihs am Samstag den 5. November 2016

Unsere Stadt lebt auch von Zugezogenen, vom Land, vom Ausland oder gar St.Gallen. Hier gibt es Geschichten dazu, Angereiste und ihr kulturelles Erbe und warum Bern sie braucht.

Am Mittwoch vor einer Woche war Cup und da man am Wochenende die Hoppers schon mal weggeputzt hatte, konnte gar ich als gernegross-YB-Fan wieder mal den Gang ins Wankdorf wagen. Zumal der Panzer am Mittag angerufen hatte und Matchbesuche mit dem Panzer gleichbedeutend sind mit Eskalation, Spass und Exzess. Darum kurzerhand gegen den gemütlichen Radio Bollwerk Abend im Kapitel entschieden und rein in den 20er Bus.

Vor dem Stadion treffen wir auf weitere Freunde: Tonio, Päscu und KabuKöbu, ein illustres Grüppchen. Köbu wird zudem von seiner neuen Freundin begleitet, welche sich als «Allen» vorstellt und aus Uganda stammt. Wir smalltalken erstmals eine Runde. In hölzernem Englisch versuche ich Afrika-Europa-Fettnäpfchen zu umschiffen, klappt nur so halbwegs, wir kippen darum zur Zungenlockerung noch eine Dose – danke Tonio – und begeben uns daraufhin ins D4.
Das Spiel nimmt schnell Fahrt auf; YB liegt nach 20 Minuten 2:0 vorne und wir können uns somit den wichtigen Dingen im Stadion widmen: Wer holt die nächste Runde, Regel-Fachsimpeleien – obwohl wir keine Ahnung haben – und sowieso Trashtalk. Wir schwelgen, gute Stimmung allenthalben, König Fussball: Eduardo Galleano: «El fútbol a sol y sombra».
Trotz todlangweiliger Liga, inkompetenten Führungsriegen in den Oberstuben und idiotisch hoch aufgelöster Überwachungskameras; solange in den Kurven noch unscharfe Ränder für Leidenschaft und Taumel bleiben, wird dieses Gefühl leben.
Die zweite Halbzeit ist etwas neblig, Allen hat ugandischen Gin in kleinen Plastikbeutel mitgebracht – wahlweise mit Kokosaroma – und der Panzer bringt statt YB-Wurst Gelbe-Wurst, tolle Kombo. Endresultat: 5:0 und mittlere Schlagseite. Nach dem Spiel beschliessen wir noch etwas weiterzuziehen, die Brass in der Lorraine wird kurzerhand ins Visier genommen, und dann los von Rom.
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Genossen №5: Thom Yorke

Mirko Schwab am Mittwoch den 2. November 2016

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Thom Yorke feiert die Schweizer Szene.

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Thom Yorke hört ausschliesslich Schweizer Popmusik, der kleine Dieb.

Unten ist voll. Und weil ich heute grad keinen Bock habe auf solche vollen Gespräche über die Lage der Nation, über Wahlen («die Österreicher, die machens halt schlechter») und den erlahmenden Wintertourismus («die Österreicher, die machens halt besser») ziehe ich mich ins Fumoir zurück. Das Fumoir bei den Eidgenossen ist das letzte Refugium in dieser plappernden Welt. Eine Oase für Herz, Kopf und Lunge. Den Billardtisch bespielt man konzentriert und also meist schweigend, die Jukebox an der Wand tut das übrige: übertönt Witz und Geistesblitz der Leute mit Hitz und Shitz von gestern und heute. Ich werfe eine Handvoll Münzen ein und streife durch die Auswahl. Bei «Campari Soda» von Taxi bleibe ich hängen und kehre zurück an mein Tischchen, wo mein Kaffee vor sich hinfriert. Der Ventilator summt leise.

