Archiv für die Kategorie ‘Elektronisches’

Aerobic mit Frittenbude

Gisela Feuz am Donnerstag den 24. März 2011

DSC01412.JPGGestern Abend im Rössli fühlte sich die Schreiberin an vergangene Aerobic-Lektionen (ähem ja, ich gestehe) erinnert: Stampfende Technobeats, die direkt in die Beine fahren, vorne dran eine Animatorin, die mit Frottiertuch um den Hals vorturnt und die Leute lauthals zum Mittun animiert und ein Haufen Bewegunswilliger, welche mehr oder weniger im Takt und mehr oder weniger graziös herumhopsen. Im gestrigen Fall war die Vorturnerin allerdings ein Mann, nämlich der Frontmann von Frittenbude, einer deutschen Indie-Techno-Sprechgesang-Kombo, wobei der Name keinesfalls Programm war. Im Gegenteil. Jedes Turnlehrer- und Bewegungstherapeutinnenherz hätte höher geschlagen beim Anblick der Kollektivhüpferei im sehr gut besuchten Rössli.

Mit Techno in Kombination mit deutschem Sprechgesang ist das ja so eine Sache. Deichkind machen vor, dass eine solche Kombination durchaus funktionieren kann. Die Gefahr ist aber gross, dass man schnell einmal in den Abgründen des Skihüttentechno landet. Frittenbude haben diesbezüglich gestern eine Gratwanderung hingelegt. Die brettharten Techno-Beats vermochten durchaus zu gefallen, bei den kitschigen Synthesizer-Einlagen war man dann allerdings manchmal ein bisschen peinlich berührt.

Wie auch immer. Frittenbude haben gestern ganze Arbeit geleistet in der Adipositas-Vorbeugung und besser als die grottenschlechten Shakira-, Christina Aguilera- und Brian Adams-Techno-Remixes, die uns die Frau Aerobic-Lehrerin jeweils um die Ohren haute, wars alleweil. Sogar der Metal-Konzert Veranstalter vom ISC hat getanzt. Ich habs genau gesehen.

Tanzmusik mit Pitchtuner

Gisela Feuz am Samstag den 5. Februar 2011

Tanzmusik | «KulturStattBern»Gestern wusste man im ISC beim Konzert von Cobalt nicht so recht, was unsäglicher war: das weisse Roland Umhänge-Keyboard oder der ausladende Ausschnitt der Sängerin. Letzteres verleitete den Herrn zur Rechten zur Aussage «Ou, morn no zum Metzger» (Grüezi Herr Freud) und Ersteres erinnerte unweigerlich an die hier. Die Musik? Wollen Sie nicht wissen. Bisschen 80s, bisschen Gotik, bisschen Folk-Metal (E-Geige) und bisschen Elektrobeat. Alles nicht wirklich zwingend und stinklangweilig. Es soll dann besser geworden sein gegen Ende des Konzerts, schiins. Da war Frau Feuz aber an der Bar.

Ganz anders ans Werk ging dann die zweite Truppe namens Pitchtuner aus Dresden bzw. Osaka. «Wir machen Tanzmusik und wir mögen es, wenn die Leute tanzen.» So sympathisch wie die Ansage war dann auch der Auftritt des Trios, welches treibende Gitarrenriffs und eine fette Basslinie mit Elektro-, House-, Acid- oder Drum’n’Bass-Beats unterlegte, was manchmal an Justice erinnerte, im Grossen und Ganzen aber ganz einfach Spass machte und auch ordentlich in die Beine fuhr. Da vergab man dem Herrn Marx (der heisst tatsächlich so) dann auch gerne das weisse Gitarrenklötzchen. Wer solch mitreissende Spielfreude an den Tag legt, darf fast alles. Ausser vielleicht ein Nora-Kettchen tragen.

Aliens haben den Blues

Grazia Pergoletti am Dienstag den 11. Januar 2011

Eigentlich wollte ich mit niemandem darüber sprechen, aus Furcht, gleich versorgt zu werden. Zu meiner Erleichterung stellt sich nun aber heraus, dass ich nicht die einzige bin, die in jüngster Zeit äusserst seltsame Nachrichten von Ausserirdischen erhalten hat, zum Beispiel auf dem Fratzenbuch. In diesem Zusammenhang von Erleichterung zu reden, ist also zu gut Deutsch ein blanker Hohn. Denn was noch viel gravierender ist: Auch aus dem Schaufenster des Kulturbüros strahlen SIE heraus!

