Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Kilbi, Tag 1: «Is anybody excited for the Wild Beasts?»

Christian Zellweger am Freitag den 30. Mai 2014

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Sie waren die Stars des Abends, auch bei ihren Musikerkollegen von der Insel: Die Briten der Wild Beasts. Forest Swords bevor und Jungle nach dem Konzert erwiesen ihnen in Ansagen die Referenz – zu Recht. Das Ohr musste sich erst an das plötzlich so organisch klingende Schlagzeug gewöhnen, doch es war ein konzentrierter, präziser Auftritt der working-class-Aufsteiger, die auf ihrem Weg an die Kunstschule Gendergrenzen überwunden, sich dafür ein paar affektierte, aber sehr unterhaltsame Dance-Moves und ein respektables Gitarrenarsenal angeeignet haben.

Nicht so richtig gepackt hatten mich hingegen die in den weiten Echoraum versendeten Beatfragmente und Sample-Loops von Forest Swords unter dem Dach der kleinen Zeltbühne. Auch dem mitgereisten Bassisten gelang es nur in seltenen Monenten, dem oft ausgefransten Konstrukt Form und Boden zu geben.

Gerade davor, diesmal auf der Hauptbühne sorgten die Black Lips für die Kilbi-typische Stilbreite. Die Band, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit möglichst untypisch aussehenden Instrumenten möglichst typischen Garagerock zu machen, löste diese ganz gut – «ou l’art de la cacophonie totalement maîtrisée», wie es ein Twitterer ausdrückte, mit rumpelndem Schlagzeug, viel zu lauter Gitarre, grösster Melodieseligkeit und betrunken taumelndem aber glücklichem Bassisten und ebensolchem Publikum.

Zum grossen Verpassten wurde Larry Gus, der mit wilder Speicherkarten- und Sample-Jonglage das Haus auf den Kopf stellte, glaubt man den begeisterten Augenzeugenberichten. Aber auch das ist Kilbi: Man kann nicht alles haben.

Unter diesen Motto war dann auch eine halbe Stunde durchaus tanzbarer Afro-Disco mit Bee-Gees-Anleihen von Jungle grad genug, bevor es auf den letzten Zug ging.

Und eigentlich der Einstieg? Zum Vergessen erstmal: Der kurze, aber kräftige Regen. War aber nicht so schlimm, weil gleich darauf die Alt-Hippies der Wooden Shjips das sehr gute persönliche Eröffnungskonzert – zwischen krautigen Bass- und Synthieriffs und ausufernden Gitarrensoli – spielten. Mit den vertrauten Holzschnitzeln unter den Füssen, vor der jüngsten aber schönsten Kilbi-Bühne, fiel das Ankommen leicht.

Einige Kilbi-Impressionen anbei, verzeihen Sie die schreckliche Mobile-Fotografie:

Urheberinnen und ihre Rechte. Eine Grundsatzüberlegung, die leicht als Polemik verstanden werden kann.

Miko Hucko am Freitag den 30. Mai 2014

Beginnen wir ganz von vorne.

Ich mache Kunst. Sagen wir, ich male ein Bild. Jetzt kann ich das entweder bei mir verstecken, weil ich das will, oder – wenn ich das möchte – dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen das gemalte Bild zu sehen kriegen. Weil ich will, dass die Leute das Bild sehen, weil ich das Bild wichtig (oder, achtung: gesellschaftsrelevant) finde. Genau so geht es auch mit Texten, Liedern, Theaterabenden: Ich mache Kunst und will, dass die Leute in Genuss dieser Kunst kommen. Daraus folgt Axiom eins für meine folgende These: Künstlerinnen wollen, dass Kunst möglichst breit wahrgenommen wird.

Ich muss von etwas leben. Sagen wir, Essen, Wohnen, Krankenversichert sein. Axiom zwei: Künstlerinnen brauchen Geld zum Überleben in einer Gesellschaft, die auf diesem Prinzip beruht.

