Archiv für die Kategorie ‘Elektronisches’

Vorfreude

Ruth Kofmel am Montag den 17. Oktober 2011

Es gibt wenige Musiker, denen ich auf Schritt und Tritt zu folgen versuche. Dimlite gehört dazu. Wir müssen uns noch etwas gedulden, aber bald und endlich wieder dürfen wir uns an einer neuen Langspielplatte von diesem Ausnahmetalent freuen. Hier ein kleiner Vorgeschmack:

Alchemie der Bässe

Bjørn Schaeffner am Samstag den 1. Oktober 2011

Zu fortgeschrittener Stunde war man ins ISC gekommen, leise enerviert über den bisherigen Verlauf der Nacht. Und da wurde dann alles wieder gut. Ben UFO vom englischen Label Hessle Audio war zur bisher dritten Stride-Nacht angereist. Veranstaltet wird die Partyreihe von zwei langjährigen Förderern anspruchsvoller Clubmusik in Bern, Sassy J und Kev the Head.

Man war fast etwas erstaunt, wie satt das hier klang. Rund und auf den Punkt die Bässe. So laut wie es eben sein muss. Über eine schlechte Akustik konnte man sich in diesen Räumlichkeiten noch nie beklagen, aber trotzdem: Die Anlage war wohl extra für die Bassmusik ausgepegelt worden. Das ISC war ja natürlich noch nie ein Technoclub, obschon hier spätestens seit 1994 immer wieder elektronische Clubmusik gespielt wird.

Ben UFO praktizierte seine Alchemie der Bässe, fusionierte UK Funky, Techno und Dubstep zu einem flirrenden Soundgeflecht und beeendete sein Set schliesslich mit einigen Gänsehaut-evozierenden Soultupfern. 

Sträflich wenige Leute waren da noch auf der Tanzfläche. Solche Qualität hätte eigentlich Warteschlangen bis zum Bierhübeli verdient. Sei es drum, die Euphorie konnte es kein Fünkchen trüben. Die nächste Grenzüberschreitung mit Stride steht übrigens am 2. Dezember wiederum im ISC an, da ist dann Lone aus Nottingham zu Gast.

Flüchtiger Dreier

Ruth Kofmel am Donnerstag den 29. September 2011

Viele Ideen, wie Bewegung, Sprache und Musik aufeinandertreffen können, wurden gestern im  Stück COMEandGo in Szene gesetzt. Tanz, Theater und Live-Elektronik  wurden von den drei Darstellern in einzelnen Sequenzen auf der Tojo-Bühne in Zusammenhang gebracht.

Ein Mikrophon trifft hörbar einen tanzenden Körper, der Tanz wird ähnlich einer Sportreportage kommentiert, die geloopten Stimmen werden zum Beat, der den Körper der Tänzerin antreibt, bis sie vor Erschöpfung zu schweben beginnt.

Die Ideen wurden angespielt, kurz in eine Richtung verdichtet und bald für den nächsten Einfall aufgegeben – ein Kommen und Gehen eben.  Der Abend trug dem Flüchtigen, Skizzierten, Improvisierten Rechnung und zeigte eine Vielzahl möglicher Herangehensweisen, wie Tanz, Musik und Theater als gleichberechtigte Akteure in Beziehung treten können.

Insbesondere die Live-Elektronik bestach durch Ideenvielfalt, die nie aufdringlich wurde, im Nachhinein aber zum Schmunzeln anregte: Auch ein Staubsauger ist der Live-Elektronik zuzurechnen und seine Klänge fügten sich genau so stimmig in die akustische Erinnerung, wie das Geräusch des Mikrofonkopfes, der über das Gitter einer Fechtmaske gezogen wird.
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Das Stück läuft noch diesen Freitag und Samstag im Tojo-Theater.

Eigensinn in Schwarz

Ruth Kofmel am Samstag den 24. September 2011

Es gibt immer noch zu wenige von denen: Kleine, obskure Labels, die sich so fest in einer Nische einkugeln, dass man sie nur mit Glück oder viel Recherchearbeit findet. Findet man sie aber, ist die Freude über solche eigensinnigen Zeitgenossen gross.

Mismrecords ist ein solches Label. Ein Zürcher und ein Berner Musikliebhaber haben sich aus einer spontanen Idee heraus vor ein paar Jahren zusammengetan und ein Label gegründet, mit der Idee, ihrer Lieblingsmusik einen artgerechten Auftritt zu verschaffen. Beide sind sie im alternativen Rap und in der Elektronik zu Hause. Als Tonträger kam in dem Fall nur einer in Frage: die 7-inch Schallplatte.

In gemütlichem Tempo verwirklichen die zwei ihre Projekte und schöpfen ihre über die Jahre gewachsenen Kontakte in der internationalen Szene aus.

Der sechste Mismrecords-Release bringt nun die zwei Charismatiker Tenshun und Babelfishh zusammen. Verworrende Beats und ebenso verworrene Wortgebilde ergänzen sich vortrefflich.

Hier die Hör- und Sehprobe und selbstverständlich ist beides weit, weit weg von gefällig.

