Archiv für die Kategorie ‘Bücher & Medien’

Berna ist überall

Roland Fischer am Dienstag den 23. Juli 2013

Das wird nun ein ziemliches Durcheinander. «Wir mussten den Zickenkrieg beenden», sagte Bärenpark-Direktor Bernd Schildger im Rahmen einer flugs einberufenen Pressekonferenz. Und schickte Berna damit ins mediale Überall. Aber vielleicht entbrannte der Zwist auch an sauren Gurken, wer weiss. Berna ist weg, und Bern ist dieser Tage auch in Venedig, es war hier schon die Rede davon. Die NZZ war gestern einigermassen ratlos, was die Rekonstruktion der Schau «When Attitudes Become Form» an der Biennale angeht. Der Kritiker sieht damals

die Geburtsstunde eines neuen kuratorischen Phänomens: der Ausstellung als grosse Behauptung, als grosses «Das ist es».

Und er fragt sich aus der Distanz, was die Leute damals bloss so aufgeregt haben mag an einer Schau, in der es «weder Anrüchiges noch politisch Inkorrektes» gegeben hat. Vielleicht, dass Bern plötzlich im Zentrum der Kunstwelt war und niemand so recht verstand wie das kam und was damit anzufangen war? Apropos Zentrum: das verlegt ein hübsches Zeitraffervideo kurzerhand ein Stück nach Westen, Richtung Ausserholligen. Eine unterstützenswerte Initiative.

Aber eigentlich wollten wir ja gratulieren. Das Autorenkollektiv Bern ist überall zelebriert derlei Zentrumsverschiebungen nun schon seit zehn Jahren. Und weil ein Kollektiv eine naturgemäss multiple Persönlichkeit hat, kann es das Jubiläum selbigentags gleich viermal begehen, an verschiedenen Orten – und damit seinem Namen alle Ehre machen. Am 6. September tritt es in Basel, Köniz, Luzern und Romainmôtier auf – zu feiern wird dann übrigens auch gleich der Gewinn des diesjährigen Gottfried-Keller-Preises sein.

Bücherkiste: Back to Blood

Christian Zellweger am Donnerstag den 11. Juli 2013

Der alte (mittlerweile ist er 82) Zyniker Tom Wolfe hat die Protagonisten seiner Romane nie sonderlich gemocht. Und auch die Figuren in seinem vorerst letzten grossen Werk «Back to Blood» behandelt er nicht eben zuvorkommend.

Die Szene ist Miami, Einwandererstadt, Hochburg der Exilkubaner. Hier leben Schwarze, Latinos, «Anglos» nicht mit- sondern nebeneinander, streng getrennt durch Rasse, Status und Geld.

Die Sonne scheint stets grell über Miami und im Schlagschatten erscheinen dann auch die Figuren. Hier der kubanische Macho-Polizist mit dem guten Herzen, der Heldentat an Heldentat reiht und doch nur alles schlimmer macht im Pulverfass der Rassen. Da der Porno-Psychiater, der seine Patienten nicht heilt, sondern benutzt, um in die erlauchtesten Kreise der Stadt zu kommen. Dort der russische Oligarch, der dem Kunstmuseum gefälscht Bilder berühmter Maler spendet. Es fehlen nicht: Der emporgekommene Polizeichef, der verschlagene Bürgermeister, der bissige Jungreporter, der verkannte Künstler. Eine eigene Sprache gönnt Wolfe den Protagonisten, sonst bleiben sie kantig.

Lieber als sie tiefgreifend zu analysieren, stellt Wolfe seine Figuren auf, um sie sogleich der Lächerlichkeit preiszugeben: Alle sind sie eitle Getriebene, streben nach Geld, Macht, Sex, dem Ansehen der Gesellschaft. Mit bösem Humor betrachtet der Autor das Treiben auf den Luxusyachten vor der Stadt, lässt sich aus über das Gerangel um zeitgenössische Kunst auf der Art Basel Miami oder über das übersteigerte Körperbewusstsein des machoiden, aber eigentlich unsicheren Polizisten.

Auch wenn nach der Lektüre des Romans nicht viel mehr zurückbleibt, als dass Wolfe den meisten Menschen und ihrem Streben immer noch nicht nicht viel abgewinnen kann, gute Unterhaltung unter dem Sonnenschirm bietet er allemal.

Happy Birthday Anyone!

