Archiv für die Kategorie ‘Bücher & Medien’

Angebrochene Weltliteratur

Benedikt Sartorius am Dienstag den 5. Februar 2008

Morbus Dick Nur selten besitze ich das nötige Sitzleder, die Passion, die Aufmerksamkeit, die fetten, voluminösen und natürlich «wichtigen» Werke der Weltliteratur auch wirklich fertigzulesen. So geschehen jüngst mit Herman Melvilles «Moby Dick». In der Hälfte kapitulierte ich vorerst, irgendwo zwischen den enzyklopädischen Walbeschreibungen und epischen Schlachten.

Während Captain Ahab und Ismael auf der Jagd nach dem verdammten weissen Wal und mächtigen Leviathan feststecken, griff ich zum Schelmen-, Trink-, Schund-, und Midlife-Crisis-Roman «Morbus Fonticuli oder die Sehnsucht des Laien» von Frank Schulz. «Morbus Fonticuli» bildet den 738 Seiten schweren, zweiten Teil der «Hagener Trilogie» und erzählt die Geschichte von Bodo «Mufti» Morten, einem gestrandeten ewigen Studenten und Gelegenheitsdichter, der Stück für Stück via Tagebücher sein Doppelleben und den üppigen Tabak- und Alkoholkonsum preisgibt.

Ein wiederkehrendes Selbstportrait mit Kater aus Bodos sprachmächtigen und erzähltechnisch virtuosen Aufzeichnungen: «Schon wieder den halben Tag albern gewesen. Schuld ein Kater jener tückischen Züchtung, die gern bereits neben dem Bett lauert, wenn man wegen Harndrangs viel zu früh wach wird. Ein verfilztes, nervöses Viech, was so was von knurrt, dass man nicht wieder einschlafen kann, und sich nur dahin verzieht, woher es gekommen ist, wenn man ihm reichlich Bier einflösst – notfalls mit Gewalt.»

Ich hoffe nur, dass ich diese schönen Übungen in Nonsense fertiglesen werde, denn das faszinierende «Ouzo-Mirakel» des selben Autors wartet seit einem Jahr im Büchergestell – angebrochen.

Martin Suter zu Gast

Daniel Gaberell am Mittwoch den 16. Januar 2008

Martin Suter Martin Suter liest heute Abend in Bern (organisiert durch Stauffacher Buchhandlungen). Ich verweise auf die heutige Lesung auch deshalb, weil ich gestern um 22.48 h die letzte Buchseite von «Der Teufel von Mailand» umblätterte. Wiederum leichte Lese-Kost, wie eigentlich immer von Suter. Und wiederum hat er es geschafft, eine eigene Welt – geprägt durch unzählige Details – aufzubauen.

An «Small World» oder «Lila Lila» aber kommt «Der Teufel von Mailand» nicht heran. Sind wir gespannt auf «Der letzte Weynfeldt», das dieser Tage erschienen ist.

Heute Abend im Hotel National, Hirschengraben 24, 20 Uhr (Türöffnung 19.15 Uhr), Eintritt Fr. 15.-.

Lüftende Hüte und so

Frau Götti am Donnerstag den 10. Januar 2008

Ich finde ja, es wird heutzutage viel zu wenig in Hexametern gesprochen, zu selten in Alliterationen geschrieben oder elliptisch ausgelassen.

Vehement bekenne ich mich zum Lyrischen.

“Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind, / dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan, / dein Herz hat anderswo zu tun /…”

oder:
“Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe/ so müd geworden, dass er nichts mehr hält /…”

oder:
“Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!”

Ingeborg Bachmann, Rainer Maria Rilke, Bertolt Brecht, aah, wunderbar. Schwelgen Sie mit.

Sind Sie gar parat für etwas weniger Lustiges? Dann hören Sie sich doch Paul Celan an, wie er seine “Todesfuge liest.

Sollten Sie des Deutschen nicht mächtig sein: Sie finden die Todesfuge auf Lyrikline auch in zwei Weltsprachen übersetzt – Fuga smrti (Serbisch) und Dødsfuge (Norwegisch).

So sieht Michèle Roten aus

Manuel Gnos am Mittwoch den 19. Dezember 2007

Michèle Roten im Café Kairo in Bern. (Bild Manuel Gnos)Am vergangenen Samstag weilte Michèle Roten vom «Magazin» in Bern, denn sie liest gerne und viel. Oder, um genauer zu sein, weil Frau Roten nicht nur gerne liest, sondern auch gerne schreibt, und zwar schnell und viel und neu auch live. Und via Beamer kann man ihr dabei sogar zusehen.

Frau Roten ist die Autorin der geliebtgehassten Kolumne «Miss Universum», was offenbar bei einem Teil der Leserschaft den Wunsch weckte, sich ein Bild von ihr machen zu können. Doch ein solches ist nirgends zu finden – auch bei Familie Google nicht wirklich.

Deshalb jetzt und hier die Enthüllung: So sieht Michèle Roten aus! (Ich freu mich schon darauf, dass «Michèle Roten» bald der wichtigste Begriff sein wird, wegen dem uns die Suchroboter das Publikum vorbeischicken.)

Michèle Rotens schreibt weiterhin live, irgendwann auch wieder in Bern. Wann sie das tun wird, entnehmen Sie jeweils dem «Magazin». Parallel dazu erscheinen sechs Buchbände. Die kann man hier für zehn Franken bestellen, während einer Live-Schreibung direkt bei der Autorin erwerben oder in Berns schönsten Cafés an der Bar kaufen (Café Bar Parterre, Café Kairo, Cinebar und Restaurant Du Nord).

Loop ist zehn!

Benedikt Sartorius am Samstag den 15. Dezember 2007

Gestern Freitag feierte das Loop – schlicht die einzig ernstzunehmende Musikzeitung dieses Landes – im El Lokal zu Zürich sein zehnjähriges Jubiläum. Auf der Bühne tanzten die Hoo Doo Girls, an den Plattentellern machte sich Loop-Autor Philipp «Memphisto» Niederberger zu schaffen – auch er einer dieser wunderbaren, leidenschaftlichen DJs – während sich die geladenen Gäste, bewaffnet mit Namensschildern, dem Apéro zuwandten.

Die Musikzeitung Loop

Der runde Geburi der Spielwiese Loop bedeutet die 100. Ausgabe dieser nicht nur im Design sturen Liebhaberzeitung, die von Philippe Amrein (alias Phil Duke) und Thierry Frochaux immer wieder liebevoll zusammengebastelt wird.

Das grüne Loop-Logo symbolisiert für mich ein gutes Stück Musik- und Musikjournalismussozialisation. Da staunte ich ob all den geheimnisvollen Namen, ob schönen und gepflegt klugscheisserischen Berichten und den alljährlichen Bestenlisten.

Schliesslich überwies mir vor eineinhalb Jahren das Loop die ersten zehn Franken in meinem Journalisten-Dasein. Ich sage herzlich und bewegt danke und prosit! (Und abonnieren Sie noch heute für gerademal 30 Franken diese «letzte Oase in der Musikwüste». Bedankt.)

Lost in Comics

Benedikt Sartorius am Donnerstag den 6. Dezember 2007

Der comic- und popbesessene Christian Gasser lud gestern zu seiner Leseshow «Blam! Blam! Und du bist tot! Super- und andere Antihelden» in der Dampfzentrale. Sein gleichnamiges zweites Buch versammelt Erzählungen, Skripts von Hörspielen und autobiografische Ausflüge, die Gassers Leidenschaft für das Medium Comic beleuchten. Solche Bekenntnisse können kaum schöner ausfallen als in «Der Fall Falbala».

«Gécé» – so nannte sich Gasser in Anlehnung an Hergé – verhält sich gegenüber seinen bewunderten Mitstudentinnen scheu wie Obelix, lebt ganz in seiner Begeisterung für die Bilderwelten und legt dem verblüfften Assistenten nach zwei Jahren eine 200seitige Proseminararbeit vor. Der Titel: «Les aventures de Gécé dans l’univers merveilleux linguistique. Eine Untersuchung der deutschen Übersetzungen der frankophonen Comic-Serien ‘Les aventures d’Astérix le gaulois’ (Goscinny/Uderzo) und ‘Les aventures de Tintin’ (Hergé)». Hunderttausend heulende und jaulende Höllenhunde! Was für ein schöner Text, der an der Lesung dank der entwaffnenden Vortragsart und der legendären Radiostimme des frischgebackenen Vaters schlicht beglückte.

So wuchsen den erschreckend wenigen Besucherinnen und Besucher kaum Mickey-Ohren, sondern wir holen jetzt nach, was nachgeholt werden muss: Nächstes Mal möchte man alle Anspielungen und alle im Foyer projizierten Comicstrips erkennen, die fachgerecht mit indischer Bollywood-Jodelmusik und Soulklassikern untermalt wurden. Eine schöne «Sounds! Surprise» Reprise.

Der Wilde Westen von Bern

Frau Götti am Mittwoch den 5. Dezember 2007

Auch an dieser Stelle möchte ich nicht versäumen, Sie auf das schöne Buch hinzuweisen, das mein hochgeschätzter und vielverehrter Kollega Monsieur Gaberell herausgegeben hat:

Bern West – 50 Jahre Hochhausleben.

Eine Buchbesprechung in Kürzestfassung: Wunderbare Fotografien (die allermeisten von Monika Flückiger und Béatrice Devènes) und Porträts über die Bewohnerinnen und Bewohner der Hochhäuser, gespickt mit Essays, geschrieben von einschlägig Stadtbekannten. Zum Beispiel eine klangliche Erkundung von Bern West von Ex-Stiller-Has Balts Nill, ein Selbstversuch von einer Woche Hochhauswohnen von Journalistin Heidi Gmür und ein Stationenweg durch Bümpliz von Filmemacher Bernhard Giger.

Für die, welche Zeit und Lust über mehr als 20 Sekunden haben: Lesen Sie heute in der Zeitung Ihrer Wahl meinen Senf zum Buch in Längerfassung.

Und übrigens “Bern West” gibts für 48 Franken in den Buchhandlungen und auf herausgeber.ch (für letzteren Kaufweg plädieren Monsieur und solidarisch das ganze KSB-Team).

Und hier ein Hinweis in eigener Sache

Manuel Gnos am Donnerstag den 22. November 2007

Biel/Bienne, Buchcover. (Bild zvg)Monsieur Gaberell hat im vergangenen Jahr nebst der umfangreichen Arbeit bei KulturStattBern noch Zeit gefunden, zwei neue Bücher herauszugeben.

«Bern West» beschreibt und zeigt die ersten fünfzig Jahre Hochhausleben (Texte: Lukas Hartmann, Pedro Lenz, Balts Nill, Beat Sterchi, Heidi Gmür, Bernhard Giger, Fredi Lerch, Elisabeth Bäschlin. 80 S/W-Fotos: Monika Flückiger, Béatrice Devènes).

Und «Biel/Bienne» dokumentiert sozusagen das Leben in der Stadt Biel (Texte von Raphael Urweider, Roger de Weck, Martin Ziegelmüller, Michael Stauffer, Erica Pedretti, Samuel Moser, Anita Hugi, Händl Klaus und etliche andere. 80 S/W-Fotos von Heini Stucki und Valérie Chételat).

Sämtlichen Leserinnen und Leser von KulturStattBern bietet Monsieur Gaberell die besagten Neuerscheinungen mit einem flotten Rabatt von 20 Prozent an. Fan-tas-tisch! Anstatt 48 Franken also noch sagenhafte 39 Franken (portofreie Zustellung gegen Rechnung).

Besuchen Sie die Webseite von Herausgeber, füllen Sie das Bestellformular aus und notieren Sie im Feld «Bemerkungen» die goldenen drei Buchstaben: KSB.

Die Frage nach sinnvollen Weihnachtsgeschenken dürfte sich somit für Sie erledigt haben.

Die kalten Abende

Grazia Pergoletti am Mittwoch den 21. November 2007

Eigentlich wollte ich ja noch irgendwann über die Plattentaufe von Greis im Dachstock vom letzten Samstag berichten, doch musste ich bei dieser Veranstaltung kapitulieren. Zweimal habe ich reingeschaut, zweimal bin ich ganz schnell wieder gegangen (Greis spielte noch nicht). Die Gefahr war zu gross, plötzlich von den Gschpänlis meiner Tochter umringt zu sein: “Grüessech Frou Pergoletti, weiter no nes Bier?” – nee nee, du! Ist aber in Ordnung, für uns Erwachsene spielt er ja im Sous Soul auf, irgendwann im Dezember.

Also fröhnte ich der Kultur bei mir zuhause und kuschelte mich mit einem guten Buch ins Bett. Was sag ich da: Mit einem absolut phantastischen Buch, Die Korrekturen von Jonathan Franzen, 2001 mit dem National Book Award ausgezeichnet. Ein amerikanisches Familienportrait, dessen Beschreibungen der einzelnen Familienmitglieder genauso amüsant, wie beinahe unerträglich sind, und das im Ganzen eine absolut geniale Kapitalismuskritik ergibt. Alles läuft auf eine gemeinsame Weihnachtsfeier hinaus – das ideale Novemberbuch also. So weit bin ich allerdings noch nicht.

Und wie lauten Ihre Tips für kalte Winterabende?

Reichen drei Worte?

Frau Götti am Samstag den 10. November 2007

Jetzt ist es also endlich festgelegt. Jetzt wissen wir endlich, was wir zu lesen haben.

Jedenfalls, wenn wir mitreden wollen. Und dazu müssen wir nämlich kein Buch lesen, noch nicht einmal kursorisch. Sondern es reicht schon der erste Satz.

Und KulturStattBern verratet Ihnen als kleine Dienstleistung auch, wie dieser Satz lautet (wenn Sies nicht eh schon erfahren haben.):

Ilsebill salzte nach.

Diese drei Worte, die den Beginn von Günther Grass‘ Roman “Der Butt” markieren, sind zum schönsten ersten Satz der deutschsprachigen Literatur erkoren worden. Dafür hat eine Jury aus Prominenten mehr als 17.000 Einsendungen für einen entsprechenden Wettbewerb ausgewertet.
(Die Jury setzte sich übrigens zusammen aus solch illustren Literaturkritikerinnen und Germanen wie Elke Heidenreich, der TV-Moderatorin Marietta Slomka und dem Handball-Bundestrainer Heiner Brand.)

Ach der olle Grass, sage ich da. Nichts gegen den Butt und die Anspielung auf das deutsche Volksgut (“Myne Fru, die Ilsebill, will nich so, als ick wohl will.”)

Aber ich hätte einen viel grossartigeren Vorschlag gehabt:

Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.
[Uwe Johnson, “Mutmassungen über Jakob”, 1959]

Oder was würden Sie denn vorschlagen?