Parate Leute

Ruth Kofmel am Dienstag den 20. September 2011

Hier ein musikalisches Häppchen.

Balduin, es wäre mal wieder Zeit für eine neue Platte. Denn immer noch gerne gehört sind seine Jugendsünden unter dem Namen Rainbow Tapes, die auf Everest Records erschienen sind. Aufnahmen, die er in jungen Jahren in seiner Dachkammer gezimmert hat und im Grossen und Ganzen eine Hommage an die Beatles und die Psychedelik sind.

Und noch ein visuelles Häppchen:

Vorprogramm aus Detroit

Bjørn Schaeffner am Samstag den 10. September 2011

God is a DJ, hat der britische Techno-Pop-Act Faithless einmal behauptet, und genau von diesem Credo schien auch die riesige Silhouette beseelt zu sein, die salbungsvoll ihre Arme über der Bühne ausbreitete, flankiert von einer obligat kunterbunt-wirbelnden Lichtshow.

Freitagnacht in der Grossen Halle. Unter dem marktschreierischen Claim «Detroit Techno Masters» war der Rave in der Reitschule angekündigt worden, und tatsächlich waren mit Stacey Pullen, Kenny Larkin und Jeff Mills drei namhafte Vertreter aus der amerikanischen Motorcity angetreten – immerhin der Geburtsstadt von Techno.

Jeff Mills war während den Neunzigern mit seinen furiosen, kunstvoll peitschenden Vierviertelepen der wohl prägendste Techno-DJ seiner Zeit, und so könnte man es bald als programmatorische Meisterleistung, bald als ironische Fügung bezeichnen, dass Mills einen Abend vor Paul Kalkbrenner gebucht wurde, quasi als Vorprogramm für jenen Mann der Stunde, der heute in der Grossen Halle spielt. Der Berliner Kalkbrenner hat eine der erstaunlichsten Musiker-Karrieren hinter sich und verdankt seinen kometenhaften Aufstieg einer DJ-Filmrolle in «Berlin Calling», eines nicht unsympathischen, wenn auch arg klischierten Porträts über die Irrungen und Wirrungen eines Berliner Plattenlegers – der Film läuft heute Abend zur Einstimmung auf Grossleinwand.

Ausverkauft war Kalkbrenners Gig schon nach wenigen Tagen, während in der Detroiter Nacht kein Gedränge herrschte und man den Füssen freien Lauf lassen konnte. Für den Höhepunkt des Abends war denn auch tatsächlich Jeff Mills besorgt: Der Detroiter, der wegen seiner technischen Finesse auch den Übernamen «The Wizard» trägt, nahm sich Zeit und breitete gemächlich, Track um Track, seinen sakral-schimmernden Trommelteppich aus. Ein gewiefter Sound-Dramaturg, keine Frage.

Und als Mister Mills dann noch seine ebenfalls mitgebrachte Drummachine Roland TR-909 in die oberen Gänge schaltete, ratterte und knatterte es wie in den besten Rave-Zeiten. Da spielte es dann wirklich auch keine Rolle mehr, dass Mills irgendwann Staub an die Plattennadel geriet, was zu einem kurzen, jähen Aussetzer führte. Gott ist womöglich eben doch kein DJ.

Thavius Beck

Ruth Kofmel am Freitag den 9. September 2011

Schwierig zu entscheiden, was man bei diesem Mann erwähnen sollte. Vielleicht das: In seinen Anfängen war er als Bassist mit Saul Williams auf Tour und hat mit diesem das von mir gerne gehörte Rap-Album «The Inevitable Rise and Liberation of NiggyTardust!»  kreiert. Saul Williams wiederum kommt ja bald in den Dachstock, wie Sie hier schon lesen konnten und das ist sehr gut.

Diese Tage profiliert sich Thavius Beck vor allem als einer der raren Laptopmusiker, die nicht lediglich ihre Files runterspielen, sondern diese live per Zauberhand zu mitreissender Musik arrangieren. Man konnte sich gestern aber nicht ganz dem Verdacht erwehren, dass das zur Schaustellen seiner mit lauter leuchtenden Knöpfen bestückten Schaltzentrale etwas mit seiner Tätigkeit als Ableton live Trainer zu tun haben könnte. Aber auch wenn; das sei ihm vollkommen verziehen, gehört er doch für mich schlicht und einfach zu den besten Beatproduzenten überhaupt.

Dank gilt einmal mehr dem Rössli-Team. Sie haben definitiv eine der interessantesten Anlaufstellen für elektronische und basslastige Musik in Bern geschaffen.

Klingende Pflanzenkunde

Ruth Kofmel am Sonntag den 28. August 2011

Stippvisite bei Les Digitales im Botanischen Garten.

Die Herren von Everestrecords haben zum zweiten Mal dieses in der Romandie entstandene Festival der elektronischen Musik nach Bern geholt und dafür eine der wohl hübschesten Lokalitäten ausgesucht. Natürlich können die Konzerte im Liegestuhl im Zelt genossen werden, aber es ist auch sehr gut, durch die Weglein zu streunen, Pflanzen anzugucken und den Klängen aus allen möglichen Winkeln und Distanzen zu lauschen.