Mitten im Saxophonsolo öffnet sich die Tür und einer setzt sich hin, ein schmächtiger Typ mit fädigem Haar. Aus blödem Reflex fingere ich in meiner Hosentasche etwas Kleingeld zusammen. Er zwinkert mir durch den Raum zu, ich starre leer zurück. Ein paar Minuten lang geht das so. Und als er immer noch zu zwinkern scheint, merke ich, dass es Thom Yorke sein muss, winke ihn zu mir herüber – Zeit für ein kleines Interview, Brudi, das packst du, ist ja nur einer der besten lebenden Songschreiber und nicht zu sehr aufs Auge starren.

Soll ich den Stecker der Jukebox ziehen? Ist immer so laut, das tötet ja jedes Gespräch …

Auf keinen Fall – I love this song! Weisst du, als ich meinen ersten Hit schrieb, habe ich dieses Lied zwanzigmal am Tag gehört. Es gibt sogar Leute, die behaupten, dass man das höre. Grosser Unfug natürlich, ein wahrer Künstler schöpft zunächst aus sich selbst. But I definitively love this Song. Und sowieso bin ich obsessed mit Musik aus der Schweiz.

Du hörst Schweizer Musik?

Eigentlich nur. Kennst du Gölä?

G …?

Kleiner Scherz, just joking, mate. Aber es gibt wirklich viel verdammt gute Künstler hier bei euch. In England und Amerika wollen eigentlich alle nur klingen wie Radiohead, but this is obviously not gonna work. Aber ihr habt eben nur ein shitty radio (SRF3, Behauptung der Red.), so you are using your own heads – get it?

Joa. Weil wir die gute internationale Popmusik nicht kennen (Radio zum Glück!), machen wir halt eigene. Aber die Isländer, Österreicher, Schweden, die machen Pop aus Kleinstaaten im Grossformat. Aber wir?

Ach, weiss du was: die Isländer haben ja wohl vor allem Björk, die geht mir auf den Sack. Aus Österreich ists mir immer ein bisschen zu funky und die Schweden leiden am «ABBA-Gen». Sooner or later klingt jeder Song nach ABBA, spätestens im Refrain wollen die nen Gassenhauer schreiben, aber das haut nicht hin. Nein, trust me, to swiss pop music belongs the future.

Wenn du meinst. Dann mach mal ne kleine Thom Yorke’s Finest-Playlist für einen Tag, damit sich unsere Leserschaft was darunter vorstellen kann.

Okay, ich stehe früh auf und mach Kaffee, manchmal rufe ich einen alten Freund an und frage, was ihn gerade bewegt im Leben, zupfe was aus der Gitarre, wenns ihm gut geht oder schlecht, alles Gute wünsch ich ihm. Und les Zeitung, Europa im Taumel, wann hat eigentlich alles angefangen, so schief zu laufen? Sollten wir besser den Laden dicht machen und aufbrechen zu neuen Planeten, zum Mars? Is this the modern age? Das macht mich trüb. Und so sehe ich nach meiner Frau und tanze mit ihr durchs Wohnzimmer, sage ihr, dass ich sie liebe, mehr als sonst jemanden. Ich muss bald los, Dämmerung, als läge die Stadt unter einem violetten Trichter, ich irre durch die Strassen. Als ich ankomme, hängt schon der Mond und ich lass mich ein auf diesen Tanz mit Fremden, die grosse Flucht. Something like that?

Nice. Vielen Dank für die Empfehlungen. So klingt das also in der Schweiz.

(Wir geben uns noch ein paarmal «Campari Soda» und schliesslich gesteht er, dass er die Harmonien wirklich geklaut hat. Ein feiner Herr.)

Genossen №4: Falco

Mirko Schwab am Mittwoch den 26. Oktober 2016

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Falco hilft.

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Falco: der erste weisse Rapper, der letzte schwarze Magier?