Jetzt kommen wir zum eigentlichen Problem. Nämlich dem, dass diese beiden Annahmen sich ab einem gewissen Punkt zu widersprechen beginnen. Sobald ich diese beiden Dinge nämlich auf irgendeine Art zu kombinieren versuche, bin ich Leidtragende: Entweder ich verdiene kein Geld, weil ich allen die Kunst umsonst zeige, oder ich schränke sofort den Wirkungsbereich ein, nämlich auf die Leute, die es sich leisten können, etwas für Kunst zu zahlen. Das ist die Entscheidung, der sich die meisten Kunstschaffenden stellen und genügend davon (gerade die, die für das Urherberinnenrecht kämpfen) entscheiden sich für Letzeres, manchmal mit der Begründung, es ginge darum, der Kunst einen Wert zu geben. Und Wert heisst scheinbar, dass es etwas kosten muss. Ich zahle Eintritt oder kaufe den Song, und erst damit hat die Kunst einen Wert. Ein für mich irritierender Gedanke. Wird beim Befolgen dieses Argumentationsstranges, beim Einhalten dieser Wertdefinition nicht gerade der Wert der Kunst, der ja eigentlich nicht bemessbar sein sollte, unterlaufen und ausgeliefert? Sollte nicht gerade Kunst mit ihrem Anliegen (siehe Axiom 1) dem widersprechen?

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Bücherkiste: Schon wieder dieser Dietmar Dath

Miko Hucko am Dienstag den 27. Mai 2014

Da war letztens dieser Witz im Freitag: “Weil ich beim Durchblättern von Bücherkatalogen aufgeschnappt habe, dass er  (Dath) so viel deutsche Gegenwartsliteratur schreibt, wie man allenfalls noch einem Lektor zu lesen zumuten kann – weil dies eben dessen Beruf ist.”

Der Witz ist wahr und Dath, dessen letzten Sci-Fi-Streich Feldevàye ich von einem anderen Dathler (oder: Dathianer?) geschenkt bekommen habe, hat mittlerweile wohl eh wieder ein-zwei Bücher verfasst. Neben seinen unzähligen Feuilletonartikeln. Item, jedenfalls braucht man, wenn man den Dath hat, eigentlich gar keinen anderen Autor mehr.

Feldevàye also, der Roman der letzten Künste. Ich könnte unglaublich viel dazu sagen, der Roman ist hochkomplex, megalang, Inhalt und Form gehen so glamourös zusammen, dass mir warm wird ums rote (!) Herz. Und wie auch immer er das schafft, immer wieder: En passant Geschlechterrollen auflösen, Identitäten und Sexualitäten kollabieren lassen, bis auch ich nicht mehr weiss wer jetzt was ist und es mir dann wirklich piepegal wird. Aber eben, darum geht’s gar nicht in diesem Roman, sondern um etwas ganz anderes. Ich wage zu behaupten, es geht um die Frage nach dem revolutionären Potential der Kunst. Oder inwiefern Kunst (und damit auch der Roman selbst) vor allem Mittel zum politischen Zweck ist.

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«Mit dieser Stimme möchte ich Liebe machen»

Gisela Feuz am Montag den 19. Mai 2014

«Mit dieser Stimme möchte ich Liebe machen, bis sie heiser ist.» So lautete das Fazit einer anwesenden Dame nach dem Konzert von Triggerfinger im ISC. Bloss benützte sie anstatt «Liebe machen» einen etwas kruderen Ausdruck, der mit V beginnt, grundsätzlich aber die gleiche Art von Aktivität beschreibt. Es war fürwahr einmal mehr eindrücklich, wie dieser Ruben Block, Frontmann des belgischen Trios Triggerfinger, mit seiner eigentlich tiefen, sonoren Stimme ohne Mühe selbst die höchsten Tönen traf und das, obwohl die Nacht vorher gemäss eigenen Aussagen lang und alkoholgeschwängert gewesen sei.

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Triggerfinger bespielen ja mittlerweile die grossen Bühnen und sind im Normalfall kaum mehr in einem Konzertlokal zu sehen, das gerade mal 250 Gäste fasst. Möglich gemacht hat die intime Triggerfinger-Show Frank Lenggenhager, denn dieser feierte den 10. Geburtstag seiner Promotionsagentur Lautstark und da die Belgier langjährige Lautstark-Kunden sind, liessen sie es sich nicht nehmen, eine ordentliche Rock’n’Roll-Geburtstagsshow hinzulegen. Dabei fühlte sich das Trio offensichtlich pudelwohl: «We are happy to be back in this cosy club», erklärte Frontmann Ruben Block, um dann auch gleich die Vorzüge von ISC-Socken zu loben. Überhaupt sind sie äusserst sympathisch, die drei Herren und fürwahr frappante Charaktere: Bassist Paul Van Bruystegem könnte auf der Stelle in einem Sonntagabend-Krimi mittun (nein, nicht als Polizist), Schlagzeuger Mario Goossens Jackett , das er während der ganzen schweisstreibenden Show und ausufernden Schlagzeug-Soli nicht ablegte (Respekt!), würde sich farblich auch prima als Sofabezug eignen und Sexbombe Ruben Block versetzte nicht nur mit seinem Gesang und Aussehen die Damenwelt in Aufruhr, sondern sorgte auch mit seinen unverschämten Hüftschwüngen für gut durchblutete Ohren.