Schon vom weitem hörten sich Rotkeller äusserst überzeugend an. Die zwei Laptopmusiker spielten einen hübsch groovenden Sound, der sogar einige zum leichten Mittanzen animierte.

Les Poissons Autistes musizierten zusammen mit Bio und Larkian. Wie gewohnt legten sie langsam pulsierende Flächen aus, auf denen allerlei Geräusche und Melodien Platz fanden, die via Gitarren, Trompeten, Kinderkeybord und natürlich etlichen zwischengeschalteten elektronischen Gerätschaften erzeugt wurden. Und auch wie immer klangen sie sehr herbstlich, sehr melancholisch – es passte prima zum Wetter also.

Noch abstrakter ging es bei dem Duo Rotterdam aus Wien zu und her. Sie beherrschen die Kunst mit Cello und Gitarre eine Art Techno zu spielen. Klang gut, aber wie die Frau Feuz es mit dem Funk hat, so geht es mir mit den geraden Beats – irgendwie immer noch nicht so meins.

Auf keinen Fall verpassen durfte man natürlich die Klanginstallationen von Flo Kaufmann und Strotter Inst.. Insbesondere entzückt war ich von den zu Plattennadeln umfunktionierten Kaktussstacheln. Ja, da war Musik zu hören.

Openair in der Lorraine-Brass

Gisela Feuz am Samstag den 27. August 2011

«Die Brass wird ja schliesslich 30, find ich prima habt ihr euch zahlenmässig angepasst», kommentierte gestern Gitarrist und Sänger Jamous von den Tight Finks lakonisch die Zuschauerzahl. Nun ja, mehr als 30 waren es definitiv, aber es erstaunte doch einigermassen, dass so wenig Leute der Brasserie Lorraine die Ehre erwiesen und mit ihr Geburtstag feiern wollten. Vielleicht lag es ja am Wetter, das sich gestern während dem Konzert der Tight Finks tatsächlich von seiner garstigen Seite zeigte, auch schon mal die Stromversorgung auf der Bühne lahmlegte und fast den Bass-Amp-Turm umblies. Die Herren Finken und ihre Frisuren liessen sich davon nicht irritieren und und trotzten dank Professionalität und «Drei-Wetter-Taft» Wind, Regen und Sturm.

Bei Saalschutz, dem Elektropunk-Duo aus Zürich, hatten sich die Regenwolken dann zum Glück verzogen, und die beiden Herren lieferten mit ihren Beats beste Gelegenheit, um sich körperlich zu ertüchtigen, wodurch dann auch die Kälte einigermassen erträglich wurde. Saalschutz bereiten nicht zuletzt dank ihren zahlreichen ironischen Zitaten und Anlehnungen an Meisterwerke und Verbrechen der Musikgeschichte immer wieder grandiose Freude. Hier ein kurzer Auszug, womit Sie, werte Leser und Leserinnen, kontrollieren können, wie es denn um Ihr Musikwissen steht. Von wem sind den z.B. die folgenden Zeilen geklaut:

This beat is, this beat is, this beat is Saalschutz Fucker
She shook me all night long
Über sieben Brücken musst du gehn, um Saalschutz zu verstehn

Wunderbarst, oder? Weniger wunderbar gings dann im Anschluss an Saalschutz drinnen in der Brass weiter, zumindest für die Schreiberin, die ja bekennende Funk-Nichtmögerin ist. Entsprechend waren Das Ordnungsamt aus Berlin mit ihren funkigen Riffs dann doch eher weniger nach meinem Gusto, obwohl die Band ihre Sache ja durchaus gut machte. Spannender waren dann wiederum Die Tapete aus Bern, die mit Elektro-Beats, Noise-Einlagen und Schrei-Gesang eigenartigen Wave-Punk fabrizierten. Für die Disko hats dann leider nicht mehr gereicht. Wind und Wetter hatten nicht nur frisurentechnisch ihren Tribut gezollt und so schwang sich Frau Feuz frühzeitig auf ihr Fahrrad und flitze auf Feuerrädern durch die Nacht, wie Saalschutz wahrscheinlich sagen würde.

Die Brasserie Lorraine feuert heute Abend den zweiten Teil ihres 30. Geburtstags. Mit von der Partie: Dilem Corneliem, Rain Dogs,Vialka, Navel, Copy & Paste, Katze Steffan und das Lügenorkestar. Gehen Sie hin! Aber ziehen Sie sich warm an.

Filmkonturen

Roland Fischer am Dienstag den 26. Juli 2011

Bern ist gerade Klein-Hollywood, derzeit dreht Xavier Koller den neuen Dällebach Kari, und Ende August wird ein internationales Filmteam die Berner Szenen aus «Nachtzug nach Lissabon» einfangen. Aus diesem Anlass ein hübsches kleines Objet trouvé aus dem Internet, von einem jungen amerikanischen Künstler, der sich alle Mühe macht, in keine Schublade zu passen (siehe zum Beispiel das, das oder das – oder auch das und das).

famous_objects

Für die Bern-Special-Edition müsste man dann wohl noch das hinzufügen: