Archiv für die Kategorie ‘Film & Fotografie’

Global Warning!

Roland Fischer am Mittwoch den 5. Dezember 2018

Just in: Norient Filmfestival is back! Nach einem Jahr Pause macht man gleich ein wenig auf Shnit, mit bereits drei Austragungsorten, die hier nicht Playgrounds oder sowas heissen müssen: Bern, St. Gallen, Lausanne. Auch in Bern wird expandiert, neben der guten alten Homebase in der Reitschule geht es ins City Pub und ins Jugendzentrum newgraffiti. Mut zur urbanistischen Lücke!

Beim Programm setzt man auf den bewährten Spagat: Breitformat über Musik einerseits, breitformatige Musik andererseits. Am zweiten Januar-Wochenende gibt es neben tollen Filmen also auch jede Menge Live-Acts und DJs zwischen kroatischem Folk, Politperformance, Klangexperimenten, UK Funky House und Reggaetón. Zur Eröffnung wartet das kleine feine Festival gleich mit einem Knüller auf: «Matangi/Maya/M.I.A.» über das englisch-tamilische Pop-Chamäleon M.I.A. Ein Film, der seine Spannung «aus dem unauflöslichen Widerspruch zwischen Selbstinszenierung und Politik, zwischen dem buntgefiederten Popstar und der Aktivistin» hole, meinte die FAZ. Schaut man sich an.

Wiit wiit furt vo hie

Roland Fischer am Samstag den 24. November 2018

Belpmoos, Belpmoos… spick mi furt vo hie – oder gerade eher nicht, so wie’s auf der Abflugtafel aussieht. Wir haben ziemlich sicher den Hauptstadtflughafen mit den wenigsten Linienflügen, bloss zweimal in der Woche ist etwas im Flugplan eingetragen.

Aber heute reist man ja sowieso besser im Kopf, oder? Ist zumindest CO2-neutral. Wobei einem da leicht zwei Kategorien durcheinandergeraten: Das Reisen in Geschichten und das Reisen in andere Weltgegenden. Beide gleichermassen horizonterweiternd, versteht sich, und deshalb ja eigentlich beide sehr wünschenswert. Gestern war man apropos in Genf am CERN, wo das NIFFF und Cinéglobe Future Storyworlds spinnen liessen, von ausgewählten Kunstschaffenden. Es ging da irgendwie um Immersivität und womöglich also heutigere Möglichkeiten des Geschichtenerzählens – mithin auch des als «echt» empfundenen Eintauchens in andere Welten, Stichwort virtuelle Realität. Löst sich da etwa die Grenze zwischen fiktionalen und realgeografischen Anderwelten auf? Wäre VR also nicht nur die Zukunft des Geschichtenerzählens, sondern auch die Zukunft des Reisens? Emirates hat kürzlich ein Konzept für ein Flugzeug mit «virtual windows» vorgestellt, «draussen» passiert da nur noch auf dem Screen. Man kann das dann auch auf Zugreisen, auf Hotelfenster und Stadtrundfahrten ausweiten: Dann braucht man sich an diese Anderorte gar nicht mehr zu bewegen, man kann den Sonnenuntergang am Meer oder die Fahrt durch Sibirien auch programmieren.

