Archiv für die Kategorie ‘Bücher & Medien’

Von der Schönheit

Frau Götti am Montag den 12. Februar 2007

Bei diesem Hundewetter empfiehlt es sich, im Bett zu bleiben. Keine Angst, ich verschone Sie mit einer weiteren Fortsetzung der überaus erfolgreichen Serie Sonne im Herzen. Heute jedenfalls.

Nicht die Sonne lege ich Ihnen heute ans Herz, sondern eine Lektüre, schliesse mich also Kollega Gaberell an.

Zadie Smith Und zwar On Beauty von Zadie Smith.

Wunderbar humorvoll, wunderbar leichtfüssig. Unter der Funnyness die reine Schwermut. Wie das Leben halt.

Lesen Sie mit, ich bin erst auf Seite 55 und bin auch in leichtfüssigem Englisch langsam, Sie können mich also locker aufholen.

Schon der Auftakt wird Sie überzeugen: ein einseitiger E-Mail-Verkehr vom Sohn zum Vater. Das ganze Versagen des Vaters gezeichnet, schon bevor dieser eingeführt wird.

Und der Sohn entlarvt schon seine ganze über-ich-sche ich-bezogene Misere.

Hey, Dad – basically I’m just going to keep on keeping on with these mails – I’m no longer expecting you to reply, but I’m hoping you will, if that makes sense.

Das Buch ist übrigens auch auf Deutsch übersetzt und besprochen.

Was mich persönlich ein bisschen verstört hat: Da ist eine gar einige Monate jünger als ich und wird schon als mögliche künftige Nobelpreisträgerin gehandelt… Was macht unereins falsch?

Lieber Lukas Hartmann…

Daniel Gaberell am Samstag den 10. Februar 2007

…der Titel Ihres neuen Romans «Die letzte Nacht der alten Zeit» klingt für mich wunderschön philosophisch. Ist er das auch oder halten Sie sich vorwiegend an die geschichtlichen Gegebenheiten?

Ich mag vieldeutige Titel. Und “Die letzte Nacht der alten Zeit” soll so einer sein. Natürlich ist da etwas Philosophisches dabei, das auf einer existentiellen Ebene mit Abschied und Neubeginn zu tun hat. Der Titel bezieht sich aber auch ganz konkret auf die Nacht vom 5. auf den 6. März 1798, die für mich das Ende des Ancien Régime markiert. Ich erzähle, wie in dieser Nacht drei Flüchtlinge über den Thunersee gerudert werden und versuchen, ihr Leben – sozusagen zwischen den Zeiten – neu zu definieren.

Hartmanns RomanWie lange arbeiteten Sie an Ihrem neusten Roman und wie muss man sich Ihre Recherchen vorstellen (welches sind Ihre Quellen)?

Insgesamt arbeitete ich am Buch knapp zwei Jahre; aber für das Thema des dramatischen Umbruchs von 1798, den so genannten “Franzoseneinfall”, interessiere ich mich seit meinem Geschichtsstudium. Mich hat schon immer gefesselt, wie stark die Berichte darüber – je nach Standpunkt – voneinander abweichen. Zunächst las ich mich durch die bestehende historische Literatur mit ihren zum Teil kontroversen Bewertungen. Dann forschte ich nach Augenzeugenberichten und fand sie in Archiven und alten Sammelbänden. Ich beschäftigte mich aber auch intensiv mit den Lebensbedingungen der unterschiedlichen sozialen Schichten (z.B. mit der Arbeit von Wäscherinnen), ich besuchte Museen, redete mit Fachleuten, wanderte zu den Schauplätzen des Romans, zeichnete dort und machte mir Notizen.

Das Historische Museum Bern hat den Bereich «Ancien Régime» neu gestaltet. Ist dies ein glücklicher Umstand oder haben Sie die Herausgabe des Buches ganz einfach klug terminiert?

Es ist ein glücklicher Umstand – und er macht es doppelt sinnvoll, die Buchpremiere im Historischen Museum zu veranstalten. Es gibt viele Bezüge zwischen meinem Roman und den Ausstellungsobjekten, und wenn da eine Wechselwirkung entsteht und die Epoche, die ja eine Art Wendezeit ist, in den Köpfen zu leben beginnt, haben alle Beteiligten etwas davon.

Die Buchvernissage mit Lesung und Führung durch den Bereich «Ancien Régime» vom nächsten Mittwoch, 14. Feb im Historischen Museum, ist leider bereits ausverkauft. Am 15. Feb wird dieser Anlass (ohne Reden) allerdings wiederholt. Tickets gibt es bei Stauffacher. Mehr Infos zum Buch und zum Autor gibt es hier.

Unser aller Brian

Manuel Gnos am Dienstag den 23. Januar 2007

Brian, Teilnehmer bei Musicstar des Schweizer Fernsehens. (Bild Manuel Gnos)Zu Beginn kannte ich Musicstar nur wegen der Briefe von «Magazin»-Redaktor Max Küng an Chris von Rohr, und weil ich Freunde und Bekannte habe, die wiederum Kinder haben, die als Vorwand herhalten müssen, damit ihre Eltern keine Minute von Musicstar verpassen.

Inzwischen ist es schon das eine oder andere Mal vorgekommen, dass ich in Musicstar reingeraten bin, während ich mich suchend durch die Senderketten rauf- und runtergeschaltet habe. Grob geschätzt kommen für mich so zirka fünf Musicstar-Minuten zusammen.

Deshalb beschäftigt es mich sehr, dass ich – wegen des Handwerkerstübli-Schaufensters an der Lorrainestrasse – von einem der aktuellen Musicstar-Anwärter Vorname und Antlitz kenne.

Da ich ein grosszügiger Mensch bin, teile ich diese Erfahrung gerne mit Ihnen allen.

Ein Dino im Blätterdschungel

Daniel Gaberell am Donnerstag den 11. Januar 2007

InserateNeuDiese Woche war es wieder einmal soweit: die neuste Ausgabe von A-Bulletin lag in meinem Briefkasten. Diese 16-seitige Zeitschrift erscheint alle zwei bis drei Wochen, die aktuelle Nummer ist die 589-ste (!) – oder anders gesagt: das A-Bulletin gibt es bereits eine halbe Ewigkeit.

Nebst der beachtlichen Betriebsdauer des Vereins A-Bulletin, stechen meiner Meinung nach vor allem vier Besonderheiten hervor:

1) Jede Ausgabe enthält nur einen Hauptbeitrag und der interessiert eigentlich kaum jemanden (ausser die alljährliche Weihnachtsgeschichte, die geniesst bereits Kultstatus).

2) Das Herz des A-Bulletins ist die Welt der Inserate (Rubriken: Verschiedenes, PartnerIn gesucht, Tiere, Wohnen, Ferien, Arbeit, Kurse, Kauf/Verkauf, Dienstleistungen, und anderes). Es ist ein Genuss, sich die Anliegen und besonderen Bedürfnisse anderer Menschen zu Gemüte zu führen.

3) Der bekannte Zürcher Zeichner Mike van Audenhove («Zürich by Mike» im Züritipp und Buchautor) verziert und illustriert die Inserateseiten.

4) Das Jahresabo kostet sagenhafte 45 Franken, ein Inserätli zirka 12 Franken.

Ich erinnere mich zurück an mein Ämtli in der Kindheit: Zeitungen bündeln. Bereits damals schnürte ich A-Bulletins für die Papiersammlungen. Das A-Bulletin vermittelt einem Heimat und alte Werte, die MacherInnen Georg Pankow und Lisbeth Bieri sind unbestechlich, integer und widersetzen sich erfolgreich sämtlichen medialen Zwängen.

So soll es eben sein.

Alter Schwede

Grazia Pergoletti am Dienstag den 9. Januar 2007

Der MondtrinkerWenn es draussen kälter wäre und schneebedeckt, dann wärs noch besser. Trotzdem, auch so sehr zu empfehlen: «Der Mondtrinker» des schwedischen Schriftstellers Göran Tunström.

Die Geschichte von Halldor, der in ganz Island bekannt und beliebt ist, weil er am Radio täglich die Fischereiberichte vorliest, bis er seine Karriere eines Tages abrupt zerstört, indem er am Ende der Sendung ein selber verfasstes, pornografisches (und ziemlich lustiges) Gedicht in den Äther zitiert. Und von seinem Sohn Petur, der gerne Mal aus Wut mit Fischen um sich wirft. Wunderbar komisch, wunderbar erschütternd!

Der Sohn des Autors (und der schwedischen Künstlerin Lena Cronqvist), Linus Tunström, inszeniert zurzeit am Berner Stadttheater «Ein Traumspiel» des alten Schweden August Strindberg. Das starke Stück kommt als spartenübergreifende Produktion (Schauspiel/Tanz) auf die grosse Bühne.

Linus Tunström hat unter anderem im Jahr 2000 mit seinem Kurzfilm «To Be Continued» die goldene Palme in Cannes gewonnen. Première des Traumspiels (auf schwedisch heisst das übrigens: Ett drömspel) ist am 6. Februar. Man darf gespannt sein!

Hinweis: Die Diskussion über den neuen Anbau fürs Kunstmuseum Bern geht weiter, wie Sie heute im «Bund» lesen können (Link). Im Kulturblog Ihres Vertrauens können Sie hier Ihre Meinung kundtun.

Katerstimmung im Kunstmuseum

Manuel Gnos am Mittwoch den 20. Dezember 2006

Am Montag stellte die Jury das Siegerprojekt vor, am Dienstag freute sich der «Bund» auf einen «prägnanten Museumsbau» und die «Berner Zeitung» (BZ) sprach von einem «mutigen Entscheid», aber seit heute Mittwoch herrscht in der Berner Kunstszene Katerstimmung: «Pläne für den Papierkorb?» fragt der «Bund», während die BZ schon weiss, dass das Projekt «so nicht realisierbar» sei.

Wie auch immer: Wir würden gerne wissen, was Sie zum Projekt denken. Gefällt Ihnen der Vorschlag für den Erweiterungsbau des Kunstmuseums? Soll er gebaut werden? Braucht das Kunstmuseum Bern überhaupt einen solchen Bau?

Das Projekt «an_gebaut» für den Erweiterungsbau des Berner Kunstmuseums. (Bild zvg)

Krimi aus der Stadt Bern

Daniel Gaberell am Sonntag den 10. Dezember 2006

md Entlang der Aare, kurz nach dem Lorrainebad vor dem Stauwehr, klaut eine Mutter einen kleinen Buben. Sie nimmt ihn mit nach Zollikofen, denn ihr eigener Kleiner starb damals im Wald bei Wohlen. Der bei der Stapo Bern ausrangierte Kommissar Kammermann gerät durch Zufall unverhofft zum Ermittler und beschäftigt sich mit Erpresser, Mörder, Entführer und jüngeren Frauen. Die Schauplätze: in der Lorraine, im (damals noch) Bücher Jäggi, vor dem Globus, in der Unterführung Tiefenau, andere Orte in Bern, in Brig und in Zürich.

Der Krimi von Alexander Heimann wurde 2002 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und geizt nicht mit Berner Lokalterminen. Und: die knapp 200 Seiten lesen sich flüssig und in einem Schnutz. [Auch als Hörbuch erhältlich.]

Viel Vergnügen.

Hauptstadtlesung

Daniel Gaberell am Montag den 4. Dezember 2006

Lieber Pedro Lenz, sie vertreten die Schweiz am kommenden Mittwoch am Samichlous-Lesen im Rahmen der Trafo-Lesungen in der Dampfzentrale. Wie werden Sie Ihre Kontrahenten aus Deutschland und Österreich in den Schatten stellen beziehungsweise: können Sie ihnen überhaupt das Wasser reichen?

Lieber Daniel Gaberell, das Wasser werden wir halten, nicht reichen. Ich will damit sagen, dass es sich bei den Herren Kapielski und Fian um liebe und geschätzte Kollegen handelt und keinesfalls um Kontrahenten. Es ist mir gleichermassen Freude und Ehre, mit ihnen gemeinsam lesen zu dürfen.

Und wo liegen die Stärken der Mitstreiter? Und wo die Ihrigen?

Die Stärke Kapielskis liegt in seiner Geistesschärfe. Er hat eine klare Auffassungsgabe und kann seine Erkenntnisse präzis, knapp und tiefgründig beschreiben. Sein kreatives Potential reicht spielend aus, um neben seiner bildenden Kunst hervorragende Literatur zu schreiben. Freilich muss man aufpassen, was man in seiner Gegenwart tut oder sagt, denn ehe man sich versieht, hält er einem in seiner nächsten Geschichte den Spiegel vor.
Fians Stärke ist für mich sein Understatement. Er kann so tun, als sei das Schreiben für ihn bloss ein spielerischer Zeitvertreib. Seine Texte kommen leichtfüssig, fast tänzerisch daher, doch dann, wenn seine Leserschaft zu einem Schmunzeln ansetzen möchte, kippt Fian die Angelegenheit in eine unerwartete Richtung, so dass aus dem Schmunzeln schmerzhaftes Gelächter wird. Im persönlichen Umgang ist Fian ein wunderbar feiner Mensch.

Finden Sie es nicht bedenklich, dass ausgerechnet jetzt, so kurz vor der Euro08, gerade das Partnerland Österreich und der logische Europameister auf diese Weise im Vorfeld sich die Klingen kreuzen?