Du graue Stadt. Deine Sandsteinmauern graben sich ins Gemüt. So, wie sie sich in deine Pflastersteingassen graben, in müder Rücklage und innerlich absackend. Ich kann jeden verstehen, der sich in eine sonnige türkische Hafenstadt fortträumt. Auch wenn es die Ex-Freundin ist, auf der Suche nach besseren Zeiten. Im kalten Kaffee spiegelt sich meine trübe Feige, als wollte mir selbst die Tasse bedeuten, dass da nicht viel mehr ist als Selbstmitleid. Schau dich an oder trink mich aus, aber bitter ist es eh.

«Gspritzt.» Ich hebe den Blick und sehe schwarze Lackschuhe, einen schwarzen Mantel und schwarzes, streng frisiertes Haupthaar, das mit den Schuhen um die Wette glänzt. Den Weisswein hält er in der Hand und dreht sich um. Mit dem Rücken zum Tresen schaut er in meine Richtung, deutlich über mich hinweg aber und grinst. Über mir ist der grosse Spiegel aufgehängt. Und als ich realisiere, dass auch er sein eigenes Spiegelbild mustert, dass, egal wie hoch oder tief der Kopf, er sich spiegeln will irgendwodrin, da muss ich lächeln, da muss ich den Bemantelten anlächeln, ein Gruss unter Narzissten. Er schaut mich an, erwidert den Wink und tritt an meinen Tisch. «My name is Falco und du siehst aus, als solltest du etwas anderes trinken als Kaffee.» Er sagt das mit ruhiger, warmer Stimme, als müsste er mir den Weg zeigen, raus aus dem Wald, out of the dark ins Licht. «Eigentlich müssig, den Spiegel an die Wand zu hängen, wenn man ihn auch flach vor sich auf dem Tisch haben kann.» Das schneeweisse Grinsen. Er schnippst nach der Barfrau und verschwindet auf der Toilette. Ich nehme den teuren Whiskey entgegen und bedanke mich verdutzt. Einen Schluck später sitzt er wieder da. «Die Frauen, nicht?» Ich nicke. Sie seien gefährlich sagt er, alle, alle ausser seiner Mutter natürlich. Er setzt an zu einem Monolog um ein seltsames Frauenbild, einer in sich unlogischen, aber rhetorisch brillant vorgetragenen Unterscheidung zwischen Mütter und Frauen und Töchter und Girls, ich hänge ab. Er hat eigentlich eine recht grosse Nase, dieser Falco. Das Geplapper fädelt aus, vielleicht, weil ich etwas fest auf seine Nase starre. Wir schweigen uns kurz aus, dann verschwindet er wieder und als er zurückkehrt, erliege ich der Versuchung schon wieder, glotze seine Nase an. Was für eine Nase! Sie ist doch noch grösser als zuvor und er trägt weiter vor, als wär ich ganz Ohr. Aber er ist ganz Nase. Meine Güte, diese Nase. Toilette. Die Dinge in der Bar verschwimmen. Toilette. Wo ist sein Gesicht hin, da ist nur noch Nase, Nase allenthalben. Toilette. Ich schlage die Augen auf, wo ist die Bar? Wo ist mein Glas? Eine riesige Nase gluckst vor sich hin, laut und ordinär. Wo ist er hin? Ein riesiger Nasenflügel, ein riesiges Nasenloch. Ich muss ihn finden, denke ich in meinem Wahn und klettere in das Nasenloch hinein.

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Zugezogen: #1 «Über Nacht gebaut»

Urs Rihs am Samstag den 15. Oktober 2016

Unsere Stadt lebt auch von Zugezogenen, vom Land, vom Ausland oder gar St.Gallen. Hier gibt es Geschichten dazu, Angereiste und ihr kulturelles Erbe und warum Bern sie braucht.

Freitagabend sass ich zuhause und hörte mir – begleitet von einem kulturpessimistischen Schub – irgendwelchen russischen Coldwave aus den 80ern an, was dazu führte, dass ich meine komplette Scherbensammlung wechselweise als hilflose Anhäufung von synthetischen Emotionen oder als hedonistischen Dünkel empfand. Im Netz lief zudem nur Cloudrap, was – angesichts meiner leeren Codeinbestände – zu noch grösserer Verstimmung führte. Ich musste also raus, schmiss den alten Schweden an und fuhr in die Lorraine zu meinem türkischen Freund B. Um Trost zu suchen in seinen Erzählungen, seinen Geschichten und in anatolischer Volksmusik.