Gisela Feuz am Mittwoch den 26. Juni 2013

«Meine erste Gitarre spielte ich als Achtjähriger. Sie hatte nur fünf Saiten und es war unmöglich, sie anständig zu stimmen. Es klang aber nach Musik. So hat’s begonnen.», so Simon Spahrs (Pegasus) Kommentar zum Statement «anyone can play guitar». Einfach mal loslegen, auch wenn’s (noch) nicht so klingt wie bei den Grossen, genau dieses Motto führte auch dazu, dass vor 20 Jahren die erste Ausgabe von «Anyone Can Play Guitar» über die Bühne ging, dem kleinen, feinen und etwas anderen Berner Openair.

Zur Feier des runden Geburtstags haben Jürg Minger und Christoph Heilig ein Buch herausgegeben, welches die Entwicklung des Anyone über die letzen 20 Jahre dokumentiert. Darin kommen Organisatoren, Besucher, Helfer, Musiker und viele andere Beteiligte zu Wort und ein Vielzahl an Fotos, Flyer und Zeitungsausschnitten sind abgebildet. Liebevoll wird gezeigt, wie sich das anfänglich sympathisch dilettantisch organisierte Anyone («Der Protokollführer entschuldigt sich für das ausbleibende Protokoll der letzen Sitzung, es wäre eh nicht viel Wichtiges drin gestanden.») zum einigermassen professionellen Openair gemausert hat. Unterhaltsame Anekdoten lassen sich im reich illustrierten Buch zuhauf finden. Etwa, dass die lauteste Gruppe in 20 Jahren die Treichler aus Sagernboden gewesen seinen, welche man als «special guests» eingeladen habe: «24 Bergler im blauen Chüejermutz schritten in Trance über die kleine Schanze – der bisher einzige gitarrenfreie, aber dennoch mit 123 DB lauteste Act an einem Anyone Can Play Guitar Festival – unverstärkt notabene.»

Es ist zu hoffen, dass es das Anyone noch mindestens weitere 20 Jahre geben wird, denn mit seiner nichtkommerziellen Ausrichtung, seiner Grösse und der Ideologie, unbekannten Bands eine Auftrittsmöglichkeit zu verschaffen, sorgt es doch für eine wohltuende Brise in der stickigen und abgestandenen Luft der Bacardi-,  Red Bull- und anderen unsäglichen Domes.

Das Buch zum Anyone Can Play Guitar Festival kann ab sofort im Oldies Shop, im Chop Records und in diversen Berner Buchhandlungen gekauft werden. Noch besser aber kauft man das Buch nächsten Freitag gleich vor Ort an der Buchvernissage im ISC, an welcher selbstverständlich Gitarrenbands für das musikalische Programm sorgen werden: Hot Running Blood, Posh, Sir Joe, Kronzeugen B-Seiten, The Fabulous Gipsy Dicks

Ich will doch nur spielen

Nicolette Kretz am Montag den 17. Juni 2013

«Gaming» ist in den letzten Jahren ein hipper Begriff in der Kultur. Die Pro Helvetia lancierte ein Förderprogramm für «Game Culture», eine Website und ein Passagen-Heft. Als erste Theatergruppe kommt einem in diesem Zusammenhang machinaEx aus Zürich in den Sinn, die «theatrale Point ‘n Click -Adventures, Computerspiele in lebensechter Grafik» entwickeln. Am vergangenen Wochenende spielte 400asa (zusammen mit einer ganzen Herde von Kollaborateuren) in Bern «Der Polder – Das Game». Das hiervon einige Zuschauer/Teilnehmer arg enttäuscht wurden, ist symptomatisch und zeigt, wie unterschiedlich die Vorstellungen von einem «Game» sind, bzw. dass die Ursprünge dieses Begriffs nicht ganz klar sind.

Man kann die Herkunft des Begriffs bei Computerspielen verorten. «Game» ist dann die Abkürzung von «Computer Game». Man bringt dann also Computerspiele zum Beispiel ins Theater. Schön. Könnte ja Spass machen. Schliesslich haben wir auch schon Romane, Filme, Hörspiele, ja sogar bildende Kunst ins Theater gebracht. Die Frage ist nur: Welche Prinzipien, welches Spezifikum von Computerspielen könnten fürs Theater interessant sein? Leider wird diese Frage von den Machern wohl kaum je gestellt.

Computerspiele haben’s an sich, dass sie vorprogrammiert sind, d.h. ein Spieleentwickler müsste sich alle eventuellen Handlungsmöglichkeiten des Spielers überlegen und eine Reaktion des Spieles dazu programmieren. Selbstverständlich ist das nicht möglich. Der Entwickler baut also einige Standartreaktionen oder Schranken ein für, wenn sich der Spieler allzu originell verhält, man denke an die «you cannot do this here»-Antwort in Adventure- oder Quest-Spielen. Dies ist selbstverständlich ein spassbremsender, frustrierender Mangel dieser Spiele. Seit Jahrzehnten strebt die Computerindustrie nach künstlicher Intelligenz, damit Maschinen eben «intelligent» und nicht vorprogrammiert auf Menschen reagieren können.

Das Theater aber scheint sich gerade auf diesen Mangel einzuschiessen. Es behauptet Interaktivität und verpackt sie in scheinbar komplexe Technik, doch, wo beim «Polder» ein App ist, hätten auch einfach ein paar Audiotracks sein können, man hätte nichts an Möglichkeiten verloren. Wo man auf die von Performern verkörperten «Gegner» stösst, gibt’s fast immer eine endliche, und vor allem ziemlich kleine Zahl von möglichen Verläufen. Ein Performer wiederholt völlig verwirrt seine Frage, als ich ihn mit komplexen Antworten oder Gegenfragen herauszufordern versuche, bis ich ihm endlich ein Stichwort liefere, auf das ihn die Macher vorbereitet haben. Das Spielsystem gerät durcheinander und ich werde auf einen sinnlosen Loop geschickt, als ich die vorgesehenen Bahnen verlasse und mit (mässiger) Gewalt ein Buch an mich reisse, obwohl ich mir beim Würfelspiel den Blick darauf nicht erspielen konnte. Die Antwort «Nein, aber ich habe ins Buch geschaut,» ist bei der späteren Frage «Hast du beim Würfelspiel gewonnen?» halt nicht vorgesehen. Die Performer wurden ihrer Intelligenz beraubt und stattdessen vorprogrammiert.

Einige Stationen im «Polder» sind allerdings anders und verwenden meiner Meinung nach interessantere Prinzipien von Games. In diesen Fällen wird «Game» primär als das englische Wort für «Spiel» verstanden, also als (nach Johan Huizinga) Handlung innerhalb festgelegter zeitlicher und räumlicher Grenzen nach freiwillig angenommener aber bindenden Regeln, die «begleitet wird von einem Gefühl […] des ‹Andersseins› als das ‹gewöhnliche Leben›.» Gleichzeitig wird in diesen Szenen des «Polders» aber nicht so getan, als wären die Beteiligten keine Menschen. Philippe Graber als Endgegner reagiert zwar etwas erstaunt, als ich ihm zwei statt einem Spezialwürfel mitbringe (ich hatte den zweiten zufällig auf der Strasse gefunden), gibt mir aber flugs einen Extrabonus. Auch lässt er mit sich verhandeln, als ich meine, er stelle mir jetzt doch ein bisschen viele Zusatzaufgaben, nur weil ich die letzte Aufgabe wider seine Erwartungen lösen konnte. Wir einigen uns ganz menschlich auf einen Kompromiss, was meiner Spielfreude keinen Abbruch tut, sondern mir im Gegenteil wohl das grösste Erfolgserlebnis des Abends beschert.

Nach solchen Prinzipien funktionierte auch das «Polder»-Finalspiel am Sonntag, entwickelt und durchgeführt von dem Berliner Kollektiv Invisible Playground, welches ortspezifische Spiele entwickelt. Auf dem Gelände der NMS im Aarhof kämpfen wir gegen Klone des «Polder»-Protagonisten. Wir tun dies in Variationen von Fangis und Brennball, aber auch mit einem kleinen Schreibwettbewerb (die brutalste Szene gewinnt). Bei allen Aufgaben dürfen wir so kreativ sein, wie wir wollen, und austricksen gilt ausdrücklich. Ja, das ist ein bisschen kindisch. Und gerade deshalb macht es so Spass, verbindet Lebensbereiche, die wir als Erwachsene gerne getrennt halten, und bietet ein Erlebnis fern vom «gewöhnlichen» Leben.

