Archiv für die Kategorie ‘Elektronisches’

Jahresrückblick der anderen Art

Roland Fischer am Mittwoch den 4. Januar 2012

Wie das Jahr 2011 ausgesehen hat, konnte man sich in den letzten Wochen allenthalben nochmals vergegenwärtigen. Doch wie hat es geklungen? Der Schlagzeuger Julian Sartorius hat seine eigene Soundgeschichte quer durchs letzte Jahr aufgezeichnet, in einem akustischen Tagebuch – ein Beat pro Tag. Das komplette Beat Diary wird noch dieses Jahr auf dem umtriebigen Elektrolabel Everest Records veröffentlicht.

Umtriebig bleibt auch der Beatproduzent. Heute Abend kann man ihm beim elektronischen Experimentieren mit Dimlite zuhören, in der Turnhalle. Und im Sommer dann geht es auf die ganz grosse Theaterbühne, an den Salzburger Festspielen. Dort wird er zusammen mit Sophie Hunger ein Stück zum Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Lenz vertonen. Sehr passend zur eigenen künstlerischen Lage, kann man wohl sagen.

Filewile sagt Hello 2012 und Goodbye 2011

Roland Fischer am Samstag den 31. Dezember 2011

«Wir haben gemerkt, dass wir nur weiterkommen, wenn wir noch einen draufsetzen», sagte Filewile-Mastermind Andreas Ryser vorgestern dem Bund, auf die Aussichten für 2012 angesprochen. Und wie um das zu demonstrieren, beendete die Elektrocombo ihr Konzert gestern in der Turnhalle mit einer krachend neuprogrammierten Version von Number One Kid. Der Song hat ja im Original schon gehörig gefunkt, aber wie ihn die vier gestern vorgetragen haben, bekam er schon fast Stadiongrösse.

Aber es muss nicht alles gross und grösser sein bei Filewile, auch Eingängigkeit ist nicht das Mass aller Dinge. Da wird immer noch mit Wonne gefrickelt und an tausend Knöpfen gedreht und so der Sound gegen den radiotauglichen Strich gebürstet. Das darf dann auch mal sehr laut werden, geht aber auch ganz leise. Wie die Sängerin Joy Frempong zur Zugabe Nina Simones Sea Line Woman gegeben hat, war ein Kabinettstück feiner Elektronik.

Schade also, dass das Konzert gestern nicht nur ein Vorgeschmack, sondern auch ein Schlusspunkt war. Das gut eingespielte Vierergespann (mit Mago am Bass) war so gestern das letzte Mal zu erleben. Ein schön buntes und knallendes erstes 2011-Abschiedsfeuerwerk war das.

Elektronisches aus der Region

Ruth Kofmel am Freitag den 23. Dezember 2011

In bester Erinnerung und schon sehr lange her, aber eben eines der unvergessenen Konzerte: Feldermelder spielte im Sous Soul. Es war eines der ersten Male wo ich Live-Elektronik so tanzbar, unverkrampft und vor Ort produziert miterlebte. Unterdessen habe ich seinen elektronischen Tüfteleien schon vermehrt glauscht und immer überzeugt mich seine grosse Experimentierfreude und sein ebenso grosses Können mit Hilfe von vielen Knöpfen, Schalter und Hebel Musik aus dem Moment heraus entstehen zu lassen.

Auf eine neue Platte von ihm muss noch ein wenig gewartet werden, aber zur Zwischenverpflegung, sind auf seiner Seite immer wieder hübsche Häppchen zu finden:

 

Schneetreiben und warme Sounds

Roland Fischer am Montag den 19. Dezember 2011

Die Kopfhörerkonzerte im Botanischen Garten sind wirklich eine formidable Sache, vor allem wenn es wie gestern draussen hudelt und man mit einem Glühwein begrüsst wird. Dann setzt man sich auf ein geheiztes Simsbänkli und stellt sich vor, wie das Gewächshaus langsam unter einer dicken Schneeschicht begraben wird, während drinnen im Warmen die Sounds der beiden Everester (wie passend) Matu und Meienberg zu wuchern beginnen.

Man kann auch ein wenig herumspazieren und schauen, ob der bissige Josef noch wach ist. Schade bloss, dass die Kopfhörer spätestens oben im Palmenhaus nur noch weisses Rauschen empfangen. Als würden sie das Schneetreiben draussen in die Ohren übertragen, live and direct.

Damit könnt ihr mich jagen!