Gecekondu Skizze by «der urs illustration»
B. serviert Tee und Raki, was schnell zu einer wattigen Atmosphäre führt, mein Selbstmitleid verfliegt und ein wohlig-warmes Gefühl macht sich breit. Aus der Stereoanlage perlt Brenna Maccrimmon – die Kanadierin, welche 1981 in einer Bücherei per Zufall eine türkische Folkplatte fand und danach Toronto Richtung Istanbul verliess, um diese Musik selber spielen zu lernen – wunderschöne Musik. «Mittlerweile ist Maccrimmon einer der grössten Namen in der zeitgenössischen Szene, begeistert gar Traditionalisten», wie mir B. erklärt.

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Genossen №3: Lenin

Mirko Schwab am Freitag den 14. Oktober 2016

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Lenin kollektiviert.

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Das Erinnerungsfoto. Lenin bevorzugt Schwarzweiss, wegen des Teints und überhaupt finde er dieses Technicolor-Zeugs «imperialistischen Hippie-Kram.» Die Aufforderung, sich ganz natürlich zu geben, quittiert er mit der abgebildeten Pose.

Draussen Nieselregen, drinnen reges Niesen. Eine verschnupfte Bar sitzt über ihrem Tee-Rum und lüpft sich die Laune mit Gesprächen über die Young Boys oder den Islamischen Staat. Mein Kaffee ist erkaltet und als ich so bei mir über die metaphorische Bedeutung kalten Kaffees nachdenke, platzt er herein mit einem türaufreisserischen Knall. Lenin. The boy is back in town.

Etwas inszeniert und als hätte er sich schon beim Velo-Anketten darauf gefreut, durchschneidet er die Bar mit strammem Schritt. Den Blick hält er hoch, sodass der Spitzbart immer waagrecht zum Boden nach vorne weist. Vorwärts! In die Zukunft! Zur Toilette. Bei den Eidgenossen bricht sich solcherlei geckenhaftes Gebaren eben schnell am bodenständigen Spuntenalltag, am Ende der Stube ist nichts anderes als das Scheisshaus. Der alte Haudegen aber macht kehrt, fräst noch einmal durch den Raum und verschwindet nach dem Fumoir in der oberen Etage. Einer mit Mission, denke ich, und noch ehe ich mich mit dem Spuderschluck anfreunden kann, baut er sich schon wieder im Parterre auf. Fertig Visite, er klettert auf einen Tisch und holt aus: «Genossen! Ich habe mich umgesehen und muss euch befreien! Hört mich an: Nur die Oberen dürfen rauchen, Billard spielen und ihre eigene Musik! Ihr aber, ihr lasst euch knechten auf dem Niveau der Gosse! Und die Grundbesitzer machen euch taub und tumb mit dem Alkohol, den sie euch auch noch verkaufen!» Oha.

Der Applaus bleibt aus und einer murmelt, der Alte solle die Milch mal ein wenig runtergeben. Sichtlich irritiert steigt Lenin wieder herab von seiner provisorischen Bühne, der Spitzbart zeigt jetzt auf die Brust. Da, wo es einen schmerzt, wenn keine Sau zuhört. Und wohl weil ich als einziger der Showeinlage ein bisschen Beachtung gewidmet habe, setzt er sich zu mir. Natürlich bitte ich ihn um ein Interview. Er schüttelt den Kopf und sagt, er stelle die Fragen. Wie ich also heisse, aha Mirko, aber nein, ich sei nicht slavischer Abstammung, Modename halt. Nein, mein Vater und auch mein Grossvater hätten auch nicht so geheissen.

