Archiv für die Kategorie ‘Bern auf Probe’

Rauchen im Gebüsch

Anna Papst am Mittwoch den 21. Februar 2018

Theaterprobe unter freiem Himmel am Magdi Elnour Theater Festival

 

Als Ahmed Abdel Mohsen die mit ihm befreundete Filmerin Elvira Isenring 2016 einlud, einen Workshop am Magdi Elnour Theater Festival in Khartoum zu geben, wusste sie vom Sudan bloss, was man in der Zeitung las. Und das war wenig. Die internationalen Medien und ihre Leser*innen waren mit der sogenannten Flüchtlingskrise beschäftigt, das Land, in dem fünf Millionen Menschen am Existenzminimum leben, war vom Radar verschwunden.

Isenring beschloss, diese Wissenslücke aus eigener Kraft zu schliessen. Je mehr sie über die jüngere sudanesische Geschichte las, desto klarer wurde ihr, was in der Schweiz alles an uns vorbeigegangen ist. Dass das Land beispielsweise einen eigenen Arabischen Frühling erlebte, weiss hierzulande kaum jemand. Oder dass das Durchschnittsalter der Bevölkerung knapp neunzehn Jahre beträgt.

Die ausgesprochen junge Bürger*innen lechzten nach Ausdruck und Austausch, so Isenring, weil das Land so lange isoliert gewesen sei und unter dem autoritären, streng islamistischen Regime von Präsident al-Baschir noch immer wenig Freiheiten erlaubt seien. Von den Freiheiten in der Kunst, die sich die sudanesischen Kulturschaffenden nehmen, handelt Isenrings Radio-Feature „The Black Elephant – Kultureller Widerstand im Sudan“. Bei ihrem Besuch im Sudan habe sie Leute kennengelernt, über die sie berichten wollte: Junge Künstler*innen, die aller Repression zum Trotz experimentelles Theater machen und mit Witz und Kunstfertigkeit den Alltag in einem Staat, in dem offiziell fast alles verboten ist, auf der Bühne widerspiegeln. Dass in einem Theaterstück am Festival etwa ein Schauspieler einen Betrunkenen darstellt, ist eine kleine Sensation, denn der Konsum von Alkohol ist illegal, Betrunkene darf es eigentlich nicht geben.

Bei Mehera Salim wusste Isenring gleich als sie sie zum ersten Mal sprechen hörte, dass sie im Radio-Feature zu Wort kommen muss. „Ihre Stimme, wie sie die Dinge erzählte – wie ein frischer Pausenapfel.“ Die junge Filmemacherin hat einschneidende Erfahrung mit dem repressiven Staat gemacht: Ihren Kurzfilm „Lust“ durfte sie an keinem Festival zeigen. Die behandelten Themen Liebe und Sexualität seien „eine Zumutung“, wurde ihr mitgeteilt. Dabei wird im Film kein sexueller Akt und keine Nacktheit gezeigt, es geht lediglich um zwei Menschen, die sich küssen wollen. Aber Küsse dürfen wie Betrunkenheit nicht von der Öffentlichkeit gesehen werden. Im Anschluss an ihr Gespräch versteckten sich die beiden Filmerinnen gemeinsam im Gebüsch – um zu rauchen.

Dass im Sudan überhaupt ein Theaterfestival stattfinden kann, führt der Theaterregisseur und Aktivist Maruan Omar, den Isenring ebenfalls befragt hat, darauf zurück, dass es einfach zu viele junge, ehrgeizige Menschen gibt, die sich kulturell engagieren. Die Regierung habe gemerkt, dass sie Kunst zulassen und der jungen Generation dieses Stück Freiheit gönnen müsse, weil sie sich sowieso nicht stoppen lasse. Es ist eine Stärke des Features, dass man alle Gesprächspartner*innen in ihrer Muttersprache reden hört. Isenring hat ganz bewusst darauf verzichtet, die Interviews auf Englisch zu führen. Sie wollte Khartoum einfangen, wie sie es erlebt hat, nicht in einer künstlichen, vermeintlich internationalen Sprache.

Ausserdem war es Isenring wichtig, auch die Rolle Europas zu thematisieren. Im Zuge der Flüchtlingskrise wurde ein EU-Nothilfe-Treuhandfonds für Afrika ins Leben gerufen, an dem sich auch die Schweiz beteiligt. Hilfsgelder werden jedoch nicht für Bildung und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung eingesetzt, sondern für die staatliche Grenzsicherung, damit keine Flüchtlinge über den Sudan nach Europa kommen. Die sudanesische Regierung sichert die Grenzen und damit ihre eigene Macht – finanziert von den Ländern, die vorgeben, die autokratische Herrschaft zu verurteilen.
Dass der Bericht, der von so weit her kommt, also direkt mit uns zu tun hat, wird wohl auch die Zuhörer*innen am SonOhr Festival leer schlucken lassen, wenn sie am Samstag im Kino Rex „The Black Elephant“ lauschen. Das Feature dauert fast eine Stunde. Eine Stunde, in der man miteinander im Kino sitzt, wobei die Leinwand schwarz bleibt, während der Film im Kopf abgeht.

 

“The Black Elephant- Kultureller Widerstand im Sudan” ist im Rahmen des SonOhr Festival am Samstag, 24. Februar um 18 Uhr im Kino Rex zu sehen.

Bern auf Probe: Literatur gehört auf die Bühne!

Anna Papst am Mittwoch den 14. Februar 2018

Ursina Greuel las 2014 in der Zeitschrift Theater der Zeit ein Interview mit Melinda Nadj Abonji. Die Autorin äusserte sich darin nach einer unglücklichen Uraufführung ihres inzwischen unter dem Titel „Schildkrötensoldat“ erschienen Romans wie folgt: „Literatur, die literarische Sprache erscheint mir geradezu unvereinbar mit dem Theater zu sein, das ich als Ort der Überbelichtung empfinde, der ohne Tricks und (mediale) Effekte nicht mehr auskommt.“ Dieser Satz provozierte die Regisseurin Ursina Greuel, die auch den Stücktext gelesen und Gefallen daran gefunden hatte, so sehr, dass sie Kontakt zu Nadj Abonji aufnahm. Die beiden Frauen lernten sich kennen und die Regisseurin wollte der Autorin gerne beweisen, dass ihr Roman und die Bühne sehr wohl zusammenpassen. Nadj Abonji war sehr zurückhaltend, ihr war die Lust auf Theater zeitweilig vergangen und auch die Arbeit am Roman wollte sie vorerst beiseite legen. Greuel wartete, bis drei Jahre später der Roman beendet und die Lust auf eine szenische Umsetzung zurückgekehrt war.

“Dumm wie Brot” scheint Zoli seinen groben Mitmenschen. Er schweigt – und bäckt. “Soldat Kertész!” ist ab 22. Februar im Schlachthaus Theater zu sehen.

Es ist kein Zufall, dass sich Greuel herausgefordert sah, zu beweisen, dass zeitgenössisches Theater und literarische Sprache miteinander einher gehen können. Seit dem Ende ihres Studiums beschäftigt sich die Regisseurin mit Stücken, bei denen die Sprache im Zentrum steht. Wenn sämtliche Effekte, „Verzierungen“, wie sie es nennt, wegfallen, bleiben nur die Schauspieler*innen und die Sprache übrig. Das reiche, um Theater zu machen. Diesen Beitrag weiterlesen »

Was Andy Warhol gerne gemacht hätte

Anna Papst am Dienstag den 30. Januar 2018

“I never wanted to be a painter. I wanted to be a tap dancer”, behauptete Andy Warhol von sich selbst. Nachdem man Daniel Borak knapp 90 Minuten lang die Füsse schlackern gesehen hat, ahnt man, warum.

9-Point-Inc nennt sich eine junge Formation von sechs Musiker*innen um den Komponisten Kilian Deissler und den elffachen Stepptanz-Weltmeister Daniel Borak. Der neunte im Bunde ist der Bühnenbauer Raffael Hafner, der in Zusammenarbeit mit Deissler eine Tanzfläche entwickelt hat, die Bühne und Instrument zugleich ist. Neun quadratische Platten, jede einem anderen Instrument nachempfunden, bilden die Grundlage der Komposition “kick the square”. Gespielt wird dieses Neun-Quadratmeter-Instrument von Tänzer Borak. Durch seinen Stepptanz werden die Holzplatten, Gitter oder Metallrohre angeschlagen und zum Klingen gebracht.

