Archiv für die Kategorie ‘Elektronisches’

Früh am Abend in der Hafenstadt

Roland Fischer am Samstag den 16. Juli 2011

Auf dem Gurten läuft das Programm schon seit kurz nach dem Mittag, im Garten ist demnächst Türöffnung, und auch in den Hafen laufen bereits wieder die ersten Schiffe(r) ein (das soll man jetzt bitte nicht mutwillig falsch verstehen). Sehr entspannt, das Treiben auf dem Vorplatz, mit schweren Bässen unterlegt.

hafenstadt

Eine Frage sei da aber noch nachgereicht: Wie lief denn das gestern? Und vor allem: Warum lief schon kurz nach zwei gar nichts mehr?

Bassbrandung zum Schluss

Roland Fischer am Freitag den 15. Juli 2011

Nach dem fast schon geflüsterten Eels-Auftritt musste man sich schon Sorgen machen, dass das Gurten-Zelt auch von Trentemoeller nicht wirklich mit Macht beschallt werden durfte. Zum Glück hatten die Tontechniker oder die Dezibelfunktionäre aber ein Einsehen und der Däne durfte seine dicken Bässe ins Publikum branden lassen.

trentemoeller

Ein dramaturgisch schön sich steigerndes Set war das, dargeboten vom wild hantierenden Maschinenmenschen Trentemoeller in der Mitte und einer knackigen und auch mal tüchtig lärmenden Rockband drumherum. Die Feinheiten seiner sorgfältig geschmiedeten Elektrodub-Songs gingen so zwar mitunter ein wenig verloren, dafür hatte das Ganze einiges mehr an Live-Dringlichkeit als das Knopfdrück-Konzert von 2manyDJs zuvor auf der Hauptbühne. Und zum grossartigen Schluss coverte Trentemoeller dann noch Thinking of you von Lulu Rouge und entliess eine gut warmgetanzte Menge in die Gurten-Nacht.

nacht

Ein temporärer Hafen für Bern

Roland Fischer am Donnerstag den 14. Juli 2011

Es wird fleissig aufgebaut auf Berns Festivalstätten – auf dem Gurten ist alles bereit, gestern ging schon mal die generalstabsmässig geplante Nässeresistenzprüfung des Areals vonstatten. Und auch hinter dem Kairo ist der Bühnenaufbau für das Gartenfestival weit fortgeschritten.

Am muntersten ist das Treiben derzeit indessen auf dem Vorplatz der Reitschule. Hier ein paar Schnappschüsse von den Arbeiten an der Berner Hafenstadt von gestern abend:

hafenstadt eingang

Das trojanische Pferd vom letzten Jahr ist ja noch in bester Erinnerung, aber man darf sich, wenn der Eindruck nicht täuscht, auf ein mindestens ebenso spektakuläres Dekor freuen. Und das Konzert-Lineup ist auch nicht zu verachten.

hafenstadt turm

Sehr schön übrigens auch, wohin einen Google bei «Hafenstadt Bern» schickt: Bern eine Hafenstadt? Als in der Matte noch täglich Schiffe anlegten… Auf viele neue Kultur-Anlegestellen, temporäre wie dauerhafte!

Bibel, Computer, Geschlecht – und so Zeugs

Roland Fischer am Freitag den 8. Juli 2011

Nur kurz und ohne viel Lokalbezug: Ein ganz und gar seltsamer Text erzählte auf der Bund-Seite unlängst von den Erkenntnissen einiger israelischer Computerlinguisten, die ihre Maschinen mit der Bibel gefüttert hatten. Die Software hätte, meinten die Forscher, die Arbeit früherer Bibelforscher von Jahrzehnten innert Minuten nachvollzogen und den ganzen Text nach einzelnen Verfassern aufseziert. Dass ausgeklügelte Algorithmen solches können, ist nicht weiter überraschend, wohl aber der Schluss, den manche Medien daraus gezogen haben, beispielsweise das Anglican Journal: «Computer scientists say humans wrote Hebrew Bible». Aha.

TextpuzzleDie Forschergruppe hat übrigens, so wiederum der Bund-Artikel, schon früher für Aufsehen gesorgt, mit einer Software, «die in vier von fünf Fällen sagen konnte, ob der Autor eines Textes ein Mann oder eine Frau war. Das führte dann wieder zu einer Debatte, inwieweit das Geschlecht bestimmt, wie wir denken und kommunizieren.» Frauen kommunizieren anders als Männer? Wieder eine der grossen Erkenntnise der modernen Wissenschaft.

Der spannendste Passus des Artikels stand indessen ganz unauffälig am Ende eines Nebensatzes: Zu den Anwendungsmöglichkeiten des Algorithmus gehöre auch die «Entwicklung neuer Programme für Schriftsteller». Vor allem für solche mit multiplen Persönlichkeiten? Oder für Schreibfaule, die einen Textrumpf automatisch vervollkommnen lassen wollen, ohne Stilbruch? Fotoshoppen für Schreiber, gewissermassen?

Auf gutem Weg

Ruth Kofmel am Mittwoch den 6. Juli 2011

Treue Seele, die ich bin, pilgerte ich gestern wie jedes Jahr nach Montreux ans Jazz Festival. Auch wenn das Programm der Miles Davis Hall heuer wenig Anmächeliges zu bieten hat. Immerhin den James Blake habe ich mir fest vorgenommen, weil er eine der bei mir oft abgespielten Platten der vergangenen Monate gemacht hat.

James Blake hat die Umsetzung seiner Musik für die Bühne sehr gut hinbekommen. Ein Präzisionsdrummer, der diese kurzen, knackigen Schläge perfekt beherrscht und ein Gitarrist, der auch noch allerlei andere Sounds beisteuerte, begleiteten James Blakes Tastenspiel und Gesang. Er kann singen und er kann Klavierspielen, aber ist sich vielleicht doch noch nicht so sicher, dass er seinen Fähigkeiten als Live-Musiker genug vertraut. Der Vocoder kam für meinen Geschmack zu oft zum Einsatz, was dem Ganzen eher einen nörgelnden, jammernden Anstrich gab. Es war auch beim ihm nicht ganz durchsichtig, welche Klänge nun wirklich live gespielt wurden und was ab Band kam.

James Blake, Miles Davis Hall

Ein Protagonist war auf jeden Fall der Mischer, der offensichtlich einiges mit den Bässen anstellte. Diese wiederum waren zum in die Knie gehen und man durfte ein Halleluja Richtung vibrierende Decke schicken. Da flatterte nicht nur das Sommerkleidchen, sondern die Wände zitterten mit und dies, ohne dass es besonders laut war. Bässe, die eher körperlich spürbar waren, als dass man sie hörte.

James Blake, soviel kann mit grosser Sicherheit gesagt werden, ist auf gutem Weg: Wie er selbst nach einem seiner älteren Stücke anmerkte, hat er sich von einer eher allgemeingültigen Musik in Richtung einer eigenständigen Klangästhetik vorgewagt und damit schon einmal gewonnen.

Sitzen, hören und nichts sonst

Ruth Kofmel am Samstag den 2. Juli 2011

Die lange Nacht der elektronischen Musik wurde bei mir nicht so lang, weil ich nach zweieinhalb Konzerten das dringende Bedürfnis hatte, unmittelbar meinem Kopfkissen zu lauschen. Ganz schön viel Ton für einen Abend, aber toll war’s.

Zu Beginn: Brunhild Ferrari. Das Publikum sass in einem Stuhlkreis, sie in der Mitte. Sie öffnet ein silbernes CD-Case, nimmt eine CD heraus, legt sie in den Player ein mit leicht zittrigen Händen, drückt den Startknopf, lehnt sich zurück, faltet die Hände und tut dann nichts mehr, ausser dasitzen und zuhören.

Brunhild FerrariDas fand ich wunderbar. Aus der elektronischen Musik ist man sich sonst oft ein Gefuchtel und Geschräubel gewohnt, Regler werden mit grossem Gestus heruntergerissen und Knöpfe mit Nachdruck gedreht. Die Laptop-Konzerte haben ja immer mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass es nicht sehr spannend ist, einem Menschen zuzuschauen, der hinter einem Computer steht und ab und zu ein Knopf drückt. Es ist aber auch so, dass bei vielen die Musik halt im Studio entsteht und die erarbeiteten Files am Konzert in einer gewissen Reihenfolge ausgelöst werden. Äusserst schwierig also, bei dieser Musik ein live-Gefühl im Publikum herzustellen und ziemlich oft wird dem Publikum etwas vorgeschräubelt, was so gar nicht live passiert. Dasitzen und einfach zuhören, scheint mir eine sehr legitime Möglichkeit zu sein.