Neue Häuser: Energiezentrale Forsthaus

Roland Fischer am Dienstag den 21. Mai 2013

Man kann sich da so seine Gedanken machen: Unsere Zeit ist eine, die den Wald, die denkbar ungestaltetste Landschaftsform, zum unberührbaren Heiligtum erklärt. Ihn für Bauprojekte zu roden ist so gut wie unmöglich. Manchmal gibt es Ausnahmen, und die verlangen dann ironischerweise nach Gestaltung, wo man eigentlich Designlosigkeit erwarten würde: «Für ihre Zustimmung zum Bauen im Wald stellten die Behörden der Stadt Bern aber eine Bedingung: Für die Anlage musste ein Architekturwettbewerb durchgeführt werden. Damit wurde signalisiert, dass die gestalterische Qualität der Anlage ein öffentliches Anliegen ist.»

Worum es geht? Um ein Gebäude, das noch vor 20 Jahren zur allseitigen Zufriedenheit im architektonischen Niemandsland angesiedelt worden wäre, in anspruchslosen Zweckbauten irgendwo im Industriegebiet. Aber unsere Zeit ist auch eine, die ein neurotisches Verhältnis zum Müll pflegt, und deshalb ist es wohl folgerichtig, dass die neue Energiezentrale Forsthaus (also eigentlich die Kehrichtverbrennungsanlage) nun plötzlich nicht mehr städteplanerisch unter den Teppich gekehrt, sondern ein architektonischer Leuchtturm sein soll.

Wobei Leuchtturm eine ganz passende Assoziation ist – der Bau erinnert in Form und Dimensionenen nämlich an einen Ozeanriesen. Länge: 308 Meter, Höhe Kamin: 70 Meter; verbaut wurden 47’000 Kubikmeter Beton und 8000 Tonnen Armierungseisen. Die Zahlen entnimmt man wie obiges Zitat von Werner Huber (Hochparterre) einer schön gemachten und instruktiven Monographie, die sich der Energiezentrale widmet. Der Band ist eine spannende Lektüre, weil er sich nicht nur dem von Graber Pulver Architekten konzipierten Baukörper widmet, sondern das Gebäude selbst gewissermassen als Pilz versteht, zu dem noch ein ganzes unsichtbares Geflecht gehört. Dass die Energiezentrale im Wald steht hat nämlich mit komplexen städtebaulichen Fragen zur Anschliessbarkeit zu tun, und da geht es nicht allein um das Verkehrs- sondern beispielsweise auch ums Fernwärmenetz. Häuser wären demzufolge nicht einfach manifeste Blöcke im Stadtraum, sondern Segmente von weitverzweigten Strukturen, die es ebenfalls (oder vor allem?) zu pflegen – und zu gestalten gilt. Stadt als Kulisse? Das war einmal, in Zeiten knapper Ressourcen geht es um die Stadt als System.

Bücherkiste: Der grosse Gatsby

Roland Fischer am Freitag den 17. Mai 2013

Schon wieder so ein unverfilmbares Buch, das den Weg auf die Leinwand findet, Fitzgeralds Great Gatsby. Aber ich habe es glaubs schon einmal gesagt, so etwas wie ein «unverfilmbares» Buch gibt es natürlich nicht, und schon gar nicht für Baz Luhrmann. Der sieht die Weltliteratur sowieso mehr als Kellerbar mit seltsamen Bekannten denn als Kirche voller Heiligtümer. Und wenn man so will ist Romeo und Julia ja ein genauso schwieriger (oder einfacher, je nachdem wie man es anstellt) Filmstoff wie der Gatsby.

Das Buch ist ein eigentümliches Stück Literatur, man merkt ihm sehr an, dass es da um einen Aufbruch ging, um eine neue Generation und dementsprechend neue Erzählweisen. Fitzgerald hätte das selber vielleicht gar nicht behauptet, er war sich seiner Schreibe sowieso nie besonders sicher und alles andere als ein programmatischer Autor. Aber ein Erneuerer war er eben doch und vielleicht gerade deshalb. Was irritiert beim Lesen (und womit auch Luhrmann zu kämpfen hatte bei der Adaption) ist die Unentschiedenheit oder wohl eher bewusste Doppelspurigkeit, was die Hauptfigur angeht. Natürlich geht es um Gatsby, um diesen Gernegross. Aber es geht auch um den jungen Trader Nick Carraway, der uns das Ganze erzählt. Fitzgerald macht daraus ein vertracktes Spiel um Imagination und Wirklichekeit – es ist ein wenig, als hätte dieses kleine literarische Sonnensystem zwei Zentralgestirne, die sich unablässig umkreisen, wobei sich immer neue Konstellationen ergeben. Zum Schwindligwerden.

Ah, und dann ist da noch eine seltsame Paradoxie: eigentlich ist das nämlich ein ausgeprochen filmisches Buch. Immer neue Szenen, sehr harte Schnitte, Rückblenden und Zooms herein und heraus: es ist fast ein wenig, als hätte Fitzgerald da keinen Roman, sondern ein Drehbuch mit allen literarischen Freiheiten geschrieben. Kein Wunder haben sich immer wieder Filmemacher an dem Stoff versucht.

Wir sind viele!

Roland Fischer am Sonntag den 12. Mai 2013

Bloggen? Ist das nicht total von gestern? Aber ganz und gar nicht, muss hier die Antwort natürlich lauten. Und man darf auch im grösseren Kontext festhalten: Blogs waren mal das grosse neue Ding, dann waren sie ziemlich langweilig und nun sind sie einfach und ganz unspektakulär ein neues und gut etabliertes Medium geworden. Unterdessen fand die re:publica, die einst als «Bloggertreffen» angefangen hat, schon zum siebten Mal statt, und der extra nach Berlin beorderte Sonderkorrespondent des Blogs Ihres Vertrauens war beeindruckt, was daraus geworden ist über die Jahre: 5000 Teilnehmer, hunderte Vorträge und Workshops, ein breites Themenfeld von Politik über Kultur bis Medientheorie (und so weiter und so fort).

Und: natürlich hatten alle immer den Laptop offen oder zumindest das Smartphone im Anschlag, und natürlich brach das offene Netz immer mal wieder zusammen (obwohl es dieses Jahr anscheinend ganz passabel funktioniert habe). In einem Panel kam mal kurz die Frage, wieviele der Anwesenden einen Blog schreiben würden – gut zwei Drittel der Arme gingen nach oben. Nicht ganz repräsentativ natürlich, aber doch schön, sich mal nicht als Eigenbrötler hinter der Tastatur, sondern als Teil eines Mainstreamphänomens zu fühlen. Blog on!

Röstigraben zugeschüttet

Roland Fischer am Mittwoch den 17. April 2013

Da gibt es ja noch eine andere Schweiz, drüben im Westen, und von der bekommt man nicht so richtig viel mit, ausser dass Fussballclubs dort Pleite gehen und dass eine ETH besser sein will als die andere, alte. Autoren? Ein paar Namen könnte man da wohl auch aufzählen, Bouvier, Chessex, aber Zeitgenossen, junge zumal? Von denen hört man hier drüben kaum je.

Eine dieser Jungen hat gestern den Sprung über den Graben gewagt. Isabelle Flükiger ist so etwas wie ein welsches Fräuleinwunder – man darf sich fragen, ob die Welschen wohl auch so ein dummes Wort für aufstrebende und sich gut verkaufende Jungautorinnen haben. Im Kairo las sie abwechselnd mit einer Schauspielerin französische und deutsch übersetzte Passagen aus ihrem letzten Buch Bestseller, dazwischen plauderte sie sehr unverkrampft übers Leiden beim Schreiben und über Schweizverkrampfungen. Ein auf schöne Weise unspektakulärer Abend, mit einem Überraschungsmoment, der einen vielleicht stutzig machen müsste (aber dem mag ich jetzt nicht lange nachstudieren): Dieser Kolumnentonfall, der kam einem doch sehr bekannt vor – es gibt da offenbar eine Schreibe (und eine Weise, sich der Schreibe zu bedienen), die nicht unbedingt mit einer Sprache zu tun hat. Sondern mit einem Ort und einer Zeit. Durch den Ort mag ein hypothetischer Graben gehen, die Zeit aber macht eine Klammer.

Osterlektüre: Gott bewahre!

Gisela Feuz am Donnerstag den 28. März 2013

Haben Sie auch immer ein Puff, werte Leser und Leserinnen, wenn die Osterfeiertage im Anmarsch sind? Was war da jetzt genau wann und wie? Ihr KSB-Religionslehrerin Feuz hilft gerne. Also:

  • Heute Gründonnerstag: letzes Abendmahl
  • Morgen Karfreitag: Wurde der arme Kerl ans Kreuz genagelt
  • Ostersonntag: Wiederauferstehung Jesus’ aus dem Grab
  • Auffahrt bzw. Christi Himmelfahrt (40 Tage nach Ostern): Der auferstandene Jesus darf endlich nach Hause in den Himmel
  • Pfingsten (50 Tage nach Ostern): Der heiliger Geist kommt auf Kaffee und Kuchen zu Besuch
  • (Irgendwann ist dann auch noch Muttertag, aber das ist eine andere Geschichte.)

Als passende Lektüre für die kommenden Feiertage sei Ihnen John Nivens «The Second Coming» ans Herz gelegt, ein manchmal bitterböser und blasphemischer, aber auch zum schreien komischer Roman, in welchem Jesus von seinem Papa ein zweites Mal auf irdische Mission geschickt wird. Aber der Reihe nach.

Gott gönnt sich einen wohlverdienten Urlaub (den ersten seit 4.6 Billionen Jahren) und fährt für zwei Wochen zum Fischen. Das einzige Problem: Die Zeit im Himmel verstreicht viel langsamer als bei seinen Schäfchen auf Erden. Ein Tag im Himmel entspricht auf Erden 57 Jahren. Als Gott in Urlaub gefahren war, schrieb man auf Erden das Jahr 1609, was so viel bedeutet wie die Blütezeit der Renaissance, Kopernikus, Michelangelo, da Vinci, in London wird gerade King Lear aufgeführt und Galilei guckt zum ersten Mal durch seinen Fernrohr-Prototypen. Eine gute Zeit, ein paar Tage fischen zu gehen, schliesslich läuft da unten alles so, wie es sollte, denkt sich Gott.

Als er braungebrannt, entspannt und ausgeruht aus dem Urlaub zurückkehrt, schreibt man auf der Erde das Jahr 2011 und das nackte Chaos hat Einzug gehalten. Um diesem ein Ende zu setzten, schickt Gott seinen Sohn JC ein zweites Mal auf Erdenmission, und zwar um die Menschen an sein einziges und wichtigstes Credo zu erinnern: BE NICE! Zu Deutsch: Seid doch einfach nett zueinander. Sohnemann JC würde seine Zeit eigentlich lieber damit verbringen, im Himmel mit Jimmy Hendrix wilde Jam-Sessions zu veranstalten und dazu kiloweise Grass zu verrauchen, befolgt aber den Befehl des Herrn Papa und begibt sich somit ein zweites Mal auf die Erde. Was folgt ist eine Odyssee durch ein stockkonservatives Amerika, wobei Jesus mit allerlei absurdem Gedankengut konfrontiert wird und zum Schluss gar bei «American Idol» landet.

Der schottische Autor John Niven hat mit «The Second Coming» eine bitterböse Religionssatire hingelegt, die phasenweise schon fast pythonesque daherkommt und in der die paradoxe, menschenverachtende Seite von fanatischem Religionseifer schonungslos offengelegt wird. Das liest sich äusserst vergnüglich, lässt einem machmal aber auch leer schlucken, denn was alles «Im Namen Gottes» auf Erden angerichtet wird, geht auf keine Kuhhaut. Dabei wäre es doch so einfach. Leben und Leben lassen. Oder eben: BE NICE!

John Nivens «The Second Coming» gibt es seit November 2012 auch in Deutscher Übersetzung unter dem Titel «Gott bewahre» zu kaufen.

Indiebookday

Christian Zellweger am Samstag den 23. März 2013

An dieser Stelle ein öffentlicher Dienstleistungs-Hinweis direkt vom morgendlichen Küchentisch und aus den Tiefen des Internets: Heute ist offenbar Indiebookday! Verwiesen sei hierzu auf www.indiebookday.de und bei Twitter auf den Hashtag selbigen Namens.

Indiebookday

Aufgerufen zu diesem Tag hat, inspiriert vom Record-Store-Day und offenbar in Unkenntnis der englischsprachigen Version am 16. März, der Mairisch Verlag aus Hamburg. Der will mit der Aktion aufmerksam machen auf all die Herzblut-Projekte unabhängiger Verlage.

Gehen sie also heute in eine unabhängige Buchhandlung und kaufen Sie wiedermal ein Buch, selbstverständlich aus einem unabhängigen Verlag. Wer denn wirklich will, kann gemäss Konzept auch noch gleich ein Bild von sich und dem neuerworbenen Buch machen und es zwecks Viralität der Aktion auf einem sozialen Netzwerk platzieren.

Zur Frage «Von wem kaufen?» sei hier auf die Seite der Vereinigung der unabhängigen Schweizer Verlage SWIPS verwiesen. Die Frage «Wo kaufen?» vermag vielleicht die neunteilige Serie «Buchhandlung» der Kulturblogger Ihres Vertrauens zu beantworten.