Archiv für die Kategorie ‘Bücher & Medien’

Ein kleiner Anhang…

Grazia Pergoletti am Freitag den 6. Juni 2008

…aus dem Exil zu Herrn Gaberells unterhaltsamen Unterhaltungsliteraturbeitrag:

Schild am Café Immergrün in Jena

Joachim Ringelnatz wurde als jüngstes von drei Geschwistern in Wurzen bei Leipzig geboren. Seine Eltern waren beide künstlerisch tätig. Sein Vater Georg Bötticher, der einer angesehenen thüringischen Gelehrtenfamilie entstammte, war ein erfolgreicher Musterzeichner und später hauptberuflicher Verfasser von humoristischen Versen und Kinderbüchern.

Vater Georg Bötticher wiederum kam in Jena zur Welt, wie ich der abgebildeten Gedenktafel entnehmen durfte, die am Café Immergrün prangt, über das ich nichts sagen kann, weil ich noch nie drin war. Schönes altes Haus, soviel vielleicht.

Dass man sein Publikum unterhalten soll hat der kleine Joachim offenbar schon früh gelernt und dies dann auch auf wunderbarste Weise getan. Mein Favorit ist die wunderschöne Poesie um ein Gipsreh in der Dämmerung. Haben Sie auch ein Lieblings?

Ron Orps 200. Mail

Manuel Gnos am Freitag den 6. Juni 2008

Für einmal gebardet sich die KSB-Redaktion als Publireportagenlieferantin. Dies aus gutem Grund: Heute mitten in der Nacht wurde unter der Marke «Ron Orp’s Mail» der 200. Veranstaltungsnewsletter für die Stadt Bern verschickt.

Bei fünf Mails pro Woche – an den Wochenenden ist Pause – lässt sich leicht errechnen, dass «Ron Orp» seit vierzig Wochen im Geschäft ist. In dieser Zeit hat er rund 1200 Abonnentinnen und Abonnenten für sich gewinnen können.

«Ron Orp» ist eine Kunstfigur. Sie wurde erfunden, um die Tipps der Macher unter die Leute zu bringen. Diese Tipps werden im Netz nicht (beziehungsweise nicht offiziell) aufgeschaltet, sondern sind ausschliesslich in Form eines Newsletters erhältlich.

Das Ron-Orp-Team von Bern: Sandino Scheidegger, Andreas Wagner und Adrian Hofmann. (Bild zvg)

Gestartet wurde «Ron Orp’s Mail» im April 2004 in Zürich, wo man inzwischen schon über 1000 Newsletter verschickt hat. In Bern sind es Sandino Scheidegger, Andreas Wagner und Adrian Hofmann, die die BezügerInnen wochentäglich mit Hinweisen versorgen.

Diese Woche zum Beispiel war in «Ron Orp’s Mail» zu lesen, dass Juri Steiner spinnt, dass die AbonnentInnen vorzeitig auf das Kulturmagazin Ensuite zugreifen können, dass im «Marzer» die Oli-Kuster-Kombo zu sehen ist und dass Tickets für das Projektorchester Variation in der Dampfzentrale verlost werden. Daneben gibt es täglich Surftipps, Lese-Empfehlungen, Kleinstinserate, TV-Hinweise und Forumsauszüge.

Ich finde: Insgesamt eine sehr gelungene Sache, weil die Ausgehhinweise sehr oft geschmackssicher ausgewählt sind. Etwas anstrengend ist die ständige Bemühung des Pseudonyms Ron Orp und der damit verbundene kumpelhalfte Ton. Aber dafür bin ich wohl schlicht schon zu alt.

Wer sich gerne kurzfristig für ein kulturelles Programm entscheidet, dem sei hier somit wärmstens empfohlen, den Newsletter zu abonnieren.

Einfache Kost

Daniel Gaberell am Dienstag den 3. Juni 2008

KSB-Leserdienste In der heutigen KSB-Leseecke beschäftigen wir uns wieder einmal mit der hochstehenden – und zu oft verkannten – Rubrik «Kriminalromane». Bereits habe ich in diesem Fachforum meine Vorliebe in diese Richtung hier, hier und hier angedeutet.

Die Einfältigkeit, die uns Krimi-Lesern oft untergejubelt wird, will ich hier und jetzt zwar nicht gänzlich von der Hand weisen. Allerdings: wir mögens durchaus auch differenziert. Wenn zum Beispiel ein Krimiautor – nach sechs guten Büchern – unerwartet Schlechtes schreibt, so nehmen wir das nicht einfach kommentarlos hin. Auch wir schütteln dann den Kopf und werden dafür sorgen, dass dieser bei Titel Nummer acht – sympathischer Schweizer hin oder her – nicht mehr auf Platz eins der Beststeller-Liste landen wird: «Hunkeler und die goldene Hand» ist für mich DIE Enttäuschung des laufenden und noch jungen Jahres 2008.

Erwähnt seien an dieser Stelle – zur Linderung sozusagen – Krimi-Klassiker aller erster Güte: «Die Marseille Trilogie» von Jean-Claude Izzo, Fred Vargas’ Kriminalreihe mit dem phantastischen Pariser Chefermittler Jean-Baptiste Adamsberg und natürlich auch die unglaublichen Geschichten von Privatdetektiv Kemal Kayankaya.

Die Aller-erste-Güte-Liste ist natürlich nicht komplett, ist sie?

Access to all areas

christian pauli am Dienstag den 27. Mai 2008

Michael Stipe: 1985In meiner Leseecke ist jüngst ein Buch gelandet mit so tollen Schwarz-Weiss-Fotografien, dass ich dem Herrn Gnos sein Logo für diese KSB-Reihe weglasse.

Sie kennen diesen Mann hier rechts nicht? Es gibt Menschen, die stehen verdammt auf ihn, oder zumindest auf das, was er auf der Bühne verbricht: Michael Stipe, Sänger von R.E.M., in einer Aufnahme von 1985 im Beacon Theater zu New York. Stipe, noch ein flaumig junger Bursche, trägt eine miese Plastiktasche. Den Pullover trägt er verkehrt. Und an der Jacke stecken Batches, darunter einer «All Area Access». Das dann doch schon.

Buscemi: 1986

Den hier oben würden Sie vermutlich sofort erkennen, zumindest den links im Bild. Steve Buscemi markiert den Komödianten, lange bevor er uns mit seiner unnachahmlich schrägen Fratze auf der Leinwand begeisterte. Und schliesslich dies hier: Martin Rev und Alan Vega aka Suicide, die beiden Elektro-Rock-Pioniere 1981 in der Rock Lounge zu New York:

Suicide: 1981

Das alles also in New York, 80er-Jahre. Was für eine Zeit! «Es war dunkel, gefährlich und aufregend. Und es gab keine Grenzen oder Kategorien», schreibt Laurie Anderson in einem Begleittext zu «New York Noise – Art And Music From The New York Underground 1978-88». Super Buch, sage ich euch. Und frage mich: Warum bin ich mit 20 nicht mal kurz nach NY geflogen?

Kleine Dinge, grosse Wirkung

Frau Götti am Dienstag den 20. Mai 2008

KSB-Lese-Ecke. (Logo Manuel Gnos) Da sind mir also kürzlich in meiner Lese-Ecke die Augen aufgegangen. Wie es kommt, dass im südindischen Kerala überall schöne rote, etwas verblichene Flaggen hängen.

Die Kommunisten sind stark hier, seit sie 1957 zum ersten Mal die Wahlen gewonnen hatten und Genosse E. M. S. Namboodirioad den «Friedlichen Übergang zum Kommunismus» propagierte.

«Bevor das Jahr zu Ende war, war unglücklicherweise auch der friedliche Teil des friedlichen Übergangs zu Ende», kommentiert dies Keralas berühmteste Schriftstellerin Arundhati Roy.

In der Nähe von Kochi (Cochin), Februar 2008Roys Buch «The God of small Things» («Der Gott der kleinen Dinge») gibt tiefe Einblicke in Geschichte, Kultur, Seele von Kerala und Indien.

Und dies im Kleinen, mit den kleinen Dingen eben. Dafür bürgt die Kinderperspektive der (wichtig:) zweieiigen Zwillinge Rahel und Estha. Von den kleinen Dingen mit grosser Wirkung zeugen aber auch die vielen verschachtelten Flashbacks und Flashforwards.

Grosse Dinge wie der Totschlag eines Kastenlosen oder der Fundamentalismus unter religiösem Deckmantel kommen dadurch mit einer Leichtigkeit und Nebensächlichkeit daher, dass sie umso stärker unter die Haut gehen.

«The God of small Things» ist Arundhati Roys einziges belletristisches Werk, daneben hat sie eine Vielzahl globalisierungskritischer Essays und politischer Werke veröffentlicht, in denen sie die grossen Dinge explizit angreift. Ich mags lieber, wenn sie es mir mit den kleinen Dingen sagt.

Ein kleiner Schritt für uns…

Frau Götti am Dienstag den 29. April 2008

… ein grosser Schritt für die Menschheit?

Jedenfalls hat die Zeitung Ihres Vertrauens diese Woche ein Stück Espace-Medienhaus am Dammweg betreten und erobert.

(Die Flagge des Kantons Bern musste diesem höheren Ziel weichen und kann zu einem späteren Zeitpunkt eventuell auf Ricardo ersteigert werden.)

Lesen und tauschen

Daniel Gaberell am Freitag den 25. April 2008

Fred Vargas ist eine Frau. Und sie schreibt gute Kriminalromane. Gut vor allem deshalb, weil die Geschichten spannend sind. Gut aber auch, weil sie mit dem Kommissar und Chefermittler Jean-Baptiste Adamsberg eine wundervolle Figur geschaffen hat.

Sieben Bücher mit Chefermittler Adamsberg sind erhältlich. Und jetzt rennen Sie bitte nicht gleich in den nächsten Buchladen und erstehen diese. Sondern:

Kennen Sie Exsila? Diese Internet-Plattform bietet die Möglichkeit, hauptsächlich Bücher und DVDs zu tauschen. Kostenlos und einfach. Zum Beispiel haben Sie soeben «Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord.» von Fred Vargas fertig gelesen und möchten dieses Buch gegen «Fliehe weit und schnell.» – ebenfalls von Vargas – tauschen? Dann übertragen Sie als Exsila-Mitglied einfach die Nummer über dem Strichcode auf der Rückseite des Buches in ein bestimmtes Feld, was zur Folge hat, dass Ihr Buch in der Tauschdatenbank aufgenommen wird. Wird dieses Buch dann von jemandem bestellt, werden Ihrem Konto Punkte gutgeschrieben.

Voila. Als Neumitglied erhalten Sie übrigens 10 Gratispunkte, was bereits locker für «Fliehe weit und schnell.» reichen würde. Aus aktuellem Anlass werden auf Exsila übrigens auch Panini-Bildchen getauscht.

Hier können Sie sich direkt anmelden.

Mehr Hungertuch für die Kultur?

Frau Götti am Montag den 14. April 2008

Pius Knüsel, Direktor der gewichtigen Kulturstiftung Pro Helvetia, klagt. Nein, nicht etwa über die Qual der Wahl, weil er zu wenig Geld zum Fördern habe.

Sondern im Gegenteil über zu viel Förderung. Denn diese habe Kunst und Kultur in der Schweiz beliebig gemacht und zu einem «Schwinden von kultureller Kraft» geführt. Gesagt hats Knüsel kürzlich in einem Referat mit dem Schreckenstitel «Das Verschwinden der Kultur» an einem Forum in Bern.

Man hört zu und staunt. Ja, müsste man die Künstlerinnen und Künstler hierzulande denn vielleicht etwas mehr hungern lassen, damit sie «kulturell kräftiger» werden? So quasi: Verordnete Schwindsucht und Hungertuch als Mittel gegen schwindende Kreativität?