In welcher Fabrik arbeitest du, Miroslav?

Fabrik?! Ich schreibe für «KulturStattBern», ein Blog (wie soll ich ihm das bloss andrehen?) ein Organ zur Aufkärung des Volkes, jawohl.

Wieviel verdienst du, Miroslav?

In der Schweiz reden wir nicht über Geld … Ja gut, es ist nicht sehr viel – aber es macht Spass. Und ist es nicht das, was zählt, Vladi?

Nein. Und nenn mich nicht Vladi. Wieviel verdient dein Chef?

Es gibt zwei. Frau Feuz, also die verdient nicht mehr als ich. (Sozialistisches High-Five?) Und oben im Verlag, in Zürich, da verdienen sie schon mehr, haben aber auch mehr Stress und so. Wegen Clickbaiting und so. Und wieso darf ich dich eigentlich nicht Vladi nennen – du heisst ja gar nicht wirklich Lenin, Mr. Владимир Ильич Ульянов! Wieso nennst du dich überhaupt Lenin?

Weisst du wie Falco eigentlich heisst? Johann Hölzel. Also. Ich muss jetzt weiter, muss mir diesen Tamawda-Verlag ansehen. Rechne mit der Befreiung, Miroslav! Aus den lodernden Flammen wird ein neuen Haus entstehen, ein Verlag der Arbeiter, des Volkes! Und diese Frau Feuz, die nehm ich gleich mit. Macht ihr doch heute so, dass Frauen auch Politik machen dürfen, oder?

Ja.

Geilo.

Fahren aus der Haut

Sarah Elena Müller am Samstag den 1. Oktober 2016

Es ist so, dass ich, Sauron und all meine Aliase uns von euch verabschieden. Nichts Wildes, nichts Böses, schlicht ein Übergang zurück in die alte Haut. 

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Wir gestehen, dass unsere kulturpessimistischen Züge nicht geheilt, sondern eher Zweck der geheiligten Mittel sind. Auch fehlt uns die wilde Verliebtheit in diese Stadt, da uns jede Stadt im Grunde fremd ist. Weder Sauron, der brennenden Auges auf seinem Berggipfel zischelt, noch ich haben wirklich den urbanen Schmieg, den das Bloggerinnentum erfordert. Es macht uns nicht froh, wenn wir uns gegenseitig die Verantwortung zuschieben – liebe Majestät, Sie lassen aber wieder kein gutes Haar an der mühevollen Arbeit der Kulturellen, wissen Sie überhaupt, wie anstrengend es ist, am Fuss des Berges etwas darzubieten? Schweig, zwerghafte Empathikerin und schreibe diese Zeilen, auf dass sie sich in irgendwessen digitales Bewusstsein einprägen, oder auch nichts prägen werden, oder nichts daraus wird.

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Genossen №2: Sophie Hunger

Mirko Schwab am Freitag den 23. September 2016

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Sophie Hunger lädt alle ein.

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Der ganzen Scheisse zweidrei graziöse Schritte voraus: Sophie Hunger.

Das Wetter. Sometimes it’s bad, sometimes it’s better und manchmal hagelt es Scheisse. Sophie Hunger tritt zur Tür ein, stabil klassisch, anmutig, eine kindliche Neugier in den wachen Augen, da prasselt der Shitstorm mit voller Wucht und aus heiterem Himmel auf die Bsetzisteine der Rathausgasse herab. Tausend aufgeplatzte Haufen. Einige Touristen machen angewidert Fotos aus Reflex und Bern Tourismus wird sich am späteren Nachmittag per Twitter einschalten, das habe eben mit dem authentischen UNESCO-Mittelaltererlebnis zu tun, all die Kacke auf den Gassen.

Aber ihr macht das nichts aus, sie dreht sich nicht einmal um. Stattdessen steht sie plötzlich vor mir. Ich lege lässig meinen Nietzsche zur Seite und lächle sie an. Ich leere nachlässig meinen kalten Kaffee über den aufgeschlagenen Bernerbär und merke, dass der immerhin saugt, wahrscheinlich, weil nichts drin steht, und lächle gequält. Sie hat Taschentuch und wir kommen ins Gespräch.

