Archiv für die Kategorie ‘Bücher & Medien’

«Sick»

Benedikt Sartorius am Samstag den 3. November 2007

Die Geister streiten sich wieder einmal, was Satire ist, wie weit sie gehen darf und überhaupt: Was ist denn überhaupt lustig? Schuld an der neuerlichen Diskussion ist eine laut den Autoren «klassische Mediensatire» namens «Find Maddie®», die in der aktuellen Ausgabe des «endgültigen Satiremagazins» Titanic zu finden ist. Die Doppelseite platziert in bester Discounter-Manier das weitverbreitete Foto des verschwundenen Mädchens Maddie McCann auf Schokoladepackungen und Putzmitteln, versehen mit launigen Bildtexten.

Titanic-Autor Martin Sonneborn und die umstrittene Maddie-Satire (adi)

Lustig ist das allemal, noch viel lustiger sind allerdings die Reaktionen der Boulevardpresse. «Krank» sei diese Satire, berichtet etwa das englische Revolverblatt Daily Mail und die «Bild»-Kolumne des Franz Josef Wagner, der auch schon Sätze von sich gab wie «Lasst mir mein Auto, in dem ich fliegen kann», ist beste Realsatire. Die nicht gerade medienscheuen Eltern des Mädchens unter der kundigen Leitung eines ehemaligen Tony-Blair-Spin-Doctors ziehen nun eine Klage gegen die Titanic in Betracht. Vermeintliches Motto: «Sie sind ein ganz grosses Schwein, die Titanic.»

Eine kleine Szene voller Liebe und Widersprüche, oder: Tschüss, Papa!

Grazia Pergoletti am Samstag den 20. Oktober 2007

Irgendwo in der Stadt Bern. Es ist Abend

– Papa?
– Ja, mein Liebling?
– Erzählst Du mir noch einmal, wie das war, als Du noch Anarchist warst?
– Aber Liebling, das habe ich Dir doch schon gestern erzählt und vorgestern und letzte Woche auch zwei mal.
– Ich weiss, aber ich kann dazu immer so gut einschlafen. Warst Du ein richtiger Autonomer mit so schwarzen Kleidern und so einem Palästinatuch vor der Nase?
– Ja, mein Kleiner. Dein Papa war ein richtiger Autonomer. Ich hatte sogar ein eigenes Megafon. Also, natürlich hat es uns allen gehört, aber genau genommen war es meines.
– Und hast Du viel demonstriert?
– Aber natürlich habe ich viel demonstriert. Das war ganz schön gefährlich damals.
– Erzähl das, wo ihr im Tojo eingekesselt wurdet!
– Aber Schatz, es ist doch schon spät.
– Bitte! Bitte!
– Na schön. Also: Eines schönen Tages waren wir gerade am Proben im Theater in der Reitschule. Draussen gab es eine grosse Demonstration.
– Gegen was?
– Hm. Das weiss ich nicht mehr. Ich war ja nicht dabei, ich war wie gesagt am Proben.
– Gegen was?
– Wie, gegen was?
– Gegen was warst du am Proben?
– Oh. Ich war gegen nichts am Proben. Proben tut man für etwas, nicht gegen etwas. Manchmal Probt man vielleicht für nichts, aber nie gegen etwas.
– Ach so.
– Ja. Also, wir waren mitten in den Proben. Plötzlich: Ohrenbetäubender Lärm von draussen, Schreie, Sirenen, das Klirren von Glas –
– Schüsse?
– Nein, das nicht, keine Schüsse. Aber sonst alles.
– Ui.
– Ja. Und dann: Tränengas, ganz ganz viel Tränengas. Weißt du noch, was Tränengas ist?
– Das brennt ganz schrecklich in den Augen und im Hals und es schnürt einem die Luft ab.
– Ja genau. Schrecklich. Wir waren umzingelt, draussen war alles eingenebelt. Also haben wir uns eingeschlossen im Tojo und uns unter der Bühne versteckt. Wir hatten ziemliche Angst, wir haben sogar geheult, aber nicht wegen dem Tränengas.
– Und dann?
– Irgendwann war alles vorbei. Sie hatten uns nicht bemerkt.
– Erzählst du mir noch das, wo ihr die Dealer aus dem Wohnhaus geprügelt habt?
– Nein, das nicht. Du, weißt doch, diese Geschichte erzähle ich nicht gerne, und sowieso: Jetzt wird geschlafen.

Pause.

– Papa, hast du auch Häuser besetzt?
– Aber natürlich, mein Schatz.
– Und dieses Haus in dem wir jetzt wohnen, hast du das auch besetzt?
– Aber nicht doch. Dieses Haus gehört uns. Wir haben es gekauft.
– Warum denn? Mama hat gesagt, dass du ein erstklassiger Besetzer gewesen bist.
– Natürlich. Aber… ach, das verstehst du noch nicht, Liebling. Das ist der Lauf der Dinge. So, und jetzt träum was schönes.
– Ich werde von der Reithalle träumen. Also ich meine nicht deine Reithalle, ich mache dann eine eigene Reithalle, wenn ich gross bin.
– Meine Reithalle? Aber Kind, das ist doch nicht meine Reithalle!
– Ich will aber trotzdem meine eigene machen.
– Wie du willst, Liebling. Mach du deine eigene. Gut Nacht.
– Tschüss, Papa!

Das Buch zu 20 Jahren Reitschule feiert offiziell in einer Woche Vernissage, dies ist der Text, den ich beigetragen habe. Heute Abend ab 18.00h findet in der Grossen Halle das Ehemaligentreffen statt. Prosit!

Sinnvolles Lesen

Daniel Gaberell am Mittwoch den 17. Oktober 2007

Cover Mankell. (Bild zvg)Von Henning Mankell muss man alles gelesen haben. Nicht nur, aber auch die Wallander-Krimis.

Sein neuster Roman «Die italienischen Schuhe» handelt von der Liebe, dem Tod und der faszinierenden Einsamkeit auf einer verlassenen Insel. Mankell schaffte es erneut, mich von der ersten Buchseite an in den Bann dieser wunderschönen Geschichte zu ziehen – und noch viel wichtiger: Ich blieb dabei und legte das Buch nach 100 Seiten nicht auf die Seite.

Nein, ich verschlang die 365 Seiten, als sei Kommissar Wallander persönlich wieder am Ermitteln, als hätte ich seit Monaten nichts mehr Anständiges zu Lesen bekommen (dabei war es unmittelbar zuvor endlich «Homo faber» von Max Frisch – und das ist bekanntlich ja auch anständige Literatur).

Vielleicht gefällt mir dieses Buch auch deshalb besonders gut, weil der Protagonist aus seinem seit 12 Jahren andauernden Trott erwacht, sich aus seiner Lethargie befreit, sich aufrafft und sein altes, verrostetes Leben hinter sich lässt und erkennt, dass er abbiegen muss.

Wäre ich Sie, würde ich diese Geschichte nicht auslassen.

Mögen Sie spanische Literatur…?

Daniel Gaberell am Sonntag den 16. September 2007

Schritt für Schritt für Schritt.

…dann besuchen Sie die Buchhandlung LibRomania in der Länggasse. Dort gibt es eine grosse Auswahl an Büchern in spanischer Sprache. Und nebenbei auch noch den genialen:

Apfelschintiti-und-Gröibschi-Entferner-Schnitzli-Schnider

für, glaubich, 59 Franken.

Der Herbst ist da und das ist gut so.

Veranstalter brauchen Wartung

Frau Götti am Mittwoch den 12. September 2007

KULTURNEWS AKTUELL: Der Autor Raphael Urweider wird leider NICHT neuer Kulturminister!


Heute schon in den Briefkasten geschaut?
Nein? Dort hätten Sie aber den Anzeiger Region Bern gefunden. Der erstmals wirklich beachtenswert ist.

Denn er enthält erstmals die Kulturagenda. Diese aber in reinster Form der Kulturanzeige, ohne Kolumnen, Kommentare und Editorials. Denn solches Zeugs würde schliesslich nicht zu einem strammen Anzeiger passen.

Einige treffliche Gedanken dazu teilt ein Herr Fahr im Stiefbruderblog mit uns. (Herr Fahr ist übrigens Schriftsteller, entgegen seines Namens autofrei und engagiert sich auch sonst nicht nur für die Kultur, sondern auch für andere Totgesagte.)

Ich meinerseits hätte da auch noch zwei Gedanken zu teilen:
1. Da ich einen Werbestopp-Kleber am Briefkasten habe, könnte ich den Anzeiger nur vom Boden im Hauseingang auflesen – und ich weiss gar nicht, ob zu bücken es sich lohnt.
2. Unsere Kulturveranstalter hängen entweder sehr schwer durch oder sind so erfolgreich, dass ihnen blosse rohe Hinweise auf ihre Veranstaltungen reichen.

Bei der Kulturagenda wird übrigens gerade die Veranstaltungsdatenbank gewartet.

KulturStattBern begrüsst den Bund-Blog

Manuel Gnos am Donnerstag den 30. August 2007

Nun ist es endlich Tatsache, das dritte eBund-Weblog. Es ist nicht – wie hier und auf der Strasse gemunkelt wurde – ein SCB-Blog, und auch kein Architektur-Weblog. Sondern der «Bund» hat beschlossen, ein «editor’s blog», ein Redaktions-Tagebuch also, nach dem Vorbild der BBC ins Leben zu rufen.

Schauen Sie rein und werden Sie aktiv. Das Bund-Blog bietet Ihnen die Möglichkeit, sich in die laufende Diskussion um die einzig wahre Hauptstadt-Zeitung einzuschalten.

Wir danken für Ihre Aufmerksamkeit.

Banner Bund-Blog. (Bild eBund)

Sommerferientipp Nr. 4 für Daheimgebliebene

Daniel Gaberell am Dienstag den 31. Juli 2007

Nordisch Reisen.Die physische Verschiebung des eigenen Körpers, zum Beispiel an die Costa Brava, sorgt bekanntlich für neue Sinneseindrücke (plus Sonnenbrand und anderen Hautschäden, bewirkt zum Beispiel durch das Verzehren fettiger Brathähnchen).

Aber das Reisen muss nicht unbedingt von A nach B bedeuten. Oft genügt es, sich unter einen hiesigen Apfelbaum zu legen und sich eine spannende Lektüre einzuverleiben.

Auch wenn man beispielsweise den Norden kennen lernen will, so muss dieser Ausflug nicht zwingend auf den Hurtigruten beginnen und enden. Auserlesene Literatur reicht da völlig aus, um im Geiste – und manchmal sogar im Herzen – die kühlen Stimmungen Skandinaviens zu spüren.

Reisen Sie lesend: Lesen Sie sämtliche Krimis von Hennig Mankell (ausser ‚Kennedys Hirn’ und ‚Tiefe’ – beide sind nicht zwingend). Danach geben Sie sich Håkan Nesser hin (ausser ‚Barins Dreieck’, den fand ich ungenügend). Haben Sie diese neun Bände verschlungen, wartet Anne Holt auf Sie. Von ihr sind zehn Leserbücher erhältlich, davon kenne ich nur deren fünf – ich bin begeistert. Und falls noch ein paar Freitage übrig bleiben und der Apfelbaum sein vor der Sonne schützendes Laub noch nicht fallen liess (Achtung: Sonnenbrand): Arne Dahl! ‚Falsche Opfer’, ‚Rosenrot’ und ‚Böses Blut’ gehören in jedes anständige Büchergestell.

KSB wünscht weiterhin schöne Ferien.

Die Zitrone im Theaterbetrieb

Grazia Pergoletti am Dienstag den 24. Juli 2007

Theater heute Juli/August 07 Doch anders als bei vielen Linken und Ex-Linken stagniert dieses Oppositionsverhalten bei Schorsch Kamerun nicht im Pessimismus. “Die Dinge verändern sich zum Besseren, eindeutig”, sagt er mit einem Anflug von Lächeln, ” aber haben sie sich nicht auch teilweise durch Kampf zum Besseren verändert?”

Schorsch Kamerun prangt auf der Titelseite des Theater heute, DER Zeitschrift des deutsch- sprachigen Theaters. Ich höre schon das Wiener Burgtheater ächzen, falls die überhaupt Zeit haben, neben all den Salzburger Festspielen, ah und oh!

Vor kurzem sass ich im Cisalpino und habe mir eine Ausgabe der La Repubblica geschnappt. Dort stiess ich auf einen Artikel eines französischen Philosophen, der in Frankreich offenbar ziemlich viel Wirbel auslöste. Der Autor schreibt darin, dass sich in der Kulturszene ein Wandel vollzogen hat: Kulturschaffende dürfen heute wieder rechtsgerichtete Inhalte und Gedanken äussern, ohne sich dafür schämen zu müssen. Das Gute daran sei, dass es nun wieder einer echten Haltung bedürfe, weil sich niemand mehr Links geben muss, nur um der Karriere willen.

Mir ist diese Tendenz auch aufgefallen (ich spreche von der sogenannten Hochkultur). Aber nicht nur deshalb finde ich es gut, dass der Goldene Zitronen-Mann Schorsch Kamerun das Titelbild vom “Theater heute” ziert. Sondern auch, weil ich seine Theaterarbeit bemerkenswert finde. Weil das Portrait über ihn von Till Briegleb anregend, und die Artikel von Simone Meier und Diedrich Diederichsen dazu interessant sind. Das einzige, was ich nicht gut finde, ist, dass man dieses Heft in Bern nirgendwo kriegt. Ausser im Kulturbüro.

“Wo ich herkomme, da hat man den revolutionären Begriff auch empfunden”, sagt Kamerun rückblickend. “Und ich verstehe Leute nicht, die irgendwann in ihrem Leben plötzlich unpolitisch werden.” Okay. Ihm glaub ich das.

Und dann kam die Sonne doch noch

simona am Sonntag den 22. Juli 2007

Hoffnungen auf einen trockenen Samstag wurden im Keim erstickt: Regelmässige Regenschauer machten aus dem Gurtenfestivalgelände definitiv ein einziges Schlammbad. Davon nicht verdriessen liessen sich «The Roots». Auch für Nicht-Hip-Hop-Fans war ihre abwechslungsreiche Darbietung durchaus ein erfreuliches Ereignis. Neben der gekonnten Mischung aus Gesang, Rap und instrumentalem Können machen einzelne Highlights – eine imposante Tuba, ein Bob-Dylan-Cover und aktive Kommunikationsversuche mit dem Publikum – die Live-Band-Qualitäten der aus Philadelphia stammenden Musiker aus.

Etwas eintöniger – zumindest für ungeschulte Ohren – verlief das Konzert von «Cypress Hill». Ihre eingefleischte Fangemeinde enttäuschten die legendären Hip Hopper aber nicht. Hit um Hit wurde trotz andauerndem Regen gefeiert. Der Auftritt der Band war aufgrund einer Flugverspätung von «Kelis» vorverschoben worden.

Am Sonntag kam endlich die Sonne. Neben der wohltuenden Wärme machten sich auch unangenehme Gerüche, die dem aufgeweichten Matschboden entstiegen, breit. Den musikalischen Auftakt machte das «Siwss Jazz Orchestra» mit Gästen aus der Schweizer Musikprominenz (Büne Huber, Freda Goodlett, Hendrix Ackle, Kuno Lauener, Philipp Fankhauser, Polo Hofer, Schmidi Schmidhauser und Sina). Die hochkarätige Bigband verhalf nicht nur den Berner Klassikern («Scharlachrot», «I schänke dir mis Härz») zu neuem Glanz.

Am Nachmittag verzauberten «Ojos de Brujo» die Zeltbühne. Die aus Barcelona stammende, elfköpfige Truppe zog das Publikum mit Flamenco und Hip Hop, Tanz und Gesang, viel Rhythmus und schnellen Gitarren in ihren Bann.

Lokale Musikgrössen lockten anschliessend nochmals auf die Hauptbühne. «Patent Ochsner» spielten quer durch ihr Repertoire – so wurden auch die Nostalgikerinnen und Nostalgiker im Publikum nicht enttäuscht. Die Band unterbrach ihren Auftritt kurz, um Aktivisten des «Paradisli» zu Wort kommen zu lassen. Diese protestieren mit einer Petition gegen eine geplante Überbauung am Schönbergpark. Zum Schluss plädierte Büne Huber für mehr Kinder, weniger Gewalt und Festivalbesuche anstatt Rekrutenschule.

Die Stadt plakatiert wild

Manuel Gnos am Freitag den 22. Juni 2007

Bildschirm-Schnappschuss aus der Inseratedokumentation der Berner Kulturagenda. (Bild eBund)Bern hat diese Woche der Provinzposse «Die Zukunft der Kulturagenda» ein neues Kapitel hinzugefügt. In der Hauptrolle war Eifgot No Moni zu sehen, den wir aus «Das Ende der Berner Woche» und «Ich, der unsägliche Ansager» bestens in Erinnerung haben. In den Nebenrollen: James Bund, Stadt A. N. Zeiger und Christoph Garnichtreich-Enau.

Letzterer lässt jährlich 100’000 Franken an die Berner Kulturagenda überweisen, während ein mir nicht bekannter Betrag durch die Veranstalter selbst beigesteuert wird. Eine zusätzliche, vermultich eher bescheidene Einnahmequelle ist der Verkauf von Abonnementen und Inseraten.

Da stellt sich mir die Frage, wie teuer denn so ein Inserat ist. Also ab auf die Agenda-Website und die Tarifdokumentation für Inserate herunterladen. Doch bevor ich mein Augenmerk auf die Inseratepreise richten kann, fällt mein Blick auf das Angebot «Neu: Wildplakatierung A3».

Wild plakatieren? Das ist doch hier in Bern verboten, verursacht der Stadt also Kosten, weil die Plakate ja wieder heruntergerissen werden müssen.

Irgendwie ein spannendes Konzept.