Musikalisch sind Triggerfinger dann am besten, wenn sie ihre schweren, schleppenden Stoner-Rock-Riffs auspacken und diese kontinuierlich und dynamisch bis zur Ekstase steigern. Das kollektive Abnicken der Stromgitarren-Gemeinde verdeutlichte denn auch, dass man mit dieser Art der Handwerks-Verrichtung mehr als einverstanden war. Auf das unsägliche Lykke Li-Cover «I Follow Rivers», welches Triggerfinger über den alternativen Zirkel hinaus bekannt gemacht hat, hatte dann andererseits nun wirklich niemand gewartet. Aber selbst das vergab man den drei Charme-Boliden aus Antwerpen. Wie könnte man auch anders.

Mehr zu Frank Lenggenhager und dessen Promotionsagentur Lautstark findet sich in der heutigen Ausgabe von «Der Bund», S. 18.

Open your very own trendy restaurant!

Christian Zellweger am Freitag den 9. Mai 2014

Falls Sie sich als Veranstalter ins Nachtleben stürzen wollen: Jetzt ist die Gelegenheit dazu. Sie brauchen nur etwas Geld – oder einen ausgeprägten Geschäftssinn. Falls Sie sich in die Matte wagen, sind sie mit 8500 Franken im Monat dabei. Dafür kriegen sie die Silo Bar & Lounge, «stadtbekannt und mit gutem Ruf». Und wenn Sie sich trotz allem noch nie ins Silo gewagt haben: Im Immo-Inserat sieht man endlich, wie das da drin eigentlich aussieht.

Übrigens: für 4400 Franken gäbe es auch noch ein Lokal, das «*IDEAL ALS WEINBAR! ! ! !» wäre, irgendwo in der Innenstadt. Und im Breitsch wartet für 2100 Franken im Monat auch noch eine Café-Bar.

Und wenn Sie gerne würden und könnten, aber nicht so richtig wissen, wie, haben wir hier noch eine kleine Anleitung, damit das dann auch klappt. So schwierig scheint das gar nicht zu sein. Hauptsache Bart.

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Strassenkunst beim Fischermätteli

Milena Krstic am Sonntag den 4. Mai 2014

Er regt sich stumm auf, dieser Herr, auf den mich Küre aufmerksam gemacht hat. An einer dieser Boxen, in denen Auftausalz aufbewahrt wird, hat ihn jemand angebracht. Gleich dort, in der Nähe der Haltestelle Fischermätteli.

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Zu Tode gepoppt (sic)

Miko Hucko am Samstag den 26. April 2014

Wir werden alle sterben. Eine Erkenntnis, die mich als junge Teenagerin getroffen hat wie ein Schlag ins Gesicht, die mich damals schon sehr beschäftigt hat. Zum Glück lebe ich mit diesem Wissen mittlerweile ganz lässig vor mich hin wie der grösste Teil der Erwachsenenwelt wohl auch. Nicht so die Band The Bianca Story, deren Stück (Konzert? Musical?) GILGAMESH MUST DIE zur Zeit extrem gehypt wird und gerade in der Kaserne Basel läuft. Dass wir alle sterben müssen umfasst nämlich die ganze philosophische Tiefe des fast zweistündigen Licht- und Soundspektakels.

Man nehme: Ein paar sympathische Teenager, zwei Kinder, eine Opernsängerin, eine Schauspielerin und eine vielköpfige Popband. Man stecke sie in durchgestylte Kostüme mit vielen Dreiecken. Die Band kommt auf eine fahrbare Bühne, die Teenies dürfen simple Choreografien zur Musik machen (Tanzniveau Macarena) und chorisch schlecht gereimte Texte sprechen. Et voilà. Inhalt braucht es gar nicht, schliesslich ist die Musik mitklatschfähig und die Jugendlichen dürfen sich in der Hälfte des Stückes endlich auf die Unterhosen ausziehen. Im Verlauf des Abends hatte ich (und meine Sitznachbar_innen) mehrmals das Gefühl, die Story von Gilgamesch sei zu Ende, aber nein, der Typ verreckt einfach nicht, da können noch so viele Lieder vom Tod gespielt werden von der aalglatten Popband, deren Mitglieder herzig im Takt stämpferlen.

