Archiv für die Kategorie ‘Bücher & Medien’

Ein neues Buch von hut

Daniel Gaberell am Donnerstag den 9. November 2006

Bern = Sandstein. Dazu hat der langjährige «Bund»-Fotograf Hansueli Trachsel nun ein Foto- und Textband im Stämpfli-Verlag herausgeben. Zusammen mit 12 Autorinnen und Autoren schuf Trachsel ein Buch, das derart umfassend und intensive über den Berner Sandstein informiert, dass man sich zum Schluss fragt, warum die Verantwortlichen dieses 120-seitige Buch nicht in Stein gemeisselt haben. «Der Bund» widmet der Neuerscheinung und der gleichzeitigen Ausstellung in der heutigen Ausgabe eine Ganzseite.

An der gestrigen Vernissage im Kornhausforum wurde es zuweilen sehr eng, die Leute erschienen zahlreich und das Buffet war ausgezeichnet.

Das Buch ist anders als Trachsels bisherige Publikationen. Denn die Fotografie nimmt in diesem Fall vor allem die Informationspflicht wahr und entfernt sich meiner Meinung nach zu stark von der Ästhetik und der Kunstfotografie. Und dies liegt nicht an der Qualität, sondern an der Quantität der Bilder. Viel mehr Fotos als sonst bei einem Fotoband üblich und die nötigen(?) Bildlegenden sind die Unruhestifter – das Auge kommt nur schwer zur Ruhe.

Der Sandsteininteressierte aber kommt voll auf seine Rechnung. Darum: Kaufen Sie ein Exemplar und denken Sie daran, Weihnachten steht unmittelbar bevor.

Sandsteinbruch im Krauchthal. (Bild: Hansueli Trachsel/zvg)

Herbstzeit – Zeit der Dichter

Daniel Gaberell am Dienstag den 24. Oktober 2006

KunoKuno Roth, der Berner UmWeltpädagoge ist alles andere als herbstzeitlos. Denn soeben erschien seine ganz persönliche Lyrik im deutschen Triga-Verlag: «Um Welten – Poesie für den Alltag».

Der Literaturkritiker Markus Bundi schreibt im Vorwort: «Kuno Roth hat eine eigene Sprache gefunden. Da kapriziert sich kein Autor und versteckt sich hinter grossen Worten. Es ist gerade die Einfachheit der Sprache, das scheinbar Leichte, das Spielerische, woraus Kuno Roths Gedichte ihre Kraft schöpfen und Leserinnen und Leser zum Eintauchen und Mitdenken einladen.»

Ich las die knapp 100 Seiten letzte Woche in der Badewanne und fand die Zeilen tatsächlich alltagstauglich (sofern «Badewanne» dem Alltag entspricht).

Erhältlich in jeder Buchhandlung (ISBN 3-89774-503-8) oder direkt online für Fr. 15.40.

Aber sind wir nicht alle Dichter? Schreiben Sie uns Ihr ganz persönliches Herbst-Lieblingsgedicht als Kommentar. Vielen Dank.

Kein Wegweiser für Bücherwürmer

Frau Götti am Donnerstag den 5. Oktober 2006

Publikum

Okee, okee. Ich weiss ja, die seit gestern laufende Frankfurter Buchmesse ist in erster Linie für Branchenleute wie Verleger und Buchhändlerinnen reserviert.

Aber muss die Homepage der grössten Buchmesse der Welt denn wirklich so unglaublich benutzerunfreundlich seine Veranstaltungen verstecken? Der Veranstaltungskalender befindet sich in der Spalte an siebter Stelle (freundlicherweise noch vor dem Buchmesse-Shop, aber gescollt muss trotzdem werden). Und wirklich aufschlussreich ist er dann leider auch nicht. Gerne wird dagegen darauf verwiesen, dass das ZDF den Anlass übertrage.

Immerhin ist das interessierte Publikum am Wochenende an der Messe gnädigst zugelassen. Das hat es auch verdient, das interessierte Publikum, ist doch die ehrwürdige Branche von einem solchen abhängig. Aber ein interessiertes Publikum möchte eigentlich schon ganz gern auf einen Blick erfahren, was da alles so läuft. Ohne das TV-Heftli konsultieren zu müssen.

Ich hoffe auf Goldt

Daniel Gaberell am Freitag den 15. September 2006

Mein Chef sagt: Nur Veranstaltungshinweise verbloggen, wenn’s auch eine Geschichte drum gibt.

Also stieg ich gestern Abend in den Keller und kramte in der alten Bücherkiste mit dem Ziel, «Bis bald» von Markus Werner zu finden. Stattdessen aber entdeckte ich diesen Titel:

CoverGoldt

Ich blätterte den gelben Zettelchen entlang und fand, der Max Goldt ist Meister in Alltags-Beobachtungen. Zum Beispiel fragt er sich, warum bei einer TV-Werbung für Damenbinden beim Beweisen der extremen Saugfähigkeit – jemand kippt aus einem Becher blaue Flüssigkeit darauf – das Wort «Ersatzflüssigkeit» eingeblendet wird.

Auch sucht er nach einer Definition für das Ding, mit welchem die Kundin und der Kunde jeweils die eingekaufte Ware auf dem Kassen-Fliessband trennen damit die Kassiererin weiss, wann sie auf den Total-Knopf zu drücken hat.

Vor Jahren las Goldt im Schlachthaus und die Vorfreude war riesig. Ebenso gross war dann allerdings die Enttäuschung – die Genialität kam irgendwie nicht rüber.

Vielleicht wird morgen alles besser. Gut so Chef?

Max Goldt liest morgen Samstag im Stadttheater Bern (19.30 Uhr).

Stadtfiguren (1)

Daniel Gaberell am Freitag den 25. August 2006

surprise-typ Max Frisch schrieb: Unsere Heimat ist der Mensch; ihm vor allem gehört unsere Treue. Nach langem Überlegen kam ich (zuerst) zum Schluss, dass dieses Zitat für mich nicht zutrifft. Meine Heimat ist das Wäldchen vor dem Haus, wo ich unzählige Hütten baute oder das romantische Aareufer, wo ich die Lippen und die Haut der Jungedliebe küsste. Dann aber, beim zweiten Nachdenken, musste ich ihm, dem Max, doch Recht geben. Die meisten Erinnerungen an meine Heimat sind mit Gesichtern und Gestalten verbunden.

So wird es auch mit Bern nicht anders sein. Wenn ich dann im alten Alter zurückblicke, werden mir ganz bestimmt auch zahlreiche Personen in den Sinn kommen. Denn jede Stadt ist geprägt von den Menschen, die in ihr leben, sie sind hauptverantwortlich für den Charakter eines Ortes oder eben einer Heimat.

Mein erstes Augenmerk richtet sich auf die zwei bekanntesten Strassenmagazinverkäufer unserer Stadt. (Ok, es gibt noch der an der Krücke bei der Bahnhofs-Welle, aber wir wollen hier ja keine Bildgalerie zelebrieren). Während sie in der Bahnhofsunterführung endlose Stunden ausharrt (fixer Standort), trifft man ihn innert kürzester Zeit nicht nur in der Innenstadt sondern auch in den Aussenquartieren (Dauerläufer). Sie sagt nie etwas, er hingegen preist sein Magazin im Sekundentakt als «Nei-Merci-Zitig».

Eine längst fällige Hommage im Kleinen an all die Grossen, die unsere Stadtkultur lebendig machen! (Fortsetzung folgt…)

schranz

Paradies

Grazia Pergoletti am Mittwoch den 16. August 2006

Wo ist das Paradies? Für Hannah Luckraft ist “ein Hauch davon auf der Haut ihres Liebhabers und in jedem Drink, den sie zu sich nimmt, zu spüren”, wie uns der Buchdeckel vorwarnt.

Hannah ist die tragikomische Hauptfigur des neuen Romans von A.L. Kennedy, Paradies. Sie ist Ende dreissig, obwohl sie eigentlich nicht damit gerechnet hatte, überhaupt so alt zu werden, und es dämmert ihr irgendwo im Hinterkopf, dass es so nicht weitergehen kann: Ihr Körper will manchmal nicht mehr so richtig, sie hat einen entsetzlich anspruchslosen Job (und schafft es, sogar diesen loszuwerden), ihre Familie reagiert auf sie abwechselnd erschreckt oder mitleidig und ihre Freunde – wenn man diese so nennen will – sind sehr seltsam. Richtig glücklich ist sie nur mit Robert Gardener, ein verheirateter Zahnarzt, der so trinkfreudig ist, dass man als LeserIn extrem froh ist, nicht bei ihm in Behandlung zu sein.

A.L. Kennedy Überhaupt traut man in diesem Buch, je länger man liest, Keinem und Keiner mehr. Oder besser gesagt: Man misstraut der Wahrnehmung von Hannah mehr und mehr, obwohl ihre Schilderungen und Kommentare bissig, scharfsinnig und völlig unsentimental sind. Obschon Hannah wohl spürt, dass sie auf einen Abgrund zurast, macht sie sich auch immer wieder was vor und beruhigt sich, z.B. indem sie einfach anderen die Schuld in die Schuhe schiebt. In diesem Sinne hat sie mich an eine meiner literarischen Lieblingsfiguren erinnert, an Italo Svevo’s köstlichen Oberverdränger Zeno Cosini. Aber Hannah’s Leben ist sehr viel beunruhigender, als Cosini’s, soviel sei gesagt. Paradies ist nicht unbedingt was für schwache Nerven!

Paradies ist brutal, erschütternd, zart, sexy, saulustig und finster. Und A.L. Kennedy, eine 41-jährige Schottin, ist einfach die Grösste! Ein paar kurze Müsterchen dieses Meisterwerks werden übrigens am Literaturfest und am Theaterfest (beides 26.8.) von mir zum Besten gegeben. Aber kaufen Sie doch das ganze Buch und lesen Sie es selbst. Es lohnt sich!

Denkmal, vom Sockel gestossen

Frau Götti am Montag den 14. August 2006

grass

Kein Wunder, ist das heute auf Platz 1 in allen Feuilletons – es ist ja schon ein starkes Stück, was uns das moralische Gewissen Deutschlands schlechthin da auftischt: Günter Grass war nach eigenem Bekenntnis in der Waffen-SS.

Dies sagt der grosse Meister seinen Leserinnen und Lesern just bevor sein neues Werk auf den Markt kommt – als kleine Einladung, “Beim Häuten der Zwiebel” auch brav zu kaufen. Denn wer würde denn nicht gerne versuchen, die eigene Konsternation über das einstige Vorbild Grass aufzulösen in Verständnis?

In der Frankfurter Rundschau schreibt Wilhelm von Sternburg treffend:
Alleine der Verdacht, hier promote jemand sein Buch, ist angesichts des historischen Hintergrundes fatal.

Viel zu spät befasst sich Grass mit der eigenen Verstricktheit in die deutsche Geschichte, viel zu spät mit der eigenen Täter/Opfer-Neurose.

Und weil der alternde Literat schon mal am Bekennen ist, bekennt er beim Häuten seiner Zwiebel auch gleich noch, er habe vor seiner Beichte erst noch den Literatur-Nobelpreis erhalten wollen (so geschehen anno 1999).

Bye Bye Sarah

Grazia Pergoletti am Freitag den 4. August 2006

die KuttnerGemessen an der Zielgruppe der Kuttner- Show bin ich von Alters wegen wohl schon fast 2 Zuschauerinnen. Nichtsdestotrotz: ich bin ein bekennender Sarah-Kuttner-Fan!

Natürlich kann man die Art, wie Sarah Kuttner Themen der Weltpolitik, der Pop-Kultur, der Kunst und allerlei Quatsch praktisch gleichberechtigt auf derselben Ebene moderatorisch durchnudelt, kritisieren. Mir scheint diese alles-in-einem-Atemzug-Gesprächskultur allerdings ein charakteristisches Merkmal unserer Zeit zu sein, und kein spezifisches Kuttner-Phänomen. Ich fand die Dame immer sehr lustig und sehr kritisch.

