Archiv für die Kategorie ‘Elektronisches’

Livemusik – eine kleine Kulturgeschichte

Roland Fischer am Samstag den 24. März 2012

Live ist, wenn eine Band ihre Instrumente vor den Augen des Publikums bearbeitet, wenn der Klang also von einer Mensch-Maschine-Interaktion kommt, um es mal ein wenig technisch zu sagen. Nicht live wäre dann, wenn die Maschine irgendwie von selbst Musik macht. So einfach? Gestern in der Dampfzentrale konnte man diesbezüglich ziemlich ins Grübeln kommen, denn da wurde im reichen Abendprogramm «Schicht-Werk» eine kleine Zeitreise in Sachen ‘live’ geboten. Und da ging es eben um dieses Durcheinander von Mensch, Klang und Maschine.

Spielt dieser Mann Piano? Nein, er spielt Phonola.

Das ging gleich mal los mit dem ersten Teil des Abends, in dem sich ein liebenswert kauziger Herr vor ein Piano setzte, um, nicht etwa das Piano, sondern eine Lochstreifenmaschine zu bedienen, die den guten alten Flügel auf ungehörte Weise abheben liess. War das jetzt live? Wozu brauchte es da den Interpreten (davon abgesehen, dass er die Sache sehr charmant moderierte)?

Im Zwischenblock gab es dann zeitgenössische und zuweilen durch den Computer verschlaufte Schlagzeugmusik (mit einer Uraufführung eines Stücks von Daniel Weissberg). Das war dann sehr heutig, was die ‘live’-Frage angeht: Das kennt man ja, das Rätseln, welche Klänge vom Bandmitglied und welche vom elektronischen Hilfspersonal kommen. Man hat gelernt, da nicht mehr allzu puristisch zu sein, was die Durchschaubarkeit der Darbietung angeht. Apropos Durchschaubarkeit: das war dann tatsächlich der Clou des letzten Programmpunktes, des orchestralen Grossangriffs auf George Antheils legendäres «Ballet Mécanique» aus dem Jahr 1924.

Die beiden Lichtflecken vorne auf dem Bild gehören zu Player Pianos, analogen Samplern, gewissermassen. Diese gläsernen Klaviere spielen wie von Geisterhand, und das schönste ist, dass man dieser geisterhaften Klangerzeugung (die natürlich streng vorprogrammiert ist) ‘live’ zuschauen kann. Hinter den beiden hell erleuchteten Stars rackerten sich noch sechzehn Musiker ab, um beim wilden Klangritt mitzuhalten. Und das erinnerte dann wiederum sehr an heutige Konzerterlebnisse, wenn Bands ganz nach der Pfeife des Drumcomputers tanzen.

Mein Lieblingsmoment war aber zweifellos die stille Passage, als nur die mechanischen Pianos ihre exakt getakteten Akzente setzten, der Dirigent aber trotzdem scheu weiterdirigierte. Schöner kann man das seltsame Marionettenspiel zwischen Mensch und Maschine, das bis heute die Musik (und unser Leben?) bestimmt, nicht aufzeigen.

____________
Auch wenn Frau Kretz Sie eher grinsen lassen möchte: Auch der Besuch von «Schicht-Werk» lohnt auf jeden Fall – heute abend gibt es noch eine Aufführung.

Im Probi mit Jimi Tenor

Ruth Kofmel am Donnerstag den 1. März 2012

Jimi Tenor pflegt einen sehr unverkrampften Umgang mit Musik – soviel wurde gestern in der Turnhalle mehr als klar. Sein Sound wirkt immer retro, selbst wenn er in den pumpenden Beats der Jetztzeit angekommen ist. Auf jeden Fall liebt dieser Mann die Sechzigerjahre – nicht nur was sein Bühnenoutfit anbelangt.

Insgesamt klang es ein bisschen so, als ob man auf einem abgewetzten Samtsofa bei ihm im Probi hängen würde, der Joint gerade aus den Fingern gegeben hätte, sich mit halbgeschlossenen Augen zurücklehnen und seinen musikalischen Pröbeleien mit halbem Ohr zuhören würde. Es war durchaus auch amüsant, wenn er selbstvergessen auf eine Taste drückte und dem ausgelösten Loop etwas nachhörte, ein wenig an den Reglern drehte, bis er etwas fand, was er gerne weiterverfolgen wollte, auch wenn das meist ein schon bestehender Song war, den er dann zusammenbaute.

Dass Tenor ein stilsicherer, verschrobener und experimentierfreudiger Musiker und insbesondere Saxophonist ist, steht ausser Frage, auch wenn sein Auftritt gestern ein wenig gar eigenbrötlerisch daher kam.

Bewerben fürs Les Digitales

Benedikt Sartorius am Sonntag den 19. Februar 2012

Die Festivalsaison wirft ihre Schatten voraus: Die Grossen geben allmählich ihre Programme bekannt, bei den Kleineren wartet man noch ungeduldig, derweil eine andere feine Nischenveranstaltung einen Call for Artists veröffentlicht hat.

Bei letzterer Veranstaltung handelt es sich um das Festival Les Digitales, das dieses Jahr in Genf, Porrentruy, Lausanne, La Chaux-de-Fonds, Zürich und Bern stattfindet. Les Digitales bespielt öffentliche Aussen-Orte – in Bern den botanischen Garten – mit elektronischer Musik.

Die Teilnahmebedingungen für interessierte Künstler sehen folgendermassen aus:

– Konzertdauer jeweils eine halbe Stunde.
– Musik die in öffentlichen Parks und vor Publikum auf Liegestühlen aufgeführt werden kann.
– Einfache technische Ausstattung (Zeit für Auf- und Abbau maximal 25 Minuten).
– Es steht keine Back-Line und nur ein Minimum an Channels zur Verfügung. Idealerweise nur ein Stereo-Anschluss.
– Jeder Künstler/Gruppe erhält einen Mitschnitt des Konzerts und eine Unkostenvergütung.

Bewerbungen gehen an demo2012_at_lesdigitales_ch, und der Einsendeschluss ist der 31. März.

Live-Blog-Remix mit Filewile

Benedikt Sartorius am Donnerstag den 16. Februar 2012

Ältere Leserinnen und Leser erinnern sich: Vor nahezu fünf Jahren fand auf diesen Seiten ein Live-Blog mit Andreas “Dustbowl” Ryser der Berner Formation Filewile statt. YB spielte an jenem Abend so, man bewirtschaftete noch exzessiv Myspace, und Andreas Ryser und Daniel Jakob veröffentlichten eben ihr Album «Nassau Massage».

In der Zwischenzeit geschah allerlei in der Filewile-Geschichte:
Das Laptop-Duo wuchs mit dem Bassisten Mago Flück und der Sängerin Joy Frempong zur veritablen Band an, veröffentlichte vor zwei Jahren die Platte «Blueskywell», tourte überaus ausgiebig und blickt nun, zum Abschluss dieses Zyklus, mit dem reich befrachteten Remix-Album «Rewile» nochmals zurück auf diese Ära. Kurz, der Gründe sind mehr als genug für eine Neuauflage des Live-Blogs.

Heute ab 14 Uhr
und also zur besten Bürozeit stehen Filewile für Ihre Fragen zur Verfügung. In der Zwischenzeit hören Sie sich natürlich die gesammelten Remixes an, lernen alle Drehs und Remix-Verantwortlichen auswendig und überhaupt: Schalten Sie (sich) ein auf diesem Kanal.

Beats in klassisch

Bjørn Schaeffner am Sonntag den 12. Februar 2012

Voilà, das Du Théâtre. Freitag um Mitternacht finde ich mich hier an einer Party ein. Und staune erst mal über die Dimensionen des VIP-Bereichs. Der ist fast so gross wie die Tanz-, Turtel- und Trinkzone für den Rest der Meute. Was dem Groove nicht zuträglich ist – wobei dieses nächtliche Zweiklassensystem ja eben der eigentliche Groove ist. Henusode.

Wieso ich im Dudu bin? Wegen dem an sich schon zwiespältigen Etikett Classic House, mit dem die heutige Veranstaltung warb. Doch was der Intro-DJ ablässt, hechelt viel zu kurzatmig daher. Keimfreier Vocal House, und keine Spur vom smoothen Tempo der goldenen New-Yorker-Neunzigerjahre.

Weiter ins Bonsoir, wo mit Kenny “Dope” Gonzalez ein Grossheld aus dieser klassischen Ära gebucht ist. Berühmt geworden ist der Mann aus Brooklyn wegen seiner mächtig swingenden Beats, mit der er seit zwanzig Jahren die House- und Hip-Hop-Szene imprägniert – ein Paradebeispiel seiner Kunst ist etwa «The Bounce».

Im Bonsoir ist er zusammen mit dem MC Rasheed Chappell angetreten. Famos, wie Kenny “Dope” scratcht und seine Übergänge meistert. Weniger famos hingegen, dass er nur Gassenhauer spielt. Von James Brown, Stevie Wonder, Bob Marley über die üblichen Hip-Hop-Verdächtigen hin zu eigenen Houseproduktionen wird kein Hit ausgespart. Eine Black Music-Geschichtsstunde der volkshochschulmässigen Art, ein Mashup-Programm auf Nummer sicher. Nichts gegen Klassiker, aber dieses Spiel ist schlicht zu absehbar. Schade, der Mann konnte das doch viel besser. So hatte ich es wenigstens in Erinnerung.

Familienbande

Ruth Kofmel am Donnerstag den 2. Februar 2012

Die Gruppe öff öff um Heidi Aemisegger liess sich schon allerhand einfallen, um Bewegung und Tanz spektakulär umzusetzen. So hingen sie schon von Brücken oder schlängelten sich durch durchsichtige Plastikschläuche. Ihr Tanztheater ist immer akrobatisch, immer poetisch und erreicht ein grosses Publikum.

In ihrem neusten Stück «Le vent nous portera» erzählen fünf Menschen, wie sie sich aus dem Gefühl der Sicherheit und des Zusammenhalts Kopf voran in die freie Schwebe begeben. Es ist ein Stück, das sich mit dem Kindsein beschäftigt, mit Geschwister- und Elternkonstellationen.

Bei einem solchen Thema könnte einen bei einer anderen Truppe ein schwer verdaulicher Abend erwarten. Bei öff öff bleibt auch in den melancholischen Szenen die Harmonie in den Bewegungen und Abläufen bestehen. Das Stück verzichtet auf die grossen Knalleffekte und schafft so viel Raum für Stimmungen, die sich langsam aufbauen und wieder verflüchtigen. Manchmal genügt ein schwebender, pendelnder Körper im Raum durchaus, um ein eindrückliches Bild entstehen zu lassen.

Ein wichtiger Bestandteil ist die Musik von Werner Hasler. Mit Trompete und Live-Elektronik verleiht er jeder Szene eine massgeschneiderte Klangästhetik und sorgt gleichzeitig für den grossen Bogen über das ganze Stück.

Das Stück «Le vent nous portera» läuft noch bis am Sonntag in der Dampfzentrale.

Geschichten vom Musikbusiness

Roland Fischer am Samstag den 14. Januar 2012

Die Platte sei immer noch etwas vom besten in Sachen Balkan-Elektronik, meinte Bee-Flat-Veranstalter Christian Krebs gestern am Norient nach dem Film über das Shukar Collective – «aber das Konzert…». Vor vier Jahren war die Combo in der Turnhalle zu Gast – es war, sagen wir mal, nicht gerade ein Highlight in der Bee-Flat-Konzerthistorie. Warum das nicht funktioniert hat – warum es nicht hat funktionieren können -, dafür lieferte das Norient gestern eine filmisch bündige Erklärung.

Zwei Welten kamen da zusammen, die herzlich wenig miteinander zu tun haben: Hier die Soundtüftler hinter den Computern, musikalische Einzelkämpfer im Wesentlichen, die Teamarbeit ganz prinzipiell eher als anstrengend empfinden. Und da die unbändige Spielfreude der Romamusiker, die sich eigentlich erst richtig in der Gruppe entzündet. Wie daran (und am Geld, natürlich) ein sehr vielversprechendes musikalisches Projekt zerbricht, das zeichnet «The Shukar Collective Project» auf ungeschminkte und oft auch herrlich komische Weise nach.

Später im Programm gab’s dann noch Einblicke in ganz andere Musikbusiness-Logiken. Der in Beirut lebende Filmer und Hip-Hop-Experte Jackson Allers brachte zwei kurze Filme mit, die, obwohl kaum zwei Jahre alt, schon ein wenig von gestern waren. Denn was Allers danach über die Hip-Hop-Kultur in den neuen arabischen Demokratien zu erzählen hatte, liess noch eine andere kulturelle Revolution erahnen: Ohne jede Business-Struktur sei der arabische Hip-Hop dabei zu explodieren, mit den neuen Medien und der Öffnung des Internets fände die zuvor nur im Untergrund agierende Musikszene nun plötzlich eine grosse Verbreitung. Der Hip-Hop verspricht also (einmal mehr) zu so etwas wie der wütend-hoffnungsvollen Stimme der Jungen zu werden.

_________________
Erfreulich: Das Norient war komplett ausverkauft gestern. Für alle Enttäuschten, die sich gern «Polyphonia – Albaniens vergessene Stimmen» angesehen hätten: Heute um 16 Uhr gibt es ein Zusatzscreening.

Neulich in der Timeline

Benedikt Sartorius am Freitag den 13. Januar 2012

Twitter ist toll – und die ganz persönliche Timeline präsentiert heute stolz den Beitrag des Tages:

Eigensinn in Schwarz Vol. 2

Ruth Kofmel am Samstag den 7. Januar 2012

Ich habe hier schon einmal von einem Musiklabel namens Mismrecords berichtet, dass immer wieder Qualitäts-Hörware aus dem Bereich Elektronik und Rap auf Vinyl herausbringt. Das Label wird von zwei Mannen geführt, einem Berner und einem Zürcher.

Der Berner, nämlich Mich Moser hat damit ganz offenbar noch nicht genug um die Ohren – sonst hätte er wohl kaum die kleine, schöne Italienerin, wie er sie nennt, auf die Welt gestellt: Luanarecords.

Auf Luanarecords wird er noch spezifischer als er das auf Mismrecords ist und veröffentlicht dort ausschliesslich instrumentale Stücke aus dem Bereich der Elektronik auf Vinyl.

Wiederum legt er in liebevoller Kleinarbeit oft selbst Hand an, wenn es um die Gestaltung der Hüllen geht – oder übergibt diese Arbeit befreundeten Künstler und Grafikern. So ist es nicht verwunderlich, dass nicht nur die Musik, die auf Luanarecords ein zu Hause gefunden hat, für Freude sorgt, sondern immer wieder auch für visuelle Leckereien sorgt, wie beispielsweise eine 7inch in froschgrün.

Ich darf Ihnen hier schon eine Hörprobe von der nächsten Veröffentlichung vorstellen. Der kanadische Produzent Maki hat unter dem Titel «Leaving Exarchia» zwei seiner Stücke dem Berner Label anvertraut.

Jahresauftakt

Ruth Kofmel am Donnerstag den 5. Januar 2012

Dimlite ist ein grosser Unbekannter hierzulande und auch ein unbekannter Grosser. Seine Erfolge feiert er bis jetzt grundsätzlich aber eigentlich nicht gewollt im Ausland, angefangen in Deutschland vor fast zehn Jahren und derzeit über die europäischen Grenzen hinaus vor allem in Amerika.

Seine Musik ist und bleibt ein Nischenprodukt, weit weg von allgemein gültigen Hörgewohnheiten. Es ist Musik, die sich dem Hip Hop entsprechend alter Klangvorlagen bedient. In Dimlites Fall aber geschieht das schon lange nicht mehr in Form von Sampling, sondern durch Nachspielen und Kombinieren musikalischer Erinnerungen und Fundstücke aus der Vergangenheit.

Auf seinem letzten Werk «Grimm Reality», das er gestern in der Turnhalle getauft hat, hat er wieder vermehrt die Stimme in den Vordergrund gerückt und verläuft sich ansonsten grossartig in allen möglichen Genreanlehnungen.

Wenn Dimlite live spielt werd ich sowieso jedes mal ganz kirre vor Begeisterung, aber was gestern in der Turnhalle zu hören war, übertraf alles bisherige. Julian Sartorius begleitete Dimlites Musik auf dermassen unerhört, krass gute Art und Weise, dass es gar nicht zu fassen war.

Da haben sich zwei gefunden. Sartorius verleiht Dimlites sphärischen Höhenflügen die nötige Erdung, sorgt für einen rollenden Groove, wenn sich Dimlites Melodien übereinander schichten, oder spielt ganz einfach stabil wie nur etwas mit einem bestehenden Beat mit, um diesen zu verstärken oder zu ergänzen.

Ich war einmal mehr sehr hingerissen und es war ausgesprochen schön zu sehen, dass Bern die zwei gebührend gefeiert hat – welch ein Jahresauftakt!