Mit seinen Aussagen hat Knüsel einen Aufschrei von Kulturschaffenden provoziert – bis jetzt allerdings vorab in der Romandie. Bern schweigt.

Wo nur sind die aufschreienden Berner Kunstschaffenden?

Berner Weltliteratur

Daniel Gaberell am Mittwoch den 20. Februar 2008

Pascal Mercier

Wieder einmal neigt sich ein dickes Buch dem Ende entgegen: «Der Klavierstimmer» von Pascal Mercier. 500 Seiten, die mich aus noch unerklärlichen Gründen gepackt und nicht mehr losgelassen haben. Denn eigentlich würde ich für mein Empfinden die Thematik von «Der Klavierstimmer» zum vornherein als zu wenig interessant einstufen: Verbotene Geschwisterliebe und ein fanatischer Vater, der sein Leben der Musik und der krankhaften Suche nach Erfolg und Anerkennung unterordnet.

Ich glaube, es liegt an der besonderen Schreibe des Berner Autors Mercier – der mit richtigem Namen übrigens Peter Bieri heisst. Wie schon im «Nachtzug nach Lissabon» kreiert Mercier Charakteren, die durch die akribischen Personenumschreibungen eine unglaubliche (und oft beklemmende) Nähe zum Leser schaffen. Etwa ab Seite 50 dünkt es einem, man kenne die unspektakulären Protagonisten persönlich.

Peter Bieri hat übrigens letztes Jahr, mit 63 Jahren, seine Philosophie-Professur an der Freien Uni Berlin aufgegeben, um sich vollends auf seine schriftstellerischen Aufgaben zu konzentrieren. Das freut die Leseratten.

Soll ich jetzt «Lea» angehen?

– Perlmanns Schweigen (Roman). Albrecht Knaus, München 1995. ISBN 3-442-72135-0
– Der Klavierstimmer (Roman). Albrecht Knaus, München 1998. ISBN 3442726549
– Nachtzug nach Lissabon (Roman). Hanser, München 2004. ISBN 3-446-20555-1
– Lea (Novelle). Hanser, München 2007. ISBN 978-3-446-20915-2

Wie ein Drachen, wenn der Wind still wird

Grazia Pergoletti am Montag den 11. Februar 2008

Einen Sonntagvorabend inklusive der nötigen Kontemplation plus sinnlichem Erlebnis habe ich mir gestern im Schlachthaus gegönnt. Das neue Forum sprach’FORM, Nachfolge der Trafo-Lesungen und wie diese unter der Leitung von Hans Ruprecht, nahm zum ersten Mal im voll besetzten Keller Platz – die grösseren Veranstaltungen dieser Reihe werden im Kornhausforum stattfinden.

Zu hören gab es Lyrik des libyschen Dichters und Philosophieprofessors Fuad Rifka. Er las seine bildstarken Gedichte auf arabisch vor, dies obwohl er als Übersetzer von Rilke, Goethe und Hölderlin ausgezeichnet Deutsch spricht. Die deutschen Übersetzungen wurden von Schlachthaus-Co-Leiter Raphael Urweider vorgetragen, was umso mehr Sinn machte, als die scharfsinnigen Poeme meist vom Alter handelten; diese beiden Männer nebeneinander, der junge und der alte, das war auch als Bild ganz gut.

junger Mann, alter Mann

Danach war man zu einem grosszügigen und köstlichen libanesischen Aperitif eingeladen. Eigentlich ein ganz guter Zeitpunkt, Sonntag am frühen Abend, für eine solche Veranstaltung. Gerade für unsereiner, die nicht mehr in die Kirche gehen, aber trotzdem gern wenigstens einmal die Woche ganz bewusst aus dem effizienzorientierten Konsumhuschhusch aussteigen. Wenn auch nur kurz. Denn wie schreibt Fuad Rifka noch gleich: …er ruhte sich nicht aus, aus Angst zu Fallen, wie ein Drachen, wenn der Wind still wird.