Jedenfalls stellt sich die Frage derzeit drängender denn je: Gibt es ein richtiges Reisen im falschen, auf diesem seltsamen Kurs, den das Raumschiff Erde seit einer Weile eingeschlagen hat? Und mit dieser gross gestellten Frage – und ihrer Dringlichkeit – erklärt sich wohl auch der Erfolg eines eigentlich sehr unauffäligen Films: Weit – Ein Weg um die Welt. Einmal um die Welt reisen ohne zu fliegen, so einfach ist die Ausganngslage, und so einfach gestrickt ist dann auch der Film: Eine Chronologie von schönen Bildern, staubigen Strassen, struben Momenten. Immersiv ist das durchaus auch, einfach mittels des alten Dok-Erfolgsrezept: Der Emotionalität der Bilder vertrauen und zwischendurch eine eingängige Stimme aus dem Off, die Distanz in Nähe verwandelt. «Reisen heisst Phantasien durch Erfahrungen ersetzen», heisst es ein paarmal sehr programmatisch im Film. Das Seltsame dabei: Dieser Film ist selber ein Phantasmorgon, ein Statthalter, eine Fiktion. Ganz in der Tradition der Grand Tour, die früher ja auch stellvertretend von Aristokraten, Künstlern, Intellektuellen absolviert wurde. Diese brachten dann allerlei Stimulanzien mit nach hause, in Form von Bildern, Büchern, Wunderlichkeiten – das heisst letztlich: in Form von Geschichten, die Sehnsucht gleichzeitig weckten und befriedigten.

Weit läuft (noch ein letztes Mal?) morgen in der Matinee im Kellerkino.

Loveletter to a Festival: Aaretaler Kurzfilmtage

Clemens Kuratle am Freitag den 16. November 2018

Gänzlich ungebeutelt und vom Feuilleton ignoriert, starten heute die Aaretaler Kurzfilmtage. Ein Besuch lohnt sich.

Mögliches Lo-Fi Highlight. Women acting like dictators.

Thun ist nirgends und davor noch weniger. Weit gefehlt! Wo das kulturelle Vakuum droht, raufen sich gute Geister zusammen und schaffen Grosses. So geschehen in Münsingen, wo ab heute in den Räumen des Schlossgutareals die Kurzfilmtage mit einer Auswahl aktuellen (Kurz)-filmschaffens aufwarten.
Serviert wird in kontrastreichen Blöcken von ca. 50 Minuten, Europa in seiner ganzen Vielfalt ist stark vertreten, Übersee und der arabische Raum warten mit einigen Perlen auf, Despoten kriegen ihr Fett weg, Frauen spielen an deren Stelle Diktator und was die eigene Bubble an Missständen verschluckt, wird einem hier kompakt und lustvoll in die Fresse gehauen. Kurz: Ein wichtiger Wachrüttler, jetzt wo der Winter einkickt. Weil Einschlafen nicht drin ist, jetzt wo’s dann bald wieder ans Abstimmen geht. Gäu!

Um die Niederschwelligkeit zu gewährleisten, hat die Festivalcrew sämtliche Filme übersetzen und untertiteln lassen. Raus aus der Stadt, also! Die Aaretaler Kurzfilmtage starten heute um 19:00. Alle Infos hier.

Schuldig im Sinne der Anlage

Roland Fischer am Dienstag den 6. November 2018

Ein guter Schauspieler kann Segen, kann aber auch Fluch eines Films sein. Ein gutes Drehnbuch ebenso. Auf den ersten Blick scheint dann nämlich alles in allerbester Ordnung, das heisst bei einem kleinen feinen Psychdrama aus Dänemark: Man ist geneigt, «The Guilty» für ein weiteres Juwel aus der ja sowieso gut bestückten Schatzkammer skandinavischen Kinos zu halten.

Und dann wird es kompliziert. Erstens spoilert man bei diesem Film allzu leicht (also lieber gar nichts mehr sagen) und zweitens kann es passieren, dass er, fasst man ihn mal richtig an, einfach aus dem Leim fällt. Und man plötzlich ein Durcheinander an schönen Einzelteilen vor sich liegen hat, die ganz und gar nicht mehr zusammenpassen.

Was man allerdings sagen kann: Was für ein Wunderwerk, eine vertrackte Geschichte allein aus der Perspektive einer Notrufzentrale zu erzählen. Und sie spannend zu halten bis zum Schluss. Ein psychologisches Kammerspiel im besten Wortsinn, das verlangt einem einiges an Bewunderung ab. Und eben da liegt der Fluch: Beim Rekapitulieren merkt man nämlich, wie konstruiert das alles war, mit wie viel Kunstfertigkeit und Aufwand das Drehbuch die Fäden zusammenhalten muss. Und wie grandios all die Unplausibilitäten überspielt worden sind von Jakob Cedergren (und dem restlichen Ensemble). Manchmal denkt man: Der Schweiss auf seiner Stirn – das ist wohl der Stress, der ihm die überstrapazierte Geschichte verursacht.

Berner Initiativen: videokunst.ch

Roland Fischer am Mittwoch den 26. September 2018

Videokunst hat ein Luxusproblem. Wo das eigene Werk ausstellen? Auf youtube, auf vimeo, auf irgend sonst einem obskuren Videoportal? Öffentlichkeit ist also kein Problem, Sichtbarkeit allerdings schon. Von Wertschätzung ganz zu schweigen.

Gut gibt es Plattformen wie videokunst.ch – eine Initiative der Berner Kunst-Tausendsassas Carola Ertle und Günther Ketterer -, die dem (Schweizer) Videokunstschaffen eine Heimat geben. Und einen Aufmerksamkeitsrahmen, wie er im digitalen Dorf nirgends wirklich zu finden ist. Man kann die ausgewählten Werke auf der Webseite (das heisst im eigenen Browswerfenster) anschauen, oder man kann sie im Showroom im Progr betrachten, das macht dann noch viel mehr Freude.

videokunst.ch hat auch noch ein Schaufenster im Bienzgut – und seit neuestem auch eines in Zürich, im Houdini-Kino. Zu sehen ist auf allen Screens derzeit eine wunderbare Arbeit von BiglerWeibel: «Im Nebensinn von Dagmar und Doris». Ein ebenso ungereimtes wie visuell sinnreiches Neben- und MIteinander von Dagmar/Doris/Jasmin/Nicole.

Triff mich, wo ich leide

Mirko Schwab am Donnerstag den 6. September 2018

Das Schwob-Haus hat sein Innerstes nach aussen gekehrt. Impressionen einer Art Kunstausstellung.

Aldir Polymeris, Nicolle Bussien: «Soulseeker» (Bild: Aldir Polymeris)

«Please call me back / I miss you so much -»

Ich liege auf einer alten Matratze und stehle mich in fremde Leben. Eine Hörmuschel ist mein Schlüsselloch. Voyeur bin ich o. écouteur. Nummerierte Auschnitte fremder Realitäten sind zu hören, konserviert als Audiodateien, Voice Memos, beiläufig aufgenommen oder mit einem ganz bestimmten Ziel – die Geschichten bleiben unbekannt, die Intimität ist anonym.

Aldir Polymeris, Künstler aus diesem unbequemen Dutzend Künstler_innen, die im Schwob-Haus Einblick gewähren in ihr Schaffen. Er führt mich herum an diesem kalten ersten Septembersamstag, der auf die Laune drückt. Und also beste Voraussetzungen bietet fürs Alleinsein mit der Kunst. Wir beginnen im Erdgeschoss und diesem kleinen Zimmer mit der Matratze, das er früher bewohnt hat, das jetzt sein Atelier geworden und heute Kunstwerk ist. In Zusammenarbeit mit Nicolle Bussien, Atelier zweite Etage rechts, ist die Arbeit «Soulseeker» entstanden und hier beheimatet. Ein Softwarefehler eines File-Sharing-Anbieters habe tausende von anonymen Sprachnachrichten ins Netz gespült, erzählt er mir. «Soulseek» heisst das Programm, Peer-To-Peer, seit rund zwanzig Jahren werden so virtuelle Güter ausgetauscht im Graubereich der Legalität. Die beiden Kunstschaffenden haben sich des Fundus von Schnipseln angenommen und nach Kategorien der Intimität geforscht, anhand derer sie die Audiodateien – Konzertmitschnitte, Selbstgespräche, Liebesbekundungen – auf fünf Hörmuscheln verteilt haben.

Ich liege auf einer alten Matratze, es könnte meine sein oder irgendeine. Ich höre diese Stimme und es könnte deine seine oder igendeine. Anonymous intimacy.

Innerhalb weniger Tage sei die ursprünglich geplante kleine Führung für einen Verein der Kunstförderung zu einer regelrechten Ausstellung gewachsen, meint Aldir – zumindest fast. Er verweist auf die speziellen Voraussetzungen dieser «Schwob-Schau»; darauf, dass die Kunstschaffenden dort an die Oberfläche treten, wo sie sich gerade befänden. Im räumlichen Sinn in ihren Atelierstuben, an ihren Schreibtischen, an Leinwänden, an Bildschirmen, die sich im Schwobhaus über drei Etagen und einen grosszügigen Keller erstrecken. Und im zeitlichen Sinn, mit Arbeiten mitten im Prozess, mit Skizzen und mit Auslegeordnungen.

Triff mich wo ich hadere u. leide.
Triff mich rastlos in meiner Bleibe.

Es nachtet ein am Falkenhöheweg. Ausser mir und Aldir ist kaum mehr jemand da, die Weissweinflaschen sind bald leer und die Akkus der Geräte. Die Loops der vielen gezeigten Videoarbeiten erlöschen hie und da. Im Halblicht höre ich einer Klanginstallation von Emile van Helleputte zu, erstes Geschoss rechts. Es spielt ein Orchester aus Schwämmen. Angetrieben von kleinen Propellern und einer Schaltzentrale kriechen die Quader rhythmisch über den Parkettboden.

Ich steige in den Keller herab. Im geräumigen Atelier des Malers Janick Sommer wird der Prozess sichtbar; leere Leinwände, fotografische Vorlagen, New York City, ein verstörend sinnliches Bild einer Frau, die in der Spätsommersonne auf einem Balkon sitzt und dem Einsturz eines Zwillings des World Trade Centers zusieht, Narben des 21. Jahrhunderts, ein Liebespaar, darunter feinfühlige Strukturen, milde Farben, ein Fleck. Wieder hinauf. Christoph Schneeberger: Dragqueens machen sich für einen Auftritt zurecht, Identität, Intimität. Dahinter grossformatige Gemälde, laut, grotesk, fantastisch. Weiter hinauf und zuoberst, im ehemaligen Malsaal von Susanne Schwob selig: Dokumentarfilm im Standbild, angebracht über dem Schnittpult der Filmemacherin Tamara Milosevic. Reflexionen über politischen und religiösen Extremismus.

Frau Schwob hat hier oben Landschaften gemalt und Stilleben. The times they are a changin’.

Christoph Schneeberger. (Bild: Aldir Polymeris)

Die Community im Schwob-Haus, sie beschert dieser kleinen leisen Stadt Akzente. Folgen Sie der Einladung. It’s generous intimacy.

Im Schwob-Haus wird gearbeitet. Immer am Achten aber lädt die Ateliergemeinschaft zu Veranstaltungen rund um die zeitgenössische Kunst, Literatur und andere Dringlichkeiten. Diesen Samstag ausnahmsweise in der Sattelkammer mit Amélie Bodenmanns Ausstellung «F.L.U.S.S.». Es gibt Apéro.

Provokante Filme, prominente Gäste

Roland Fischer am Mittwoch den 11. Juli 2018

Hat das NIFFF nun Glück mit dem Wetter? Oder Pech? Superschöne Sommertage laden ja nicht unbedingt ins Kino ein. Aber in Neuchâtel ist das dem Publikum ziemlich egal, während neun Tagen im Juli. Die Säle sind fast immer gut gefüllt, sei es am Nachmittag oder am späten Abend. Sei es für einen irren japanischen Klassiker, vom Jurydirektor David Cronenberg himself sehr charmant eingeführt («Klar, da waren Truffaut, Godard und so weiter, aber die richtig mindblowing Films kamen aus Japan») –

sei es zur internationalen Premiere eines deutschen Mad-Scientist-Films der sehr anderen und sehr verstörenden Art über einen jungen Mann mit grossem Potential:

Die Frau links im Bild ist übrigens auch keine Unbekannte:

Loveletter to a festival: NIFFF, tu es fantastique

Roland Fischer am Dienstag den 3. Juli 2018

Ich habe es hier glaube ich auch schon gesagt, aber ich sage es gern noch einmal: Seit das Visions du Réel in Nyon in den letzten Jahren seinem Ruf als kühnes Experimentierfeld des Kinos zwischen Fakt und Fiktion nicht mehr wirklich gerecht wurde (was sich unter der neuen Leitung allerdings wieder ändern könnte), hat die Schweiz nur noch ein richtig fantastisches und hemmungslos geliebtes Filmfestival: das NIFFF. So einen Spagat zwischen staunenswertem Trash und subtil verstörenden Arthouse-Juwelen kriegt sonst niemand hin, ebenso wenig wie zwischen nerdiger Nische und munterem Mainstream.

Was eben noch ein frecher Rotzbengel war, wird dieses Jahr tatsächlich schon erwachsen – es ist die 18. Ausgabe. Und herrje, ja das NIFFF ist gross geworden. Tolle Filme à gogo, eine Riesen-Openair-Leinwand, Ausstellungen, Debatten und und – und ein sehr klingender Name: David Cronenberg. Der Neurosen-Meister ist dieses Jahr Special Guest des Festivals, mit einer Carte Blanche-Filmauswahl und einer Masterclass. Und obendrauf: der neue Takashi Miike kommt als Premiere!

Aber eigentlich fährt man ja gar nicht unbedingt deshalb jedes Jahr nach Neuchâtel – nicht der Filme wegen, der tollen Entdeckungen und garantierten Irritaionsmomente. Das NIFFF schafft es wie kein anderes Filmevent, wirkliche Festivalatmosphäre zu verbreiten. Man könnte auch einfach ein wenig schlendern zwischen den verschiedenen Kinos, hier mal ein Bier, da mal ein Abstecher in die VR-Psycho-Pagoda, dort eine Reise zurück in die Achtziger mit höhlengereifter Schweizer Elektromusik. Und vorher noch rasch eine Runde im Neuenburgersee. Sehr schön da, nur wenig mehr als eine halbe Stunde über den Röstigraben rüber.

Bild mit Ton: Mannli wei nid falle

Mirko Schwab am Donnerstag den 28. Juni 2018

KSB stellt dank «Bild mit Ton» wöchentlich ein audiovisuelles Ausrufezeichen aus dem Berner Untergrund ins Zentrum seiner Berichterstattung. (Bei rückläufigem Merkur sind Abweichungen vorbehalten, ebenso bei schlechter Laune oder gutem Wetter.)
Diese Woche mit: Trampeltier of Love «Joggeli
»

Die alte Ballade vom Joggeli und dem Anschiss, sich anzuschicken. Bis dass der Tod dann droht als Metzger oder Teufel und die Gehorsamkeit schliesslich einkehrt. Die volkstümliche Zählgeschichte «Der Bauer schickt den Jockel aus» reicht bis ins ausgehende Mittelalter zurück und wird noch heute in zahlreichen Varianten tradiert, Lisa Wengers Dialekt-Fassung aus dem Jahr 1908 mit den einprägsamen Illustrationen kennt jedes Kind genauso wie den Struwelpeter, den wüsten Grüs.

Die Herren Hari, Kämpf, Dodell und Unternährer, das Trampeltier der Liebe, verkehrt die schaurig lebendige Kindheitserinnerung nun in ein harmonisch hübsch gestaffeltes Stück Gitarrenmusik. Im begleitenden Video (Regie: Manuel Schüpfer) wird ausgiebig gegähnt in müder Dekadenz, bis dass –

Savoir vivre c’est savoir mourir? Ob es der Metzger ist, der Teufel, der Père oder der Chef – oder ist es gar die Zeit, der Geist, der den Buben Beine macht?