Dass die Kultur von Linken unterwandert ist, wussten wir ja. Aber dass sich das Kulturbüro in der Gewalt von Ausserirdischen befindet, ist nun wahrhaft beunruhigend. Bedeutet das womöglich zuguterletzt, dass das ganze Weltall links ist? Oder dass Rockmusik nicht ein Werk des Teufels, sondern das Werk von Aliens ist? Müssen wir besorgt sein? Und wenn SIE mich holen: Was ziehe ich an?

Ein neues Google-Spielzeug

Roland Fischer am Dienstag den 11. Januar 2011

Ein Gespenst geht um in den Kulturwissenschaften – Computer und algorhitmische Analysen sollen zahlenbasierte Methoden endlich auf breiter Front auch in die geisteswissenschaftlichen Fakultäten tragen. Bücher durchrechnen statt auseinandersezieren, heisst das Gebot der Stunde – quantitative Kulturwissenschaft nennt sich das Ganze. Und die Nase ganz vorn hat – natürlich – wieder mal Google. Mit den gescannten Büchern aus dem Google Books-Projekt sammelt das Unternehmen eine immense Menge literarischer Daten in digitalisierter Form, die auf eine kundige Auswertung nur zu warten scheinen.

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Vom wissenschaftlichen Nutzen der Methode mag man halten, was man will, als Spielzeug ist die quantitative Methode ein wunderbarer Zeitvertreib. Vor allem, weil Google ein nettes kleines Tool online gestellt hat, mit dem jedermann die Datenberge durchforsten kann. Hier zeigt sich zum Beispiel das wachsende Bedürfnis nach Utopien. Und hier die seltsame literarische Konjunkturkurve der Schweiz.

Stille Charts

Benedikt Sartorius am Mittwoch den 15. Dezember 2010

cageIn England ist vorgestern die entscheidende Phase der Aktion «Cage Against the Machine» angelaufen, die am Weihnachtswochenende dafür sorgen soll, dass für einmal eine hörenswerte Nummer die Plastikmusik-Hitparade anführen soll. Beziehungsweise und besser: Ein Lied, das still bleibt. «4’33» heisst das Werk von John Cage, das von allerlei Prominenz neu eingespielt wurde und über Itunes und andere digitale Kanäle zu beziehen ist. Der Erlös der stummen Single geht an karitative Projekte.

Letztes Jahr gelang die Aktion bereits mit dem Rage-Against-the-Machine-Klassiker «Killing In the Name Of…». Auch wenn die Mobilisierungskraft über die Internet-Kanäle beeindruckend ist und viral in die konventionellen Medien überstrahlt: Viele Verkäufe braucht es eigentlich nicht mehr, um die Single-Charts zu knacken. Das gilt auch und besonders für die Schweiz und so scheint mir der Moment gekommen zu sein, eine ähnliche Aktion hierzulande zu starten. Als nicht unumstösslichen Vorschlag nominiere ich, einfach so, das Langley Schools Music Project mit «Space Oddity».

Gut, das war nun ein Witz, allein: Auch CATM startete als Witz, der nun gute Chancen hat, einige Sendecomputer am Weihnachtswochenende zum Absturz zu bringen – mit tiefer Stille.

Plattenkiste Vol. 21: Buvette

Benedikt Sartorius am Mittwoch den 10. November 2010

Heute in der Plattenkiste: Ein Loblied auf die Provinz und auf das Debüt «Houses and the Voices» von Buvette.

BuvetteDie neugierigste und furchtloseste Musik wird gemeinhin nicht in den Zentren dieser Welt geschaffen, sondern in den Provinzen. Wir zählen lückenhaft durch: Pere Ubu – Cleveland; Captain Beefheart – Wüstenei; The Flaming Lips – Oklahoma; Animal Collective – Baltimore, Will Oldham – Louisville usw. usf.

Bestes und neustes, beinahe lokales Beispiel, wie fernab vom Druck der eingefrorenen Codes eigenwillige Musik entstehen kann, ist der Elektroniker Cédric Streuli alias Buvette. Der 24-Jährige schickt aus den Waadtländer-Skialpen mit «Houses and the Voices» ein Album, das geschult ist an den aktuellen lasernden Höhen-Klängen – wie sie etwa die Fuck Buttons, Dan Deacon oder auch dem Animal Collective eingesetzt haben – und locker alle Nachahmungsfallen umdribbelt.

