Archiv für die Kategorie ‘Bücher & Medien’

Trauriger Primeur

Frau Götti am Dienstag den 19. Juni 2007

Traurig, aber wahr:

Die Berner Kulturagenda wird nicht Teil vom «Bund». Und muss weiter nach einem Retter in der Not suchen.

Schon klar: Der «Bund» kann nicht Samariter spielen. Will heissen: Der Trägerverein Kulturagenda wollte plötzlich weniger dafür bezahlen, dass der Veranstaltungskalender als vierter Fazikel in den «Bund» integriert wird.

Nicht ganz so klar: Die Stadt will nicht Samariter spielen. Will heissen: Sie unterstützt die Kulturagenda mit keinem Rappen zusätzlich als mit den bisherigen 100’000 Franken.

Jetzt versucht die Kulturagenda, mit dem «Anzeiger Region Bern» ins Gespräch zu kommen. Wenn sie sich mit diesem einigen kann, würde sie schaffen, was keine Gratiszeitung dieser Welt schaffen würde: Ich würde meinen Aufkleber «Bitte keine Werbung» vom Briefkasten kratzen.

Und hier finden Sie den Text dazu im «Bund».

Ohne Ihn

Daniel Gaberell am Samstag den 2. Juni 2007

GM Im gut gefüllten Kesselhaus zur Dampfzentrale, feierte man und Frau gestern Abend den 90. Geburtstag des Schriftsteller Gerhard Meier. Leider aber ohne ihn. Aus ‚gesundheitlichen Gründen’ könne Meier leider nicht anwesend sein – wer will bei einem 90-Jährigen diese Absage hinterfragen? Und trotz Verständnis für sein Fernbleiben war es schade, dass somit sämtliche, extra für diesen Abend geschriebene Geburtstagswünsche (ausser Franz Hohler), ein wenig in der Luft hingen und die Worte und Sätze irgendwie verunsichert und orientierungslos im Kesselhaus herumirrten und nicht so recht wussten, wo sie nun landen wollen und sollen.

Das Vorgetragene war meiner Meinung nach unterschiedlich gut:

Ilma Rakusa (gut, wenn auch etwas langfädig), Franz Hohler (sehr gut, aber kein neuer Text) , Gertrud Leutenegger (mittel, zu lang), Urs Mannhart (sehr gut), Michel Mettler (sehr gut), Klaus Merz (sehr, sehr gut), Francesco Micieli (sehr gut, etwas holprig vorgetragen), Christoph Simon (mittel), Peter Weber (mittel) und Katharina Faber (mittel).

Die Texte, verbunden mit dem Fernbleiben Meiers, erweckten zuweilen den Anschein, als sei der Autor bereits verstorben. Trotzdem: es war ein schöner Abend. Wäre Gerhard Meier aber in der vordersten Reihe gesessen, so wäre der Kesselraum zu hundert Prozent beseelt gewesen und die zahlreichen Wünsche zum Geburtstag wären zielstrebig in Meiers Schoss gelandet.

5 Jahre Tintensaufen

Daniel Gaberell am Mittwoch den 23. Mai 2007

Wer das Glück hatte, einmal oder mehrmals einem dieser literarischen Leckerbissen beiwohnen zu dürfen, der wird mir unweigerlich beipflichten: Das Tintensaufen hat sich in den letzten Jahren zu einem ernst zu nehmenden Literaten-Anlass entwickelt. Lustig und spannend vor allem auch deshalb, weil natürlich an einem Abend nicht sämtliche Autorinnen und Autoren die nötige Qualität und Routine mit sich bringen.

Heute Donnerstag feiern die Gründer Pedro Lenz, Andreas Thiel und Jürg Halter das fünfjährige Tintensaufen-Jubiläum. Und ohne Gäste geht gar nichts; es sind dies: Güzin Kar (Zürich, Weltwoche-Kolumnistin, Drehbuchautorin), Guy Krneta (Basel, Theaterautor, Schriftsteller), Robert Woitas (Berlin, Kabarettist), Luciano Andreani (Bern, Theatermann) sowie unsere geliebte Signora Grazia Pergoletti (Bern, Schauspielerin, KSB-Autorin!)

Herr Andreas Thiel, was wünschen Sie Jürg Halter zum Jubiläum?
Ich wünsche Herrn Halter subventionsfreieres Kulturschaffen.

Herr Pedro Lenz, was wünschen Sie Andreas Thiel zum Jubiläum?
Ich wünsche Herrn Thiel ein solidarischeres und sozialdemokratischeres Weltbild.

Herr Jürg Halter, was wünschen Sie Pedro Lenz zum Jubiläum?
Ich wünsche Pedro Lenz eine Marti-Car-Reise nach Litauen mit Andreas Thiel als neoautonomem Chauffeur.

Dampfzentrale, Türöffnung um 20.30 Uhr, Beginn ca. 21 Uhr.

Halter, Lenz, Thiel (von links nach rechts)

Gute Lyrik von Rolf Hermann

Daniel Gaberell am Freitag den 20. April 2007

CoverHermannWas bei ihm, dem Rolf Hermann, mit einer Bierdose am Strand anfängt, kann in eine kurzatmige Reflexion über das Schreiben münden. Was wie ein Auszug aus einer Erzählung klingt, kann Anlass zu einer eingehenden Bildbetrachtung sein. Und was die müden Schritte einer Katze bedeuten, die im Halbschlaf über die Tasten der Schreibmaschine wandert, gibt Einblick in ein Poesieverständnis, in dem fast alles möglich ist. Immer wieder vermischt Rolf Hermann (Bern/Wallis) in seinem literarischen Debüt «Hommage an das Rückenschwimmen in der Nähe von Chicago und anderswo» Alltägliches mit Wunderbarem, Vergangenes mit Gegenwärtigem und scheinbar Unbedeutendes mit Bedeutungsvollem, so dass ein Kosmos entsteht, der jenseits des Koordinatensystems liegt.

«Du stehst an einer Wegkreuzung und entscheidest dich
in alle Richtungen gleichzeitig zu gehen.» (aus «Poemas»)

Die Vernissage des Buches mit einer Lesung von Rolf Hermann, musikalisch begleitet von André Pfammatter, findet statt am: Dienstag, 23. April, 20.00 Uhr, raum am Breitenrainplatz, Militärstrasse 60 in Bern

Bestellen können Sie hier (120 Seiten für 20 Franken).

Die 14’000 Freunde sind wieder da – und dazu noch ein paar Feinde

christian pauli am Samstag den 14. April 2007

Vor einiger Zeit haben wir hier berichtet, dass die Myspace-Seite von Kids on TV ohne Vorwarnung getilgt worden ist. Da die Band keine spezifische Begründung von Myspace bekam, wurde vermutet, die expliziten Texte der kanadischen Queer-Band seien Grund für die Zensur.

Mittlerweile hat Myspace geantwortet. Das Bizarre: Die Seite wurde angeblich zufällig, also ohne Absicht gekillt. Das offizielle Myspace-Statement: «We’ve looked into our records and can confirm MySpace did not take the action to delete the profile. We can only suggest it was deleted in another way, perhaps accidentally, or by someone with access to your log in details and password.»

Soweit so gut. Das ursprüngliche Profil ist jetzt wieder aufgeschaltet. Die Band kann sich über so viel Publicity natürlich freuen. Die deutsche Agentur der Band stellt aber ein paar interessante Fragen zur sich neu formierenden Kommunikationsgesellschaft. Diese Fragen wollen hier wiedergeben:
– Wie wird auf großen Onlineportalen mir User-generiertem Content umgegangen?
– Wer hat das Recht, wer muss und wer kann kontrollieren, welche Inhalte veröffentlicht werden dürfen und können und welche nicht?
– Welchen Einfluss können User auf sogenannte «Terms of Use» (Richtlinien zur Verwendung von Profilen) nehmen? Denn, auch wenn mittlerweile ein großer Konzern die Plattform «myspace» zu kommerziellen Zwecken nutzt, heisst es ja immer noch «my space».

Die Agentur erwähnt in ihrem Rundmail noch eine weitere beunruhigende Beobachtung: Sie und die Band seien in den letzten Tagen offensiv von einem Profil angeschrieben worden, das sich «Stopthedeletions» nenne und das Kids on TV unbedingt als «Freund» haben wolle. «Stopthedeletions» habe ein Text veröffentlicht, bei dem es «beim schnellem Hingucken um Ausdrucks- und Meinungsfreiheit geht». Klicke man dann aber auf die Freunde in diesem Profil werde schnell klar, dass es sich dabei um eine rechtsextreme Sache handelt: Es wimmle nur so von «Ku-Klux-Klan-Emblemen und White Power Statements».

Übrigens: Ich habe das «Stopthedeletions»-Profil nicht gefunden… Gute Nacht Web 2.0.

Geschenk des Himmels

Frau Götti am Dienstag den 10. April 2007

Da sitzt man also zu Karfreitag im Zug, blickt in süsser Langeweile zum Fenster hinaus auf die Blechschlange auf der Autobahn, sinniert ein wenig über die Blechschlange auf der Autobahn …und dann ist da plötzlich eine Nonne mit massivem Holzkreuz um den Hals, beugt sich nächstenliebend über einen und schenkt einem ein Heft.

Um Himmels willen“, denkt man, im wahrsten Sinne des Wortes. Schaut dann das Heft aber genauer an, noch genauer, noch genauer, und darf erfreut feststellen: Der Nebelspalter ists.

Ja, ja, den gibts noch. Der vorliegende ist vom Februar, mit einem lustigen Bundesratsmarionettenbildli drauf (habs leider nicht googlen können, dafür aber ein anderes, bitteschön) und dem Thema “Die Macht der Experten“.

Halt, Sie gähnen? Was sind Sie denn für ein Staatsbürger, was für eine Demokratin? Die Satire, sie lebe hoch!

Ist doch egal, dass wir erst kürzlich ein Folio zum gleichen Thema hatten. Dass das Thema einem eh nicht vom Sockel haut. Dass Dr. Stolte-Benrath auch schon lustiger war. Dass es allgemein vielleicht bessere Satireheftli gibt.

Ist doch egal. Hier gibts nur eines. Und das soll leben! Na los, kaufen Sie es, seit dem 5. April gibt es eine neue Ausgabe!

5. Berner Museumsnächte

Daniel Gaberell am Samstag den 24. März 2007

Foto: Daniel GaberellMeine Route: Naturhistorisches Museum (tausend Kinder), Museum für Kommunikation (nochmals tausend Kinder), Münster (mal ganz anders: jazzige Orgelklänge, Silberschneefall im Chorgestühl und am Boden herumliegen), Bundesplatz, Kunstmuseum (Sandwiches, Cynar, Halters Jürg und Sister Knister), Kino im Kunstmuseum, Universitätsbiliothek (Lesung von Franz Dodel: wie erledige ich einen Elefanten?), Bundeshaus um halbeins (herumspazieren in der Wandelhalle), Prosecco zum Abschluss in der total überfüllten Turnhalle im Progr (vorher spielten dort Pola).

Unterwegs in unterschiedlichen Missionen, trotz leichtem Schneetreiben, Bratwurst hier, Risotto da, Schwätzchen, Hallöchen, Küsschen, Ducken – das war die Museumsnacht 2007.

Hübscher Anlass, irgendwie. Aber auch oberflächlich. Und was mein Freund Pascal zu Recht anmerkte: Die Grundidee, nämlich das Herz des jeweiligen Museums besser kennen zu lernen, geht mit jedem Jahr mehr verloren. Denn mittlerweilen ist die Museumsnacht vor allem geprägt von möglichst originellen Zusatzveranstaltungen zum eigentlichen Museumsprogramm. Oder weshalb wirbt der Botanische Garten mit «Spielen am laufenden Band mit dem DracheNächst», die Eidgenössische Militärbibliothek mit «Bauchtanz», die Schweizerische Nationalbibliothek mit einer Zaubernacht und das Schweizerische Schützenmuseum mit einem «interaktiven Theater»?