Ruth Kofmel am Montag den 12. Dezember 2011

Sie machen durchaus ganz schreckliche Musik, die zwei. Die knalligsten Elektrosounds, zusammen mit mehr oder weniger sinnentleerten, aber auf jeden Fall arg repetitiven Texten, mit einer durch alle möglichen und unmöglichen Effektem veränderten Stimme vorgetragen oder geschrien – das sind Copy & Paste.

Schon zum dritten Mal haben sie in den schillernsten Disco-Beats gewühlt, die momentanen Dancefloor-Hits auf die Spitze getrieben und lassen den Ohren keine Sekunde Zeit, sich vom bolzengeraden Gewummere zu erholen. «Faire du bruit» heisst die neue Scheibe des Duos und wenn man ihnen seit Anfang immer mal wieder zugehört hat, freut man sich über die steile Entwicklung, die die zwei da hinlegen.

Sie werden immer besser und können mittlerweile mit den grossen Zugpferdchen in diesem Elektroclash-Zirkus locker mithalten. Der Sound ist so präzise und dicht, dass man mich zwar was den Stil anbelangt immer noch damit jagen kann, aber live würde mein linkes Knie definitiv den Verräter spielen und mittwippen wie blöd.

Ab an die Plattentaufe also und dem linken Knie die Herrschaft übergeben.

What a bastard

Roland Fischer am Donnerstag den 1. Dezember 2011

Socalled ist ein Hans-Dampf-in-vielen-Gassen, mit Hiphop oder Klezmer oder Sample-Pop ist ihm durchaus nicht beizukommen. Gestern am Konzert in der Turnhalle gab’s Acapella-Einlagen, Zauberkunststücke, Puppentheater, berührende Solostücke am Klavier, Samplerstakkato, fliegende Wechsel in der Band und und und. Funktioniert hat dieser Bastard von einem Konzert aber wunderbar, da war zwar nichts so wirklich stilecht, aber immer mit Herz und Schalk vorgetragen. Böse Zungen mögen behaupten, der Mann sei Opfer seiner tausend Talente, richtiger aber muss man hier wohl einen Irrwisch bewundern, der seine multiple Persönlichkeit sehr musikalisch unter einem Hut behält.

Dass meine Handykamera da nicht ganz mitkam, ist nicht weiter verwunderlich. Dafür ist eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Berner Nachtfalter aufgefallen, der gestern auch wieder mal als letzter vor dem Bühnenlicht seine Runden zog.

Richtiger Ort, richtige Zeit, richtige Musik

Ruth Kofmel am Montag den 28. November 2011

Ich muss mich zusammenreissen, um Ihnen nicht mit einem Unwort wie Klangoase zu kommen, wenn ich von gestern Abend berichten will. Die jährliche Kopfhörerkonzertreihe Adv3ent, die gestern Sonntag im Botanischen Garten gestartet ist, besticht aber nun wirklich durch die gekonnte Kombination von Ort und Geschehen.

Kopfhörerkonzerte sind offensichtlich nicht für jede Musik geeignet – ein Rockkonzert über Kopfhörer zu konsumieren scheint gar unsinnig. Die in sich selbst versunkene Musik von RM74 eignet sich aber ausgezeichnet, um genau so gehört zu werden. Die ruhige, pulsierende, fein changierende Musik würde kein plauderndes Publikum vertragen und sie lädt dazu ein, im Anblick der ausgeleuchteten Kakteen zu versinken und bei den psychedelischeren Passagen beispielsweise darüber nachzudenken, was wohl passieren würde, wenn man einen Bissen Euphorbia phosphorea zu sich nehmen würde.

Die Herren von Everestrecords haben im Botanischen Garten einen perfekten Veranstaltungsort gefunden und wissen ihn mit ihrer stilsichern Auswahl an elektronischer Musik richtig in Szene zu setzen.

Die Veranstaltungsreihe geht an den nächsten drei Sonntagen weiter. Beginn ist jeweils um 17.00 Uhr und nebst feinem Punsch, kann man vor Ort auch gleich Platten vom Label und den eingeladenen Künstler kaufen, wie in meinem Falle die neuste Veröffentlichung auf Hinterzimmerrecords; Pendulum Nisum, eine Kollaboration von Mike Reber und RM74.

 

Auf der Kapitel-Baustelle

Bjørn Schaeffner am Samstag den 19. November 2011

Hier wird gefräst, geschraubt und gebohrt. Rumgeschleppt, hochgehievt und anmontiert. Die Fenster stehen unmittelbar vor dem Einbau, die Lüftung hängt schon an der Decke, während das Schild der alten Brasserie wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten in der Küche lehnt. Willkommen auf der Baustelle: Anfang Dezember öffnet am unteren Bollwerk, an einem der urbansten Ecken der Stadt, ein neuer Club, das Kapitel.

Ein gewöhnungsbedürftiger Name. Der aber passt. Hat doch das darbende Berner Nachtleben ein neues Kapitel bitter nötig. Das Sous-Soul schliesst, das Wasserwerk steht vor dem Aus, und so gestaltet sich das Kapitel als mutige Antithese zum vielseits lamentierten Clubsterben. Ein neues Kapitel ist es auch für die drei Macher: Fausto de Siena und Tom Weingart waren für elektronische Nächte in der Formbar besorgt, während Diego Dahinden als Veranstalter im Dachstock frischen Wind im alternativen Berner Clubangebot entfacht hat.

Kapitel heisst der Club aber eigentlich, weil hier ein Betrieb entsteht, der in mehreren Etappen funktioniert: Montag bis Freitags werden über den Mittag Menüs serviert, am Abend gibt’s feine Happen und Drinks an der Bar, Donnerstags und Freitags laden Partys mit heimischen Labels und DJs zum Tanz, am Samstag auch mit internationalen Acts. Discoides bis Technoides soll aus den Boxen poltern, mit besonderen Ohrenmerk auf Qualitätshouse. Aufhorchen lässt schon jetzt eine Berliner Residenz: Die DJs aus Berghain und Panorama Bar werden laut Dahinden regelmässig im Kapitel einkehren. Und das ist ja immerhin der angesagteste Club-Tempel der Gegenwart.

Kein Formatfundi

Bjørn Schaeffner am Dienstag den 1. November 2011

Sam Geiser alias Deetron legt eine neue CD vor. Ob digital oder analog, ist dem Berner DJ einerlei.

Neulich auf Facebook: Der kanadische Technopionier Richie Hawtin machte sich über DJs lustig, die noch immer den Plattenkoffer hinter sich herschleppen. Da könne man meinen, es habe seit 1987 kein Fortschritt stattgefunden, höhnte der Prophet der computerisierten DJ-Kunst. Darauf ging ein derart höllisches Zetermordio unter Vinyl-Aficionados los, dass man fürchten musste, das soziale Netzwerk komme bald zum Erliegen.

Bei allem Verständnis für die Empörung: Was zählt, ist immer noch das, was ein DJ darbietet, sei es nun mit analogen oder digitalen Mitteln. Dass man locker auf beiden Hochzeiten tanzen kann, kein Formatfundi sein muss, zeigt Sam Geiser alias Deetron auf seiner neuen CD. Der Berner DJ und Produzent hat einmal digital und einmal mit Vinyl hantiert.

Ist das nun Hans was Heiri? I wo. Ich halte es mit dem Hans: Deetrons Platten-Mix brodelt, vibriert und surrt einfach vollendeter. Dergestalt swingend, dass Schwofen im Wohnzimmer schon mal zur schweisstreibenden Sache wird.

Wenig überraschend ist, wie sehr Deetron – der renommierteste Berner Techno-Künstler – mit seiner Track-Auswahl am Puls des Geschehens ist. Da gibt Radiohead-Sänger Thom Yorke im Trio mit Burial und Four Tet ein Ständchen, Alva Noto und Ryuchi Sakamoto lassen ihre selig-verlorenen Grooves anklimpern, der Norweger Todd Terje baut sein träumerisches Disco-House, es rumort der bassmächtige Sound von WAX oder Cosmin TRG. Und natürlich schwellen auch die Eigenproduktionen von Geiser in vertrauter Detroit-Manier an. Kein Zweifel, hier kommt die Techno-Klasse von 2011.

Reitschulfest 2011

Gisela Feuz am Sonntag den 30. Oktober 2011

Reitschulfest 2011, morgens um 3:50h (neue Zeit). Eine Bestandesaufnahme:

Im Frauenraum wird in der Disko Rage Against the Machine auf einen Swing-Song gespielt, im Tojo wird geelektropopt, im Innenhof hat man sich gemütlich um ein Feuer versammelt, im Rössli läuft irgendein alter Queen-Song (eine von den wunderbar kitschigen Disco-Nummern), im Dachstock wird zu hartem Elektro abgenickt und im Sous le Pont macht sich Lt. Slam bereit, um ab 5h das Katerfrühstück zu beschallen. Überall wird friedlich und ausgelassen gefeiert. Gut so!

Mitgehörtes Gespräch hinter der Bar:
«Du, bruchts eigentlich viu Bier am Katerfrüestück?»
«Geit so. Viu Wodka und Orange bruchts. U viu Närve.»

Danke Reitschule einmal mehr, für ein gelungenes Fest!