BuvetteDer frühere Schlagzeuger der Band The Mondrians und «Rowboat»-Labelbetreiber verarbeitet auf dem Debüt die Lieder, die bereits auf seinem trefflich betitelten Eigenbrand «Hugs and Handclaps» zu hören waren. Allen voran steht – wiederum – der «Benzi Blues», das die klatschende Lospreschspur mitsamt grellen Billig-Synthies schnell verlässt und in einen munter-hängenden Refrain übergeht. Eigensinnig getaktet geht es weiter und immer staunenswert weiter: mit herzensguten Melodien, Orgeln, Lofi- und raumgreifenden Sounds, dem welschen Akzent in Buvettes englischen Texten und vor allem, funktionierenden Liedern.

So ist zum Schluss Buvettes Schlafzimmerstudio mit allerlei Freunden gefüllt, die fröhlich einstimmen in das Loblied auf die Provinz und diese Platte der freudigsten Entdeckung des hiesigen Popjahres; eine Entdeckung, die in Bälde auch in die Zentren dieser Welt ausstrahlen dürfte.

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Buvettes «Houses and the Voices» gibt es in den digitalen und aber auch realen Plattenhäusern zu kaufen. Live zu erleben morgen Donnerstag im Rössli. Dass sich das lohnt, ist hier nachzulesen.

Unbehauster Sound

Benedikt Sartorius am Samstag den 6. November 2010

Mount KimbieDie Musik des englischen Duos Mount Kimbie wirkte bereits auf ihrem diesjährigen Debüt «Crooks & Lovers» reichlich ungreifbar. Man durfte durfte sich reinknien, um dieser Elektronik, die verrauschte Schlaufen, präparierte Klaviere, hohe Pitch-Stimmen, tief tauchende Ambientstrukturen und gehackte Beats zu einer nie angeberischen Musik verbastelt, gerecht zu werden.

Natürlich wünschte ich mir, dass am gestrigen Auftritt im Bad Bonn zu Düdingen Mount Kimbies Werken dann doch nahbarer als ab Konserve wirkt. Allein, das Ganze blieb merklich und trotz live eingespielten The XX-Gitarren, sichtbar analogen Samplern und einigen Trommeln auf der Bühne kleben, auch bedingt durch die traditionellen liedhaften Unterbrüche im Set. Der konzertante Club, so wirkte dies gestern jedenfalls, scheint noch kaum der richtige Ort für die beiden jungen Herren zu sein. Vielleicht, so darf geschlussfolgert werden, kennt diese Musik zwischen Spielzimmer und Strenge, zwischen Club und Kopfhörer, zwischen Track und Song aber auch schlicht keine Heimat.

Sampler zum Bedienen

Musik zur Zeit

Benedikt Sartorius am Mittwoch den 3. November 2010

Der Autor dieser Zeilen war in den letzten Wochen quasi «Down There» und suchte nach Raum. Sein Soundtrack:

James BlakeJames Blake: Der englische «electronic composer» veröffentlichte seine EP «Klavierwerke» mit u.a. dem Feist-Cover «Limit to Your Love» und dem entschleunigten «I Only Know (What I Want Know)». Viel tiefer geht es kaum in den Bassfrequenzen, während die Stimmen aus den Höhen ergreifen. Die Soulmusik der Gegenwart.

Rhythm & SoundRhythm & Sound: Wenn in diesen Tagen von Post-Dubstep – u.a. bei James Blake oder auch Mount Kimbie – die Rede ist, dann zeichneten Mark Ernestus und Moritz von Oswald für den Prä-Dubstep verantwortlich. Die Sonne scheint gedimmt im Herzen und die Alben «The Versions» und «With the Artists» drehen für immer auf dem Plattenteller ihre Runden.

