Archiv für die Kategorie ‘Politik & Debatten’

Dancing Ausserholligen

Mirko Schwab am Freitag den 21. September 2018

Eigentlich saudoof, so Rollschuhdisko. Eigentlich ein Fall für die Mottenkiste der Achtzigerjahre.

Aber «who gives a fuck» sagt mein Freund Y. immer dann, wenn man sich selbst oder seine Prinzipien nicht allzu ernst nehmen sollte. Er hat recht. Ich hab Prosecco. Die S-Bahn fährt am Europaplatz ein, wo Nebel aufsteigt bis hoch zum Betonbauch der Autobahnbrücke. Bunte Lichter haben sie montiert, Glitzer Glitzer allenthalben, die besten schlimmsten Lieder stehen in der Luft. Lieder einer Zeit, der wir uns nostalgisch erinnern, ohne sie erlebt zu haben. Dancing with tears in my eyes.

Es ist Rollschuhdisko. Und Rollstuhl-. Die «Heitere Fahne» ist mal wieder fremdgegangen, unverkennbar oszillierend zwischen Inklusivität und Sexyness hat sich die verrückte Idealistenschar breitgemacht am Verkehrsknoten, für einen unbeschwerten Tanz auf Rollen. Es ist schön, passiert sowas. Zumal hier, wo das amerikanisierte Bern und das eidgenössische, das Schrebergärtli-Bern und das verlotterte aufeinandertreffen wie sonst nirgendwo, wo die Zwischentöne viel Platz haben im urbanen Kessel zwischen Verkehrsarchitektur, Arbeiterhäusern und Gentrifikation.

Und es ist nicht selbstverständlich. Kollektive wie die «Heitere» prägen damit nicht nur die wichtige Debatte um Kultur in der Öffentlichkeit und überholte Bewilligungspraktiken, um Lärm, Luft und Demokratie, eine Debatte, die gerade erst richtig – voilà – ins Rollen kommt. Gerade die Idealistenkiste aus Wabern leistet mit ihrer eleganten und unprätentiösen Art der sozialen Festerei auch einen wichtigen Beitrag zum Selbstverständnis meiner lieben Sandsteinstadt. Eine derart vielfarbige und gemeinschaftliche Atmosphäre, getragen von Leuten mit und ohne Behinderung oder Haarausfall oder wasimmer, who gives a fuck – dieser seltsame Gegenentwurf zum klassischen Szenenauflauf, zur «quiche urbaine», er wäre im sich selbst stets bis zur Verspannung bewussten Zureich etwa kaum daheim.

Nichts ist peinlich hier zwischen den Brückenpfeilern. Im Diskonebel mischt sich Freiheit unter. Immer dann, wenn man sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

#BernNotBrooklyn

Mirko Schwab am Sonntag den 9. September 2018

Bern ist zwar nicht Brooklyn. Aber auch in der Sandsteinstadt ist burn-out, Weltschmerz, Sonntagsdepression, ist Hoffnung und 1 Schultzerucken. Ein quasi Gastbeitrag unserer Autorin Jessica Jurassica aus dem Abseits (ihr …!)

wenn nichts mehr hilft hilft dann nur noch lyrik [palmen-emoji]

faschismus oportunismus kapitalismus polizeigewalt herrschaft unterdrückung bern chemnitz charlottesville internet / täglich / tränengas gummischrot hitlergrüsse nazitattoos machtdemonstrationen gewalt drunterkommentare / messerstiche, angedrohte ausgeführte / (sprach)bilder eingebrannt auf der netz haut / gerötet entzündet / sprache der gewalt sprache des krieges kämpferische sprache revolutionäre sprache / männer* und frauen* sprache / spreche ich 1 männliche sprache oder ist sprache eh universell geschlechtslos / spreche ich 1 sprache der gewalt / verstehst du mich / wer bin ich ohne sprache wer / bist du

sexism fascism escapeism / violence silence patience / deafness numbness faceless / labien libido lybien / hardcore normcore glencore / fuckboy sextoy tolstoy / fascism sexism violence / fear power death / deaf death / numerous deaths / verstehst du mich / wer bin ich ohne sprache wer / bist du / VERSTEHST DU MICH

echo

hallo echo

echo

echo

e c h o

twitter dot com

twi t t e r   d  o  t    c   o   m

LOL

[palmen-emoji]

Oder warum der Smiley uns gehört.

Urs Rihs am Freitag den 7. September 2018

Samstagnacht, im Hagel von Gummischrot und beissenden Wolken von Capsaicin, da lag er plötzlich am Boden, zwischen den Scherben, mit Kugelschreiber gezeichnet auf das gelbe Wuchtgeschoss.
Dieser Smiley galt uns – aber gehören tut er das sowieso.

