Archiv für die Kategorie ‘Elektronisches’

Aphex und die Kilbi

Benedikt Sartorius am Donnerstag den 27. Mai 2010

Aphex Twin an der Bad Bonn Kilbi

Es dauerte ziemlich genau fünfzig Minuten im Set des Richard D. James, bis endgültig klar wurde, dass wirklich Aphex Twin im neuen Zelt der jubilierenden Bad Bonn Kilbi aufspielte. Denn dies war der Moment, als der so selten auftretende Elektroniker ganz vernehmlich ein Stück ab seinem letzten regulären Album «Drukqs» anspielte und es im Publikum kein Halten mehr gab.

Bis zu diesem Zeitpunkt – nennen Sie mich einen Kostverächter, wie dies ein mit dem Werk von Aphex Twin bestbekannter und begeisterter Freund tat – lief das von wunderbaren Lasern und Visuals begleitete, leise begonnene Set in zu glatten, ambientalen Bahnen ab. Das analoge Schaumbad geriet beinahe zu schaumig, nur hie und da erschienen die Brüche, die unverkennbaren Sounds, wie auch Herr James den finalen Zahnarzt-Bohrer zu Hause liess. Dort, in Cornwall, baute er in all den vergangenen Jahren dem Vernehmen nach an einem Computer, der Instrumente spielen kann und bastelte bereits fünf Alben fertig, die einer Veröffentlichung harren. Was bleibt vom Kilbi-Auftritt ist der ikonische Name und ein Schluss, der alle Sinne ins grosse, nachhaltige Taumeln brachte.

Das Set von Aphex Twin wurde am «Day Before» des regulären Kilbi-Starts von Aphex-Twin-Zeitgenossen wie der DMX Krew, die natürlich nur aus einem Herrn bestand und der die Kraftwerk-ähnliche Sounds auf Acid-Tempo beschleunigte, dem knallenden Luke Vibert und dem minimaleren Verschrauber Jimmy Edgar. Kurz: Es war eine Zeitreise in die IDM-Alternative zu den Gross-Raves der Neunzigerjahre, eine Reise, die im Dubstep von Joker endete.

Und wenn Sie denn an der Bad Bonn Kilbi auftauchen, so trinken Sie viel, denn dunkle Regenwolken waren gestern nicht nur über dem Festivalgelände zu besichtigen, sondern auch über der Zukunft dieses einzigartigen Ortes. Auf dass die zwanzigste dieser lebenverändernden Kilbi nicht das letzte Fest ist.

Knarzen, Fiepen und Wobbern

Gisela Feuz am Donnerstag den 6. Mai 2010

meienbergEin musikalischer Tausendsassa ist er, dieser Herr Meienberg. Nachdem er sich in jüngeren Jahren offenbar in mehreren Bands als Frontmann ausgetobt hat, zog es ihn in den letzten Jahren vermehrt ins stille Kämmerchen, wo er mit Knöpfen und Reglern an elektronischen Gebilden herumgewerkelte. Den einen mag er ja vom Duo Everest bekannt sein, das neuste musikalische Erzeugnis aber ist auf Meienbergs eigenem Mist gewachsen.

Es ist bereits das zweite Solo-Album, welches der Ton-Tüflter nun mit «Rapid Cycling» veröffentlicht. Vielseitig ist sie geworden, diese neue Platte, klanglich wie stimmungsmässig. Da wird offenkundig mit verschiedensten Einflüssen und Klängen experimentiert, wobei das ganze nie ausufert, sondern stets zu einem stimmigen Ganzen zusammengefügt wird.

Vor allem das hypnotische «Hyper Spectrum Analysis» hats der Schreiberin angetan, zumal in ihm die Vielfältigkeit der ganzen Platte quasi en miniature zum Ausdruck gebracht wird: Beginnen tut besagtes Stück mit irgendetwas, das nach warmen Akkordeon-Akkorden klingt, wozu sich bald einmal ein hypnotischer Beat und eine einlullende, melancholische Melodie gesellen. Zwischendurch wobberts, fiepts, knarzts, scherbelts, piepts und nebelhornts und findet denn wieder in die Ausgangsmelodie zurück. Sehr schön. Das vermag sogar ein ansonsten eingefleischtes Rockweib wie Frau Feuz zu begeistern.

Was ebenfalls zu begeistern vermag, ist das Material der Karte, die dem Vinyl-Album beigelegt ist und auf welcher sich ein Code zum gratis Download von «Rapid Cycling» findet. Die Karte ist nämlich so beschaffen, dass man sie nach Gebrauch ins Erdreich stecken kann und nach ordentlichem Giessen Wildblumen daraus spriessen. Ob das auch wirklich funktioniert? Ich hab die Karte jetzt jedenfalls mal im Geranium-Kistchen verbuddelt und begossen. Ich halte sie auf dem Laufenden.

Meienberg tauft heute Abend im Rössli sein neustes Werk.