Du hast vor etwa einer Woche den hochdotierten Schweizer Musikpreis gewonnen, darob waren nicht alle glücklich. Am lautesten die Unglücklichen. Wie fühlt es sich an, im Shitstorm zu wandern?

Selstam. Vor allem, dass sich so viele Menschen dazu eine Meinung leisten. Ich immerhin könnte das jetzt, mit hundert Kisten im Rücken. Läuft bei mir. Aber bei denen?

Du spielst auf Lautsprecher wie Chris von Rohr oder Polo Hofer an.

Wer soll das sein?

Berechtigte Frage. Was hast du jetzt vor mit all dem Geld?

(Nachdenklich.) Ich kann jetzt endlich machen, was ich will. All die Jahre Kammerpop, all die wohltemperierten Arrangements und doppelbödigen Texte, Jazzfestivals … Ich hab die Nase voll von diesem Kulturbürgerzeug. Mein Publikum könnte meine Eltern sein. Wobei, dein Publikum ist ja immer irgendwie die Mutter des Erfolgs ..

… du schweifst ab.

Wie gesagt mach ich jetzt nur noch, was ich wirklich will. Ein Trap-Album etwa. Das liegt mir schon lange am Herzen. Ich brauche noch einen neuen Namen fürs Projekt, «$$$ophie» fänd ich ganz geil oder «Diplomatentochta». (Beginnt zu singen im Stil zeitgenössischen Raps.) «100K in der Tasche-e – zünde mir Joint mit Geldschein an, ah – Und Du frisst immer noch Spaghetti mit Spinat, Digga.»

Aha. Fairerweise muss man sagen: Viele MusikerIinnen haben sich auch schützend hinter dich – oder vor dich? Keine Ahnung … Jedenfalls war da auch Solidarität herum.

Korrekt.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

Ob wir einen saufen sollen. Sie bestellt sich Büffelgras-Vodka. «EY, WER WILL EINEN SAUFEN?» Dann steht sie auf den Tisch und lädt die Bar ein, nein, kauft die Bar, lässt einen Giacometti Trinkgeld liegen, «eine Promille, wenn du weisst was ich meine» und verschwindet. Ich schaue ihr nach. Als sie um die Ecke biegt, höre ich die Kacke rhythmisch prasseln.

Der Zweig des Albert Warner

Sarah Elena Müller am Mittwoch den 14. September 2016

Luftkino, die Zweite. Mit der Obertonstruktur der Kaulquappe, Käsewerbung, qualmenden Mädchen und Warner Brothers Falz- und Faltindustrie. Eine dazu gedachte Mitschrift. 

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Dies ist die Geschichte von Albert Warner, zweitältester der vier Gebrüder Warner und seinem Versuch, neben dem familiären Filmbusiness einen weiteren Zweig der Industrie zu besteigen, einen Zweig, der ihm ganz alleine gehören würde.

Als 1932 die Cartoonfigur Schweinchen Dick das Licht der Welt und des Projektors erblickte, hatte Albert Warner, Melancholiker der Familie, bereits den geheimen Plan gefasst, eine von den Warner Bro’s unabhängige Identität aufzubauen, die nicht mit billigen Witzen und unflätigen Schweinchen in Verbindung gebracht werden würde.
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Genossen №1: Ozzy Osbourne

Mirko Schwab am Dienstag den 13. September 2016

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Ozzy Osbourne bestellt ein Gazosa.

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Noch schnell eine Zig für Ozzy Zig? Der Fürst der Finsternis in flagranti.

Ich überwinde mich gerade zum letzten abgekalteten Schluck Kaffee, als er hereinhumpelt. Die Sonnenbrille sitzt und der Stammtisch bleibt sitzen. Ich scheine der einzige zu sein, der ihn bemerkt hat – das Gespräch am Nebentisch plätschert weiter: Dass Hene Pech habe mit dem Leben, schwarzer Samstag halt, lachenhusten und jetzt noch der vom Betreibungsamt. Ozzy indes muss wohl auf Toilette. Er streift auf geradem Weg durch die Stube und fädelt rechts ein nach dem Herrenklo.

Zeit zu überlegen, wie ich mit dem Fürst der Finsternis ins Gespräch treten soll. Übungshalber forme ich mit den Fingern eine gehörnte Hand und schlage die Zunge zwischen den Zahnreihen diabolisch auf und ab. Oder ich könnte mich ein bisschen an einem Haustier vergehen und ihm einen niedlichen, blutigen Tierkopf als Opfer bereiten? Der einzige Hund im Raum ist dann doch etwas stämmig für solcherlei. Oder lieber einen ausgeben? Hey Ozz’, Bloody Mary, Thema? Und dann ansetzen zum grossen Interview, Bloggeschichte schreiben. Ich im Hoch und er lässt tief blicken. Und die Leute so: «Schon gehört, dieser Schwab, hat mit dem Sänger von Iron Maiden …»

Spülung, Ächzen. Bleich und gemütlich mischt er sich wieder in die Szenerie. Noch dreivier Schritte, Herzklopfen, Schweisstropfen … Ich nuschle «Tschou du», aber er zieht an mir vorbei und hängt sich an den Tresen. Den auffordernd-gelangweilten Blick der Bedienung erwidert er mit einem geschrienen «Lemonade!» Dann packt er die Glasflasche untern Arm und schiebt sich Richtung Ausgang. Dass er auch später zahlen könne, das hat er wohl nicht mehr gehört und ein kalter Friedhofswind weht noch durch die Bar.

Labortisch und Birkenwald

Milena Krstic am Samstag den 10. September 2016

Gestern fand unter dem Motto «Mensch / Maschine» das dritte Mad Scientist Festvial statt. Da gabs fliegende Katzen, eine Menschmaschine und ein Labor, das sich auf das perfekte Ich spezialisiert hat.

Irgendwann, so um 22.30 Uhr herum, hatte ich schon einiges an nackter Haut und sich windenden Körpern gesehen (in der Performance «Fruits» und im Optimierungs-Labor der Tanzgruppe Unplush), so dass ich eine erste Steile These wagte: Gibt mensch Kunstschaffenden die Aufgabe, sich mit künstlicher Intelligenz zu befassen, ziehen sie ihre Klamotten aus und verwandeln sich in sterile, böswillige Kreaturen, die so tun, als seien sie nett. So etwa bei Unplushs Tanzstück «Labor: Meet your best self», als die entzückenden Labor-Mitarbeitenden die Tänzerin Maria Demandt auf einen Operationstisch hievten und sie in eine Barbie ummodelierten. Das sah dann etwa so aus (Blick durch die Glasscheibe):

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Ein amüsantes Gefühl von Unbehagen erfüllte mich, umringt von all diesen sinistren Zukunftsvisionen, die das Mad Scientist im Naturhistorischen Museum bündelte. Da half es denn auch nicht viel, als der Niederländer Bart Jansen seine Drohne der speziellen Art präsentierte: seine Hauskatze, die von einem Auto überfahren wurde und die er so präpariert hat, dass sie nun über unseren Köpfen flog. Er erzählte auch von seinem Buch, das eine Reihe Bilder von «road killed animals» enthielt. Ich dachte nur so: «Road Killed Animals» wäre ein toller Bandname.

Apropos Band: Die Gruppe Menschmaschine rund um Sängerin Claire Huguenin interpretierte Kraftwerk-Songs neu. Umringt von einer Gruppe Birken, ganz ohne Elektronika und mit viel jazzigem Schalk schickten Oli Kuster, Christoph Utzinger und Kevin Chesham Blut durch die kalten Song-Gerippe.

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