Na dann, bis zum nächsten Jahr.

Foto: Daniel Gaberell

14’000 Freunde getilgt

christian pauli am Mittwoch den 21. März 2007

Am 1. März ist die myspace.com-Seite der kanadischen Queer-Band Kids On TV ohne spezifische Vorwarnung und ohne spezifische Begründung gelöscht worden. Damit hat die Band, die mit expliziten schwul-lesbischen Lyriks und einem scharfen Mix zwischen Rock, Disco und Cabaret von sich reden machte, von einem Moment auf den anderen ihr umfangreiches Netzwerk, das sie im Internet aufgebaut hat, verloren. Konkret sind 14’000 «Freunde» das Opfer, die auf der myspace-Website der Band angemeldet waren. Dies unmittelbar vor der Veröffentlichung des ersten Albums der Band und vor dem Start einer grossen Europa-Tour.
Kids On TV Selbstverständlich lautet der Vorwurf von Kids On TV, die Internet-Plattform, die zum Medienkonzern des konservativen Moguls Murdoch gehört, würde homosexuelle Kultur zensurieren. Tatsächlich wirkt es irritierend, dass myspace bis heute keine konkrete Begründung geliefert hat, sondern nur auf die allgemeinen Geschäftsbedingungen verweist.

Zusätzlich verwirrlich ist, dass die Band bereits mit einem neuen Profil auf myspace agiert – und vom Medienwirbel unmittelbar vor ihrer Tour nur profitieren kann.

Das Web 2.0 schlägt also zurück. Interessant wäre zu wissen, wer genau die Schläge einstecken muss.

Von unten beleuchtet

christian pauli am Dienstag den 13. März 2007

Foto: Andreas Züst

Der Nebel gehört zum Mittelland wie die Grippe. Er kommt alle Jahre wieder. Welch eindrückliches Lichterspektakel die lichtüberflutete Zuvielsation diesem aufs Gemüt schlagenden Naturphänomen abringt, zeigt ein im Zürcher Verlag Edition Patrick Frey erschienerer Fotoband.

Die Aufnahmen stammen vom Naturwissenschaftler Andreas Züst. Der Bern-stämmige Fotograf hat die meisten Bilder kurz vor seinem Tod im Jahre 2000 geschossen – vom zürcherischen Bachtel aus, mitten in der Nacht.

Unter der Nebeldecke leuchten tausende von Lichterquellen. Es werden dauernd mehr. Die Lichtkraft ist mittlerweile so stark, dass sie an einzelnen Stellen die Decke beinahe durchbrechen vemögen.

Gesamthaft gesehen erzeugen die Lichter einen fantastischen Farbenbogen – oder: «Die fluoreszierenden Nebelmeere». So heisst dann auch der Fotoband von Züst und Peter Weber, der für das Buch einen Text beigesteuert hat. Ein künstlerisch überaus anmutiger, zivilisationsgeschichtlich denkwürdiger Blick auf unser aller Leben da unten.

Sleepy Dan is sleeping

Grazia Pergoletti am Dienstag den 27. Februar 2007

Dänu Boemle, Foto: Lukas Machata

Daniel Boemle (alias Sleepy Dan, alias Øml) ist am 21. Februar im Alter von 46 Jahren gestorben. Nachdem ich mich vom Schock dieser Nachricht ein wenig erholt habe, möchte ich ihm hier – und Sie vielleicht mit mir – doch noch die Ehre erweisen.

Er war Radiolegende, Künstler, Musiker und Autor.

Was kann ich sagen. Ich kann sagen, dass ich ihn als sonnigen, umtriebigen, lustigen, warmen, weisen, herzlichen, charmanten und sehr wertvollen Menschen kannte. Dass ich nie vergessen werde, wie er mir mal mit Edding ein warmes Gedicht über den kalten Winter auf meinen Kühlschrank schrieb. Und so vieles andere. Ich kann sagen, dass ich in Liebe an ihn denke. Und dass ich sicher nicht die einzige bin.

Details zu seiner Biografie hier (wo auch das Bild herstammt).