Panda BearAvey Panda: Es gibt kein Leben ohne das Animal Collective. Und wenn die versammelte Band Pause macht, veröffentlichen die beiden ständigen Mitglieder Avey Tare und Panda Bear je neue Lieder. Letzterer verschickte jüngst die Single «You Can Count on Me» mit der grossen B-Seite «Alsatian Darn», während uns Avey Tare alias Dave Portner mit «Down There» sein Solodebüt schenkt. «Down There» tauscht die elektronische Euphorie und die jubilierenden Chöre des letzten Bandgrosswerkeszunächst mit einer greifbaren Verzweiflung aus, während die skizzierten Melodien lauern, bis am Schluss die öffnenden Lieder «Heather in the Hospital» und «Lucky 1» ineinanderfliessen, und das Glück doch noch durchscheint.

HallohalloHalloween-Mix:
Das amerikanische Erntedankfest ist zwar egal, das Mixtape des Blogs «Gorilla Vs Bear» zum vergangenen Festtag aber umso wichtiger – mit allem und noch viel mehr, was oben erwähnt worden ist.

Avey Tare

Basel, nochmals abartig

Roland Fischer am Freitag den 29. Oktober 2010

Noch nichts vor am Wochenende? Wie wär’s mit einem Ausflug nach Basel? Dort findet noch bis Sonntag das umtriebige Shift-Festival statt, ein Happening der elektronischen Künste – irgendwas zwischen Kunstausstellung, fröhlichem Bastel- und Spielnachmittag und Musikfestival. Gestern war Eröffnung, mit einem ebenso verspielten wie hintersinnigen Konzert von Oy (die Stimmakrobatin Joy Frempong solo).

Heute abend steht Frempong noch einmal auf der Bühne, mit dem Computerjazzer Bruno Spoerri zusammen. Dessen Urzeit-Elektro-Süssfunk, den wir alle aus alten Fernsehjingles und Werbespots noch in den Ohren haben, wurde unlängst von Andy Votel wieder ausgegraben – nun ist Spoerri Spezialgast am Shift. Sein Wiederentdecker wird auch nach Basel kommen für ein DJ-Set am selbigen Abend, vor ihm ist sein Landsmann Matthew Herbert auf der Bühne. Und auch am Samstag ist die musikalische Tafel reich gedeckt, Namen gibt’s hier.

retro gamesIn der Ausstellung gibt’s (wie immer eigentlich bei Neuer-Medien-Kunst) einige Highlights zwischen viel Belanglosem. Vor allem ein Abstecher in den hinteren Saal lohnt sich, wo die junge Garde ihre Werke präsentieren darf. Dort findet sich dann auch (das hatten wir doch schon mal) eine Retro Game Lounge mit alten Computerspielen. Scheint ein Trend zu sein – passt aber natürlich bestens zum Festivalmotto «Lost & Found».

Mitbringsel aus Paris

Roland Fischer am Donnerstag den 21. Oktober 2010

Das Pariser Musée des arts et métiers ist eine ziemlich langweilige Angelegenheit. Ein kleiner Louvre für Technik, wenn man so will, Saal an Saal, Kabinett an Kabinett reihen sich die Exponate zu Verkehr, Kommunikation, Wissenschaft, Industrie. Da ist ein Museum dabei, allmählich zum Archiv zu erstarren: All die Modelle, all die Preziosen aus vergangenen Zeiten sind zwar mit Sicherheit sehr wertvoll, aber die kunstvollen Vitrinen stammen aus einer anderen Zeit, als das blosse Versammeln technischer Meisterleistungen reichte, um die Leute in Scharen ins Museum zu locken.

pongHeute funktioniert das nicht mehr – die Säle bleiben auch an einem trüben Herbstsonntag einigermassen leer, und das berühmte Pendel von Foucault schwingt unbeachtet hin und her. Mehr Betrieb ist dagegen in der Sonderausstellung, die denn auch sehr viel heutiger daherkommt: Im Museogames werden Videospiele aus den letzten vierzig Jahren präsentiert. Wer erinnert sich noch an das minimalistische «Pong»? Die Ausstellung (wie auch die schöne Webseite dazu) bietet eine Zeitreise zurück in die Kindheit und lädt mehr noch als zum Betrachten zum gemeinsamen Spielen ein – wobei die Chronologie auch die Besucher schön sortiert: Die Älteren bleiben bei den Anfängen hängen, während die Jüngeren erneut ihre Lieblingskonsolen heisslaufen lassen.

Mein Lieblingsfund war eine Videoinstallation,
die nahelegt, dass die Macher von Super Mario bei einem viel älteren Meister des Jump-and-run abgekupfert haben: