Archiv für die Kategorie ‘Film & Fotografie’

Der Film über das Bild auf dem Mond

Gisela Feuz am Donnerstag den 22. März 2018

Er habe sich doch eigentlich eine Auszeit nehmen wollen und dann sei er im Naturhistorischen Museum in New York über dieses Bild gestolpert, sagt Rob Lewis. Der in Bern beheimatete Lewis ist selber Fotograf und hat zuletzt mit seinen Porträts von demenzkranken Menschen für Aufsehen gesorgt. Nun hat der 37-Jährige innerhalb kürzester Zeit den Film «Lunar Tribut» aus dem Boden gestampft. Im Zentrum des Films: Das Bild einer Fotografie, die seit über 40 Jahren auf dem Mond liegt. Und das kam so:

1972 landete Apollo 16 auf dem Mond, mit an Bord war ein Herr namens Charles «Charlie» Duke. Besagter Charlie Duke hatte zwei kleine Söhne und ein schlechtes Gewissen, weil er berufshalber nur wenig Zeit für seine Buben hatte. Deswegen habe er sich überlegt, wie er seine Familie in irgendeiner Form involvieren und auf den Mond mitnehmen könnte, sagt Duke. So kam es, dass er ein Familienporträt auf dem Mond platzierte, das mangels Feuchtigkeit und Erosion heute immer noch dort oben liegt.

Ihn habe das Bild mit dieser Fotografie auf Anhieb fasziniert, sagt Rob Lewis, weswegen er beim ehemaligen Astronauten Charlie Duke für ein Interview angeklopft habe. Ausserdem holte sich Lewis Jazz-Schlagzeuger Jojo Mayer ins Boot und drehte mit diesen beiden Protagonisten seinen ersten Film. Herausgekommen ist Lunar Tribut, eine rund 40-minütige Mischung aus Interview und Schlagzeugperformance.

In Lunar Tribut vertont Mayer mit seinem Schlagzeug einige der Gefühle und Zustände, welche Astronaut Charlie Duke während seiner Reise zum Mond erlebte, so etwa den Übertritt in die Schwerelosigkeit, die Landung auf dem Mond oder die Dunkelheit des Weltalls. Er habe bewusst den Fokus auf das Emotionale gelegt und intuitiv gearbeitet, sagt Lewis: «Den Kopf ausgeschaltet und den Bauch walten lassen.»

Lunar Tribut ist dort am stärksten, wo Mayers Improvisation und Dukes Erzählung stimmig miteinander verwoben werden. Imposant sind auch die echten Mondbilder (geschossen von Lroc) die im Hintergrund die Reise illustrieren. Und: man hört ihm gerne zu, diesem Charlie Duke, wenn er mit tiefer, sonorer Stimme in die Vergangenheit abtaucht beziehungsweise mit seiner Familie zum Mond fliegt.

Lunar Tribut wird am Samstag 31. März in der Dampfzentrale gezeigt in Kombination mit einem Konzert von Jojo Mayer & Nerve

Ein grosses Kino

Roland Fischer am Dienstag den 13. März 2018

Als irgendwann nach einer Viertelstunde Townes Van Zandt seinen «Buckskin Stallion Blues» anstimmt, weiss man schon: Das kommt gut mit diesem Film. Da ist man längst mittendrin in der Geschichte – tatsächlich fackelt der Regisseur Martin McDonagh nicht lang, erste Szene, erste Einstellung: Ein Auto fährt an drei heruntergekommenen Plakattafeln irgendwo im Nirgendwo vorbei. Ein verhärmtes aber sehr waches Frauengesicht schaut sich die Tafeln lange an. Hinter der in Falten gezogenen Stirn passiert etwas.

«It was always going to be an American story and an American piece of cinema», hat McDonagh zu seinem Film gesagt. Das hat man zuweilen auch gedacht beim Schauen, das ist sehr amerikanisch, diese Drastik, dieses nicht grad unbedingt subtile Erzählen, dieses Ausweichen in den Witz, wenn die Dinge kaum mehr zu ertragen sind. Aber wenn ein Regisseur die Fäden so sicher in der Hand hält und seinen Figuren dabei doch so grosse Freiheiten lässt – dann kommt dabei eben kein Kitsch, sondern grosses grosses Kino heraus.

Also nicht mehr viele Worte verloren, weil lang läuft Three Billboards wohl nicht mehr, den auch an einem perfekt verregneten Kino-Montagabend arg gelichteten Reihen im Bubenberg nach zu schliessen (und man fragt sich ein wenig: wie lang geht’s da noch bis zum Sendeschluss?). Deshalb gleich in doppelter Hinsicht: Hingehen, Movie friends and lovers! Diese wilde, herzzerreissende, herzerwärmende Story ist viel zu gross für einen kleinen Laptopbildschirm.

Fischsex

Roland Fischer am Dienstag den 6. März 2018

So, nun hat er den Oscar also auch noch geholt, nach dem goldenen Löwen in Venedig und dem Golden Globe. Und dann gleich das Double: beste Regie und bester Film. Guillermo Del Toro ist – nach langen Jahren als Regieweirdo, der zwar immer grössere Kisten drehen durfte, dabei aber nie so ganz ernst genommen wurde – im Film-Olymp angekommen. Ok, wohlverdient. Aber musste es denn unbedingt «Shape of Water» sein, das ihm die Lorbeeren einbringt?

Dieses Kitschstück, das seine Geschichte mit wirklich sehr holzschnittartigen Figuren erzählt? Mit bösen Fieslingen und einem zwielichtigen aber sich letztlich für seine Ideale aufopfernden Kommunisten? Einem schussligen, herzensguten, kreativen Schwulen? Und einem Paar, dessen Lust und Liebe zu gross ist für diese kleingeistige Welt? Das einzig wirklich interessante an dem Film ist die Hommage an die «Creature from the Black Lagoon» und speziell den ikonischen Gill-Man. Entsprechend toll dieses Trailer-Mashup:

Eine legendäre Filmszene aus der Trash-Ära Hollywoods nehmen und sie zu einem oscarreifen Melodram veredeln? Kann man machen. Auch wenn – oder vielleicht eben gerade weil? – das am Schluss alles ein wenig bizarr bleibt.

Einsortiert.

Gisela Feuz am Dienstag den 27. Februar 2018

Wenn sie davon leben könnte, würde sie ihr Leben mit sortieren verbringen, sagt Fabienne Sieger. Dass das Aufreihen und Anordnen von Kleinstobjekten etwas durchaus Befriedigendes haben kann, weiss jede*r, der/die schon mal ein 10’000 Puzzle zusammengesetzt hat. Im Fall von Sortagefachfrau Sieger kann das Anordnen allerdings in wahre Sortierexzesse münden, und zwar auch in Situationen, in denen eigentlich Effizienz gefragt wäre. Wenn sie dran sei mit Kochen, dann schaue sie darauf, keine «unattraktiv aufreihbaren» Lebensmittel verwenden zu müssen. Am Wochenende rechne sie vorsorglich einen halben Tag zur Menuzubereitung ein, sagt Sieger. Dies alles lässt sich dem grossformatigen Buch «Ensortiert. Aus dem Leben einer Sortagefachfrau» entnehmen. Darin enthalten: Schmucke Fotografien von hübsch zerlegten und sortierten Lebensmitteln. Da finden sich zum Beispiel Orangenschnitze oder Gummibärchen sorgfältig nach Grösse und Farbe gereiht oder die einzelnen Bestandteile eines Birchermüeslis, die fein säuber drapiert wurden.

Fabienne Sieger hat ganz offensichtlich ein Auge fürs Detail, für Strukturen und Muster, eine Begabung, die zum Autismus Spektrum Persönlichkeit (früher: Asperger Syndrom) gehört. Man nimmt an, dass etwa 1% der Menschen unserer Gesellschaft betroffen sind, wobei die Schwere der Betroffenheit variiert. In «Einsortiert. Fragmente aus dem Leben einer Sortagefachfrau» gewährt Fabienne Sieger Einblick in ihr Leben und die Schwierigkeiten, welche ihr ihr Besonderssein beschert. Wie Dr. Maria Asperger Felder im Vorwort festhält, würden Menschen mit Autismus Spektrum Persönlichkeit der «Algorithmus fürs Soziale» fehlen. Fabienne Sieger beschreibt in ihrem Buch anschaulich und mit viel Humor, wie und warum ihr Irrationalitäten in sozialen Interaktionen Kopfzerbrechen, Schweissausbrüche oder Schockstarre bereiteten. Telefonieren, unangemeldete Besuche, Begrüssungsküsschen, ungenaue Zeitangaben, verbale Floskeln, Smalltalk oder Überraschungen seien ihr ein Graus und kosteten sie viel Energie. Zur Selbstregulierung und zum Stressabbau zeichne sie exzessiv Quadrate oder sortiere eben Dinge, was ihr maximale Entspannung biete, schreibt die 34-jährige Bernerin.

Nebst den Bildern zerlegter Mahlzeiten oder Lebensmitteln finden sich in Siegers Buch denn auch einige dieser Quadrat-Zeichnungen, die in ihrer Dreidimensionalität an die optischen Täuschungen eines MC Escher erinnern. Ausserdem hat Sieger auch Scherben zu neuen Bildern angeordnet und Fotografien von Mustern versammelt, wie sie in der Natur vorkommen. Alle Bilder verraten den genauen Blick fürs Detail und ein Flair für Gestaltung, wobei die Zweckentfremdung der Gegenständen nicht nur eine harmonische Ästhetik kreiert, sondern auch einen sympathisch eigenwilligen Humor ausstrahlt. 

Fabienne Sieger arbeitet als Sonderschullehrerin, ist Mutter zweier Töchter und bloggt als Frau Gminggmangg. Ihr Buch «Einsortiert. Aus dem Leben einer Sortagefachfrau» ist im Autismusverlag erschienen.

Spass mit Schund

Gisela Feuz am Dienstag den 13. Februar 2018

Man solle doch bitte beim Verlassen des Saales ein paar Löffel mitnehmen, weil jetzt komme dann das normale Kinopublikum. Die Ansage des Kultmoviegang-Chefs am Sonntag nach der Vorführung von The Room im Ciné Club Bern machte deutlich: bei den Screenings dieser Gang ist alles ein bisschen anders.

Während bei gewöhnlichen Filmvorführungen jeder Mucks und jedes Rascheln mit der Popcorntüte mit einem giftigen Seitenblick quittiert wird, ist bei den Screenings der Kulturmoviegang explizit mitmachen gefragt. So fliegen am Sonntag haufenweise Plastiklöffel und aufblasbare Rugbybälle durch die Luft, Dialoge werden mitgesprochen und Charaktere bei deren Auftritten euphorisch begrüsst. Es wird gesungen, gejohlt, kommentiert und vor Allem sehr viel gelacht. Anders lässt sich The Room auch kaum ertragen, denn dieser gehört definitiv zum Schlechtesten, was die Filmwelt je gesehen hat. Plot? Jenseits. Schauspielerische Leistungen? Unter aller Sau. Dialoge? Sinnbefreit. Logik? Vergessen Sie’s.

Es gehört zum Konzept der Kultmoviegang, dass diese Filme zeigt, die einem normalerweise Instant-Augenkrebs bescheren. Im Kollektiv ist der Spass am Schund gross, weil richtig schlechte Filme sind halt auch schampar unterhaltsam. Selber davon überzeugen können Sie sich in Bälde bei Predator, Hands of Steel, Top Gun, For Y’ur Hight Only oder Street Fighter *winsel*.

Mit The Disaster Artist läuft zur Zeit ein Film im regulären Kinoprogramm, welcher die Entstehung von The Room nacherzählt. Nachdem Tommy Wiseau als Schauspieler nur Absagen einfuhr, entschied er sich, seinen eigenen Film zu drehen. Wiseau fungierte dabei als Drehbuchautor, Produzent, Regisseur und Schauspieler. Sein Film The Room erlangte Kultstatus, zumal er von Kritikern zum schlechtesten Streifen aller Zeit ernannt wurde. 

Hyänen und Vereinsmitglieder

Gisela Feuz am Mittwoch den 31. Januar 2018

In Solothurn werden zurzeit eifrig Schweizer Filme jeglicher Machart und Länge geschaut. Dass Musikvideos eine eigene Kunstform darstellen und sich nicht einfach nur im Schatten des grossen Spielfilmbruders bewegen, haben wir in unserer KSB-Video-Stars-Serie ja hinlänglich bewiesen. Auch an den Solothurner Filmtagen wird diesem Genre entsprechende Referenz erwiesen, werden doch jedes Jahr die Highlights des aktuellen Musikvideoschaffens auf der grossen Leinwand gezeigt. Ausserdem wurde am Wochenende bekannt gegen, welche fünf Videos für «Best Swiss Video Clip» nominiert wurden und somit darauf hoffen dürfen, am 24. März beim M4Music den mit 2000.- dotierten Jury- oder Publikumspreis abzuholen. *Trommelwirbel ein* AND THE NOMINEES ARE *Trommelwirbel aus*:

Crimer entführt uns mit gefühlvollem Tanz in die Ballettsäle und Diskos der 1980er-Jahre, Min King besticht mit schlichtem und doch effektivem Konzept (Lieblingsmoment: der Schmachtblick bei 1:19). Hyenas on the Beach flirten aufwändig mit Versatzstücken aus Horror und Fantasy, derweilen die Epilepsie-Warnung zu Beginn des Videos von Igorrr einen ersten Hinweis liefert, welch expressiven Alptraum uns die Deathmetal-Breakcore-Truppe da bescheren wird. Sagen Sie dann nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt, gellen Sie.


Das gesamte Filmprogramm «Best Swiss Video Clip» wird in Solothurn am Mittwoch, 31. Januar  gezeigt, Crimer ist am 17 . Februar im Mokka zu Gast und Min King spielen am 21. Februar im Rössli.

Der Film über Filmmusik

Gisela Feuz am Samstag den 20. Januar 2018

Sind Ihnen die Namen John Williams, Thomas Newmann oder Steve Jablonsky ein Begriff? Nicht? Dann aber doch sicherlich Hans Zimmer oder Ennio Morricone?! Wie auch immer, wenn Sie die richtig grossen Filmkisten à la «E.T.», «Spiel mir das Lied vom Tod», «Star Wars», «Der Weisse Hai» oder «Jurassic Park» mögen, dann haben sie es garantiert schon mit einem dieser Herren zu tun bekommen. Die Erwähnten produzier(t)en nämlich allesamt Filmmusik, sind also zuständig für diejenige Komponente eines Filmes, die unabdingbar ist, wenn in punkto Emotionen mit grosser Kelle angerührt werden soll. Der Geschichte der Filmkmusik, hat Regisseur Matt Schrader nun einen eigenen Dokumentarfilm gewidmet: «Score – A Film Music Documentary»

«The Score» lässt nicht nur eine Vielzahl der aktuellen Hollywood-Komponisten zu Wort kommen, sondern blickt auch zurück auf die Anfänge der Filmmusik. Während in der Stummfilmzeit Klavierspiel in erster Line dazu eingesetzt wurde, das Rattern des Projektors zu übertönen, wurde im Jahre 1933 mit dem Soundtrack von «King Kong» offenbar ein Meilenstein in der Filmmusik gelegt. «King Kong» sei das beste Beispiel dafür, wie durch den Einsatz eines Orchesters ein stupider und kitschiger Film in etwas Ergreifendes und Gefürchiges umgewandelt werden könne, wird da berichet. An zahlreichen Beispielen wird in der Folge verdeutlicht, wie sich die Filmmusik im Lauf der Zeit wandelte: «A Streetcar Named Desire» hat 1951 den Jazz filmtauglich gemacht, Bernard Hermann hat mit dem minimalistischen Einsatz einer Geige in der Psycho-Duschszene neue Parameter gesetzt, in den 60er-Jahren wurde mit experimenteller Musik geflirtet, so zum Beispiel in «Planet der Affen», die 70er waren die Ära des John Williams («Star Wars», «Superman») und Ennio Morricone wurde dank seinem episch breiten Streichersound zum Sinnbild des Spaghetti-Westerns schlechthin.

Wie das Hollywood-Gefühlskino selber, kommt auch «The Score» nicht gänzlich ohne Plattitüden und mehrfach Wiedergekautem aus. Anstatt eine Breite an Statements zu versammeln, hätte man sich eine Vertiefung gewünscht. So hätte man sich von der Psychologin mehr Informationen erhofft, als einfach nur die, dass Musik im Gehirn die gleichen Mechanismen auslöse wie Schokolade und Sex. Spannend wird der Film dort, wo das effektive Orchesterhandwerk in den Aufnahmestudien an der Abbey Road gezeigt wird, wo Trent Reznor von Nine Inch Nails und Atticus Ross mit analogen Synthesizern experimentieren, wo eine Pianistin ihre Gedanken bei einer Live-Vertonung schildert, wo der Hauskomponist der Wes Anderson-Filme Einblick gewährt in sein Instrumenten-Archiv, kurz: überall dort, wo gefachsimpelt wird.

Für das breite Filmpublikum dürfte Matt Schraders Dokumentation bestens funktionieren. Sie sind ja auch gewaltig, die Akkorde, die etwa ein Hans Zimmer seine Streicher in «Pirates of The Caribbean» anstimmen lässt. Zudem ist es durchaus spannend, offengelegt zu bekommen, mit welcher Raffinesse wiederkehrende musikalische Motive etwa in «Lord of the Rings» eingesetzt werden.  Wer sich allerdings erhofft, einen fundierten Blick hinter die bombastischen Hollywood-Fassaden werfen zu können, der hätte sich von Schraders Werk mehr Nertum gewünscht.

Score – A Film Music Documentary» läuft in Bern im Cine Movie.

Nummern schieben

Roland Fischer am Mittwoch den 17. Januar 2018

Man hört sagen, hier komme die nächste kleine Schweizer Filmsensation. Ein kleines Bijou, ein radikaler Solitär, «der überraschendste Schweizer Spielfilm seit Jahren».

Man soll aber vielleicht nicht immer glauben, was man sagen hört. Ja, «Dene wos guet geit» könnte eigentlich einiges, aber können tut er dann leider nichts. 70 Minuten im Konjunktiv. Weil die Macher viel zu sehr den (zweifellos schön eingefangenen) stilisierten Bildern vertrauen und der künstlerischen Konsequenz, mit der man heute ja allein schon Respekt verdient, offenbar. Dabei geht aber leider so einiges vergessen: eine erzählenswerte Geschichte zum Beispiel, oder auch nur ansatzweise interessante Figuren. Von einer Gesellschaftsanalyse, die über eine wohlfeile Vereinzelungs-Misere hinausgeht – starren alle ja bloss noch aufs Handy heutzutage! -, ganz zu schweigen. Kommuniziert wird bloss noch in Codes, die Gespräche bleiben in höchstmöglicher Distanz von Persönlichem. Man kommt sich ein wenig vor wie in einem Porno, die Nummern sind wichtiger als der Erzähl-Kitt.

Am Schluss bekommt man da einen Film serviert, der sehr gekonnt – nichts will und drum auch nichts kann. Nihilismus 2.0, Leere ohne Wut und ohne Mut.

Vorsatz für 2018: Alles von Tex Avery schauen

Anna Papst am Montag den 1. Januar 2018

Guten Morgen Silvesterboykottler und Feierraketen!
Egal, wie ihr zu den Neujahrsfeierlichkeiten steht, es gibt Grund zur Freude: Das Kino Rex zeigt heuer um 12:30 Uhr neunzig Minuten lang Cartoons von Tex Avery. Der Meisterzeichner dreht Walt Disney durch den Fleischwolf: Das putzige Häschen wird bei ihm zum gnadenlosen Quälgeist, dessen Tricks um dem Jagdhund zu entkommen ohne Weiteres als Folter bezeichnet werden können. Auch die Geschichten der Gebrüder Grimm kriegen ihr Fett weg: Nachdem die Märchfiguren dagegen protestieren, zum tausendsten Mal die alte Leiter runternudeln zu müssen, wird aus dem unschuldigen Rotkäppchen eine pfiffige Burlesque-Tänzerin, die den dauergeilen Wolf um den Verstand bringt.

Tex Averys Figuren sind so amoralisch wie einfallsreich, so überraschend wie hemmungslos. Das Ganze geht so rasend schnell, dass einem schwindlig wird vor lauter geschlagenen Haken und vollführten Kapriolen. Avery denkt dreimal um die Ecke und reisst dann die vierte Wand ein. Ein Hochgenuss für Hirn und Auge! Also Wecker auf Mittag stellen, Wintermantel über den Pyjama anziehen und im Rex mit Tex den Tag (zer-)pflücken.

Infos zu Tex im Rex

Body, Soul und noch so einiges mehr

Roland Fischer am Freitag den 29. Dezember 2017

Goldener Bär: das verpflichtet ja – wenn man es etwas weit herholt – das Berner Kinopublikum ein wenig. Also rasch noch eine Empfehlung, bevor der Film wieder von der Leinwand verschwindet: On Body and Soul ist ein sehr eigenartiges filmisches Vehikel, ein reizvoller Solitär. Es wäre noch so einiges mehr zu sagen zu Träumen in Film und Literatur, aber hier nur soviel: Es ist heiss und es ist kalt in diesen Budapester Nächten, schwitzende Menschen im Stadtsommer und durch Schnee stapfende Hirsche. Ein Schlachthaus als Comédie Humaine (und Tragédie Animale, von der Kamera sehr unsentimental eingefangen), eine Liebesgeschichte und ein Psychospiel, das wohl sogar Freud einigermassen verwirrt hätte.

 

Was das alles miteinander zu tun hat wird bis zum Schluss nicht unbedingt klar – mitunter droht das Drehbuch ein wenig aus dem Leim zu gehen vor lauter Raffinesse. Aber man kann schon verstehen, warum der Film dieses Jahr in Berlin gewonnen hat. Er spinnt seine rätselhaften Fäden mit viel Kunstfertigkeit, verflicht Figuren und Bildebenen. Und unterhält dabei auch noch bestens, weil da neben der Bedeutungsschwere zum Glück auch noch eine gesunde Portion Lakonie mit dabei ist.