Auf diesem Schlagzeug, darf getanzt werden: Stepptanzinstrument und Bühne der Produktion “kick the square”.

Die Idee dazu kam Deissler, als er seinem ehemaligen Schulkollegen Borak nach längerer Zeit wieder über den Weg lief. Beide hatten das Gymnasium abgebrochen, der eine war inzwischen Kompositionsstudent an der Zürcher Hochschule der Künste, der andere feierte als Tänzer und Choreograf Erfolge. Aus musikalischer Perspektive seien ihm die klanglichen Möglichkeiten beim Stepptanz limitiert erschienen, erzählt Deissler. Es reizte ihn, nach neuen klanglichen Qualitäten zu suchen, woraufhin er Borak dazu überredete, auf ungewöhnlichen Flächen zu steppen. Die Suche nach geeigneten Klangkörpern führte ihn zum Küchenbedarfsgeschäft Kuhn Rikon, wo man ihn nach anfänglicher Skepsis enthusiastisch darin beriet, welche Bratpfannen wohl die interessantesten Töne hervorbringen würden, wenn man mit Steppschuhen darauf tanzte.

Erinnert die Fläche mit den fünf Bratpfannen klanglich an eine Cowbell, ist der Quadratmeter mit dem Gitterrost einem Waschbrett, wie es in der Country-Musik eingesetzt wird, nachempfunden. Die vertiefte, mit Polenta bestreute Holzfläche erzeugt beim Tanzen einen Klang von Schlagzeugbesen, betritt Borak mit seinen Steppschuhsohlen das Feld mit den acht Metallstäben, meint man, ein Xylophon zu hören. Zwei nach der Bauweise der Cajon gefertigte Würfel bilden “Snare” und “Bass Drum” der Perkussionsbühne.

Um diese Klangplatten so präzise spielen zu können, dass sie in einer Gesamtkomposition als Rhythmusinstrument  fungieren können, bedarf es einer ausgefeilten Notation, die nicht nur rhythmische Werte, sondern auch Art und Weise der Tanzschritte festhält. Da es eine solche noch nicht gab, haben Borak und Deissler kurzerhand eine entwickelt. Für Borak ist die Aufführung von “kick the square” ein Akt höchster Konzentration. Er, der es nicht gewöhnt ist, im Ensemble zu musizieren, hält mit seinem Tanz nun als “rhythm section” eine sechsköpfige Band zusammen. Klarinette, Trompete, Posaune, Saxophon, Akkordeon und wahlweise E-Bass oder Kontrabass (gespielt von der einzigen Frau im Team) grooven zwischen Swing und neuer Musik.

Aber nicht nur Borak betritt mit diesem Projekt Neuland: Alle Musiker*innen tragen Steppschuhe und tanzen in einem furiosen Höhepunkt des Abends gemeinsam mit ihm auf den neun Quadratmetern Klangfläche, dass die Wände wackeln. Stampfen, hüpfen, hopsen, springen, ein Tanz zwischen Aggression und Lebenslust: Warhol wäre gern dabei gewesen.

Die zweitletzte Station ihrer Tournee führt 9-Point-Inc nach Bern. Heute Abend in der Mahogany Hall um 20.30 Uhr.

Bern auf Probe: Im Wilden Westen der linksliberalen Utopie

Anna Papst am Mittwoch den 27. Dezember 2017

Im Schlachthaus wird Geige geübt. Vera Urweider, eine von zehn Statist*innen die im neusten Stück der Gruppe PENG!Palast mitwirken, soll Christine Hasler beim Verbreiten hitziger Wild-West-Stimmung begleiten. Hasler gibt den Einsatz und Urweider geigt zu E-Gitarre und wummernden Beats. “Ja, das fägt!” findet Markus Luginbühl am Mischpult. Urweider verspricht, über Weihnachten ganz viel Country zu hören, um den Fiedelstil ins Ohr zu kriegen. “Na dann, fröhliche Weihnachten!” meint Hasler grinsend.

Wem gehört die Stadt? PENG!Palast diskutieren beim Line Dance.

Regisseur Dennis Schwabenland trommelt die Spieler*innen zusammen, die Zuschauer*innen werden gebeten, Platz zu nehmen. Geprobt wird die erste Szene aus “Die Asozialen – Ein Endzeitwestern”. Die traditionelle Schlachthaustribühne wurde abgebaut, stattdessen sitzt man den Wänden des Raumes entlang auf Holzpaletten der SBB. Ein “Saloon der Zukunft” wird hier behauptet, in dem die Stadt Bern als linksliberale Enklave neu erfunden wird. Diesen Beitrag weiterlesen »

Bern auf Probe: Erzählerin 4 hat die Grippe

Anna Papst am Dienstag den 19. Dezember 2017

Die Grippewelle macht auch vor dem Theater nicht halt: Irina Wrona, eine von vier Darsteller_innen in „Die Toten“, ist krank. Die Probe von Christian Krachts Roman muss – drei Tage vor Premiere – ohne sie stattfinden. Die Souffleuse liest Wronas Textpassagen, die Regieassistentin schlägt vor, sie könne sich anstelle der Erkrankten in die rechts auf der Bühne platzierte Badewanne legen. Regisseurin Claudia Meyer erkundigt sich besorgt, ob sich jemand der Anwesenden ebenfalls krank fühle. Schauspieler Alexander Maria Schmidt trinkt zur Stärkung der Immunabwehr einen Ingwershot, während sein Kollege Nico Delpy eröffnet, er habe beschlossen, nicht krank zu werden.

Schauen zu, wie der Kollege für zwei spielt: Schauspieler Gabriel Schneider und Souffleuse Sabine Bremer

In Unterbesetzung wird der Anfang des Stückes geprobt. Der sei eine echte Knacknuss, verrät Meyer. Sie habe schon unzählige Versionen dieses Anfangs geprobt, sei aber immer noch nicht ganz zufrieden. Immerhin, bei der heutigen Probe muss sie oft lachen. Und sei es dem häufigen Proben geschuldet oder der gründlichen Vorbereitung, jedenfalls zitiert Meyer sämtliche Passagen, die sie anders haben möchte, auswendig. Sie erweist sich als ebenso genau wie streng: „Nun“ darf nicht mit „jetzt“ paraphrasiert werden, „heisst“ nicht durch „ist“.
Von den vielen Wiederholungen ein Lied singen kann Nico Delpy: „Ernst Nägeli gab an, am allerliebsten hartgekochte Eier mit Bauernbrot und Butter und Tomatenscheiben zu essen“, habe er schon so oft sagen müssen, dass er den Satz nun jeweils variiere, damit er nicht jegliche Bedeutung verliere. Allein schon das Wort „Bauernbrot“ mache ihn wahnsinnig. So isst Nägeli bei ihm einmal Nüsslisalat, einmal Spaghetti, einmal Quinoa. Diesen Beitrag weiterlesen »

Bern auf Probe: Transkulturelle Roboter

Anna Papst am Dienstag den 5. Dezember 2017

“Ok, wir machen einen Speedy-Durchlauf. Ihr wisst, was das heisst!”, ruft Graziella Cisternino den vierundzwanzig Spieler*innen zu, die im Progr Atelier 210 darauf warten, dass die Probe von Zeitwerk Theater beginnt. Es herrscht Pausenplatzatmosphäre, man plaudert miteinander, einer fährt mit dem Skateboard durch den Raum, zwei proben Tanzschritte, eine lernt ihren Text, ein Grüppchen sitzt im Kreis und hört Musik, in der Ecke werden Kostüme an- und ausgezogen. Unter blauen, gebleichten und rasierten Frisuren lassen sich auch drei graue Haarschöpfe ausmachen. Cisternino und ihr künstlerischer Co-Leiter Christof Schüepp bezeichnen die Stücke von Zeitwerk Theater als “Transkulturelle Generationenprojekte”. Achtundzwanzig Menschen (an der heutigen Probe waren einige krank) aus Syrien Eritrea, Deutschland, Afghanistan, Portugal, Spanien, Thailand und der Schweiz stehen in der aktuellen Produktion “Interperfekt” auf der Bühne. Sie sind zwischen siebzehn und achtundsechzig Jahre alt, manche sind erst seit kurzem hier, manche haben ihr ganzes Leben in Bern verbracht. Im Stück spielt das keine Rolle und das ist gut so. Diesen Beitrag weiterlesen »

Bern auf Probe: Von allen guten Geistern umsorgt

Anna Papst am Mittwoch den 29. November 2017

Auch Schweizer Geister wohnen gerne schön

Es ist 14 Uhr, die Probebühne 3 in der Felsenau ist leergefegt. Die Morgenprobe des Musiktheaters „Alzheim“ ist beendet, Regieteam, Schauspieler_innen und Musiker_innen in der Mittagspause. Nur das Bühnenbild von Ric Schachtebeck ist noch da. Oder vielmehr: Die Probenversion davon. Schachtebeck wird in Kürze eintreffen, doch vorerst bin ich allein in seiner Szenografie. Was erzählt das Dekor über die Produktion, die darin geprobt wird?
„Alzheim“ handelt von Baan Kamlangchay, einer vom Berner Martin Woodtli gegründeten Demenzstation in Thailand, in der die Betreuten weder medikamentös beruhigt noch eingeschlossen werden. Diesen Beitrag weiterlesen »

Bern auf Probe: Datensicherung auf festen Platten

Anna Papst am Dienstag den 21. November 2017

Wie wird man in hundert Jahren über die Zeit, die heute unmittelbar vor uns liegt, berichten? Lacht man darüber, dass führende Wissenschaftler vor einer Übernahme der Weltherrschaft durch künstliche Intelligenz gewarnt haben? Oder ist diese Übernahme vielmehr eingetreten und es lachen nur noch die Maschinen? Wundert man sich, warum die globalisierte Welt trotz des Wissens um die Klimaerwärmung und ihre Auswirkungen zu bequem war, rigorose Massnahmen zu ergreifen? Oder betrachtet man die Prophezeihung der Katastrophe als Akt der Hysterie? Werden die russischen Cyberattacken der letzten Jahre der Anfang einer digitalen Kriegsführung gewesen sein? Die Gruppe Theater Marie zeigt in der Forsetzung ihrer Kurzstückrevue  “Zukunft Europa” Zukunftsszenarien, die sich im Futur zwei abspielen: Was wird sich ereignet haben? Theater Marie hat fünf Autor_innen gebeten, einen Blick in die weltpolitische Glaskugel zu werfen und auf deutsch und französisch über das, was uns geblüht haben wird, zu schreiben. Diesen Beitrag weiterlesen »

Bern auf Probe: Fichen im Trüben

Anna Papst am Dienstag den 14. November 2017

34’000 Fichen habe der Nachrichtendienst der Stadtpolizei Bern über die Jahre angelegt, brüstet sich der Staatsschutzbeamte. Und es wären noch mehr gewesen, hätte es nicht an Personal gemangelt. Gleich zweimal habe man den Vortrag von Giovanni Blumer über die chinesische Kulturrevolution wegen Unterbesetzung verpasst, das fuchse ihn noch heute. Dann wendet der Überwacher sich plötzlich zu der Frau, die neben mir steht und fragt: “Was meinsch, chani da so luut werde? Oder muess eine vom Staatsschutz d Fassig bewahre?”

Wären die heutigen Überwacher doch auch so leicht zu erkennen wir 1968: Stefan Hugi als Staatsschutzbeamter

Er erkundigt sich damit nicht nach der sozialen Norm, – oder nur indirekt -, sondern nach der inszenatorischen Absicht von Schauspielcoach Claudia Gerber. Sie studiert mit ihm, dem Schauspieler Stefan Hugi, den szenischen Stadtrundgang der Gruppe StattLand mit dem Titel “Bern 68” ein. Erstmals 2008 zum vierzigjährigen Jubiläum der 68er-Bewegung gezeigt, wird der Rundgang zum fünfzigjährigen Jubiläum wieder aufgenommen.
Wer bei diesem Stadtrundgang mitläuft, wird zu den verschiedenen Orten geführt, an denen im Jahr 1968 in Bern Geschichte geschrieben wurde: Zur Junkerngasse, wo im legendären Diskussionskeller “Junkere 37” bis spät in die Nacht hinein über eine neue Weltordnung debattiert wurde. Zum Lischetti-Brunnen, der eigentlich Kronenbrunnen heisst. Der Aktionskünstler Carlo Lischetti kandidierte 1971 gemeinsam mit drei weiteren “Untergründlern” für den Berner Stadtradt. Man wollte neben ernsthaften Anliegen wie der Einführung des Stimmrechts ab 18 Jahren in erster Linie die festgefahrene Stadtpolitik aufmischen. Das Wahlplakat zeigte ein Nacktbild der vier, Diesen Beitrag weiterlesen »

Bern auf Probe: Einkaufen mit Johannes Dullin

Anna Papst am Dienstag den 7. November 2017

Er probe nie für seine Stücke, er lerne lediglich Text, antwortet Johannes Dullin mir auf die Frage, ob ich ihm einen Probenbesuch abstatten dürfe. Um Text zu lernen gehe er am liebsten einkaufen oder spazieren, dabei könne ich ihn gerne begleiten. Also wandern wir an einem Donnerstagmorgen durch die Regale der Migros Bolligen. Dullin kauft alles ein, was nicht bei ihm im Garten wächst, der Text seines Stücks „The best piece of this season“ liegt im Kindersitz seines Einkaufwagens und bleibt während der ganzen Shoppingtour relativ unbeachtet. Denn die Geschichte, dass er beim Einkaufen am besten Text lernen könne, ist wohl, so dämmert es der Berichterstatterin, nichts weiter als das: eine Geschichte. Ein Gefallen für die Journalistin, die eine Story braucht, gewitzte Eigenvermarktung von Dullin, der steuert, wie über ihn berichtet wird.

Lernmethode Dullin: Wenn bei der Kasse der Text noch nicht sitzt, ist immerhin der Einkauf erledigt.

Man nimmt ihm seine Behauptung nicht übel, lässt sie sich doch prima mit dem Thema seines Stücks verbinden: Dullin versucht darin, das Phänomen der Fake News und Alternativen Fakten für die Bühne nutzbar zu machen. Fast jedes Theaterstück, so seine These, beginne mit einer Lüge. Da behaupte eine_r jemand anderes zu sein als er_sie ist, und für die Dauer des Abends akzeptiere das Publikum diese Behauptung als gegeben. Der Schauspieler verteidige seinerseits die Lüge unter Aufwand seines gesamten Könnens, bis die Frage nach dem Wahrheitsgehalt obsolet würde, weil wir uns zu gut unterhalten fühlten, um die Lüge entlarven zu wollen.

Im Fall von Johannes Dullin weckt schon der Titel beinahe unerfüllbare Erwartungen, an denen sich der Performer den gesamten Abend abarbeiten wird. Was macht ein Stück zum besten der Saison? Um das herauszufinden, sagt Dullin, müsse ich schon schauen kommen. Aber er wolle mir Folgendes verraten. Er würde sehr lange alles tun, um die Zuschauer_innen ins Boot zu holen, um dieses im Anschluss komplett zu versenken.

Bei aller Albernheit ist Dullin ein Perfektionist. Seine Arbeiten bezeichnet er als Kompositionen, in denen jedes Element seinen Platz hat und Publikumsnähe und Experiment sich stets die Waage halten. Während er früher oft mit Improvisationen gearbeitet hat, kreiert er seine Arbeiten heute lieber am Schreibtisch. Er vergleicht seinen Arbeitsprozess mit der Anfertigung eines Mobiles. Das Befestigen eines ersten Objektes setzt er mit der Formulierung einer ersten Idee gleich. Um dieses erste Element in Balance zu halten brauche es ein zweites, um diese Zweierkonstruktion auszutarieren ein drittes, und so weiter, bis das Mobile in perfekter Balance schwebe.
Vielleicht ist das Bild des Mobiles für Dullin selbst ohne Signifikanz, erfundene Pseudopoesie für das schreibende Gegenüber. Die Inspiration fürs eigene Schaffen, die es in einem auslöst, ist jedoch echt. Darum wechselt man bei diesen Alternativen Fakten nicht den Sender, sondern bleibt am süssen Lügenbrei dieses begnadeten Geschichtenerzählers kleben.

The best piece of this season von Johannes Dullin,  10. November, Schlachthaus Theater 20:30 Uhr

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.