Auch sehr komisch übrigens die TV-Schnipsel-Show, mit der Vater Jürgen Kuttner durch die Theater tourt (z.B. Theater Basel). Er zeigt und kommentiert unfassbare TV-Schnipsel, wie z.B. den ersten Werbesong der Grünen Partei mit der Band BAP und Joseph Beuys als Sänger (!), oder die deutsche Version von Black Sabbaths Paranoid, Der Hund von Baskerville interpretiert von Cindy und Bert.

Nun ist also Schluss mit Sarah Kuttner auf MTV. Statt dessen wird den Kids wahrscheinlich eine weitere bescheuerte und deprimierende Datingshow vor die Nase gesetzt. Gestern flimmerte die letzte Kuttner-Ausgabe über den Bildschirm. Ich habe sie leider verpasst.

Hooray for Captain Conrad

Grazia Pergoletti am Montag den 31. Juli 2006

Es gibt schon mal grundsätzlich nichts zu meckern, wenn man im Sommer Jahr für Jahr in einem Schloss in Frankreich Ferien machen kann. Bei Freunden. Noch schöner wird ein solcher Aufenthalt, wenn die Eltern dieser Freunde eine Bibliothek eingerichtet haben, in der so ziemlich alles irgendwie vorhanden ist, was den geneigten Leser in den Siebzigern so interessierte.

Seit drei Jahren habe ich angefangen, in meinen Urlaub an besagten Ort keine Lektüre mehr mitzuschleppen, sondern mir aus der Bibliothek etwas zu fischen, von dem ich immer schon dachte, dass “man es eigentlich mal gelesen haben müsste”. Und siehe da: Bis jetzt landete ich jedes Mal einen Treffer!

Heuer habe ich mich in Arno Schmidts Aus dem Leben eines Fauns vertieft. Die Sprache ist überraschend und originell und an seinen Erzählstil muss man sich erst einmal gewöhnen. Aber es lohnt sich! Abgesehen davon, dass es pro Seite etwa 10 Formulierungen gibt, die so köstlich sind, dass man sie glatt herausschreiben möchte, ist auch die Art, wie er die Psychologie der Unterwerfung seziert, ausgesprochen unterhaltsam weil messerscharf.

Letztes Jahr haben mich die Erzählungen von Siegfried Lenz gefesselt. Leider wurde ich damit nicht fertig, doch lässt sich das nachholen, denn sie sind jetzt in einem Band vereint zu haben, als Taschenbuch.

Käpten ConradGanz gross ist, was ich vor drei Jahren entdeckte: Geschichten der Unrast von Joseph Conrad. Conrad wurde 1857 in Polen geboren und kam 1874 nach Frankreich, um Seemann zu werden, 1888 wurde er Kapitän. Ein paar Jahre später bekam er schweres Fieber, das er zwar knapp überlebte, aber nie mehr ganz los wurde. Und genauso sind seine Geschichten: Fiebrig! Und düster und plastisch. Sehr zu empfehlen auch Herz der Finsternis, der Roman, der Coppolas Apokalypse Now zu Grunde liegt.

Die Nummer 1 in Bern

Manuel Gnos am Freitag den 28. Juli 2006

Liebe Leserin, lieber Leser, schauen Sie doch mal hier vorbei. Oder hier. Vielleicht auch kurz noch hier. Zum Schluss schicken wir Sie noch hierhin.

Überrascht? Erstaunt? Verwirrt? Durcheinander? Gar leicht verärgert, weil Sie nicht gefunden haben, was Sie suchten? Sondern immer und immer wieder hier gelandet sind:

Kulturmagazin Ensuite. (Screenshot)

Kein Problem. Hier bei uns wird Ihnen geholfen: Berner Kulturagenda, Jazzveranstalter Bee-Flat und Weblog KulturStattBern.

In der «Nowelle» vom November 2005 schreibt «Ensuite»-Chefredaktor Lukas Vogelsang: «Dafür, dass wir kein Geld in dieses Unternehmen investiert haben, gehts uns verdächtig gut. Vielleicht weil wir ein kleines Geheimnis mit uns tragen, jenes, welches alle Medienunternehmen und Journalistinnen so dringend brauchen und verzweifelt suchen: Die Vision.»

Fragt sich nur, welche Vision Herr Vogelsang gefunden hat…