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Triangles are my favourite shape. Wenn ich Illuminaten-Verfolgungswahn hätte wie weite Teile des Internets, dann hätte mich die Aufführung vielleicht berühren können. Um den Abend zusammenzufassen: Stellen Sie sich vor, das Schweizer Fernsehen gäbe ein Musical in Auftrag. Erinnern Sie sich an DJBobo-Konzerte aus Ihrer Kindheit. Und erschaudern Sie, wenn die Band eine Zugabe zum Mitklatschen gibt und der Leadsänger enthusiastisch dem Publikum dankt. Volksnah! Möchtegern-Muse, versuchte Rockoper, scheiternd an all der braven swissness, der quasi neutralen Musik und der Inszenierung, die nicht nur die Jugendlichen im Ensemble masslos unterfordert.

 

Gilgamesh must die kommt auch nach Bern: am 29. April und 1. Mai um 19:30 in die Vidmar I (KTB).

Wer kennt das nicht?

Miko Hucko am Mittwoch den 23. April 2014

Ein kurzer Beitrag zum Welttag des Buches.  Ich kaufe sehr gerne Bücher, leider mehr, als ich lesen kann. Die Japaner_innen haben hierfür ein Wort gefunden, ein Verb:

 

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1. (informal) the act of leaving a book unread after buying it, typically piled up together with other such unread books.

 

eben, oder: Wer kennt das nicht.

 

(Quelle: Wiktionary)

Try Again

Miko Hucko am Donnerstag den 10. April 2014

So etwas habe ich noch nie gesehen. Als im Tojo der extra eingebaute Vorhang zwischen Bar und Bühne sich öffnet, bin ich erstmal überwältigt. Dunkel, Schwarz, dazu Neonlicht und Leinwände. Grösse, Design. Ich muss an TRON denken, an Zukunft, an eine SciFi-Version der Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band. Ein dumpfer Beat, stimmige Synthies. Ich bin bereit für den Trip. 3 2 1 lift off.

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Doch bevor es richtig los geht, verklingt die Musik wieder.  TRY AGAIN leuchtet auf. Ein Spiel soll es wohl werden, ein Suchen. Musikstück folgt auf Musikstück, dazu spricht eine amerikanische Macho-Stimme und erzählt mal distanziert, mal involviert kurze Schnipsel aus unserem kollektiven Gedächtnis. Trailerhaft werden Faust, Orpheus, Sin City, Bill Clinton und weitere Episoden und Zitate aneinander gereiht. Suchen, Probieren ist anders, denn alles ist durchgetaktet, abgesprochen, beinahe mechanisch bewegt sich die Band auf der Bühne. Vieles wird angerissen, nichts vertieft. Irgendwann habe ich begriffen, wie es läuft und warte auf den durch die vielen Anrisse versprochenen Inhalt. Vergeblich. Formschön und aalglatt, fast wie ab Video exerzieren pulp.noir ihre Show durch. Eine Show, die von der Anlage her besser in einen Club als in ein Theater passt.

Dass hier jemand fehlt, die/der für Struktur und Inhalt sorgt, dass Ecken, Kanten und Dramaturgie fehlen, zeigen sowohl peinlich-kitschige pseudoanarchische Gesten, auf die nahtlos Bilder von marschenden Armeen folgen, als auch der Satz, mit dem die einzige Frau der Truppe vorgestellt wird. Sissy Fox ist ihr Künsterinnenname, und sie ist sexy and beautiful. Lost in Aesthetics.

Guerilla-Gallery an der Aare

Milena Krstic am Montag den 31. März 2014

kawy Aare-Gallery
Daran vorbeispaziert am Sonntag an der Aare: an der Guerilla-Galleryie des Berners Andreas Wyss, der eigentlich Goldschmied ist. Dieser meinte: «Die Bilder verstauben doch nur, wenn sie in meinem Keller liegen».

Das fanden meine Begleitung Küre und ich auch. Die Ölbilder werten den Maschendrahtzaun, der nachts den Zugang zum Marzili-Bad versperrt, ungemein auf.

kawy Aare-Gallery

Wems gefällt: www.kawy.ch