Gauner- und Familiengeschichte

Gisela Feuz am Dienstag den 19. Juni 2018

Eigentlich sei er das ganze Leben lang auf der Flucht gewesen, meistens vor der Realität, manchmal auch vor der Polizei. Das sagt der Filmemacher Stefano Knuchel in «Quando ero Cloclo» über seinen Vater. Der gebürtige Tessiner Knuchel erzählt darin seine Familiengeschichte und die hätte ein Schriftsteller mit Vorliebe für Gaunerfiguren nicht besser entwerfen können.

Knuchel nimmt uns mit ins Tessin der 1960er-Jahre, wo Vater und Mutter nicht nur ein Hotel betreiben, sondern auch gleich den eigenen Nachclub, in dem auch mal osteuropäische Stripperinnen mit Bär auftreten. Erzähler Knuchel schlüpft dabei in die Rolle des fünfjährigen Buben, der sich für den Bären mehr interessiert als für die Stripperin und der die rauschenden Feste, die seine Eltern veranstalten, mit grossen Augen bestaunt. Als grosses Abenteuer empfindet er auch die folgenden Jahre der Odyssee. In 20 Jahren zieht die Familie etwa 50 Mal um, was damit zu tun hat, dass der Papa gerne Dinge verhökert, die er nicht besitzt und lieber das Weite sucht, anstatt Miete zu bezahlen. Die Reise führt unter anderem ins Wallis und nach Frankreich, wo der kleine Stefano aus Einsamkeit und aus Mangel an Freunden ganz in die Welt der Musik abtaucht und, sehr zur Freude der Mama, als Claude Francois-Imitator «Cloclo» auftritt.

Die Figur des  Gauner-Vaters bestimmt das Familienleben und ist somit auch in «Quando ero Cloclo» omnipräsent. Knuchel erzählt aber auch die Geschichte seiner Mutter, eine starke Frau, die Laden und Familie schmeisst, als der Vater in Marseille im Gefängnis sitzt und ihren fünf Kindern zumindest ein bisschen Bodenhaftung und Normalität vermittelt. Nicht allen der Geschwistern bekommen Entwurzelung und Heimatlosigkeit gleich gut, so haben Knuchels Brüder zeitlebens mit Suchtproblemen, Vereinsamung und Depression zu kämpfen.

Stefano Knuchel selber scheint glimpflich davon gekommen zu sein. Es ist der vierte Film, welcher der ehemalige Radio- und TSI-Fernsehmoderator mit «Quando ero Cloclo» gedreht hat und es ist ein ausnehmend persönlicher Film geworden, in dem Knuchel nicht einfach nur erzählt, sondern Gefühle mit filmischen Techniken umzusetzen sucht. So reist er an die Stationen seiner Kindheit zurück, alte Archivbilder und Fotos werden mit nachgedrehten Szenen gepaart, wobei auch mal surreale Traumelemente einfliessen. Manchmal ist es gewöhnungsbedürftig, wenn der heute 51-jährig in die Rolle des kleinen Buben schlüpft. Dann wieder sind es genau diese farbenfrohen, kitschigen Magic-Realism-Szenen, die den Film von anderen Familienbiographien abheben. Nebst der unglaublichen Familiengeschichte selber natürlich. «Was ist 395 Jahre alt und hat Alkoholismus, Gefängnis, Drogen, Betrügereien und Depressionen überlebt? Meine Familie!» sagt Knuchel an einer Stelle. Und: «Wir leben noch.»

«Quando ero Cloclo» wird am Montag 25. Juni um 20:30Uhr im Kino Rex in Anwesenheit des Filmemachers Stefano Knuchel gezeigt. Sie möchten gerne gratis in die Vorstellung? Nichts einfacher als das: KSB verlost Tickets, schreiben Sie uns hier. (Teilnahmeschluss Sonntag 24. Juni 12 Uhr)