Auch die Musik von Brunhild Ferrari war schlicht und wunderbar. Vor allem das zweite Stück gefiel mir sehr. Sie kennen das: Etwas schläfrig in der Badi liegen, oder in einem Café in einer fremden Stadt sitzen und in der Geräuschkulisse versinken. So ungefähr hat sich diese Musik für mich angehört und angefühlt. Schön.

Eliane Radigues Stück war ein Solo für Cello, was mit Elektronik eigentlich überhaupt nichts zu tun hat, ausser vielleicht wie es komponiert oder entwickelt wurde, aber das habe ich bei der Einführung wohl irgendwie verpasst. Egal. Auch sie gehört zu den Pionieren der elektronischen Musik und hat über Jahrzehnte aus einem Synthesiser alle möglichen und unmöglichen Klänge herausgeholt, die sie jeweils an ihren Katzen testete – je nach Gesichtsausdruck der Katzen wurde etwas behalten oder verworfen. Das macht durchaus Sinn, glaube ich. Die Musik hörte sich für mich nach einem atmenden Cello an, das ab und zu heiser war, Schnupfen hatte, oder unter Kurzatmigkeit litt. Und weil da eher wenig geschah, fingen meine Ohren an, Töne dazu zu erfinden – ich hörte also etwas, was ziemlich sicher nicht gespielt wurde – sehr unterhaltsam war das.

Bevor ich dann dem Kopfkissen den Vorzug gab, liess ich noch die Klänge von Oval auf mich einwirken. Er, ein renommierter Vertreter der Laptop-Musik. Sein Set war gekonnt und wirklich sehr überlegt; wie er beispielsweise einzelne Klangelemente durch das ganze Set mitnahm und sie in den verschiedenen Liedern aufscheinen liess.

Volle Ohren und gut geschlafen ist das Fazit.

Grosse Bässe im kleinen Pferd

Ruth Kofmel am Freitag den 10. Juni 2011

Sie mögen basslastige Musik? Gut. Ich auch. In diesem Falle, sind Sie des öfteren im Rössli der Reitschule anzutreffen; die haben uns dort schon manchen elektronischen Hauptgang perfekt abgemischt aufgetischt. So auch gestern bei der Plattentaufe von «Meienbergs» neuem Vinyl «Blurring the Boundary».

Meienberg in motion

Meienberg kann das mit den Bässen, die bei ihm wuchtig daherkommen, so dass sie einen in der Magengrube kitzeln. Es betören aber nicht lediglich die Bässe, sondern auch sein Händchen für Melodien und verschrobene Sounds, die gerne hintergründig durch die Beats mäandern.

Herausgekommen ist die Ten Inch auf «Luana Records», einem Berner Kleinst-Label, das Grosses hervorbringt. Falls Sie noch nicht zu den Eingeweihten gehören, das mit den Bässen aber Ihr Ding ist, wünsche ich Ihnen viel Spass beim Entdecken.

Elektronik entspannt

Roland Fischer am Sonntag den 5. Juni 2011

kramgasseGestern Abend in der Kramgasse: Etliche Kellerdeckel sind offen, es herrscht fröhlicher Betrieb. Vor dem Konservatorium ballt sich der musikalische Untergrund in eher eigenartiger Mischung: Zunächst das Ono mit Electro Pop und Indie Pop, dann die Lounge Kapelle (nun ja) und schliesslich das Tonus Music Labor, das vom Leerraum-Label mit einem kleinen Video- und Soundspektakel bespielt wurde.

Man entschied sich für letzteres – eine sehr entspannte Angelegenheit. Die Sounds perlten und knackten aus den Mehrspurkanälen, man machte es sich irgendwo im spartanisch-schönen Raum bequem und liess sich für eine Weile mittreiben. Zwischendurch mal raus auf die Gasse und ein wenig das nächtliche Treiben beobachten, und jederzeit die Möglichkeit, wieder abzutauchen in die unerhörten Soundwelten der Elektronik-Forscher aus der ganzen Welt, die der Berner Künstler Zimoun auf seinem Label versammelt hat. Ein wunderbar naheliegender Ausflug in fremde Welten war das.