Ach, wir kreuzen ja nur die Wege, nicht die Klingen. Und der Österreicher Fian ist ein herausragender Fussballkenner. Mit ihm kann man wunderbar über grosse Niederlagen plaudern.

Mir ist zu Ohren gekommen, dass zum Schluss der Veranstaltung ihre drei Bärte abgeschnitten und für einen guten Zweck versteigert werden. Können Sie den Leserinnen und Leser von KulturStattBern verraten, welch sinnvoller Idee das Ersteigerte zugute kommt?

Wir wollen sehen, ob die Zeit überhaupt reicht, uns richtige Bärte wachsen zu lassen. Keiner von uns dreien ist von der Natur mit starkem Gesichtshaarwuchs gesegnet. Aber wenn wir Bärte versteigern könnten, käme der Erlös der Aktion «Gebt dem Durst keine Chance!» zugute. (Oder Schangse, wie der Österreicher sagt).

Trafo

Trafo-Lesung: Mittwoch, 6. Dez 2006 um 20 Uhr in der Dampfzentrale mit Antonio Fian, Pedro Lenz, Thomas Kapielski. Eintritt 15.- / 20.-

Meier-mach-schon

Grazia Pergoletti am Freitag den 1. Dezember 2006

Dieter und ich

Noch mitten in der Lektüre und es gibt für mich schon kein Halten mehr: Hermes Baby von Dieter Meier ist etwas vom witzigsten, scharfsinnigsten und in den Beobachtungen präzisesten, was ich in den letzten Jahren gelesen habe! Ein Erlebnis, ähnlich, wie wenn man zum ersten Mal Max Goldt liest (auch da ist es mir einmal passiert, dass ich mich im Zug so lange dermassen vor Lachen gebogen habe, bis mich die ganze Umgebung nach meiner Lektüre fragte). Nur, dass Meier-Destino weniger zynisch und, ja, man staune, in seiner politischen Haltung sehr dezidiert ist.

Herr Meier, der sich Meier-Grosshans, Meier-Saudurst, Meier-machs-kurz oder auch Meier-Ratlos nennt, erzählt von seltsamen Menschen in New York, von seiner Spielsucht, von der Schwerarbeit des Müssiggangs, von der Soziologie des Palace-Hotels und von “verschiedenen Bars in Zürich, wo ich versuchte, mich mit Bescheidenheit, Unauffälligkeit und dem Duktus des stillen Beobachters wichtig zu machen”. Er berührt mit Kindheitseindrücken, unterhält mit seinen Ansichten über Yoko Ono und verblüfft mit seiner amüsanten, wie scharfen Kapitalismuskritik. Und ab und zu ein Gedicht, “das ich auch noch nicht kenne und von dem ich selber noch nicht einmal weiss, warum ich es schreibe, anstatt mich sofort schlafen zu legen”.

Ich bin dafür, die Schweiz in eine Monarchie und Tunichtgut-Meier in unseren König zu verwandeln. Bis dahin soll sich niemand vom etwas missglückten Einband des Bändchens abschrecken lassen (inkl. DVD, erschienen bei Ammann). Viel Vergnügen sag ich nur noch!

Gern gelesen

Daniel Gaberell am Freitag den 24. November 2006

Carax 694’000 Google-Einträge (0.22 Sekunden) für «Schatten des Windes». Endlich, gestern Nacht um 1.22 Uhr war es soweit: ich blätterte die 563. Seite um und gab mich dem Träumen hin.

Es war eine schöne Reise in die Welt der Bücher und der Liebe! Der Roman «Der Schatten des Windes» vom Protagonisten und Autor Julián Carax fasziniert Daniel Sempere Martín, der in der Franco-Ära bei seinem Vater, einem Buchhändler, in Barcelona aufwächst. Als er versucht, mehr über den unbekannten Autor Carax herauszufinden, stößt er auf merkwürdige, rätselhafte Zusammenhänge und Parallelitäten in und mit seinem Leben.

Mit großer Fabulierlust und viel Liebe zu Besonderheiten präsentiert Carlos Ruiz Zafón nach und nach Bruchstücke einer spannenden Geschichte. Eigentlich sind es sogar zwei Geschichten – die eine beginnt 1914 (Julián Carax), die andere 1945 (Daniel Sempere Martín ) –, die er geschickt zusammenführt.

Wer also die kommenden Wochen voller Nebel, Regen und Schneefälle ausnutzen will, der kaufe sich dieses Buch. Eine gute Buchkritik finden Sie hier.

Natürlich sind wir auf KulturStattBern jederzeit dankbar für weitere Buchtipps. Der kommenden Winter verträgt ja weissgott mehr also nur eine Lektüre…