Eine rote Linie überschritten – würde good ol’ Paul Rechsteini wohl sagen. Popkulturelle Appropriation bei der Polizei!
Dieses simple Lächeln, ein Symbol der Attitüde, der COOLNESS, als Waffe der Exekutive missbraucht. Das sagt vieles aus – auch wenn Aussagen grundsätzlich verweigert gehören – über den state of mind einzelner Einsatzkräfte.

Original police-bern material.

Aber erst ein kurzer Blick über die Schulter: Smiley, der oder das – ursprünglich entworfen in den 60ern von einem gewissen Werbegrafiker namens Harvey Ball aus den godfuckin’ U.S. of A. – wurde nach seiner Geburt schnell zu einer Insigne der Gegenkultur. Ende der Achtziger gar zum Gallions-Icon der Acid House Bewegung aus Chicago. Das war pure underground. Dann kam der second sommer of love auf der Insel, der Rave und der Rest ist Geschichte.

Auch im Comic avancierte der gelbe Kreis mit dem nasenlosen Lächeln zum Zeichen der Alternativen, der Kaputten, Zyniker und Antihelden. Am prominentesten vielleicht als «The Button» im Superhero-Noir WATCHMEN ebenfalls aus den 80ies. Oder, knapp zehn Jahre später, im schwerstgesellschaftskritischen SciFi-Gonzo-Epos TRANSMETROPOLITAN als dreiäugige Variante und als Reminiszenz – der Smiley wurde weiterverwendet als Bezeichnendes, als Signifikant: Für das Dagegen.
You dig?

Und natürlich durfte das Proto-Emoji auch im Graffiti nicht fehlen. Unzählige Adaptionen und Varianten gab es davon, wahrscheinlich am konsequentesten und radikalsten wurde es in unseren Breitengraden von «OZ» aka «Oli» in Hamburg gesprüht und umgesetzt. Bis er 2014 von dieser verfluchten S-Bahn in den Tod gerissen wurde – R.I.P. Brother.

Was es zu beweisen galt – der Smiley untermauert Attitüde, wie eingangs festgemacht, und diese speist sich echterweise aus dem Unangepassten. Aus Homo- und Bürgerrechts-Struggles bei der Housemusik, als Ablehnung gegen den Mainstream im Comic und als Ausdruck des eigenen fehl am Platz Seins im Graffiti.
Die Liste wäre – vom Smiley losgekoppelt – um unzählige Beispiele zu erweitern. Wichtig ist, füttert sich Attitüde nicht aus «echtem» Leiden, untergräbt sie sich selbst, wird hohl und brüchig.

Wenn nun einzelne Köpfe im Polizeikorps es für nötig halten, ihre Geschosse mit Botschaften zu bekritzeln, bevor sie es auf Kopfhöhe verpulvern, dann kommt dabei erster Dinge ein archaischer Drang zum Zug, welcher über Jahrtausende bereits verbrieft ist.
Schon die Römer versahen ihre Schleudergeschosse mit Nachrichten an ihre Feinde und dass in zeitgenössischen Kriegen Bomben mit Schriftzügen versehen werden ist bekannt. Zum Nachdenken – aber nicht weiter tragischer als ohnehin schon.

Dass bei der Kantonspolizei aber offensichtlich mit popkultureller Symbolik der in die Schranken zu weisenden Gruppe kokettiert wird, lässt auf noch andere Defizite schliessen.
Wohlstandverwahrlost?
Das sind wir in unserem westlich-neoliberalen Diskurs alle, das greift auch bei der Exekutive als Begründung ihrer Verfehlungen nicht weit genug.
Vielmehr scheint hier tatsächlich die eigene Attitüde auf sandigem Grund zu stehen.
(Obwohl das Leiden vorhanden wäre.)
Vielleicht weil man merkt, dass sich das subjektive Sicherheitsgefühl im städtischen Kontext mehr und mehr von der «präventiven Präsenz» der Polizei zu lösen scheint? Oder weil die Uniform so schrecklich spannt und der Helm drückt?

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur: Cool sein dürft ihre noch lange nicht – dafür müssen erst die Waffen weg.
Und der Smiley, das Lachen –
das gehört uns.

The acid one.

“The Button” – WATCHMEN

TRANSMETROPOLITAN

“OZ”

 

 

 

Privilegiert: Was tun?

Clemens Kuratle am Samstag den 25. August 2018

Ego muss weg! Wie verhalten als aufgeklärter Cis-Mann in der aufgeheizten Gender-Debatte? Ein Versuch eines Leitfadens.

Der Text den ich hier schreibe, ist stark von Alexander Rowland geprägt. Als schwuler, weisser Mann, im Süden der USA mit verschiedensten Ungleichheiten konfrontiert, führt er die Equality-Debatte auf eine Weise, welche die Fronten nicht verhärten will.

Ich spreche zu den Männern, welche die Ungleichheit in unserer Gesellschaft wahrnehmen, Veränderung anstreben und doch manchmal des Sexismus bezichtigt werden, weil sie die falschen Dinge sagen oder tun. Ich spreche auch aus der Sicht dieser Männer, aber nicht als Fürsprecher.

Es geht darum, dass wir uns eine dickere Haut zulegen müssen!

Im Gegensatz zum offenen Sexismus, welcher den Frauen Gleichberechtigung untersagt, in dem er ihnen Stimm- und Wahlrecht, Autofahren und vieles mehr verweigert, haben wir es beim modernen Sexismus mit der Negierung von Zuständen, welche Frauen benachteiligen, zu tun. Das geschieht häufig auch unbewusst.
Von dieser Definition ausgehend, kann wahrscheinlich kein Mann von sich behaupten, noch nie eine sexistische Aussage gemacht zu haben. Hier komme ich bereits zu einem wichtigen Punkt:
Das sollte eine Erleichterung für uns alle sein!
Beim Angehen von soziokulturellen Problemen geht es nämlich nicht in erster Linie darum, Schuldige zu finden, sondern veraltete Denkmuster und Strukturen zu erkennen und durch Bessere zu ersetzen. Erster Schritt dazu, ist die Erkenntnis, dass wir alle diese Muster in uns tragen und aktiv durchbrechen müssen, um als Gesellschaft voranzukommen.

Mit dem Vorwurf des Sexismus konfrontiert, findet Man(n) sich zu oft beim Halten eines unsinnigen Monologs wieder, welcher dem weiblichen Gegenüber aufzeigen soll, dass die Anschuldigung nicht zutrifft. Genau hier aber wird das gesellschaftliche zu einem individuellen Problem verkehrt.
Vorwürfe müssen ausgesprochen und Missstände sollen angeprangert werden. Unsere Reaktion hingegen entscheidet, ob wir Teil der Lösung oder Teil des Problems werden. Kritik ist wertvoll. Wir entscheiden, ob sie uns betrifft.  Wenn dem auch nur am Rande so ist, haben wir etwas gelernt. Der zuweilen harsche Ton und auch die Provokation als Stilmittel gehören bei einer echten Debatte dazu, aber nehmen wir doch bitte unser männliches Ego da raus. Denn, und hier komme ich zu der angestrebten dicken Haut:

Ob wir persönlich angegriffen werden oder nicht, ist unbedeutend!

Ich plädiere dafür, dass wir, die privilegierten Männer, in der Hitze der Debatte Nachsicht üben. Sexismus schafft Unzufriedenheit, welche sich manchmal an den Falschen entlädt. Wir aber können uns entscheiden, ob wir unsere Energien dafür verwenden, uns aufwändig ins scheinbar rechte Licht zu rücken, oder ob wir in solchen Situationen Introspektion üben, den Vorwurf richtig einordnen oder komplett verwerfen und danach weiter daran arbeiten, bessere Menschen zu werden.

Letzteres würde uns Privilegierten eigentlich besser stehen.

Die Jahre der Selbstreflexion, die Auseinandersetzung mit Rollenbildern, das Ausmerzen von Denkmustern, welche eine emanzipierte Frau zwingend hinter sich hat, dürfen auch von uns Männern verlangt werden. Das bedeutet, sich der Rolle des Privilegierten bewusst zu werden, mit all seinen Konsequenzen! Wer sich diesem Prozess nicht aussetzen will, bleibt Teil des Problems.

Wir sind nicht perfekt und das wissen auch die geschätzten Frauen. Es hat keinen Zweck, den Schein wahren zu wollen. Lieber langsam aber stetig, gemeinsam die verkrusteten, alten Denkmuster durchbrechen, oder nicht?

Für die <3.

Als Kuratle ein Teenager war, lebte Alex Rowland während einem einjährigen Studienaufenthalt im Elternhaus des Autors. Er war Anfang zwanzig, wollte Schriftsteller werden und hatte sich kurz zuvor geoutet. Seine Familie ist eher fromm. Rowland ist mittlerweile selbständiger Anwalt. Er lebt in Atlanta, Georgia; wo er Teil einer privilegierten, weissen Mehrheit ist. Seine Texte publiziert er auf Facebook.

Von Stadtgeldern und der Kunst davon zu profitieren

Urs Rihs am Samstag den 16. Juni 2018

Der KSB hatte letzte Woche darauf aufmerksam gemacht, dass im Netz über die Kulturgelderverteilung vernehmlasst wird – auch dein Senf könnte also Gewicht haben – aber der online auszufüllende Fragebogen birgt viel Obskurität und niederschwellig ist das mitnichten. Darum – Zeit, um etwas auszulichten.

Der nächsten Vierjahresplanung für die Kulturförderung, das betrifft die Jahre 2020 bis und mit 2023, sollen insgesamt Fr. 2’275’000.- mehr zufliessen. Sieben Prozent mehr als bis anhin. Das ist erster Dinge natürlich zu begrüssen, bestimmen doch gerade die Beträge, welche als sogenannt «freie Mittel» zur Verfügung gestellt werden, massgeblich über das Aktionspotential der nichtinstitutionellen Szene.

Bei etwas genauerer Betrachtung der vom Amt für Kultur vorgeschlagenen Verteilschlüssel, fallen aber schnell Asymmetrien auf. Zwischen den Spartenkommissionen: Theater (Fr. 1’000’000.- Fördergeld bis anhin, gleichbleibend), Musik (Fr. 615’000.- bis anhin, soll auf Fr. 690’000.- gestockt werden), Literaturkommission und Kunstkommission (jeweils Fr. 200’000.- bis anhin, sollen beide auf Fr. 225’000.- gestockt werden).
Die Spartenkommissionen setzen sich aus Delegierten aus der Szene zusammen. Die «freien Mittel» werden von diesen Kommissionen an Gesuchstellende verteilt.

In Szenegesprächen, zwischen Amt und geladenen Leuten aus den Szenen, wurden die Bedürfnisse im Vorfeld sondiert, um zu eruieren, wo das Geld hinfliessen soll. Klingt gut – birgt Probleme.

Von verschiedenen Seiten wurde ich auf das augenscheinliche Ungleichgewicht angehauen.
Gerade bei Köpfen aus der Ecke der bildenden Künste, welche also speziell von der stärkeren Berücksichtigung der Kunstkommission profitieren würden, ist ein gewisser Missmut über die Vorlage auszumachen, und verständlich. Warum?
Gesuche die der Kunstkommission zufallen, sind oft solche für prozessorientierte, flüchtige Projekte – ohne vermarktbares Produkt am Schluss. Im Gegensatz zu einem Theaterstück auf der Bühne etwa, welches Eintrittsgelder generiert. Oder ein Musikalbum, welches sich verkaufen lässt.
Heikel, denn solch sog. «ephemere» Kunst trägt die Selbstausbeutung quasi im Genmaterial – wer spricht schon Geld für Projekte, bei welchen am Ende nichts Handfestes vorzuweisen bleibt?
Wichtig wär’s, gerade in Zeiten eines durchökonomisierten internationalen Kunstmarkts – vermag doch genau diese Kunst gesellschaftlich gefurchte Vorstellungen ihrer selbst zu sprengen.

Solche Arbeiten realisieren sich darum nur quersubventioniert durch harte Loharbeit der KünstlerInnen.

Aus der Vernehmlassungsvorlage ist zu entnehmen, dass der Kunstkommission künftig Fr. 225’000.- zukommen soll, also Fr. 25’000.- mehr als bis anhin. Knapp 1,1% des gesamten Fördergeldzuschusses von Fr. 2’275’000.-.
Im Vergleich zur geplanten Blähung des Budgets für kostengünstigere Ateliers beispielsweise, von Fr. 119’000.- (Budget 2018) auf Fr. 340’000.- (9,7% des gesamten Zuschusses) – dem neu gebildeten Topf für «Distribution» und «Promotion», Fr. 150’000.- (6,6% des Zuschusses) –  oder dem ebenfalls neuen Finanzierungsgefäss «Infrastruktur Altstadt» Fr. 100’000.- (4,4%) – wirkt das tatsächlich spärlich.

Platz zum «Schaffen» ist ein wichtiges Bedürfnis und dass die Altstadtkeller nicht gänzlich privatisiert werden, gilt es zweifelsohne zu berücksichtigen. Aber das Kulturgeld fliesst in diesen beiden speziellen Punkten direkt in die Taschen von Immobilien InhaberInnen. Das gilt es sich bewusst zu machen.

Auch wenn der Quervergleich von Budgetpunkten einer Milchbuchrechnung gleichkommt und einer genauen Analyse der politischen Vorbedingungen bedürfte – sollte der Löwenanteil der Gelder nicht dahinfliessen, wo am meisten «Eigenleistung» bis anhin nicht oder nur sehr gering vergütet wurde, zur Gesundung der Aktiven?

Gerade wenn sich der Stadtpräsi im Vorwort der Vernehmlassungsvorlage wie folgt zitieren lässt: «Die Arbeit professionellen Kulturschaffenden soll besser anerkannt werden, es sollen faire Arbeitsbedingungen gelten und Förderbeiträge sollen branchenübliche Gagen ermöglichen.»

Warum das Amt für Kultur da lieber neue Finanzierungstöpfe generiert, als den Spartenkommissionen direkt mehr Geld zur Verfügung zu stellen, bleibt wunderlich.
Ein antidemokratisch anmutender Reflex und man fragt sich auch, ob hier wer Angst hat die Zügel aus der Hand zu geben.

Die direkten Fördergelder sind nicht gleichbedeutend mit den «freien Mittel» für die Szenen. Davon müssen die Beträge für fixe Budgetpunkte der Spartenkommissionen abgezogen werden. Von den anhin Fr. 200’000.- in der Kunst wurden Fr. 80’000.- effektiv als freie Mittel vergeben.

Wer entscheidet eigentlich über die Priorisierung der Bedürfnisse? Wer bestimmt deren Dringlichkeit?

Auf telefonische Rückfrage beim Amt für Kultur, erhalte ich eher schmallippige Antworten. Es ginge ja momentan genau darum, per Online-Fragebogen etwaige Unstimmigkeiten zu bereinigen.
Und auf die Asymmetrien zwischen den Sparten angesprochen, werde ich auf die Zahl der eingegangenen Gesuche aus den letzten Jahren verwiesen.
Ich hake nach, gerade der Haufen für Infrastruktur – Gesamthaft Fr. 321’00.- (14%) – interessiert mich. Ich werde auf eine Antwort per Mail vertröstet, am Dienstag war das – bis heute nichts gekriegt.
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Corpus Delicti Cis-Thorax

Mirko Schwab am Mittwoch den 13. Juni 2018

Oder wie eine nackte Hetenbrust die Gemüter erhitzte.
Fragen an den Frauenraum.

Sonntagmorgen früh in der Sandsteinstadt, die Sonne wird bald aufgehen und zwei Tage aufs Unheiligste miteinander verknüpfen. Eine Festgemeinschaft steht auf der Gitterstiege beim Frauenraum und raucht sich wiederholende letzte Zigaretten, hat Glitzer im Gesicht und macht grosse Augen oder kratzt sich schnell am Nasenloch. Das Kugelfest hat zum Solidaritätstanz geladen. Und so tanzt man drinnen selbstvergessen, zwanglos, wild und solidarisch zu den monochromen Klängen einer stereotypen Tanzmusik. Mein kleiner Freund, dessen Namen in dieser Geschichte keine Rolle spielt, schwitzt sich an der Bühnenkante aus, selbstvergessen und zwanglos schiebt er Luft herum, dicke Luft im tropischen Klima dieses schlechtbelüfteten anderen Dachstocks der Reitschule.

Jemand aus dem Frauenraum-Kollektiv hat sich über deinen nackten Oberkörper beschwert!

Dicke Luft. Mein Freund hat in der Zwischenzeit sein nasses Leibchen ausgezogen und sich dabei mit den Awarenesstruppe angelegt. Jemand habe sich beschwert. Verdutzt fragt er nach und die dann folgende Erklärung wirft Fragen auf: Er sei doch offensichtlich ein «Cis-Mann» und da sei es verständlich, wenn das Hemdabstreifen hier ein Problem sei. Vielleicht würde dieser «Jemand aus dem Frauenraum-Kollektiv» schlechte Erfahrungen mit dem Anblick einer blutten Männer-Brust verbinden. Man müsse halt Rücksicht nehmen. (Einen Kreislaufkollaps in Kauf?)

Nippelgate im Bassgewummer. Und also Fragen. Angefangen bei der Kommunikation: Das zu Beginn des Abends verteilte «Awareness-Konzept» sieht vor, dass sich jede als solche empfundene Belästigung anonym melden lassen kann. Ein um die allgemeine Awareness besorgte Team kümmert sich dann um die Konsequenzen – was flauschig klingt, hat in diesem konkreten Fall aber zur Folge, dass über einen konkreten Grund nur gemutmasst werden kann. «Vielleicht» gäbe es ja schlechte Erfahrungen mit entblössten Heten-Brustwarzen. Who knows gäu. Spielt das überhaupt eine Rolle?

Ich finde schon. Das langweilige Wort dazu heisst «Verhältnismässigkeit». Wer oder was (ein Mensch oder eine Theorie?) kann einen solchen Anblick wirklich nicht ertragen? Und: Wäre irgendwer angerannt gekommen, hätte sich ein «offensichtlich» homosexueller Mann daran gemacht, sein Shirt auszuziehen? Wie steht es dann noch um die angestrebte Freiheit? Um das Klima des gegenseitigen Respekts, der gegenseitigen Toleranz und empathischen Freude, denen ein solches Fest doch gestiftet sein will? Wie steht es um die Freude auch an einer mann- und frauigfaltig gearteten Körperlichkeit – unabhängig irgendeiner sexuellen Identität? Sollte diese Identität denn an der schieren fleischlichen Oberfläche überhaupt bestimmbar sein? Werden Machtstrukturen aufgelöst oder lediglich verschoben, wenn sich aus einer sehr offensichtlich kleingeistigen bis easy weltfremden Befindlichkeit gleich eine solche Intervention ergeben muss?

Liebe Awareness,
Die Musik ist zu laut. Also, auch nicht mein Geschmack. Und vielleicht verbinde ich halt schlechte Erfahrungen damit. Könnt ihr das bitte wegmachen?

Aber lassen wir die Polemik. Der Frauenraum ist mir ein lieber Ort, das Kugelfest ist mir ein schönes. Die Fragen, die sie aufwerfen, sind wichtige und delikate. Umso trauriger macht es mich dann, wenn die hehren Bemühungen zur Freiheitserhaltung aller in einer sehr ideellen Entkörperung und Entindividualisierung münden. In einer Verkopfung, Versteifung und Verklemmung, die dem Mensch und seiner Vielseitigkeit, die dem Fest und seiner Ausgelassenheit, die dem Tanz und seiner Körperlichkeit nie gerecht werden können. Und in einem seltsamen Opfer-Täter-Diskurs sich auch verfangen, wo doch eigentlich ein bisschen gesunder Menschenverstand the good old und ein bisschen Face-To-Face-Gesprächskultur es auch getan hätten.

Stattdessen wird mein Freund in seiner empathischen Begabung dergestalt untergraben, dass er als Symbol herhalten muss für eine sehr verallgemeinernd formulierte toxische Cis-Männlichkeit. Dazu taugt er kaum. Jedes auf gesunder Kommunikation und Menschenliebe begründete Gespräch hätte es rasch offenbart. Stattdessen werden Theorien gewälzt und Feindbilder projiziert, werden die wirklich problematischen Machtverhältnisse der Welt da draussen im Innersten der Reitschule in ein nicht weniger fragwürdiges Gegenteil verkehrt.

Wäre der Frauenraum wirklich die gelebte Utopie, die er für sich beansprucht und die ich mir für ihn wünschte – es könnte sich auch der Cis-Mann, die alte Hete, darin aufs Genüsslichste entfalten, könnte wild tanzen und von mir aus halbnackt. Auch er ist Teil des Spektrums aller sexuellen Identitäten – soll er nicht mit seiner ganzen Körperlichkeit auch stattfinden in den Diskursen und den Diskotheken?

Aber ich möchte hier nicht für andere sprechen. Listen up, die ihr aware seid und woke: Ich bin eure hetero-normative C(is)-Dur-Harmonie mit der weissen Hühnerbrust. Ich befürworte die Gleichberechtigung aller sexuellen Identitäten. Ich lutsche manchmal Schwänze. Ich bin ein sehr kleiner, euch sehr naher Teil einer homophoben, frauenfeindlichen, von wüsten Machtstrukturen gefurchten Welt.

Macht es euch nicht zu leicht mit mir.

Heiter bis wolkig

Roland Fischer am Sonntag den 10. Juni 2018

In eigener Sache: Gestern an der Tojo-Bar gesessen, Wolken Revue passieren lassen:

Granular-Synthese, Wolkenbrüche, Bühnenwahrheiten. Geschichtete Atmosphären, Kunst und Künstlichkeiten. Man war sich dann einig, dass man vielleicht deshalb gern Kultur macht: weil sie etwas Wolkiges hat, weil sie kommt und geht, weil Licht und Schatten und überhaupt nicht manifest. Dann grätscht Rihs dazwischen, vom Barhocker nebenan: Jurassicas Text ist gelöscht.

Und man denkt: Cloud und so. Digitale Unfassbarkeiten. Löschen kann man heute höchstens noch Feuer.

Und man denkt: Aufmerksamkeitsökonomie. Cumulus. Donnerwetter.

Sich vernehmen lassen!

Roland Fischer am Mittwoch den 6. Juni 2018

Die Zahlen allein sind ja wirklich beeindruckend:

So steht es am Schluss der Vernehmlassungsvorlage städtische Kulturförderung 2020-2023, die von der Präsidialdirektion unlängst präsentiert worden ist. Da wird so einiges Spannendes vorgeschlagen, das Mutterschiff hatte sich das schon mal en detail angeschaut. Ein grosses Stichwort ist die Teilhabe, und so handhaben wir es hierzulande ja auch mit politischen Prozessen (auf dem Papier zumindest). Kurz, was da von behördlicher Seite vorgeschlagen wird ist noch lange nicht in Stein gemeisselt. Bis Anfang Juli darf man sich einmischen, der Stadtpräsident persönlich hat dazu eingeladen:

Wo im einzelnen mehr Geld ausgegeben werden und wie sich das Verhältnis der Mittelzuweisung zwischen Institutionen und direkter Förderung verändern soll, darüber gibt die vorliegende Vierjahresplanung Auskunft. Die Präsidialdirektion schickt sie in eine breite Vernehmlassung, um Ihre Meinung zu hören.
Ich freue mich auf alle Rückmeldungen und auf die Diskussion mit Ihnen.

Also sorgen wir dafür, dass sich da nicht nur die Miesepeter zu Wort melden, die das Papier (und Kulturausgaben) aus Prinzip zerpflücken. Dass mehr Geld für die Kultur zur Verfügung gestellt werden soll: wunderbar! Aber wo soll es hin, wer soll wie profitieren vom Geldsegen? Hier kann man sich ganz einfach online äussern.

Glockenspiele

Mirko Schwab am Freitag den 25. Mai 2018

Der Zytglogge leuchtet frisch frisiert. Schade: Ein weiteres mal hat es die Denkmalpflege verpasst, den Zeitgeist abzubilden im Glockenspiel. Vier Vorschläge für eine modernere Repräsentation der Sandsteinstadt.

Immer wenn der Glocken-Gockel kräht, der Narr in seinen Schellen rührt, die Bärlein tänzeln ringelreih, Chronos seine Sanduhr stürzt und ein Leu die Schläge zählt, die Hans von Thann über die Schindeldächer der alten Stadt schickt, weil es Zeit ist – immer dann also, wenn der Zwölfer nicht recht passieren kann, weil eine Traube Touristen auf der Strasse steht und der entnervte Chauffeur mit dem Gedanken spielt, so eine asiatische Reisegruppe einfach mal im Sinn der Pädagogik leicht anzufahren – immer dann vergibt man hier die Chance, wirklich etwas zu erzählen von dieser Stadt und dem wilden Leben darin. Dabei böte auch das post-millenniale Bern Stoff für Geschichten, erzählt in mittelalterlicher Hemdsärmeligkeit.

Vorschlag I
«Reit for your Reit o. der Rytglogge»

Der Hahn kräht – und trägt jetzt Igelfrisur, ach Erich zu Hesz, du alter Blasebalg – und immer immer die selbe Leier! Die Drehscheibe bringt einen Bären hervor, darauf reitet Retho Nause, der mit langer Schlangenzunge nach einem Reigen schwarzgekleideter Narren faucht. Die Narren heben das Kopfsteinpflaster aus dem Boden und werfen es dem Aargauer Tyrannen als Bsetzi-Steine vor den Latz. Wieder kräht der Hesz. Taugenichtse, Tagediebe, Trunkenbolde: ein Miniatur-Vorplatz wird gezeigt, knöcheltief im Wein tanzen Jung und Alt, stiernackige Ritter geben sich auf die Grinde, zwei Kinder stehen auf einer Scheibe, die sie ins Lot zu bringen versuchen, derweiil die Zeiger der grossen Uhr wild übers Zifferblatt wischen. Kräht der Hesz ein letztes mal, so umarmen sich die Kinder, die Balance ist gefunden und die Zeit wird angezeigt.

Vorschlag II
«Bern und die Kultur o. der Filzglogge»

Der Hahn kräht, diesmal verkörpert durch Herzog von Leduc. Die drei ersten Töne von «O VII IX», ein Lied über die verhinderte Minne, sind zu vernehmen. Die Drehscheibe zeigt den kulturellen Austausch der Generationen: Karl Tellenbach schneidet Simeon v. Hari den Schnauz, Mani «der Barde» Matter zieht Olivarius «dem Barmann» Kehrli eine Laute über die Rübe, Friedenreich zu Glausern aus dem Siechenhaus legt indes Matho Kämpf eine Krone auf. Wieder kräht der Herzog. Ein frivoler Bärentanz der Berner Kultur und ihrem Filz. Der vorderste Tanzbär wird vom folgenden am Anus geleckt, hinter dem Rücken des ersten dann dreht sich der zweite, spuckt zu Boden und lässt sich vom nächsten bedienen, der sein Zünglein spielen lässt und schliesslich spuckt – immer weiter und so fort. Das letzte Herzogs-Krähen. Die weiblichen Kulturschaffenden scharen sich um den Oppenheimbrunnen, Jeszika von Jurassien stellt eine grosse Sanduhr auf den Kopf – die Zeit ist angezählt, time’s up!

Vorschlag III
«Wolfram und Johannes o. der Heldenglogge»

Der Hahn kräht «Fuessbau-Schwizermeischter!» Ein Helden-Tableau wird angerichtet, in gold-schwarz bemalte Ritter jonglieren einen Lederball über den Köpfen ihrer Widersacher hin- und her. And just because we’re going medival: Köpfen ihre Widersacher hinterher. Rotes und blaues Blut tränkt den Heldengrund. Der Hahn kräht « Schölölö!» Der kraushaarige Ritter Wolfram Marcus Wölflîn fliegt durchs Halbrund und fängt mit seiner rechten Hand den Lederball. Der Hahn kräht ein letztes mal recht trunken, bevor der heldenhafte Mohr Johannes Petrus im Turmhelm droben – eine Minute vor der vollen Stund – an die Glocke stüpft. Sie wird in der Folge zwölfmal angeschlagen.

Vorschlag IV
«Glocke der Gastfreundschaft o. der Metaglogge»

Der Hahn lacht. Kleine asiatische Touristen erscheinen auf der Drehscheibe, zücken Stab und Telefon und fotografieren die staunende Schar asiatischer Touristen mit Stab und Telefon, die am Turmfusse sich eingefunden hat.

Oder kann das weg? Da, unter dem Baldachin?

Roland Fischer am Donnerstag den 26. April 2018

Der Auftakt zu einer neuen Rubrik, womöglich. Im Stadtraum ist viel Kunst verstreut, auf Plätzen, an Strassenecken, an Hausfassaden. Manchmal springt etwas ins Auge, von dem man nicht recht sagen kann, ob das nun auch zur Kategorie «Kunst im öffentlichen Raum» gehört, oder ob man es, (sehr) frei nach Beuys, wegmachen kann.

Für die Ausstellung im Schloss Morsbroich ging das Werk nach Leverkusen und wurde dort eingelagert, da die Ausstellung noch aufgebaut werden sollte. Der SPD-Ortsverein-Leverkusen-Alkenrath feierte am 3. November 1973 in diesem Museum ein Fest. Zwei SPD-Mitglieder, Hilde Müller und Marianne Klein, suchten eine Schüssel zum Gläserspülen und entdeckten die scheinbar mit Heftpflaster und Mullbinden verschmutzte Badewanne, ohne zu ahnen, dass diese mit ihren Materialien ein Kunstwerk war. „Wir dachten, das alte Ding könnten wir schön sauber machen und benutzen, um darin unsere Gläser zu spülen“, erinnern sie sich, „so wie die aussah, konnten wir sie nicht gebrauchen. Deshalb haben wir die Wanne geschrubbt.“ Dadurch wurde ein Skandal ausgelöst; Beuys war nicht begeistert.

Noch berühmter ist natürlich die Fettecke. Noch einmal Wiki:

Die Ereignisse um die Fettecke machte dieses Werk zu einer der bekanntesten Arbeiten des Künstlers. Die Arbeit wirkte provozierend auf einen großen Teil der Gesellschaft und führte zu Kontroversen über die Frage, was als Kunst angesehen werden könne.

Na dann: Was sollen denn diese Linien auf dem Bahnhofplatz?

 

Kleines PS: Diesen Sommer lanciert die Kommission Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Bern das Projekt «Kunstplätze»: In Zusammenarbeit mit der Quartierbevölkerung werden Kunstschaffende temporäre Kunstinterventionen umsetzen. Gestartet wird in den Stadtteilen Länggasse-Felsenau und Breitenrain-Lorraine. Die «Kunstplätze» sollen in den kommenden Jahren zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Wohnort anregen, wie die Stadt mitteilt. Nächste Woche gibt es die erste Zwischenpräsentation für Länggasse-Felsenau – San Keller (Zürich), Ines Marita Schärer (Bern/Chur), das Künstlerinnenduo Hofer/Oppliger (Biel), Philip Matesic (Zürich) und Marinka Limat (Fribourg) haben Vorschläge für ortspezifische Interventionen erarbeitet. Samstag, 5. Mai 2018, 10 bis 14 Uhr, Gartenhalle des Blinden- und Behindertenzentrums, Neufeldstrasse 95.