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Pourquoi vous ne me connaissez pas?

Grazia Pergoletti am Samstag den 14. Mai 2011

«Bei diesem Künstler ist die Party noch nicht vorbei – sie fängt erst richtig an.» So der erste Satz des Pressetextes zu «Le début de la fin» von Play Patrik, alias Patrik Zeller, einem Musiker aus Bern. Kennen Sie nicht? Könnte sich ja bald ändern.

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Auch eine Provinzdiva erlebt immer wieder Überraschungen, wenn sie in ihrer nächsten Umgebung Neues entdeckt. Dank der Produktion «Bluetsuuger» von Christina Rast und Matto Kämpf (Première Ende Mai im Schlachthaus), hatte ich kürzlich das Vergnügen den Musiker Patrik Zeller kennenzulernen. Ein Berner, der fleissigst Musik komponiert für Theater im ganzen deutschsprachigen Raum – in seiner Heimatstadt Bern allerdings jetzt zum ersten Mal – und auch eigene Projekte verfolgt, wie zum Beispiel eben Play Patrik. Anfang April hat er die zweite CD unter diesem Namen veröffentlicht.

Play Patrik unterhält uns darauf köstlich
mit ziemlich überdrehtem und charmantem Elektropop, vielleicht ein wenig im Stile von Philippe Katerine, ohne das ganze Verkleiderlis zwar, aber ab und an mit derselben fröhlichen und ironischen Penetranz. Mein Lieblingssong ist auf Anhieb «Ce n’est pas une chanson d’ amour d’été», ein weiteres hübsches Glanznümmerchen heisst «Pourquoi vous ne me connaissez pas?» Ja, das fragen wir uns auch. Aber schliesslich geht diese Party ja erst richtig los.

Auf Reisen mit Mathon

Gisela Feuz am Freitag den 6. Mai 2011

MATHONKennen Sie Mathon? Wahrscheinlich nicht. Mathon ist ein kleines Bündner Bergdorf, welches auf 1520 Meter über Meer den Hinterrhein überblickt, stolze 48 EinwohnerInnen hat und wunderbarste Aussicht auf das Val Schons und ein imposantes Bergmassiv bietet. Oder kennen Sie vielleicht das Trio Mathon? Wahrscheinlich auch nicht, denn wie Pete Leuenberger, ein Mitglied von besagtem Berner Trio kürzlich treffend feststellte: «Es ist halt schwer in unserem Genre.»

Wenn auch die beiden Mathons der breiten Masse nicht bekannt sein dürften, so kennen sie doch zumindest einander ziemlich gut. Die drei Ambiente-Zauberer, eben Pete Leuenberger, Roger Stucki und Thomas Augustiny haben nämlich kürzlich ihr mobiles Produktionsstudio im bündnerischen Bergdorf aufgestellt, um dort ihr viertes Album aufzunehmen. Als Thema zur musikalischen Umsetzung wurde «Erde» gewählt, wobei die Stimmung der Stücke die Koexistenz von Natur und Zivilisation aber auch deren Gegensätzlichkeit hörbar machen soll. Das tut sie auch. Darf man getrost behaupten.

Hört man sich das neue Album «Terrestre» von Mathon an, schwebt man einmal als Astronaut weit draussen im Weltall und bestaunt den blauen Planeten. Dann wieder sitzt man mindestens 20’000 Meilen unter dem Meer und lässt sich zwischen grossen Fischen treiben oder aber liegt weitab jeglicher Zivilisation auf einer grossen Blumenwiese und fragt sich, ob es heutzutage eigentlich noch LSD gibt. Die drei Mathon-Herren verstehen es, wunderbar sphärische Lautlandschaften aufzubauen, tun dies mit einer wohltuenden Bedächtigkeit und Luftigkeit, lassen aber auch immer wieder ausgefeilte Elektronik-Spielereien mit einfliessen. Eine wunderbare Musikexpedition durch ambiente Lande ist das. Fürwahr. Und erst noch auf durchsichtigem Vinyl zu haben.

Mathon taufen heute Abend «Terrestre» im F22-Atelier am Federweg 22, welches fast so schön ist, wie das bündnerische Mathon. Zum schmucken Vinyl gibts übrigens auch gleich eine CD mit Remixes, Videos und MP3.